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Blockhaus an der Wolga

Max Barthel: Blockhaus an der Wolga - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/barthel/blockhau/blockhau.xml
typefiction
authorMax Barthel
titleBlockhaus an der Wolga
publisherDer Freidenker
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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NEUNTES KAPITEL

Internationale Brigade

Noch im September verließen wir Moskau. Katja hatte ich nicht wieder gesehen. Wir hängten unseren Schlafwagen an einen Zug, der nach der Front wollte, und waren in vierundzwanzig Stunden in Minsk. Das ist keine schöne Stadt, aber wir waren ja nicht dahingefahren, um die Schönheit zu entdecken, sondern um zu arbeiten. Wir, das heißt Merkel, hatte die politische Leitung der Brigade, die militärische Führung übernahm ein Hauptmann Melcher, der von seinen Leuten Milchmann genannt wurde. Er kam aus Sibirien.

In Moskau hatten wir mit Mühe und Not ein klappriges Auto aufgetrieben.

Wir fuhren die anfangs abgründige Sowjetskaja entlang nach den kleinen Landhäusern hinter den schönen Gärten. In einem der verlassenen Häuser bauten wir uns ein und begannen mit der Arbeit.

Das Gerippe der Brigade war schon aufgerichtet.

Gegen hundert Mann waren mit Melcher aus Sibirien gekommen, Ungarn, Österreicher und eine Handvoll Deutsche, weitere hundert Mann hatten in den letzten Wochen die Grenze überschritten und durften nicht weiter als bis nach Minsk. Diese Leute hatten abenteuerliche Erlebnisse hinter sich. Viele von ihnen hatten mit Max Hölz gekämpft. Alle stellten sich den Sowjets zum Verfügung.

Die Kanzlei wurde von David Lautenspieler geleitet.

Als Sekretärin für Merkel brachte er ein junges Mädchen herbei, die Julianne Braut, die aus Wilna geflohen war und über gute Ausweispapiere verfügte. Der Chef der Nachrichtenabteilung war ein Lette, und als er auf eine Inspektionsreise ging, wurde er für eine Zeitlang durch Siebenhaar ersetzt Als politischen Leiter und Redakteur fanden wir Michael Krauß vor, einen Abenteurer, der während der Rätezeit Volkskommissar für die deutschen Angelegenheiten in Ungarn war und im übrigen – selbstverständlich – aus Sachsen stammte.

In der Stadt wurden damals von der Miliz die noch offenen Geschäfte geschlossen. Unter den vierzigtausend Juden erhob sich ein großes Wehklagen. Aber auch die christlichen Geschäftsinhaber jammerten. Ihr Jammer und alles Wehklagen wurde überdröhnt von dem fernen Donner der Front. Tag für Tag rollten neue Truppenzüge über Minsk: Die Front schrie nach Kanonen, Granaten und Soldaten.

Minsk war unruhig.

In der Nacht krachten oft in den Vorstädten die Schüsse der polnischen Insurgenten. Die Polen hatten vor nicht zu langer Zeit die Stadt geräumt und ihre Spione dagelassen. Auch die Etappe war gefährlich. Als Merkel einmal vor dem leuchtenden Fenster unseres Hauses stand, wurde er beinahe erschossen. Die Kugel sauste haarscharf an seinem Kopfe vorüber. Da räumten wir geschwind dieses Haus und suchten ein gesicherteres Büro in der Stadt. Es gab viel Arbeit.

Die Brigade mußte zusammengestellt werden, mit den Russen hatten wir viele Konferenzen, und allmählich schälte sich aus dem zusammengewürfelten Menschenhaufen eine Idee und Aufgabe: die Idee und Aufgabe nämlich, bei dem siegreichen Vordringen der Russen sich selbst in Bewegung zu setzen und als das erste Kader der deutschen Roten Armee die Grenze zu überschreiten.

Bei einem großen Meeting entwarf Hans Merkel diese Aufgabe.

Er sprach so begeistert, daß er die Soldaten magnetisch an sich riß. Er war ein guter Redner und triumphierte jetzt. Raubtierinstinkte des Mannes brachen in dem Verwachsenen empor und umkleideten sich mit flatternden Fahnen und herrischen Befehlen. Ich erkannte Merkel nicht wieder.

Über zweihundert gutgewachsene Männer hörten ihm zu. Sie waren an vielen Fronten erprobt. Er zauberte ihnen das Wunschbild von dem siegreichen Einmarsch in Deutschland vor und krönte sie schon jetzt mit dem Lorbeer des Ruhmes. Wie mußte er in jenen Jahren in Deutschland, als die Front nach wehrhaften Männern füllte, unter seiner Verwachsung gelitten haben! Im Kriege war er Pazifist, jetzt aber war er für den Krieg.

Die Soldaten kamen immer näher.

Er war so begeistert, daß er nicht bemerkte, wie ihm ein kluger und geschickter Mensch während der Rede die Brieftasche stahl. Auch wir bemerkten es nicht und klatschten dem Redner Beifall. Die Soldaten verliefen sich. Am Abend sagte Merkel:

»Du, Otto, ich glaube, ich habe heute meine Brieftasche in der Stadt verloren. Oder hast du sie heute hier im Büro liegen sehen?«

»Nein«, antwortete ich, »ich habe sie nicht gesehen. Aber vielleicht ist sie dir beim Meeting geklaut worden.«

»Unsere Soldaten stehlen nicht. Es sind Revolutionssoldaten«, sagte er. Dann fragte er: »Wie hat dir übrigens meine Rede gefallen? Ich habe dich mitgenommen, damit du siehst, wie man reden muß. Du sollst mich in der nächsten Zeit ab und zu vertreten. Ich habe anderes zu tun und keine Zeit mehr für die Meetings. Hat es dir also gefallen?«

Ehe ich antworten konnte, zustimmend, denn die Rede war wirklich gut, kam Lautenspieler zu uns ins Zimmer.

