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Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/barthel/blockhau/blockhau.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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ZEHNTES KAPITEL

Auflösung der Brigade

Anfang Oktober kamen gegen 100 000 Mann von der polnischen Front und überschwemmten Smolensk, die alte Hügelstadt über dem Dnjepr. Die hohen Festungsmauern mit den sechzehn Türmen starrten in diesen Rückzug, wie sie auch in den Rückzug der Franzosen 1812 gestarrt haben. Unsere Brigade lag in einem kleinen Landstädtchen. Hans Merkel blieb einige Tage in Smolensk, er wollte keinen Krieg mehr führen und reiste nach Moskau zurück. Ich blieb als politischer Kommissar in Smolensk. Zuerst requirierten wir ein Haus. »Sucht euch selber einen Platz«, sagte der Stadtkommandant, »seht zu, ob ihr ein Haus findet. Meinen Segen habt ihr.« Lautenspieler ging auf Patrouille aus. Nach einer Stunde schon kam er wieder. »Ich habe gefunden ein Haus, ein schönes Haus«, meldete er. »Es wird passen sehr gut für uns. Wir werden einziehen sehr bald, sobald geräumt hat die Fürstin.« »Was für eine Fürstin?« fragte ich.

»Was wird sie sein für eine Fürstin? Eine alte Madame, die dort wohnt fünfzig Jahre. Du wirst sehen, Glarus, es ist ein schönes Haus, und es ist viel Platz für uns da.«

Ich ging mit Lautenspieler nach dem Haus. Es war eine kleine Villa, weißgetüncht und aus Stein wie viele russische Häuser und lag in der Nähe der westlichen Festungsmauer. Wir klingelten, warteten, und dann wurde geöffnet. Wer öffnete uns? Eine alte, dürre Dame in abgetragenen Kleidern, die einmal sehr schön gewesen waren.

Die Fürstin öffnete uns.

»Was wollt ihr, Bürger?« fragte sie.

Sie hielt die Tür nur halb geöffnet und blickte uns mißtrauisch an. Lautenspieler ergriff das Wort und sagte:

»Wir wollen dieses Haus besichtigen, Bürgerin.«

Sie zitterte und wollte die Tür zuschlagen, aber David stellte seinen Fuß zwischen den Spalt und trat in den Flur. Ich folgte ihm. Im Flur holte Lautenspieler seinen Ausweis vom Stadtkommandanten hervor und gab ihn der Fürstin. Sie las mit angstvollen Augen.

In den drei Jahren der Revolution mag sie schon oft vor dem gewaltsamen Einbruch gezittert haben, aber das Unheil ging immer gnädig an ihr vorbei. Sie hatte sich klein und winzig gemacht und war vielleicht darum übersehen worden, denn fast alle Häuser waren requiriert. Sie war klein und winzig, ja, aber sie war auch klug und hatte einige rote Offiziere aufgenommen. In dem Dienerhaus wohnte, wie in früheren Zeiten, der bärtige Türhüter.

Wir besichtigten das Haus.

Sie folgte uns auf Schritt und Tritt, und als Lautenspieler dann erklärte: »Bürgerin, Sie müssen das Haus räumen«, begann sie zu klagen und zu jammern. Ihr Geschrei war nicht schön, aber wir konnten nicht auf der Straße kampieren und es war Revolution. Das Haus wurde in vierundzwanzig Stunden für uns frei gemacht. Lautenspieler leitete die Räumung und den Einzug. Er ließ sich nicht erweichen, denn er hatte schon viel Jammer gesehen. Auch die Mieter des Hauses murrten.

Der Stabschef einer Garnisonbrigade drohte lärmend mit seinen Soldaten.

David ließ sich nicht verblüffen.

»Wir kommen von der Front, Genosse Offizier«, sagte er. »Wir haben gekämpft vor Warschau und verspritzt unser Blut für das Proletariat: sind Sie gewesen an der Front?«

Der Offizier sagte kein Wort und ging. Die alte Dame klagte:

»Bürger Kommissar, ich bin hier in diesem Hause geboren. Lassen Sie mich bitte in der Dienerwohnung, in dem kleinen Hause nebenan.«

David, der arme, getretene David, war berauscht von seiner Macht und sagte:

»Nein, Bürgerin. Nein. Sie müssen woanders hinziehen. Sie können das, was sie notwendig brauchen, mitnehmen. Morgen mittag ziehen wir ein.«

Die Fürstin wandte sich an mich.

