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Blinde Liebe. Zweiter Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Vierzigstes Kapitel

Von seinem ärztlichen Freunde begleitet, trat der irische Lord, verdrießlich gestimmt, in das Zimmer. Er sah nach Fanny hin und fragte nach ihrer Herrin.

»Mylady ist auf ihrem Zimmer.«

Als Lord Harry dies hörte, drehte er sich rasch nach Mountjoy um. Im Begriff zu sprechen, besann er sich jedoch eines Bessern und begab sich in das Zimmer seiner Frau. Fanny folgte ihm.

»Jetzt schaffen Sie den Doktor fort,« flüsterte sie Hugh zu, indem sie einen Blick auf Mr. Vimpany warf. Derselbe befand sich in keineswegs zugänglicher Stimmung; er stand am Fenster, seine Hände in den leeren Taschen, und blickte mißmutig hinaus; Hugh war aber nicht geneigt, die günstige Gelegenheit vorübergehen zu lassen; er fragte daher:

»Sie scheinen heute nicht in der gleichen guten Laune zu sein wie gewöhnlich?«

Der Doktor entgegnete mürrisch, Mr. Mountjoy würde wahrscheinlich auch nicht besonders vergnügt und fröhlich sein, wenn er sich in seiner Lage befände. Lord Harry habe ihn mit in das Zeitungsbureau genommen, nachdem er ihm vorher deutlich zu verstehen gegeben, daß ein kleines Taschengeld zu verdienen wäre, wenn er Mitarbeiter an der Zeitung würde. Und wie hatte die Sache geendet? Der Herausgeber hatte erklärt, daß die Liste der Mitarbeiter vollständig sei, und achselzuckend hinzugefügt, Mr. Vimpany müsse warten, bis eine Stelle wieder frei würde. Ein höchst unverschämtes Ansinnen! Hatte darauf Lord Harry – er solle nur bedenken, einer der Besitzer der Zeitung – seine Autorität geltend gemacht? Nicht im mindesten. Seine Lordschaft hatte den Doktor fallen lassen, wie man eine heiße Kartoffel fallen läßt; er hatte sich in erbärmlicher Weise dem Ausspruche seines Untergebenen gefügt. Was dächte nun Mr. Mountjoy von einem solchen Benehmen?

Hugh antwortete ausweichend, indem er dem Doktor in höflichster und liebenswürdigster Weise seine Dienste anbot.

»Kann ich Ihnen nicht aus Ihrer Verlegenheit helfen?« fragte er.

»Sie?« rief der Doktor. »Haben Sie denn ganz vergessen, wie Sie mich empfingen, Sir, damals, als ich Sie in Ihrem Hotel in London um ein kleines Darlehen bat?«

Hugh gab zu, daß er damals vielleicht allzu heftig gesprochen habe.

»Sie überraschten mich,« sagte er, »und – vielleicht irre ich mich auch – es kam mir so vor, als wären Sie – um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen – auch nicht gerade besonders höflich gewesen. Als Sie mich verließen, glaubte ich etwas wie drohende Worte zu vernehmen, und kein Mensch hat es gern, in solcher Weise behandelt zu werden.«

»Wenn Sie darauf kommen,« erklärte der Doktor kühn, »so muß ich Ihnen gestehen, daß ich ganz ähnlich empfand. Es ist mir jetzt völlig klar, daß damals zwischen uns ein kleines Mißverständnis obgewaltet hat. Ich war auch aufrichtig betrübt über das, was ich gesagt, sobald ich die Thür hinter mir geschlossen hatte. Während ich langsam die Treppe hinunter ging, dachte ich daran, wieder umzukehren und Sie freundlichst um Entschuldigung zu bitten. Wenn ich das nun gethan hätte?« fragte Mr. Vimpany, im stillen sehr neugierig, ob Mountjoy wohl so dumm sein würde, ihm zu glauben.

Hugh aber benützte die Gelegenheit, um der Verfolgung seines Planes näher zu rücken.

»Wenn Sie zurückgekommen wären, so würden Sie mich freundlicher gegen Sie gefunden haben,« antwortete er, »als Sie erwarten konnten.«

Diese ermutigende Antwort hatte ihn einige Anstrengung gekostet. Obgleich er sich bewußt war, nur im freundschaftlichen Interesse für Iris zu handeln, sank er doch durch eben diese Handlungsweise um eine Stufe in seiner Selbstachtung herab.

Unter anderen Umständen würde das Zögern, mit dem seine Antwort erfolgte, so unmerklich es auch war, vielleicht Verdacht erregt haben. Wie die Dinge aber hier lagen, konnte Mr. Vimpany nur goldene Aussichten entdecken, die seine Augen blendeten.

