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Blinde Liebe. Zweiter Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
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secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Fünfundfünfzigstes Kapitel

Gegen Abend wurde der Däne in die Villa gebracht.

Ein Gefühl von Stolz, welches ihr verbot, irgend welche Neugier zu zeigen und welches vielleicht noch durch die unüberwindliche Scheu vor Mr. Vimpany verstärkt wurde, hielt Iris in ihrem Zimmer zurück. Nichts als der Schall von Fußtritten auf der Treppe sagte ihr, daß der kranke Mann in das für ihn zurecht gemachte Zimmer gebracht wurde, das in demselben Stockwerke lag. Fanny erzählte ihr später, daß der Doktor die Lampe auf dem Korridor klein geschraubt habe, bevor der Kranke die Treppen heraufgetragen wurde, um zu verhindern, daß die Herrin des Hauses das Gesicht genau sehen und so die auffallende Aehnlichkeit mit ihrem Gatten erkennen könnte.

Die Stunden schlichen dahin, das Geräusch des häuslichen Lebens versank in Stillschweigen, alle, nur Iris allein nicht, ruhten friedlich in ihren Betten.

Während der schlaflosen Nacht lastete das Gefühl ihrer traurigen Lage schwer auf ihr. Die Heimlichkeiten und die durch sie drohende unbekannte Gefahr beunruhigten sie im höchsten Grade. Das Haus, in welchem sie die ersten glücklichen Tage ihres ehelichen Lebens verbracht hatte, konnte über kurz oder lang der Schauplatz irgend einer schändlichen That werden, welche die lebenslängliche Trennung von ihrem Gatten erforderte. Welch entsetzlicher Gedanke!

Die frühen Morgenstunden kamen heran; immer noch lauschte sie vergebens auf den Klang der Fußtritte auf der Treppe, die ihr Lord Harrys Rückkehr ankündigen sollten; immer noch hatte sie nicht das vorsichtige Oeffnen seines Vorzimmers gehört. Iris verließ jetzt den Stuhl und legte sich auf das Bett. Nach einiger Zeit übermannte sie die Müdigkeit doch, und sie schlief ein.

Als sie spät am Morgen wieder erwacht war, klingelte sie nach Fanny Mere. Lord Harry war soeben nach Hause gekommen. Er hatte den letzten Nachtzug nach Passy versäumt, und anstatt das viele Geld, das ein Wagen um diese Zeit kosten würde, zu verschwenden, hatte er das freundliche Anerbieten eines Freundes angenommen, der ihm ein Bett in seinem Hause zur Verfügung stellte. Er wartete jetzt unten in der Hoffnung, Lady Harry beim Frühstück zu sehen.

Iris begab sich hinunter in das Speisezimmer.

Selbst nicht während der Zeit ihrer Flitterwochen war der irische Lord ein so unwiderstehlich liebenswürdiger Mann gewesen als an diesem denkwürdigen Morgen. Seine Entschuldigung, daß er die Rückkehr zur rechten Zeit versäumt, war ein kleines Meisterstück von gewinnender Liebenswürdigkeit. Dann berichtete er mit köstlicher Laune über die Theatervorstellung, die er am vergangenen Abend gesehen. Seine beißenden Bemerkungen über das Stück standen in ergötzlichem Gegensatz zu der fein begründeten Anerkennung des Spiels der Mitwirkenden. Die Zeit war vorüber, wo Iris eine solche unbarmherzige Spielerei mit ihren Gefühlen übel vermerkt haben würde. In früheren, glücklicheren Tagen hätte sie ihn in freundlicher Weise an ihr Anrecht auf sein Vertrauen erinnert; sie hätte alles versucht, was Liebenswürdigkeit und Geduld thun konnten, um ihn zu einem Bekenntnis des Einflusses zu bringen, welchen sein schlimmer Freund auf ihn ausübte, und sie hätte dagegen den ganzen Einfluß ihrer Liebe und ihrer Entschlossenheit aufgewendet, um diese verhängnisvolle Verbindung zu lösen, welche schließlich doch zu dem Verderben ihres Gatten führen mußte.

Aber aus Iris Henley war jetzt ganz eine Lady Harry geworden. Sie gab sich den Anschein, als ob sie für das, was ihr Gatte sprach, lebhaftes Interesse fühle, und wartete nur auf eine passende Gelegenheit, um ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Ohne es zu wissen, bot er ihr selbst diese Gelegenheit dar, indem er die gleiche Falle aufstellte, um seine Frau zu fangen, welche Iris anzuwenden beabsichtigte, um ihren Gatten zum Bekenntnis der Wahrheit zu zwingen.

»Jetzt habe ich aber mehr als genug von meinen Vergnügungen am vergangenen Abend erzählt,« sagte er. »Die Reihe ist nun an Dir, Liebling. Hast Du den armen Menschen, den der Doktor kuriren will, schon gesehen?« fragte er ganz unvermittelt. Es lag ihm sehr viel daran, herauszubekommen, ob sie die Aehnlichkeit zwischen Oxbye und ihm selbst bemerkt habe.

Ihre Augen ruhten gespannt auf ihm.