Sie weinte und erhob die Hände, aber ich konnte ihr auch nicht helfen. Dann trocknete sie die Tränen mit einem winzigen Taschentüchlein und kämpfte mit David leidenschaftlich um ihre Stühle, Betten, Tische und um das Hausgerät. Um einen marmornen Waschtisch ging der Kampf am heftigsten. Lautenspieler aber war härter als Marmor und siegte. Die Fürstin fluchte und betete zu gleicher Zeit und mußte sich in das Schicksal ergeben.

Am nächsten Tag zogen wir in das Haus ein.

Nach zwei Tagen kam die Miliz.

»Die Bürgerin erklärt«, sagte der Milizionär, »ihr hättet sie ohne Grund aus ihrem Hause geworfen. Ich bin gekommen, um den Fall zu untersuchen. Hat die Bürgerin recht?«

»Nein. Ich werde unseren Kommissar holen«, antwortete Lautenspieler. »Wir haben die Erlaubnis von der Kommandantur.«

Er holte mich.

»Wir kommen wegen der Beschlagnahme des Hauses«, sagte der Milton. »Die Bürgerin hier beklagt sich. Wo ist Ihre Erlaubnis? Sind Sie Genosse?«^

»Ja«, sagte ich, »ich bin Genosse und Mitglied der Partei. Hier ist der Schein.«

»Dann ist alles in Ordnung«, lächelte der Milton. »Dann hat uns die Bürgerin falsch unterrichtet.«

Er grüßte und ging fort.

Wir bauten unseren Apparat auf, seine Maschine begann leise zu klappern. Der Lette reiste nach Moskau zurück, wir brauchten keine Geheimmeldungen mehr, und Krauß redigierte immer noch seine Zeitung und wollte Deutschland aufwecken. Deutschland schlief, aber in Italien hatten die Arbeiter die Fabriken besetzt.

Das Revolutionskomitee verurteilte zwei Kommunisten zum Tode, weil sie während des Kampfes in Polen ihre Truppenteile verlassen hatten. Vom polnischen Kriege sickerten seltsame Nachrichten durch: Die landlosen polnischen Bauern hatten sich beim Vormarsch der Russen geweigert, das ihnen zur Verfügung gestellte Land der Gutsherren zu übernehmen. Sie glaubten ganz einfach nicht an den Sieg der Roten Armee.

Auch von unserer Brigade kamen Berichte.

Viele Leute hatten Typhus oder wollten endlich heim. Es gab wenig zu essen, die Winterkleidung fehlte immer noch. Die Diebstähle häuften sich, die Bauern waren erbittert, die Etappenhengste waren korrumpiert und verschoben Lebensmittel und Kriegsbeute. Bei den Soldaten wurde halb verfaultes Pferdefleisch als Delikatesse geschätzt. Auf Hunde wurde leidenschaftlich Jagd gemacht. Diese Berichte kamen.

Merkel blieb in Moskau.

Auch ich sehnte mich fort.

Es waren qualvolle Tage.

Einmal kam Melcher und brachte Finck mit.

»Schweinerei«, schimpfte Merkel. »Unsre Leute haben nichts zu fressen. Wir haben seid drei Wochen keinen Sold bekommen. Was ist nun los, Glarus, wann können wir aus dem verdammten Drecknest abmarschieren?«

Die Macht verdirbt den Menschen, auch ich war verdorben, hörte die Klagen ruhig an und sagte:

»Ich warte jeden Tag auf Nachricht aus Moskau. Wir bemühen uns um Geld. Es ist uns für morgen versprochen worden. Die Winterkleider rollen von Witebsk an, beruhigen Sie die Leute, Genosse Major.«

»Major?« fragte Melcher erstaunt.

»Jawohl, Major. Ich gratuliere, Genosse. Heute kam Ihre Ernennung. Hier ist sie!« sagte ich.

»Die Brigade wird lachen, wenn sie das erfährt«, antwortete Melcher versöhnlicher, »aber lange halten wir das nicht mehr aus. Die Soldaten meutern und wollen nach Deutschland zurück.«

»Genosse Major! Was heißt hier meutern! Ich kann auch nicht nach Deutschland! In drei, vier Wochen spätestens ist alles liquidiert. Merkel hat geschrieben, er kommt nächste Woche«, sagte ich.

