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Blinde Liebe. Zweiter Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Zweiter Band - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Sechsundsechzigstes Kapitel

Nicht viele englische Reisende biegen von ihrer Tour ab, um Louvain zu besuchen, obgleich es ein Rathaus hat, welches selbst das von Brüssel übertrifft, und obgleich man schon nach einer einstündigen Eisenbahnfahrt von dieser Stadt der Jugendlust und des Vergnügens dort sein kann. Es wohnten dort überhaupt keine Engländer, wenigstens bekam man keine zu sehen, wenn es vielleicht auch einige gab, die aus denselben Gründen dorthin gegangen waren, welche Mr. William Linville und seine Frau veranlaßt hatten, dieses Nest zum ständigen Aufenthaltsort zu wählen, nämlich, um ganz allein und unbemerkt zu leben. Es gibt viel mehr Menschen, als wir wissen, welche vor allem Einsamkeit und Zurückgezogenheit lieben und nichts mehr fürchten als ein zufälliges Zusammentreffen mit einem alten Freund.

Mr. William Linville mietete ein kleines, möblirtes Haus wie die Villa in Passy, ebenso wie diese in einem Garten gelegen. Hier richtete Iris mit einer Köchin und einem Stubenmädchen ihren bescheidenen Haushalt ein.

Zu fragen, ob sie glücklich war, wäre thöricht. Zu keiner Zeit seit ihrer Heirat war sie vollkommen glücklich gewesen, und nun unter dem Druck der fortwährenden Verborgenheit leben zu müssen, war durchaus nicht darnach angethan, eine Frau glücklich zu machen. Das Beste war noch, daß sie keine Zeit hatte, die Bitterkeit des Planes, nach dem ihr Gatte sein jetziges Leben eingerichtet hatte, recht zu empfinden.

Wenn dieser Plan auch bis jetzt ganz erfolgreich ausgefallen war, so war dieses noch so junge Paar dadurch doch lebenslänglich zur Verbannung verurteilt; das war die erste Schattenseite. Dann durften sie niemals den Versuch machen, in irgend welche freundschaftliche Beziehungen zu Landsleuten zu treten, da sie immer fürchten mußten, entdeckt zu werden. Iris konnte niemals wieder mit einer englischen Dame sprechen. Wenn sie Kinder haben würden, so würde die Gefahr noch zehnmal schrecklicher, würden die Folgen noch zehnmal furchtbarer sein. Die Kinder selbst müßten aufwachsen ohne Familie und ohne Freunde. Ihr Gatte, von jedem Verkehr mit anderen Männern abgeschnitten, würde ganz auf sich selbst angewiesen sein. Mann und Frau würden mit dieser schrecklichen Last auf dem Gewissen den gegenseitigen Anblick hassen und verabscheuen. Der Mann würde, wie fast mit Sicherheit vorauszusehen war, sich schließlich dem Trunk ergeben, und die Frau – wir wollen indes die Sache jetzt nicht weiter verfolgen.

Sie bezogen das Haus und richteten sich darin ein. Sie waren beide sehr schweigsam. Lord Harry saß still und mit finsterem Gesicht da, nachdem sein großer Coup erfolgreich geendet hatte. Er blieb den ganzen Tag über zu Hause und wagte es nur, während der Dunkelheit auszugehen. Für einen Mann, dessen ganzes Leben Thätigkeit und Geselligkeit gewesen war, mußte dieses schlecht enden.

Die Einförmigkeit wurde zuerst unterbrochen durch die Ankunft des Briefes von Hugh, welcher zugleich mit anderen Dokumenten aus Passy geschickt wurde. Iris las ihn und las ihn immer und immer wieder und machte den Versuch, zu verstehen, was er meinte. Dann zerriß sie ihn. »Wenn er nur alles wüßte,« sagte sie zu sich, »dann würde er sich nicht die Mühe genommen haben, diesen Brief zu schreiben. Hier gibt es keine Antwort, Hugh. Es kann keine geben, wenigstens jetzt nicht. Ich soll nach Deinem Rat handeln? Das ist nicht möglich: von jetzt an muß ich auf Befehl handeln, denn ich bin ja die Teilnehmerin an einem Verbrechen.«