»Ein Mann von der Brigade ist da, Genosse Kommandant«, sagte er. »Er will dich sprechen.«

»Laß ihn herein«, sagte Merkel.

Ein junger Deutscher kam.

Er meldete sich militärisch.

»Ich habe die Brieftasche wieder, Kommandant«, sagte er. »Ein Ungar hat sie gestohlen. Ich habe es gesehen, und am Abend habe ich sie wieder genommen. Hier ist sie, Genosse.«

Er legte die Brieftasche auf den Tisch.

Merkel war mürrisch.

»Warum hast du das nicht gleich gemeldet?« knurrte er.

»Ich wollte die schöne Rede nicht unterbrechen, und dann verpetze ich keinen Kameraden, auch wenn er stiehlt. Er weiß es nicht, daß ich ihm die Brieftasche wieder abgenommen habe.«

»Ist gut. Wie heißt du?«

»Franz Schmidt.«

»Willst du Ordonnanz bei uns im Büro sein?«

»Lieber gehe ich an die Front«, sagte der junge Schmidt.

»Melde dich morgen bei Lautenspieler, Du kommst zu uns als Ordonnanz. Wir brauchen dich«, sagte Merkel und gab ihm eine Handvoll Zigaretten. »An die Front? An die Front gehen wir alle. Es dauert nicht mehr lange. Vielen Dank, kleiner Genosse!«

Am nächsten Morgen kam Schmidt als Ordonnanz.

Merkel hat auf keinem Meeting mehr gesprochen.

In Moskau kostete ein Begräbnis »im Schleichhandel« 80 000 Rubel. In Minsk kostete ein Begräbnis nichts. Die Toten wurden jeden Abend ohne Sarg begraben. Es gab viel Tote. Die Lazarette waren alle überfüllt, der Typhus wütete und holte sich auch einen Mann von unserer Brigade, einen Vierzigjährigen, der in Deutschland Weib und Kind in Stich gelassen hatte, um in Rußland für die Revolution zu kämpfen.

Er war nur fünf Tage bei uns, bekam Fieber, lag im Spital, wurde bewußtlos und starb. Man zog ihm die Kleider vom Leibe und brachte ihn nackt in die Leichenkammer. Das Grab war bald gegraben, der Mann wurde in eine Zeltbahn gelegt und in die Grube versenkt.

Auf dem trostlosen Friedhof am Rande der Stadt gingen, als wir unseren Mann beerdigten, viele Begräbnisse. Es war dunkel, und in der Finsternis waren diese Beerdigungen gespensterhaft. Offene Gräber, schwarze Schatten, gedämpfte Reden, dazu ganz weit in der Ferne das leise Gewimmer der Geschütze und der Schlacht. Merkel begann am Grabe unseres Toten zu sprechen, und ich höre jetzt noch, wenn ich will, seine unpathetische Stimme.

»Wir kennen nur eine Majestät«, schloß er seine Rede, »und das ist die Majestät des Todes.«

Um Warschau wurde erbittert gekämpft.

Auch in Minsk ging der Kampf.

Er wurde mit allen Mitteln geführt.

Es wurde geschossen, spioniert und sabotiert, und oft klebten an den Mauern und Wänden neben unseren Aufrufen und Manifesten geheimnisvolle Zettel, die gegen die Sowjets wüteten. Auf die Verbreiter dieser Zettel wurden viele Jagden gemacht. Sie waren ergebnislos.

Wie Nachtvögel flatterten viele Gerüchte durch die Stadt: Warschau sei gefallen, in Deutschland sei Aufstand, Paris habe einen Sowjet, und um Klarheit über diese Dinge zu haben, schickte Merkel den lettischen Leiter unserer Nachrichtenabteilung nach Wilna und über die deutsche Grenze. Er kam gut an und sandte uns von dort eine große Kiste mit Büromaterial, Schokolade, Wein, Tabak und Zucker. In seinen beigelegten Berichten stand kein Wort vom Fall Warschaus und vom Aufstand in Deutschland oder Frankreich.

Dann tauchte Siebenhaar auf.

Er wurde von Moskau an unsere Brigade kommandiert.

Ich liebte ihn nicht, ich kannte ihn ja nur aus den Erzählungen von Katja, aber ich sah, wenn auch widerwillig, daß er ein Mann war, der bei seinen Arbeiten sich selbst verwegen einsetzte. Er baute in ganz kurzer Zeit unseren Nachrichtendienst glänzend aus, wir hatten sehr bald auch die Funksprüche und Geheimberichte von der Front und konnten uns ein gutes Bild von den Schwierigkeiten des russischen Vormarsches machen.

Und wir spielten Krieg in der Etappe, faßten die Brigade fester zusammen, jeden Tag gab es militärischen und politischen Unterricht, und Merkel machte sich Kopfschmerzen über die künftige Uniform der deutschen Roten Armee. Er versuchte sich auch als Reiter, aber er machte eine schlechte Figur und wurde beim ersten Ausritt schon abgeworfen. Er fluchte und benutzte dann doch lieber das Auto.