»Ich habe den Mann noch nicht gesehen,« antwortete sie. »Hegt Mr. Vimpany Hoffnung, ihn wiederherzustellen?«

Lord Harry zog seine Cigarrentasche heraus.

»Es liegt kein Grund vor, Schlimmes zu befürchten,« sagte er mit übertriebener Aufmerksamkeit für die Auswahl seiner Cigarre. »Mr. Oxbye befindet sich in guten Händen.«

»Viele Leute sterben an dieser Krankheit,« bemerkte sie ruhig.

Ohne darauf etwas zu erwidern, zog er sein Feuerzeug aus der Tasche. Seine Hand zitterte ein wenig. Der erste Versuch, ein Zündholz anzubrennen, mißlang.

»Die Aerzte machen zuweilen auch Fehler,« fuhr Iris fort.

Er blieb immer noch schweigsam. Der zweite Versuch mit dem Zündholz gelang, und er setzte seine Cigarre in Brand.

»Angenommen nun, Mr. Vimpany machte einen Fehler,« sagte Iris wieder. »Das würde in diesem Fall zu sehr bedauernswerten Folgen führen.«

Jetzt verlor Lord Harry seine Ruhe und mit ihr seine Farbe.

»Was zum Teufel soll das heißen?« fragte er zornig.

»Ich möchte meinerseits fragen,« antwortete sie, »was ich denn gesagt habe, das Dich so zornig werden läßt? Ich machte doch nur eine ganz einfache Bemerkung.«

In diesem kritischen Moment trat Fanny Mere ins Zimmer; sie hatte ein Telegramm in der Hand.

»Für Sie, Mylady.«

Iris öffnete das Telegramm; es war von Mrs. Vimpany unterzeichnet und enthielt folgende Worte:

»Sie sollten schleunigst zu Ihrem Vater kommen, er ist gefährlich erkrankt.«

Lord Harry sah seine Frau plötzlich die Farbe wechseln, und alsbald war in seiner schuldbewußten Seele der Argwohn rege.

»Betrifft das Telegramm mich?« fragte er.

Iris händigte ihm schweigend das Papier ein. Nachdem er es gelesen hatte, fragte er, was sie zu thun gedenke.

»Das Telegramm spricht deutlich genug,« entgegnete sie. »Hast Du etwas dagegen, wenn ich Dich verlasse und zu meinem Vater gehe?«

»Nicht das mindeste,« antwortete er schnell. »Du mußt auf alle Fälle gehen.«

Iris erhob sich, um auf ihr Zimmer zu gehen; er begleitete sie bis zur Thüre.

Nachdem die nötigsten Reisevorkehrungen getroffen, wollte Iris noch einen letzten Versuch machen, das Vertrauen ihres Gatten zu gewinnen. Aber er war weder in seinem Zimmer, noch in einem andern Teil des Hauses, noch im Garten zu finden. Die Stunde drängte; Iris mußte allein zu Mittag essen. Zum zweitenmale vermied er sie; zum zweitenmal hatte er Furcht vor dem Einfluß, den seine Fran auf seine Handlungen ausüben könnte! Mit schwerem Herzen traf sie ihre Vorbereitungen zur Abreise mit dem Kurierzug.

Fanny war durch ihre Pflichten als Krankenpflegerin in der Villa festgehalten. Von Sorge um das treue Mädchen erfüllt, das sie zurückließ, – welchem Schicksal, wer konnte es wissen? – küßte sie Iris beim Abschied.

Fannys blaßblaue Augen füllten sich mit Thränen; sie trocknete sie rasch und hielt die Hand ihrer Herrin einen Augenblick fest.

»Ich weiß, an wen Sie jetzt denken,« flüsterte sie. »Der gnädige Herr ist nicht hier, um Ihnen Lebewohl zu sagen. Lassen Sie mich sehen, ob ich in seinem Zimmer etwas für Sie finde.«

Iris hatte sich zwar schon überall im Zimmer Lord Harrys umgesehen in der Hoffnung, einen Brief zu finden, ohne etwas derart entdecken zu können, aber sie ließ Fanny hinauf eilen, um noch einmal nachzusuchen. Bald kam das Mädchen zurück mit einem kleinen Stück zusammengefalteten Schreibpapiers in der Hand.

»Meine häßlichen Augen sind besser als die Ihrigen,« sagte sie. »Der Wind muß zum Fenster hereingeweht und es vom Tisch heruntergeblasen haben.«

Iris las hastig den Brief:

»Ich darf Dir nicht verschweigen, daß es für Dich besser ist, wenn Du für die nächste Zeit nicht bei uns bleibst, aber nur für eine kurze Zeit. Verzeihe mir, Liebste, ich kann den Mut nicht finden, Dir Lebewohl zu sagen.«

Diese wenigen Worte waren alles, was er ihr zu sagen hatte!

Seine Frau antwortete ihm ihrerseits kurz, aber nicht unfreundlich:

»Du hast mir einen schmerzlichen Augenblick erspart. Darf ich hoffen, bei meiner Rückkehr den Mann zu finden, dem ich vertraut, den ich geachtet habe? – Lebe wohl!«

Wann sollten sie sich wiedersehen? – Und wie?

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