»Dann soll er sich nicht bei uns sehen lassen«, knurrte Melcher. »Wir haben seine blödsinnige Rede auf dem Bahnhof nicht vergessen. Er ist davongelaufen und hat uns im Dreck sitzenlassen.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Und was wird mit mir?« fragte Finck. »Man hat mich in Minsk gegen meinen Willen aufgehalten. Ich will russische Verhältnisse studieren. Ich habe einen Brief an Lenin. Ich will nach Moskau.«

»Lieber Freund, auch Sie müssen sich noch eine Weile gedulden. Russische Verhältnisse studieren? Bitte, bei der Brigade ist nach meinen Berichten viel Gelegenheit. Aber ich will für Sie nach Moskau telegraphieren. Mehr kann ich beim besten Willen nicht tun.«

Er blickte mich voller Haß an und sagte:

»Schön. Also nichts zu machen. Wenn Nachricht kommt, bitte, verständigen Sie mich schnell.«

»Wird gemacht«, sagte ich.

Der neue Major und Finck verabschiedeten sich.

Ich atmete auf, telegraphierte nach Moskau an Merkel.

Seine Antwort kam am nächsten Tag.

»Über Brigade wird hier verhandelt. Vorläufig keinen Menschen nach Moskau lassen.«

Dann kam ein neuer Bericht.

Die Brigade sollte in die Nähe von Smolensk in ein kleines Schloß überführt werden. Ich sollte das Schloß daraufhin ansehen, ob dort eine Militärschule aufzumachen sei. Mit Julianne Braut reiste ich nach dem kleinen Schloß. Unser Wagen tanzte über eine holprige Straße, dann kamen abgründige Wege mit tiefen Morästen und hohen Sandwehen, und in zwei Stunden war das kleine Schloß erreicht.

Es lag auf einem kleinen Hügel und sah verwahrlost aus. Die Bauern hatten es ziemlich ausgeplündert. Der Gutsherr war geflohen. Durch zerschlagene Fernster pfiff der Wind. Wasserleitung und Heizung funktionierten auch nicht mehr, es gab keinen Brunnen, das notwendige Wasser brachte jeden Tag ein Bauer mit seinem Fuhrwerk aus dem nahen Dorfe.

In dem Schloß lag ein kleines Kinderheim, vierzig Kinder aus Smolensk hausten mit zwanzig Helferinnen in den kühlen, viel zu großen Zimmern. Viele Kinder liefen jetzt noch barfuß. Ihre Kleider waren Sommerkleidchen. Der Leiter des Heimes war über unseren Besuch nicht entzückt.

»Eine Brigade soll in das Schloß kommen?« sagte er. »Also Soldaten! Sagen Sie mir: Wo soll ich mit meinen Kindern hin? Der Winter steht vor der Tür, wir haben uns ganz gut eingelebt, und nun sollen wir fort! Und in Smolensk gibt es nichts zu essen.«

»Gibt es hier was zu essen?« fragte Julianne.

»Ja, hier gibt es was. Nicht weit vom Schloß liegt eine Bauernkommune, die ernährt uns«, antwortete bereitwillig der Leiter.

Die Kinder lärmten im Nebenzimmer.

»Haben Sie Mitleid mit den Kleinen«, begann der Lehrer. »Es gibt einen anderen großen Hof zehn Werst von hier, legen Sie dort die Brigade hin, Genosse. Was sollen wir tun? Wollen Sie, bitte, die Kinder sehen?«

Er öffnete die Tür.

Der Lärm verstummte.

Die Kinder stellten sich auf und stimmten die Internationale an. Dann besichtigten wir das Schloß. Der Schulleiter folgte uns.

»Das Schloß ist so groß, lieber Genosse«, sagte ich, »daß auch noch Platz für die Kinder bleibt. Wir werden uns schon einrichten und vertragen. Wir sind keine Menschenfresser. Sagen Sie bitte, wer wohnt dort in dem kleinen Gartenhaus?«

»Dort wohnt der Dorfpope mit seiner Frau und den zwei Töchtern«, antwortete er verlegen. »Die Leute von der Kommune haben sie fortgejagt, und da haben wir sie aufgenommen.«

»Das geht natürlich nicht«, sagte die resolute Julianne. »Wenn die Brigade kommt, muß das Gartenhaus geräumt werden. Unsere Soldaten brauchen keinen Popen. Wir richten dort unsre Kanzlei ein.«

»Ganz wie Sie wünschen«, sagte der Schulleiter.

Wir gingen noch einmal durch die großen, schallenden Korridore des verlassenen Schlosses. In einem hohen Zimmer stand altes Gerümpel. An den Wänden hingen die Kopien alter Italiener. Bleiche Madonnen sahen auf die Trümmer einer zusammengebrochenen Welt.