»Bei euch ist allerhand los«, sagte Siebenhaar nach einer Woche zu uns, »ich bereue es keinen Augenblick, daß ich nach Minsk gekommen bin. Habt ihr schon von dem neuen Geist gehört?«

»Was für einen neuen Geist meinst du?« fragte Merkel;

»Jeden Morgen kleben die verdammten Plakate gegen uns an den Wänden. Der Kerl scheint unsichtbar zu sein. Er läßt sich nicht fangen. Ich bitte um Urlaub und will mich bei der Tscheka melden.«

Er sagte ganz einfach: bei der Tscheka melden und gehörte doch selber zu ihr. Jetzt erst wird mir klar, daß er damals in Moskau den Auftrag bekommen hatte, auch uns zu beobachten.

»Schon Urlaub? Wir brauchen dich doch. Was sollen wir ohne Nachrichtenabteilung machen?« entrüstete sich Merkel.

»Keine Sorget Der Apparat ist aufgezogen und läuft von ganz alleine. Ich will nur einmal eine Nacht mit auf Wache gehen«, sagte Siebenhaar. »Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir den Kerl nicht fassen können!«

»Also gut, vierundzwanzig Stunden«, bewilligte Merkel.

Siebenhaar schob ab.

»Ein widerlicher Kerl«, sagte Merkel. »Er gefällt mir gar nicht. Aber was kann man machen, er ist von Moskau geschickt worden.«

Zuerst wollte ich ihm erzählen, was ich von Katja wußte, aber ich sagte nichts. Warum, weiß ich nicht mehr. Die Arbeit ging weiter, die neuesten Meldungen von der Front waren nicht erfreulich.

Siebenhaar kam nach achtundvierzig Stunden zurück und erzählte uns eine Mordsgeschichte. Der Mann mit den Aufrufen war gefangen! Merkel zog den Kopf in die Schultern und blickte den jungen Mann mit dem glatten Gesicht und kühlen Augen verwundert an.

»Wir haben den Kerl liquidiert«, sagte er, »und wenn ihr Lust habt, kann ich ja die Geschichte erzählen. Also: ich ging mit der Wache auf Posten in das Blockhaus nahe am Friedhof. Wir waren zu dritt. Der Patrouillenführer erzählte mir von dem ›Gespenst‹. Schöne Schauergeschichten erzählte er! Plötzlich fiel ein Schuß. Wir sprangen auf und griffen nach den Pistolen. Alles war ruhig. Nach fünf Minuten kam die Patrouille zu uns. Sie brachten einen Mann mit. Es schien ein Arbeiter zu sein. Seine Kleider waren bestaubt.

›Wir haben geschossen und den Mann aufgegriffen, weil er auf unseren Anruf nicht stehen wollte, Kommandant‹, sagte ein Soldat.

›Untersucht ihn‹, sagte der Kommandant.

Der Mann ließ sich ruhig untersuchen.

Man fand nichts Verdächtiges bei ihm.

Als ich ihn fragte, warum er denn habe fliehen wollen, da sagte er: aus Angst. Er sei auf dem Heimweg gewesen, von Beruf Lagerarbeiter und sympathisiere mit der Sowjetmacht. Wir mußten ihn laufen lassen. Schön, er grüßte höflich und ging fort. Die Posten folgten. Wir nahmen unsere Plätze ein und erzählten uns neue Geschichten.

Da fiel wieder ein Schuß.

Der Kommandant stürzte hinaus. Wir nahmen die Pistolen und liefen hinter ihm her, aber wir verloren ihn aus den Augen, und als wir ihn endlich fanden, war er weit vor uns und näherte sich unserem Posten. Ich hörte noch, wie er fragte:

›Wer hat hier geschossen?‹

›Ich!‹ sagte die Stimme.

Und fast gleichzeitig krachte ein neuer Schuß und unser Kommandant stürzte hin.«

»Wann war das?« fragte Merkel.

»Heute nacht«, sagte Siebenhaar, »aber laßt mich weiter erzählen. Ich sah den Kommandanten wie einen Sack hinfallen, riß die Pistole hoch und schoß auch. Der Posten lief davon, ich schoß noch einmal. Und da habe ich ihn getroffen. Er schrie und fiel hin. Wir ließen ihn liegen. Der Kommandant war in die Brust getroffen und stöhnte. Wir sahen uns um. Dort im Gebüsch fanden wir einen toten Mann. Neben ihm lag unser anderer Posten. Er war betäubt. Da hatten wir also die Bescherung!«

»Das ist allerhand«, sagte Merkel. »Wer war denn der Kerl, der drei Soldaten auf seine Kappe nehmen wollte?«

Siebenhaar zögerte eine kleine Weile und sagte dann:

»Das dürfte doch allmählich klar sein, Genosse! Es war der Mann, den wir zuerst verhaftet hatten und wieder laufen ließen. Der Mann mit den Flugzetteln.«

»Aber wie konnte ein einzelner Mensch, ein unbewaffneter Mensch, zwei Posten überfallen und einen dritten niederschießen?« fragte ich.