Zwei Tage darnach kam ein Brief vom Doktor. Er hielt es nicht für notwendig, etwas von dem Erscheinen Fannys in Passy zu erwähnen oder von ihrer Reise nach Bern. »Alles,« schrieb er, »ist so weit gut gegangen. Die Welt weiß durch die Zeitung, daß Lord Harry gestorben ist. Es wird sich jetzt einfach noch darum handeln, das Geld zu bekommen. Zu diesem Zweck wird es notwendig sein, daß Lady Harry als seine Witwe und einzige Erbin sein Testament und die Lebensversicherungspolice dem Advokaten ihres Gatten übergibt, damit das Testament eröffnet und die Geldforderung anerkannt werden kann. Verschiedene Papiere werden dabei zu unterschreiben sein. Die ärztliche Bestätigung des Todes und die Bestätigung des Begräbnisses sind schon in den Händen des Advokaten. Je eher die Witwe nach London gehen wird, um so bester wird es sein. Sie sollte ihre Ankunft schriftlich anmelden und zwar von Paris aus, als ob sie seit dem Tod ihres Gatten dort gelebt hätte.

»Ich habe Sie nun noch daran zu erinnern, mein lieber Linville, daß Sie mir zweitausend Pfund schuldig sind. Ich werde natürlich sehr erfreut sein, eine Anweisung auf die Summe zu erhalten, sobald Sie selbst das Ihnen gehörende Geld in den Händen haben. Ich werde in Paris sein in dem Hotel Continental, wohin Sie mir die Summe schicken können. Es ist natürlich kein Grund vorhanden, dies zu verschweigen, und wenn die Versicherungsgesellschaft irgendwelche Auskunft von mir wünscht, so bin ich jederzeit bereit, ihr dieselbe zu geben.«

Lord Harry gab den Brief seiner Frau.

Sie las ihn und legte ihn offen auf ihren Schoß.

»Muß es sein, Harry,« fragte sie, »muß es wirklich sein?«

»Es bleibt uns keine andere Wahl, mein Herz, und es ist ja auch gar nichts weiter dabei. Du warst nicht in Passy, als Dein Gatte starb. Du bist in London gewesen. Du warst in Brüssel oder sonst irgendwo, und als Du wieder zurückkehrtest, war alles vorbei; Du hast seinen Leichenstein gesehen. Doktor Vimpany hatte ihn in der Behandlung; Du wußtest, daß er krank war, aber Du hieltest es für ein ganz geringfügiges Unwohlsein, das binnen kurzem wieder gehoben sein würde. Du gehst zu dem Advokaten und zeigst das Testament vor. Er hat die Lebensversicherungspapiere schon und wird auch alles übrige besorgen. Du brauchst nicht einmal etwas zu unterschreiben. Das einzige, was Du thun mußt, ist: Du mußt Dir eine vollständige Witwenkleidung anschaffen; es wird dann nicht das leiseste Bedenken erhoben werden, und wer alles in Erwägung zieht, wird es ganz begreiflich finden, wenn Du niemand besuchst und nirgends hingehst.«

Hughs Brief hatte indes in der armen Frau ihr besseres Selbst wieder wachgerufen; sie war zwar schon zu weit in den Betrug verwickelt, als daß sie hätte jetzt stehen bleiben können, aber sie schauderte doch jetzt davor zurück, als ihr eine thätige Rolle dabei aufgezwungen wurde.

»O Harry,« – sie brach in Thränen aus – »ich kann nicht, ich kann nicht! Du forderst von mir, daß ich eine Lügnerin, eine Diebin werde – o Gott im Himmel, eine gemeine Diebin!«

»Es ist zu spät, Iris! Wir sind alle gemeine Diebe. Es ist zu spät, jetzt mit Weinen und Wehklagen zu beginnen.«

»Harry,« – sie warf sich vor ihm auf ihre Kniee – »schone mich! Laß irgend eine andere Frau gehen und gib sie für Deine Witwe aus; ich will dann fortgehen und mich irgendwo verbergen.«

»Sprich keinen Unsinn, Iris,« antwortete er rauh. »Ich sage Dir, es ist viel zu spät; Du hättest Dir das früher überlegen müssen; jetzt ist alles vorbereitet.«

»Ich kann nicht gehen!« sagte sie.

»Du mußt gehen, andernfalls ist all unsere Mühe umsonst gewesen.«

»Dann will ich nicht gehen,« rief sie aufspringend, »ich will mich nicht noch tiefer erniedrigen, ich will nicht gehen!«

Harry stand auch auf; er schaute sie einen Augenblick an, dann senkten sich seine Augen. Selbst er erinnerte sich in dem Moment daran, wie tief eine Frau gesunken sein mußte, welche sich damit einverstanden erklärte, eine solche Rolle zu spielen.