Auch ich wurde melancholisch.

Der polnische Krieg war erledigt. Was sollte also noch die Brigade? Sollte immer Krieg in der Welt sein? O nein, wir würden niemals als Vortrupp einer revolutionären Armee über die Grenze marschieren! Jetzt schon begann die Auflösung unserer Formation. Die russischen Abteilungen wurden herausgezogen, die Deutschen stritten sich mit den Russen, die Österreicher mit den Ungarn, jeder sehnte sich nach Frieden.

Wir verließen das Schloß und fuhren nach der Stadt zurück. Der Wagen tanzte und taumelte, an den vielen Kurven fiel Julianne gern und mit grandiosen Augenaufschlägen in meine Arme. In Smolensk schrieb ich meine Berichte und malte das Bild des Schlosses in den schwärzesten Farben. Die kleinen Kinder sollten schon dort bleiben.

Die Tage vergingen.

Es regnete.

Wir konnten unseren Soldaten nicht helfen.

Krauß schrieb immer noch seine Aufsätze, als befände sich die Armee auf dem Vormarsch. Und fast jeden Tag plagte er mich mit seiner Reise nach Deutschland und sprach von den Donnerschlägen, mit denen er das Volk aufwecken wollte. Einmal kam auch die Fürstin und besichtigte mit bösen Augen ihr Haus. Lautenspieler warf sie auf die Straße.

Endlich kam Merkel aus Moskau.

»Es steht schlecht, Otto«, sagte er, »wir liquidieren die Brigade. Wir machen in Petrograd eine Militärschule auf, die fähigsten Köpfe sollen dort zwei Jahre studieren. Länger als zwei Jahre dauert es doch nicht mehr, bis im Westen die große Sache losgeht ... Sage mal, lieber Junge«, hast du keine Lust, einen Kursus über politische Ökonomie zu übernehmen? Ja, und was ich noch sagen wollte, Maartens ist abgefahren, ich soll dich schön grüßen.«

»Danke schön«, sagte ich. »Nein, ich übernehme keinen Kursus. Und ich glaube auch kaum, daß sich viele Leute von der Brigade melden werden. Alle wollen nach Hause. Am wildesten sind die Soldaten, die vor einigen Wochen über die Grenze gekommen sind. Es sieht wirklich sehr schlimm aus.«

»Weiß ich«, antwortete er gedämpfter, »alles fährt zurück. Die Deutschen, die im Frühling kamen, sind auf der Heimreise. Auch die schwedischen Arbeiter hauen ab. Weißt du, unsre Brigade war wie ein Traum, und nicht einmal wie ein schöner. Wie lange willst du noch in Rußland bleiben?«

»Nicht mehr lange«, sagte ich. »Und ich muß nach Moskau. Ruhla hat mir geschrieben, sie will doch noch herüberkommen. Ich soll sie in Petrograd abholen. Aber lange bleiben wir nicht mehr hier ... Weißt du, Hans, aus der Ferne sieht sich das alles so großartig an, aber wenn du mitten drin im Dreck hockst, wenn du siehst, wie wenig sich die Menschen verändert haben und wie oft die Attrappe als neues Leben ausgegeben wird, da sehnst du dich doch nach Deutschland zurück. Ich weiß natürlich, Revolutionen sind notwendig.«

»Du bist ein Kind«, antwortete Merkel. »Natürlich sind sie notwendig, aber das Problem ist doch einfach so: Darf eine siegreiche Klasse der noch kämpfenden Klasse in anderen Ländern das Gesetz des Handelns diktieren? Nein, du siehst, was herauskommt. Korruption oder ein verzweifelter Putsch. Und was können wir, die Ausländer, hier tun? Mitarbeiten? Wir haben mitgearbeitet, und was haben wir davon? Denke an die Brigade! Wir sind weiter nichts als Zuschauer, auch wenn wir große Reden schwingen.«

Er machte eine resignierte Handbewegung.

»Aber du warst doch so stolz als kommandierender General in Minsk!« sagte ich. »Deine Abschiedsrede auf dem Bahnhof war allerhand, lieber Hans, unsre Brigade denkt immer noch daran. Die Leute haben eine Sauwut auf dich, kann ich schon sagen. Natürlich sind wir Zuschauer, das weiß ich, und ich will die Augen recht weit aufreißen!«

»Die Brigade hat recht«, antwortete er, »ich war ein Rindvieh. Also, wir sehen uns in Moskau wieder. Ja, und was ich noch fragen wollte: War hier in Smolensk in der letzten Woche, warte mal, am Donnerstag, ein großer Militärputsch? Wieviel Tote hat es gegeben?«

»Wieso Militärputsch? Unsinn, hier war alles ruhig!« sagte ich.