»Das will ich ja gerade erzählen«, antwortete er. »Die Sache war so: Unsere beiden Posten standen wieder auf ihrem Platz, als sich ihnen der Mann näherte. Er bot ihnen Zigaretten an, sie nahmen sie und plauderten ein wenig. Und als sie dann die Gewehre beiseite stellten und Streichhölzer anzündeten, riß er einem Posten das Gewehr aus dem Arm, schoß ihn nieder und hämmerte dann dem andern Mann das Gewehr an den Schädel. Es war also ganz einfach. Dann schleppte er die beiden in das Gebüsch, den Betäubten knebelte er, zog sich einen Soldatenmantel an und wartete auf uns. Wir zu dritt hätten ihn vielleicht glatt überwältigen können, aber der Kommandant lief uns voraus und wurde niedergeschossen. Es war schon ein kühner Teufel: einer gegen drei, was sage ich: einer gegen fünf!«

»Woher weißt du denn«, fragte ich weiter, »daß es der Mann mit den Aufrufen war?«

»Das will ich auch erzählen: Wir fanden sie nämlich bei ihm... Er mußte ganz in der Nähe sein Versteck gehabt haben, vielleicht eine verlassene Hütte, was weiß ich. Und dann: Heute morgen sind keine neuen Plakate in der Stadt angeklebt worden!«

»Hast du den Kerl gut getroffen?« wollte Merkel wissen.

»Natürlich. Kopfschuß. Er ist tot«, sagte der andere.

So führte sich Siebenhaar in Minsk ein.

Die schnelle Liquidierung des Mannes mit den gegenrevolutionären Aufrufen häufte Ruhm auf seinen Scheitel, der Lette kam wieder, und Siebenhaar gab seine Arbeit bei uns auf. Bevor er aber ging, hatte er mit Lautenspieler einen heftigen Zusammenstoß.

David war neugierig, er interessierte sich für die geheimen Meldungen von der Front und hatte sich auch den Chiffrierschlüssel verschafft. Siebenhaar erfuhr das und schlug Alarm. Seit dieser Zeit wurde David von der politischen Polizei überwacht und wußte nichts davon.

»Was ist das für eine Schweinerei«, sagte Siebenhaar zu uns. »Was seid ihr doch für Kinder. Wißt ihr, daß der Lautenspieler die neuesten Meldungen von der Front kennt? Wozu braucht der Mensch das zu wissen? Das gibt es doch einfach nicht!«

»Schweinerei«, antwortete Merkel. »Natürlich gibt es das nicht! Otto, hole mal den Bruder her.«

Ich holte David.

Siebenhaar übernahm das Verhör.

»Was gibt es Neues vor Warschau, David?« fragte er. David starrte den Tschekisten an und wiederholte:

»Was soll es geben Neues vor Warschau? Gekämpft wird um die Stadt, und sie wird wohl bald fallen krachend an uns.«

»Sind das die allerneuesten Meldungen, David?« fragte Siebenhaar.

»Warum sollen es nicht sein die allerneuesten Meldungen?« antwortete er. »Es steht in unsrer Zeitung.«

»Aha«, fuhr der Tschekist fort, »es steht so in der Zeitung. Aber, lieber Genosse, was steht denn in den Geheimmeldungen?«

David erstarrte.

»Das ist geheim«, sagte er endlich, »und ich weiß nicht, ob ich darf verraten, was da steht.« Siebenhaar lachte.

»Mensch«, brüllte nun Merkel. »Von wem hast du die Erlaubnis, die geheimen Meldungen zu lesen? Wer hat dir den Chiffrierschlüssel gegeben?«

»Mir hat gegeben den Schlüssel Genosse Krauß«, stotterte David und krümmte sich.

Wir ließen Krauß kommen.

Er sagte, ja, er habe den Chiffrierschlüssel David schon vor unserer Ankunft gegeben. David sei doch Bürovorsteher, und er müsse doch auch Bescheid über die Lage an der Front wissen. Siebenhaar schimpfte und drohte mit dem Revolutionstribunal. Lautenspieler mußte später in Moskau für seine Neugier büßen. Er wurde vier Wochen eingesperrt, kam dort mit Petrenko zusammen, und das Gewitter brach drei Jahre später in Astrachan über ihm zusammen.

Siebenhaar reiste ab.

Merkel war froh darüber, denn der Mensch war ihm unheimlich, und als ich ihm dann später die Geschichte mit dem Doktor Ssuwarin und der Schwester Olga erzählte, zitterte er noch nachträglich und sagte:

»Also so ein Kerl war das? Früher sagten wir Achtgroschenjunge dafür. Und so was wird auch in Rußland gebraucht! Mensch, Otto, ich war ja vollkommen verrückt, daß ich nach Minsk gefahren bin. Wenn die Julianne nicht eine so gute Sekretärin wäre, würde ich noch heute nach Moskau fahren und einen anderen Genossen abkommandieren lassen.«

Julianne, das Mädchen aus Wilna, war wirklich eine gute Sekretärin. Sie war klug und kühl, sie unterwarf sich bedingungslos dem kleinen Merkel und beherrschte ihn dadurch. Merkel, der selten Glück bei den Frauen hatte, war nun glücklich und führte sich wie ein kleiner Casanova auf.

Mit Julianne bummelten wir auch einigemal durch das dunkle Getto der Stadt. Auf dem großen Markt gab es, wie in Moskau auf der Sucharewka, alles zu kaufen. In den dunklen Gassen lärmte und ereiferte sich der Handel, ein alter Jude wollte uns unsere europäischen Kleider vom Leibe weg kaufen. Ein anderer bot uns einen italienischen Meister an, einen Carlo Dolci, der sich von irgendeinem polnischen Schloß auf den verwirrenden Markt verirrt hatte. Wir ließen das Gemälde der alten Zeit und besahen uns lieber die Bilder von heute.