»Ich bin doch begierig,« sagte er, »ob Sie wirklich beabsichtigen, sich gegen mich jetzt freundlich zu erweisen?«

Es war unnötig, irgend welche schonende Rücksicht auf die Gefühle eines Mannes wie Mr. Vimpany zu nehmen.

»Angenommen nun, Sie hätten das Geld, welches Sie brauchen, in Ihrer Tasche,« fragte Hugh, »was würden Sie dann damit beginnen?«

»Ich würde, ohne mich nur einen Augenblick zu besinnen, spornstreichs nach London zurückkehren und die erste Nummer meines Werkes, von dem ich Ihnen erzählt habe, herausgeben.«

»Und Ihren Freund, Lord Harry, hier im Stiche lassen?«

»Was nützt mich ein Freund, der beinahe ebenso arm ist wie ich; er läßt mich erst kommen, damit ich ihm einen guten Rat geben soll, und da ich ihm einen Weg zeige, auf welchem er die leeren Taschen von uns beiden füllen kann, will er nichts davon wissen. Zu welcher Sorte rechnen Sie einen solchen Freund?«

Gib ihm Gold und schaffe ihn fort! Das war der Rat, den der geheime Berater in seiner Brust Mountjoy zuflüsterte.

»Haben Sie den Kostenüberschlag des Verlegers bei sich?« fragte er.

Der Doktor zog sogleich das Dokument aus der Tasche.

Für einen reichen Mann war die erforderliche Summe allerdings sehr unbedeutend. Mountjoy setzte sich an den Schreibtisch. Als er die Feder ergriff, schienen die hervorstehenden Augen Mr. Vimpanys aus seinem Kopfe springen zu wollen.

»Wenn ich Ihnen das Geld leihe –« begann Hugh.

»Wirklich, Sie wollen das?« rief der Doktor.

»Ich will es thun unter der Bedingung, daß niemand außer uns beiden von dem Darlehen erfährt.«

»O Sir, auf mein heiliges Ehrenwort!«

Eine Anweisung an Mountjoys Bankier auf die nötige Summe und dazu noch ein kleiner Beitrag zu den Reisekosten stimmten Mr. Vimpany zu den feierlichsten Beteuerungen. »Mein Freund, mein Wohlthäter,« begann er, wurde aber sofort von Hugh unterbrochen. Mr. Vimpanys Freund und Wohlthäter zeigte auf die Uhr und sagte:

»Wenn Sie das Geld noch heute haben wollen, dann ist es gerade noch Zeit, nach Paris zu kommen, bevor die Bank geschlossen wird.«

Mr. Vimpany brauchte das Geld sehr nötig, er brauchte immer Geld. Seine Dankbarkeit brach zum drittenmal in laute Worte aus:

»Gott segne Sie!« sagte er salbungsvoll.

Derjenige, dem dieser überschwengliche Dank galt, wies durch das Fenster in der Richtung der Bahnstation. Mr. Vimpany hielt sich nun nicht länger damit auf, seine Gefühle auszudrücken, sondern eilte fort, um noch glücklich den Zug zu erreichen.

Er hatte die Zimmerthür offen stehen lassen. Eine Stimme fragte von außen:

»Ist er fort?«

»Kommen Sie herein, Fanny,« antwortete Mountjoy, »er wird entweder heute abend noch oder spätestens morgen früh nach London zurückkehren.«

Das eigentümliche Mädchen steckte ihren Kopf durch die Thüre herein.

»Ich werde auf der Bahnstation sein,« sagte sie, »um mich mit eigenen Augen von seiner Abreise zu überzeugen.«

Ihr Kopf verschwand plötzlich, bevor es Mountjoy möglich war, ihr etwas zu erwidern. Befand sich noch eine andere Person draußen? Die andere Person trat in das Zimmer, es war Lord Harry. Er sagte ohne sein gewöhnliches Lächeln:

»Ich möchte mit Ihnen einige Worte sprechen, Mr. Mountjoy!«

»Worüber, Mylord?«

Diese direkte Frage schien den Irländer in Verlegenheit zu setzen, er zögerte.

»Ueber Sie,« sagte er. Dann hielt er inne und schien wieder zu überlegen. »Und über eine andere Person,« setzte er geheimnisvoll hinzu.

Hugh waren alle Unklarheiten grundsätzlich verhaßt. Er fühlte daher auch jetzt den Drang, eine bestimmtere Antwort zu fordern.

»Steht diese andere Person mit mir in irgend einer Verbindung, Mylord?« fragte er.

»Ja, das thut sie.«

»Wer ist diese Person?«

»Meine Frau.«

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