Merkel lachte.

»Ich habe da eine deutsche Zeitung bekommen, und die meldet Aufruhr und Tote in Smolensk. Siehst du, Otto, weil so viel gelogen wird, bin ich für Sowjetrußland! Mein lieber Junge, wir leben in einer grausamen und großen Zeit, das kann ich dir schon sagen: Unsre Kinder und Kindeskinder werden uns einmal um unsre Erlebnisse beneiden!«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Hoffentlich haben sie sich leichter und fröhlicher mit der Welt auseinanderzusetzen als wir armen Hunde. Hast du Chinin?«

»Wieso Chinin?« fragte er.

»Ich habe seit einigen Tagen Fieber.«

Merkel war besorgt, hatte Chinin und eine halbe Flasche Kognak, ich legte mich früh ins Bett und war am anderen Tage viel frischer. Mit Lautenspieler spielte ich noch einige Partien Schach, hörte dann zum zwanzigstenmal seine Erlebnisse vom Pogrom in Fastow, übergab Merkel die Geschäfte und reiste am späten Abend nach Moskau. Diese Reise war eigentlich eine Flucht: Ich eignete mich nicht als politischer Kommissar.

In Moskau blieb ich drei Tage.

Einmal sah ich Katja, aber sie tat, als kenne sie mich nicht. Ich war froh darüber. In den ersten Novembertagen fuhr ich nach Petrograd. Dort besuchte ich Njura und kam auch mit Nowikoff zusammen. Der Matrose behandelte mich feindlich. Die hellen Nächte waren schon lange vergangen, die großen Festtage verrauscht. Es regnete fast jeden Tag, und am Morgen wehte der Nebel.

Njura trauerte immer noch um Freeman.

»Ich hätte ihn retten können, wenn ich in Moskau gewesen wäre«, klagte sie. »Dieser Teufel von einem Ssuwarin! Da sehen Sie, in was für einem Lande wir leben. Am liebsten ginge ich mit einer diplomatischen Mission nach Deutschland oder Frankreich.«

Nowikoff sagte:

»Was haben Sie mit Katja angestellt? Hüten Sie sich! Sie sind unser Gast, aber auch die Gastfreundschaft hat ihre Grenzen.«

Endlich kam Ruhla, Gruß aus der Heimat, die Geliebte und Vertraute von früher. Sie war keine bequeme Freundin, auch in den ersten Tagen nicht, aber ich liebte sie, sie liebte mich, und wir hatten uns gern, auch in jenen Zeiten, in denen wir uns quälten. Ich zeigte ihr die Stadt, erzählte vom Sommer und meinen Erlebnissen auf den vielen Reisen. Von Katja und auch von der jungen Griechin in Odessa erzählte ich nichts. Dann fuhren wir nach Moskau.

Ruhla – sie hieß Eva, und Ruhla war nur der Kosename, der Kriegsname – war von der Stadt berauscht, aber daß die Arbeiter noch arbeiten mußten, um zu leben, entsetzte sie.

»Wozu wird Revolution gemacht, wenn man dann noch arbeiten muß? Und ist das Kommunismus, wenn man nichts zu essen hat?« fragte sie.

In Moskau lag ein Telegramm von Merkel vor.

Ich sollte nach Smolensk kommen.

Ich reiste mit Ruhla nach Smolensk. Das weite, flache Herbstland machte sie traurig. Sie hatte ihre Kindheit in den Bergen verlebt. Sie sah mit viel irdischeren Augen in das Leben und fühlte hier in den ersten Tagen schon sein Schwergewicht.

»Bei uns in den Zeitungen liest man, hier sei das Paradies«, sagte sie, »und auch du hast in deinen Berichten alles verklärt. Als ich über die Grenze kam, war ich wie erschlagen. Diese Armut! Warum belügt ihr in euren Artikeln das deutsche Volk?«

»Wir lügen nicht, Ruhla«, verteidigte ich mich, »vielleicht beschreiben wir die Dinge so, wie sie sein sollen, und nicht, wie sie sind. Unsre Artikel in Deutschland sollen doch nur helfen, daß es hier besser wird!«

»Das verstehe ich nicht«, griff sie mich an. »Wird es denn besser, wenn alles in den rosigsten Farben und Bildern gemalt wird?«