Auf dem Rückwege kamen wir an einem großen Gefängnis vorüber.

Das ganze Gefängnis summte und war voller Musik.

Die Sträflinge sangen.

Ein gefangener Soldat hing an einem vergitterten Fenster, und als er uns sah, brüllte er: »Burschuy«!

Wir lachten. Schön, wir waren also Bürger. Und in diesem politischen Erdbebengebiet sahen wir auch wie Bürger aus. Unsere Kleider waren neu, unsere Schuhe geputzt, unsere Kragen weiß. In dem Gefängnis hockte auch ein Mann von uns, der geschickte Ungar, der Melcher den Geldbeutel stehlen wollte und dabei ertappt wurde.

Das Getto lag hinter uns.

Im großen Garten an der Sowjetskaja und am Landestheater gingen die alten und ewig jungen Spiele der Liebe. Bis in die späte Nacht hinein war der Garten der Treffpunkt der Mädchen und der Soldaten, die am Rande der Front und des Krieges das Leben auskosteten. Wir sahen viel schöne Mädchen, in denen sich Wüstenblut mit slawischen Spritzern lieblich vermischte. Merkel und Julianne blieben in jenem Gärten, der allgemein der Fleischmarkt genannt wurde. Im Büro traf ich den Ungarn aus Leipzig, den Genossen Krauß.

»Wir haben in der Brigade eine ›Zelle‹ gegründet, Glarus«, sagte er. »Es ist alles in guter Ordnung. Aber ich möchte abkommandiert werden. Wir bleiben doch ewig in Minsk hocken. Ich habe kein Sitzfleisch, Otto. Die Welt brennt, ich möchte weiter!«

Wieso?« fragte ich. »Das ist ausgeschlossen, Krauß. Wir brauchen dich. Du kannst jetzt nicht fort. Wir müssen auch dableiben. Nichts zu machen, alter Junge!«

»Mensch«, antwortete er und seine schwarzen Augen funkelten fanatisch in dem weißen Gesicht. »Mensch, hier ist doch kein Leben und kein Sterben. Laßt mich fahren! Was soll ich hier? Ich habe keine Lust mehr, nichts als Artikel für unsre Zeitung hinzuschmieren. Das kann jeder! Warum ist in Deutschland keine Revolution, he? Es fehlt an Männern, das ist alles, mein Lieber! Deutschland schläft, ich will es aufwecken! Ihr könnt ja später mit der Brigade nachkommen. Laßt mich endlich fort!«

»Nichts zu machen, Krauß, du mußt hierbleiben. Wenn die Brigade marschiert, gehst du mit. Die neuesten Berichte aus Deutschland kann dir auch Finck geben. Der Mann ist heute in Minsk angekommen. Geh zu ihm. Er arbeitet bei Melcher«. sagte ich.

»Finck hat den Vogel«, murrte er, »ich habe schon mit ihm gesprochen. Er hat ja den Größenwahn und ist vollkommen verrückt. Weißt du, was er sagte? Er sagte, er sei als ›freier Forscher‹ hierhergekommen und hat eine Sauwut, daß er nicht weiterfahren kann. Freier Forscher! Das sind die richtigen Klugscheißer: Die haben die Hosen voller als die Schädel. Nee, ich danke für den Finck. Ihr werdet mit ihm noch euer blaues Wunder erleben. Also ich muß hierbleiben, Glarus?«

»Es geht nicht anders«, antwortete ich.

Er verzog sich murrend.

Ja, er war ein sonderbarer Mensch, Lenin hatte ihn damals, als er aus Ungarn fliehen mußte, empfangen. Aber er ließ ihn schnell abfallen. Krauß war ein Abenteurer. In Moskau konnte er sich nicht halten und fuhr dann als erster nach Minsk. Er arbeitete so schlecht, daß ihm Merkel nachgeschickt werden mußte. Als die Brigade aufgelöst war, ging er nach Deutschland und wurde dort in ein großes Sprengstoffattentat verwickelt. Wir hielten ihn damals in Minsk für einen unglücklichen Menschen. Vielleicht war er auch ein Spitzel. Ich weiß es nicht. Sein Gesicht war von jener schimmernden Blässe, die von innen heraus leuchtet.

Merkel kam erst spät nach Hause.

Er war fröhlich wie damals in Fastow, als wir den Jammer der zertrümmerten Stadt sahen. Er kam in das Zimmer, lachte, pfiff, hatte keine Ruhe, und endlich sagte er:

»Du, Otto, wie gefällt dir die Julianne?«

»Nicht übel«, sagte ich vorsichtig. »Aber sie scheint mir doch ein wenig kühl zu sein.«

»Kühl?« wiederholte er entsetzt »Julianne soll kühl sein?« Dann lachte er. »Wenn die kühl ist, Otto, dann ist der Vesuv auch kühl. Aber was ich noch sagen möchte, willst du nicht heute nacht dein Bett in das kleine Zimmer nebenan stellen lassen?«

»Natürlich. Viel Vergnügen!« sagte ich.

Der kleine Schmidt schaffte das Bett in das andere Zimmer.

Lautenspieler beaufsichtigte grienend diesen Transport.

Merkel wartete in dieser Nacht vergeblich auf Julianne Braut. Sie ließ ihn drei Nächte warten, bis sie endlich zu ihm kam.

Die Nachrichten von der Front bei Warschau wurden immer schlimmer.

Der Vormarsch stockte schon lange.