»Du sollst nicht gehen,« sagte er, »wenn Du es nicht willst. Du kannst mich infolge meiner Handlungen, meiner Erniedrigung verlassen. Geh nach England zurück. Nur in einem schone mich: sage nicht, was Du weißt! Was mich betrifft, so werde ich einen Brief von Dir fälschen.«

»Einen Brief fälschen?«

»Gewiß, denn das ist der einzige Weg, der mir noch offen bleibt, um dem Advokaten Vollmacht zu erteilen, handelnd vorzugehen. Was sich dann zunächst ereignen wird, durch wessen Hände ich das Geld bekommen soll, weiß ich bis jetzt noch nicht. Aber Du kannst mich verlassen, Iris; es ist besser so, denn ich würde Dich immer noch tiefer und tiefer herabziehen.«

»Warum mußt Du den Brief fälschen? Warum kommst Du nicht mit mir irgendwohin? Die Welt ist ja so groß! Komm an irgend einen Ort, wo wir unbekannt sind, und wo wir ein neues Leben beginnen! Wir haben nicht viel Geld; aber ich kann meine Uhren, meine Ringe, meine Ketten verkaufen, und wir werden genug haben. O Harry, nur einmal laß Dich leiten, nur einmal höre auf mich! Wir werden irgend eine bescheidene Lebensstellung finden und können noch glücklich sein. Niemand ist ein Leid zugefügt worden dadurch, daß Du nur behauptet hast, Du seist tot. Niemand ist benachteiligt, niemand ist betrogen worden.«

»Iris, Du sprichst unüberlegt. Bildest Du Dir denn auch nur einen Augenblick ein, daß der Doktor mich von meiner Verpflichtung loslassen wird?«

»Welche Verpflichtung?«

»Nun, er muß doch natürlich bezahlt werden für den Teil, den er an der Sache genommen hat: ohne ihn wäre sie ja überhaupt gar nicht auszuführen gewesen.«

»Du mußt ihm also von dem Geld einen Teil geben?« sagte sie, sich wohl bewußt, daß dergleichen Abmachungen nichtig sind und vor das Gericht gehören.

»Gewiß, ich habe ihm eine große Summe von dem Geld abzugeben.«

»Nicht wahr, es beträgt im ganzen fünfzehntausend Pfund? Und wie viel mußt Du davon dem – dem Doktor zahlen?«

»Wir sind übereingekommen, daß er die Hälfte haben soll,« sagte Lord Harry leichthin lachend; »aber da ich glaubte, daß siebentausendfünfhundert Pfund eine Summe Geldes wären, die ihm wahrscheinlich den Kopf verdrehen und ihn in einem oder zwei Jahren zu Grunde richten würde, so sagte ich ihm, daß der ganze Betrag sich auf viertausend Pfund beliefe. Deshalb wird er zweitausend für seinen Teil bekommen, und das ist vollkommen genug für ihn.«

»Täuschung über Täuschung, Betrug über Betrug,« sagte seine Gattin. »Wollte Gott,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »Du wärest diesem Manne niemals begegnet!«

»Ich darf wohl sagen, daß das im ganzen genommen besser für mich wäre,« entgegnete er; »aber, liebes Kind, einem Manne wie mir geht es leider immer so, daß er mit Leuten zusammentrifft, mit denen er lieber hätte nicht zusammentreffen sollen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Der handelnde Schurke und der passive Teilnehmer, sie sind sicher, sich zu finden. Nicht daß ich irgend einen Stein auf den würdigen Doktor werfen sollte; nicht im entferntesten.«

»Das können wir auch nicht, Harry,« sagte seine Frau.

»Wir können nicht, mein Herz, sehr richtig bemerkt. Es bleibt nun nichts mehr zu sagen übrig. Du kennst die Lage der Dinge vollkommen. Du kannst Dich, wenn Du willst, noch beizeiten zurückziehen und mich verlassen; dann werde ich auf einen neuen Betrug sinnen müssen, der noch weit gefährlicher ist als der erste. Ich will Dich nicht mit ins Verderben ziehen, das ist mein Entschluß. Wenn es zu öffentlichem Skandal kommt – aber das soll es nicht, Iris – ich verspreche Dir das eine,« – in diesem Augenblick sah er wirklich so aus, als ob er es aufrichtig meinte, – »ehe ich die Schande auf mich nehme, will ich lieber sterben, – sterben, ohne daß Dein Name dabei genannt wird, und Du bemitleidet wirst, die Frau eines solchen Mannes gewesen zu sein.«

Wiederum gelang es ihm, sie für seine Absichten zu gewinnen.

»Harry,« sagte sie, »ich werde gehen.«

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