»Wird es vielleicht besser, wenn es in den schwärzesten Farben gemalt wird?« fragte ich. »Wir müssen Deutschland aufrütteln«, fuhr ich fort und fühlte, daß ich auf schwankendem Boden stand. »Wir müssen aufrütteln, Ruhla, nur mit ausländischer Hilfe kann eine neue Welt hier aufgebaut werden.«

Sie dachte nach und fragte dann:

»Schön, aber warum fahren wir Schlafwagen, und warum fahren die Arbeiter und Bauern im Viehwagen?«

»Weil es noch nicht Schlafwagen für alle gibt!«

Dann fragte sie:

»Warum bekommen wir Ausländer besseres Essen als die Arbeiter?«

Nein, Buhla war keine bequeme Freundin. Sie stachelte mich auf, und ich war ihr dankbar. Manchmal, das wußte ich selber, hatte meine Seele Fett angesetzt, ich gehörte zur herrschenden Partei und durfte befehlen. Ich wohnte in einem guten Haus oder Hotel, reiste in internationalen Wagen, schrieb meine Berichte, ernannte Majore und hielt oft weithinschallende Reden.

Wir kamen am frühen Morgen in Smolensk an.

Lautenspieler hatte sich in meinem Zimmer einquartiert, und als er es räumen mußte, war er eine wohlabgetönte Mischung von Dienstfertigkeit und Wut. Krauß war nach Deutschland abgereist. Merkel hatte die Zeitung eingehen lassen und begrüßte uns herzlich. Dann kam auch Julianne; die beiden Mädchen betrachteten sich eine kleine Minute und wurden dann gute Freundinnen. Sie gingen in die Stadt.

»Gut, daß du gekommen bist, Otto«, sagte Merkel.

»Bei der Brigade ist der Teufel los. Wir bekommen keine Winterkleidung und zu wenig Geld. Ich war jeden Tag beim Revolutionsausschuß der Westfront, aber die Russkis versprechen uns den Himmel und lassen uns in der Vorhölle braten. Am besten ist es wohl, du fährst einmal zur Brigade und beruhigst die Leute.«

»Willst du nicht fahren?« fragte ich. »Natürlich, gern, aber ich führe doch in der Stadt die Verhandlungen. Stelle dir vor: Wir brauchen dringend Feldbetten. Gibt es nicht. Gibt es nur in Witebsk. Gut, ich schickte gestern einen Mann hin: er kam ohne Betten wieder. Eine Resolution auf der Anweisung war alles, was er brachte. Und gestern kam ein junger Kerl zu uns, Klaus Fiebig, er hat bei Hölz in Deutschland mitgekämpft, wurde an der Grenze verhaftet, weil er keine Papiere hatte, und über zwei Monate durch die Gefängnisse geschleppt. Die Revolution erstickt noch an Papier. Als Fiebig kam, war er halb verhungert. Und denke dir, der Knabe freut sich und sagte zu mir: ›Ach, ich bin froh, daß ich hier im Vaterlande aller Proletarier bin.‹ Ist das nicht erschütternd?«

Ja, es war erschütternd, diese Gläubigkeit, dieser Heroismus, die Begeisterung trotz Hunger und Gefängnis.

»Was ist bei der Brigade los?« fragte ich. »Erzähle, ich werde schon fahren.«

»Große Schweinereien, Mensch, sie fressen sich gegenseitig auf. Die Russen wollen, daß Melcher auf ihre Befehle hört, Melcher will sich nicht den Russen unterstellen, Finck hetzt auf beiden Seiten, bei Melcher und bei den Russen, es geht alles drunter und drüber. Fahre los, Hals- und Beinbruch, und sage, daß wir spätestens in einer Woche nach Moskau reisen.«

Ruhla wollte mitfahren, aber ich reiste allein. Ja, dort war der Teufel los.

»Warum kommt Merkel nicht selber?« fragte Melcher.