Und die Brigade wuchs und wuchs, sie wuchs, exerzierte, wurde politisch geschult, wollte marschieren und mußte warten. Die Lebensmittelpreise in der Stadt stiegen beinahe stündlich. Die Etappe mästete sich, wie jede Etappe, an der Not des Landes. Das Brot war wieder schwarz und sauer geworden. Für fünfundvierzig Mark – das waren damals 45 000 Rubel – konnte man sich einen Hut oder ein Ferkel kaufen. Wir hatten Hüte und kauften ab und zu ein kleines Ferkel. Und einmal fuhren wir nachmittags auf das flache Land hinaus.

Die gepflasterten Straßen der Stadt lagen bald hinter uns, vor uns dehnte sich eine breite, schwermütige Landstraße, die auf beiden Seiten von alten, wetterkrummen Birken bestanden war. Kleine Wäldchen und Hügel verschwebten in der Ferne.

David Lautenspieler war wieder in Gnaden aufgenommen worden. Ich saß mit ihm zusammen. Vor uns saßen Merkel und Julianne Braut. Das erste Dorf, das wir berührten, war voller Kosaken, die auf dem Ritt nach der Front rasteten. Es waren wilde Kerle darunter, wie aus Holz geschnitzt und mit langen Barten und Hacksäbeln. Zwei Kosaken hielten das Auto an.

»Wohin, Brüder?« fragte der eine. »Da vorn ist die Front. Ihr müßt umdrehen!«

»Ivanuschka, laß sie fahren, die Bürger, die Genossen«, sagte der andere und fragte dann: »Habt ihr Papirossi?«

Wir hatten Zigaretten, gaben sie gern und fuhren weiter. Aber unsere Raserei endete bald vor einem kleinen Fluß, dessen Brücke gesprengt war. Da lenkten wir in das schmale, lange Dorf ein und wurden angestaunt. Die Bauern – dreißig Kilometer von Minsk – hatten noch kein Auto gesehen. Wir hielten und gingen in ein Bauernhaus. Um den verlassenen Wagen sammelten sich viele Kinder und Frauen.

Der Bauer begrüßte uns und führte uns in das Haus.

Die große Stube war sauber und einfach. Viele Heiligenbilder hingen an den Wänden. Ein großer Webstuhl nahm viel Platz weg, Es war eine Stube, wie man sie auch in Deutschland, im Rabengebirge, noch findet. Wir bekamen gutes Brot, dicke Milch, Quark mit Sahne und Piroggen. Von Hungersnot war wenig zu sehen, aber die andere Not wurde sichtbar. Dem Bauern gehörten zweieinhalb Hektar Land, der Krieg hatte alle Pferde genommen, es gab fast nichts zu kaufen. Die Bäuerin zeigte uns ein Stück Seife, für das sie 5000 Rubel, also fünf Mark, bezahlt hatte. Der Konsum hatte am nächsten Tage auch Seife verteilt, weiße Toilettenseife, Kriegsbeute aus Polen, für die 1500 Rubel zu bezahlen waren. Alle wehrfähigen Männer waren an der Front. Die Erbitterung gegen die Juden war groß. Im Dorfsowjet saßen auch jüdische Genossen, mit uns waren auch zwei Juden auf Besuch, David und Julianne.

Sie hörten mit unbeweglichen Gesichtern die Klagen an. Sie kannten diese Melodie. Aber David zuckte doch ein wenig zusammen, als der alte Bauer sagte:

»Es wird schon einmal anders werden. Mein Sohn ist Rotarmist, und wenn er aus dem Kriege heimkehrt, werden wir gründlich aufräumen.«

Julianne lächelte, als sie das übersetzte.

Am Abend fuhren wir nach Minsk zurück.

Die Kosaken sahen wir nicht mehr.

In der Stadt war große Aufregung.

Trotzki hatte im Landestheater gesprochen.

Dann aber überstürzten sich die Ereignisse.

Aus den Dörfern kamen in großen Kolonnen neue Rekruten. Sie waren nur halb militärisch eingekleidet und marschierten an die Front. Die Front wankte und schwankte. Die Polen stießen vor und zertrümmerten die russischen Linien. Die Rote Armee zog sich zurück. Die Schüsse der Insurgenten krachten immer häufiger in den Vorstädten. Viele Spione wurden erschossen. Die Liebespaare verließen den Fleischmarkt. Im Getto ging immer noch der Handel. Die Juden aber duckten die Köpfe vor dem hereinbrechenden Unheil. Sowjetgeld wurde mit großem Mißtrauen entgegengenommen. Auf der schwarzen Börse stieg der Kurs der Zarenrubel. Manchmal würden schon Magazine geplündert und die Wachen davor mit Handgranaten erledigt. Auch die Gefängnisse wurden geräumt. Wir holten den diebischen Ungarn zur Brigade zurück.

Im Gefängnis wurde immer noch gesungen. Es war phantastisch: Die Front zerbröckelte, Minsk fieberte, die Toten wurden nicht mehr begraben, und im Gefängnis sangen die Sträflinge:

»Auf und nieder geht die Sonne.«

Zwei Deutsche drängten sich an uns heran. Sie waren an der Grenze ohne Papiere aufgegriffen worden, sie wollten zur Roten Armee und wurden als Spione verhaftet. Es gelang uns, einen Mann frei zu bekommen. Der andere wurde nach Smolensk transportiert. Dort kam er zu uns. Er brach im Büro zusammen. Er war halbverhungert und nur noch ein beklagenswertes Skelett. Wir mußten ihn mit Milch und Brei auffüttern. Er war ein Arbeiter, der die Maschinen verlassen hatte, um seinen Idealen zu dienen. Die Maschine der Justiz erfaßte ihn, würgte ihn und machte ihn krank. Als er wieder gesund war, reiste er auf dem schnellsten Wege nach Deutschland zurück.

Minsk wurde geräumt.

Der Herbst war gekommen, der Traum vom Sommer war ausgeträumt.

Soldaten, nichts als Soldaten marschierten durch die Stadt, endlose Kolonnen, abgerissen und abgekämpft. Der Bahnhof war ein Heerlager. Die Fahnen hingen traurig in Wind und Regen. Auf den Straßen aber lagen die Möbel, Schreibmaschinen, Papierballen, Motoren und Maschinen, lagen hohe Berge von Mehl und Brot. Die Stadt wurde geräumt. Sie wurde gründlich geräumt. Die Polen sollten in eine vollkommen ausgeplünderte Stadt einmarschieren. An den Häuserwänden wurden über Nacht viele Zeitungen und Manifeste angeklebt, eine gewaltige Galerie des Klassenkampfes, eine endlose Mauer gehämmerter Thesen und Parolen.

Auf den Balkonen standen viele Leute und blickten höhnisch in unseren Rückzug. Aber sie standen auch demütig und mit krummen Rücken vor uns in den Büros und kämpften um jedes Bett, um jeden Tisch. Einmal kam Julianne Braut mit einem Druckereibesitzer, der einige Maschinen und Motoren kaufen wollte. Merkel wehrte sich lange dagegen, aber er konnte ja die Maschinen und Motoren nicht mitnehmen und verkaufte sie dem Mann, den Julianne gebracht hatte. Überall wurde in jenen Stunden der Auflösung gekauft und verkauft. Manchmal schien der Krieg seinen Sinn verloren oder gefunden zu haben: Er würde ein abstoßendes Geschäft. Manche Bürger hatten kleine Kommissare bestochen.

Wir marschierten nach dem Bahnhof.

Die Brigade marschierte, und Merkel hielt noch eine Abschiedsrede. Schmidt hatte sich wieder seiner Kompanie angeschlossen. Ringsum tobte der Lärm der Transporte, Merkel stellte sich auf einen Wagen und überschrie den Lärm der anderen Truppenteile.

»Genossen, Soldaten«, begann er zu brüllen. »Wir ziehen uns heute nur zurück, um morgen um so kühner wieder vorzustoßen. Wir sind nicht besiegt, die Zeit wartet auf uns, wir warten auf unsre Zeit, und die Brigade wird sich mit Ruhm bedecken!«

Ich stand in der Nähe des Hauptmanns Melcher und hörte, wie er zu Finck sagte:

»Der kleine Napoleon soll die Fresse halten, alles Schwindel, was er uns erzählt. Warum ist der Scheißkerl nicht an die Front gegangen? Volksredner spielen ist kein Kunststück.«

Finck lächelte und antwortete:

»Er kämpft an der poetischen Front, Melcher, er ist dein Vorgesetzter, und du müßt tun, was er dir befiehlt.« Melcher sagte: »Da kann er lange warten.«

Ich ging von den beiden Männern und wurde unterwegs von Lautenspieler angehalten. David war sehr aufgeregt. Er zappelte mit den Händen und sagte:

»Was wird werden, Genosse, mit mir? Was wird sein, wenn wir kommen nach Smolensk? Werde ich behalten meine Stellung?«

»Ja. Du bleibst Bürovorsteher«, sagte ich.

Er ging erleichtert fort;

Merkel sprach immer noch.

Julianne Braut betrachtete mit kühlen Augen die Brigade und den Redner. Sie freute sich auf die Reise nach Smolensk. Ihr Ziel war Moskau. Und sie kam auch nach Moskau. Später ging sie mit einer diplomatischen Mission ins Ausland. Und als sie nach zwei Jahren den kleinen Merkel einmal in Berlin sah, tat sie hochmütig und fremd, und die parfümierte Dame kannte ihn nicht. Merkel spielte damals auch keine politische Rolle mehr.

Die Brigade nahm mit tiefem Schweigen Merkels Rede entgegen. Sie machten kalte Gesichter. Viele Soldaten hatten drei Jahre in den roten Regimentern gedient. Sie waren kriegsmüde. Sie schwiegen, als Merkel schwieg. Nur die jungen Leute, die aus Deutschland gekommen waren, brüllten: »Hurra!«

Es regnete.

Immer neue Truppen rückten an.

Kommandorufe knallten, die Lokomotiven pfiffen, dampften und ratterten davon. Auf dem Bahnsteig häufte sich das Gerumpel aus der Stadt in hohen Bergen. In der Stadt wurde heftig geschossen. An einem Hause ging die polnische Fahne hoch. Die letzten Magazine wurden in die Luft gesprengt.

In Rußland überrascht den Fremden oft eine Idee, die wie gewappnet aus dem Kopfe des Volkes zu springen scheint: Als das Chaos des Rückzugs begann, als der Handel um das Gerumpel in der Stadt tobte, kamen zum Bahnhof einige Maurer und begannen zu bauen.

Sie richteten Leitern und hohe Gerüste auf, sie schleppten Steine und Mörtel herbei und begannen mit der Arbeit. Vielleicht war das auch nur Propaganda, aber sie war so phantastisch, daß sie mich verwirrte.