»Merkel muß Löhnung und Winterkleidung herbeischaffen«, sagte ich, »er muß jeden Tag verhandeln und jeden Rubel und jedes Hemd extra herausquetschen.« »Der hat Glück, daß er nicht gekommen ist«, murrte Melcher. »Unsere Leute hätten ihn erschossen. Ihnen ist alles egal. Was ist nun los, Glarus, wann bauen wir hier ab? Wir haben nichts zu fressen und wollen, verdammt, endlich heimfahren. Lange bleiben wir nicht mehr. Wir marschieren einfach los. Sagen Sie das dem Herrn Genossen Merkel!«

»Die Brigade wird nächste Woche nach Moskau transportiert, Genosse Major. Ihr müßt diese paar Tage noch warten. Wir bemühen uns Tag und Nacht, aber wo es nichts gibt, hat der Teufel sein Recht verloren.«

Finck, der im Bett lag, lachte und sagte:

»Dann schafft sich der Teufel selber sein Recht.«

»Ah, der ›freie Forscher‹ spricht«, sagte ich voller Hohn, »wollen Sie in Moskau bei dem Genossen Lenin auch diese These verkünden?«

»Melcher lachte. Finck starrte mich wütend an und sagte kein Wort mehr. Melcher sagte:

»Gut. Eine Woche werden wir noch warten. Sieben Tage. Keine Stunde länger. Und von Moskau fahren wir nach Deutschland zurück. Ich glaube kaum, daß sich Leute für die Militärschule melden. Berichten Sie Merkel und vergessen Sie nicht: sieben Tage noch. Keine Stunde, keine Minute länger.« Ich verabschiedete mich.

Auf dem Wege zum Bahnhof lief mir ein junger Soldat nach. Es war Schmidt, der damals Merkel die Brieftasche wiedergebracht hatte. Er war abgerissen und sah verhungert aus. An den Füßen trug er Bastschuhe. Er fror und hatte auch keinen Mantel.

»Lassen Sie mich mit nach Smolensk fahren«, bettelte er, »ich habe Fieber, und wir haben kein Chinin. Gar nichts gibt es hier, und ich will bei euch im Büro auf den Dielen schlafen, wenn ihr kein Bett habt, aber laßt mich bitte, bitte nach Smolensk.«

Ich nahm ihn mit und er ergänzte dann meinen Bericht von der Brigade. Wir schickten Ruhla und Julianne aus dem Zimmer. Merkel hörte mit müdem Gesicht zu. Die Brigade wurde manchmal von den Russen wie eine Rotte aufdringlicher Bettler behandelt.

Es war zum Heulen.

Am selben Tag kam Ruhla aufgeregt zu mir.

»Ich war im Klub«, sagte sie, »und da traf ich eine alte Frau. Sie schlief in der Küche auf den kalten Fliesen. Na, höre mal, was ist das für eine Schweinerei? Die alte Frau ist zwölf Jahre in der Partei, sie hat nichts anzuziehen, nichts zu essen, sie hat auch kein Obdach, ihre Partei aber hat gesiegt – was hat dieser einzelne Mensch vom Siege? Kannst du mir das sagen? Wenn es anderen schlecht geht, kann ich es zur Not begreifen, aber das begreife ich nicht, Otto. Warum muß diese Frau auf dem Fußboden schlafen?«

Ich kannte die alte Frau und hatte ihr aus unseren Beständen einige Kleider verschaffen können. In der Stadt hatte ich auch zwei Menschen kennengelernt, die lange in der Schweiz lebten und die nun am Tage des Sieges arbeitslos und hungernd auf der Straße lagen, von schönen Tagen in Zürich träumten, davon nicht satt wurden und keinen Paß für das Ausland bekamen. Sie waren Kommunisten. Was konnte ich Ruhla antworten? Nichts konnte ich antworten.

Wir blieben fünf Tage in Smolensk, sprachen über die Not des Landes, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, wir zankten uns, wir liebten uns und fuhren wieder nach Moskau.

Merkel kam nach einer Woche.

»Die Brigade kommt in den nächsten Tagen. Sie ist schon verladen. Es wird verdammt Zeit, mein lieber Junge«, sagte er. »Und was sagst du dazu: Die Russen hatten ihre Spitzel bei den Soldaten. Ich habe die vertrauliche Meldung, daß Melcher und einige Leute verhaftet werden sollen. Das ist doch allerhand!«

»Verhaftet? Warum?« fragte ich.

»Was weiß ich! Aber wir werden uns wehren! Und wenn ich bis zu Lenin gehen sollte!«

Merkel kam nicht zu Lenin vor, er erhob seinen Einspruch bei einem anderen Führer, aber als die Brigade kam, wurde Melcher mit zwei Ungarn und einem Deutschen verhaftet. Sie kamen nach vier Wochen wieder frei, aber dann mußte David in eine kühle Zelle. Juliane verschwand einige Tage, und als sie wiederkam, erzählte sie strahlend, daß sie, Glück muß der Mensch haben, beim Auswärtigen Amt angestellt sei.

Die Brigade lungerte in Moskau herum.

Siebzehn Mann meldeten sich für die Militärschule.