Die Transportzüge rollten, waren überfüllt und könnten nicht alle Regimenter mitnehmen, viele Soldaten waren betrunken und klapperten in den dünnen Sommerkleidern, die Stadt wimmerte ferne wie wahnsinnig, und mitten im Aufruhr wurde gebaut! Die Leute am Bahnhof hatten die hohen Gerüste aufgestellt und bewegten sich auf ihnen wie Prediger auf schwankenden Gerüsten. Unter ihnen wogte eine unruhige Gemeinde und beachtete sie kaum. Lautenspieler stellte sich neben mich hin, sah die Leute da oben und schüttelte den Kopf.

Uns gegenüber dampfte der Zug des Generals, der den Krieg verloren hatte. Nach dem Wagen des Generals lief ein junger Offizier. Er war barfuß, seine Füße sahen rot und verquollen unter den zugebundenen Hosen hervor. Er stellte sich vor dem Kommandanten auflegte die Hand an den Helm, klappte mit den nackten Fersen zusammen und erstattete seinen Bericht. Dann lief er wieder barfüßig zu seinem Truppenteil.

Merkel hatte sich mit Julianne in den sicheren Wagen zurückgezogen.

Er hielt dem jungen Fräulein einen geschichtlichen Vortrag und deckte Zusammenhänge zwischen den Soldaten der Französischen Revolution 1789 und den Soldaten der Russischen Revolution von 1917 auf. Sie hörte gelangweilt zu und dachte an Moskau.

David wollte nichts mehr sehen und hören.

Er hatte sich in seine Decken gewickelt und schlief.

Krauß kam zu mir und erzählte von Ungarn. Er hatte ja schon einen Rückzug mitgemacht. Nun besah er sich alles mit den kalten Augen des Berufsrevolutionärs, der die Struktur der Gesellschaft zu kennen glaubt und mit allen Mitteln verändern will.

Ein Mädchen aus Minsk – sie war als Kurierin in unserem Büro beschäftigt gewesen – kam auf den Perron und suchte Merkel. Als sie ihn gefunden hatte, übergab sie weinend ein Gesuch und wollte mit nach dem Norden fahren. Das Gesuch war wie eine Bittschrift der alten Zeit abgefaßt. Merkel wurde darin als »Sonne der Abteilung« bezeichnet. Aber die Sonne verfinsterte sich, sie wollte keinen unnützen Esser mitnehmen. Dann aber leuchtete die Sonne, denn Julianne bat für das weinende Mädchen aus Minsk. Merkel nickte. Sie weinte nicht mehr.

Dann kamen die Kosaken.

Vor unserem Wagen blieben zwei Kosaken stehen. Ich erkannte sie.

Das waren ja die zwei Soldaten, die damals unser Auto auf der Fahrt nach den Dörfern angehalten hatten. Nun aber stritten sie sich darüber, wie man besser mit den großen Hacksäbeln zuhauen könne: mit Schwung oder vielleicht ohne Schwung.

»Paschka, Teufelskerl«, sagte der eine und machte ein wildes Gesicht. »Ich sage dir: mit Schwung ist veraltet! Am besten geht es ohne Schwung so aus dem Handgelenk. Da zerhackst du den Kerl bis auf den Sattel!«

Der andere wehrte mit seiner behaarten Hand ab.

»Ivanuschka, Hurensohn«, sagte er. schob die Pelzmütze aus der Stirn und war mitten im Rückzug, mitten in der Niederlage, immer noch beim Sturm und beim Angriff, »mit Schwung, sage ich dir, mit Schwung. Mit Schwung, Ivanuschka, zerhackst du noch mit den Arsch.«

Sie lachten und gingen weiter.

Melcher kam angelaufen.

»Genosse Merkel, wir haben nur einen Wagen bekommen. Das ist eine Schweinerei! Unsere Leute meutern und wollen nicht marschieren. Zehn Mann haben sich krank gemeldet«, meldete er.

»Tut mir leid«, antwortete Merkel und war vollkommener Held, »tut mir leid. Sie, Genosse, haben doch die militärische Leitung der Brigade. Fahren Sie mit dem Stab und ihren Mitarbeitern voraus. Sagen Sie den Soldaten: marschieren oder krepieren ist die Losung. Die zehn Kranken können eventuell in unserem Wagen mitfahren«, setzte er versöhnlich hinzu.

Melcher versteinerte, grüßte militärisch und sagte:

»Besten Dank, Genosse, aber die zehn Mann bringe ich in unsern Wagen. Ich werde selber mit meinen Soldaten zurückmarschieren.«

Er machte kehrt und verschwand.

Merkel wurde verlegen.

Dann setzte sich unser Zug in Bewegung. Minsk lag nun hinter uns. Die Polen kamen erst am übernächsten Tag. Sie schickten eine Patrouille vor, die Patrouille wurde verhaftet, die Eisenbahner hatten über Nacht einen neuen Revolutionsausschuß organisiert. Die Stadt blieb unbesetzt.

Bald darauf kamen die Friedensverhandlungen.

Wir fuhren in die Dunkelheit hinein.

Die Schienen klirrten und donnerten, und der eiserne Alarm unseres Zuges vereinigte sich mit dem klirrenden Lärm der vielen anderen Züge, die nach dem Norden rollten. Einmal blieben wir auf offner Strecke liegen. Die Schienen waren gesprengt. Nach zwei Stunden ging es weiter. Am frühen Morgen ratterten wir melancholisch durch das herbstliche Land. Es regnete nicht mehr.

Am Nachmittag kamen wir nach Smolensk.

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