Die andern wollten endlich heimfahren. Goldenberg lebte auch noch und war ein beliebter Versammlungsredner auf den Meetings geworden. Er ging dann nach Petrograd und übernahm bei der Militärschule einen Kursus über politische Ökonomie.

»Meine Schaluppe«, sagte er zu mir, ehe er abreiste. »Hier in Rußland ist allerhand los! Da können wir in Deutschland gar nicht mit, mein Lieber, da sind wir Waisenkinder! Warte nur, wenn ich nächsten Frühling nach Berlin komme, will ich einen Laden aufziehen! Ich war in Kasan, und da hat man mich zu einem Ehrenkommandanten gemacht! Ich werde in der Stammrolle geführt, habe ein Soldbuch und eine knorke Uniform. Junge, Junge, werden die ollen Berliner glotzen, wenn ich heimkomme!«

Einmal besuchte ich Merkel im Hotel.

Er war nicht allein im Zimmer.

Katja war bei ihm.

Als sie mich sah, wurde sie verlegen, sagte kurz »Guten Tag, wie geht's, was macht deine Frau?« und verschwand. Der kleine Merkel sah ihr mit verliebten Augen nach.

»Ein fabelhaftes Mädchen, Otto«, sagte er verklärt. »Sie hat Feuer, kann ich dir flüstern. Da ist die Julianne ein Eisberg dagegen. Sage mal, mir war es, als ob sie dich kenne?«

»Natürlich kennt sie mich. Und du kennst sie auch aus meinen Erzählungen.«

»Wieso?« fragte er, schien sich nicht zu erinnern und war verwirrt.

»Weißt du, für wen sie arbeitet?« fragte ich.

Merkel lachte.

»Aber natürlich! Sie arbeitet im Volkskommissariat bei Lunatscharski! Sie versteht sehr viel von Kunst. Ich finde sie einfach großartig. Aber da kannst du als Ehemann gar nicht mitsprechen.«

»Meinst du?« fragte ich. »Aber ich kann hier schon mitsprechen, alter Rabe. Auch Maartens kann mitsprechen, viele Ausländer können hier mitsprechen. Hans, weißt du was? Die Katja ist Agentin der Tscheka.«

»Der Tscheka?« platzte Merkel heraus. »Und sie arbeitet auch nicht bei Lunatscharski? Das ist unmöglich.« Dann schien er sich zu erinnern und sagte: »Ach so, das ist die Katja, die mit Siebenhaar zusammen gearbeitet hat?«

Ich nickte.

»Das ist allerhand«, sagte er dann.

»Was wollte sie von dir?« fragte ich.

»Daraus bin ich noch nicht klug geworden, Otto«, berichtete er. »Sie erkundigte sich viel nach der Brigade und nach Melcher. Auch von dir wollte sie allerlei wissen. Sie hätte von dir gehört, sagte sie, und ich habe allerhand gesagt, aber von Ruhla kein Wort, das weiß ich ganz bestimmt. Ja, warte mal, und einmal...«

»Hat sie auch bei dir geschlafen!« vollendete ich den Satz.

Merkel schüttelte betrübt mit dem Kopf.

»Nein, leider noch nicht. Aber sie wollte heute nacht kommen«, antwortete er zögernd und wurde rot. Dann schwieg er eine kleine Weile und sagte: »Weißt du was, Otto, ich werde klug sein und mich dumm stellen. Der Mensch lebt nur einmal und soll vor keinem jungen schönen Mädel seine Kammertür verschließen. Ich weiß nun, wer sie ist, ich weiß Bescheid, und am Morgen werde ich sie auslachen.«

Er lachte. Ich ging.

Am Abend verschloß Merkel seine Kammertür nicht. Er lag die halbe Nacht schlaflos da. Jeder Schritt schreckte ihn auf. Er wartete auf Katja. Aber das Mädchen kam nicht.

Mit Ruhla spazierte ich durch Moskau und zeigte ihr die alten Straßen und Plätze, die im Sommer so strahlend geblüht hatten. Wir besuchten auch das große Theater und den Kreml. Sie gab ihren kritischen Widerstand auf und unterlag der bezaubernden Stadt. Als Anfang Dezember ein internationaler Zug mit Ausländern für eine Reise nach dem Ural zusammengestellt, wurde, war auch sie für diese Reise. Ich wollte nach Deutschland, aber ich ließ mich von ihr überzeugen, wir packten unsere Bündel und machten uns reisefertig. Am letzten Tag entschloß sich auch Merkel für die Fahrt.

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