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Blinde Liebe. Zweiter Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Zweiter Band - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Vierundfünfzigstes Kapitel

Die Person, welche das Zimmer betrat, war Fanny Mere.

Ein einziger Gedanke beschäftigte jetzt Iris.

»Wissen Sie, wo Ihr Herr ist?« fragte sie.

»Ich sah ihn ausgehen,« antwortete das Mädchen; »welchen Weg er aber eingeschlagen hat, darauf habe ich nicht acht gegeben.«

Fanny nahm die Gelegenheit wahr, vor ihrer Gebieterin ihr Herz auszuschütten. Sie beichtete, wie Mr. Vimpany entdeckt hatte, daß sie französisch verstehe, wie dann der Doktor selbst es gewesen, der sie vor dem Zorn ihres Herrn geschützt, und wie er sie höchst merkwürdigerweise dazu ausersehen habe, die Pflegerin des Kranken zu werden, dessen Ankunft bevorstand.

»Mylady werden mich hoffentlich entschuldigen,« sagte sie, »ich habe das Anerbieten angenommen.«

Diese wunderbare Wendung verblüffte Iris vollständig.

»Was soll man nun daraus machen?« fragte sie ratlos. »Ist Mr. Vimpany noch ein verwegenerer Schurke, als ich bisher geglaubt habe?«

»Das ist er ganz gewiß!« antwortete Fanny mit vollster Ueberzeugung. »Was er in Wahrheit dabei beabsichtigt in seinen verworfenen Gedanken, das werde ich schon mit der Zeit herausbekommen; jedenfalls bin ich einstweilen die Wärterin, welche ihn in der Pflege des Kranken unterstützen soll. Als ich heute morgen Ihnen zuwiderhandelte, Mylady, geschah es nur, weil ich Mr. Vimpany in das Hospital begleiten sollte. Ich habe dort auch gleich den Mann gesehen, den ich in Zukunft pflegen werde. Ein armer, schwacher, höflicher Mensch, der aussah, als ob er keiner Fliege an der Wand etwas zu leide thun könnte, und dennoch erschreckte mich sein Anblick, denn ich entdeckte sofort eine auffallende Aehnlichkeit mit jemand.«

»Mit jemand, den ich kenne?« fragte Iris.

»Mit dem, Mylady, der Ihnen von allen Menschen auf der Welt am nächsten steht – eine Aehnlichkeit mit dem gnädigen Herrn.«

»Wie?«

»O, es ist keine Einbildung; ich weiß ganz genau, was ich sage. Für mich hat die Aehnlichkeit des Dänen mit Mylord etwas entschieden Unheimliches; ich weiß nicht, warum. Ich kann nur sagen, daß es mir nicht gefällt, und ich werde nicht eher ruhen, als bis ich herausgebracht habe, was es zu bedeuten hat. Außerdem, Mylady, muß ich noch den Grund ermitteln, warum diese beiden Herren Sie von hier entfernen wollen. Bitte, nehmen Sie Ihren ganzen Mut, Ihre ganze Kraft zusammen. Ich werde Sie noch rechtzeitig warnen, wenn ich von einer Ihnen drohenden Gefahr überzeugt bin.«

Iris wollte nicht zugeben, daß für sie irgendwelche Gefahr aus diesen Dingen erwachsen könne.

»Sie sind es, die sich in Gefahr begeben will!« rief sie aus.

Fanny antwortete ruhig:

»Das geschieht in Ihrem Dienst und zählt daher nicht.«

Obgleich Iris dankbar diesen einfachen Ausdruck der Anhänglichkeit empfand, beharrte sie doch auf ihrer Meinung.

»Sie stehen in meinem Dienst,« sagte sie; »ich lasse Sie einfach nicht fort zu Mr. Vimpany. Geben Sie Ihren Plan auf, Fanny, geben Sie ihn auf!«

»Ich werde ihn aufgeben, Mylady, wenn ich weiß, was der Doktor zu thun beabsichtigt; eher nicht.«

Da ihre Autorität nicht durchdrang, versuchte es Iris mit Ueberredung.

»Als Ihre Herrin habe ich die Pflicht, Ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen,« sagte sie. »Eine von uns muß in diesem Wirrwarr die Vernünftige bleiben. Lassen Sie mich versuchen, das zu sein. Es kann nichts Schlimmes, aber wohl viel Gutes bringen, wenn wir in dieser Sache eine Frau um Rat fragen, auf deren Treue und Verschwiegenheit ich bauen kann.«

»Kenne ich die Dame, an welche Mylady dabei denkt?« fragte Fanny. »In diesem Fall wird diese Freundin schon morgen früh wissen, um was es sich handelt; ich habe an Mrs. Vimpany geschrieben.«

»Sie ist es, die ich im Sinn hatte, Fanny. Wann können wir von ihr eine Antwort erwarten?«

»Wenn Mrs. Vimpany kurz besonnen ist,« antwortete Fanny, »werden wir morgen ein Telegramm von ihr haben.«

Ein heftiges Klopfen an die Zimmerthüre schreckte die Beiden aus ihrem Gespräch.

»Wer ist da?« rief Iris argwöhnisch.

Des Doktors rauhe Stimme antwortete:

»Kann ich einige Worte mit Fanny Mere sprechen?« Das Mädchen öffnete die Thür. Mr. Vimpanys schwere Hand faßte sie am Arm, führte sie durch den Hausflur und schloß die Thür hinter ihr. Nach kurzer Abwesenheit kehrte Fanny zurück mit Nachrichten von Mylord.

Ein Dienstmann hatte eine Botschaft an den Doktor gebracht, und Fanny war beauftragt, sie ihrer Herrin mitzuteilen.

Lord Harry ließ aus Paris sagen, er sei von einigen Freunden eingeladen worden, mit ihnen in das Theater zu gehen und dann mit ihnen zu soupiren. Wenn er daher erst spät nach Hause käme, so solle sich Mylady deswegen nicht ängstigen. Ihr Gatte hatte also die bestimmte Absicht gehabt, nachdem er Mr. Vimpanys Dazwischentreten in dem Garten gutgeheißen, eine nochmalige Unterredung mit seiner Frau zu vermeiden. Iris blieb allein und konnte nun über diese Entdeckung nachdenken, denn Fanny hatte Befehl erhalten, das Schlafzimmer für die Aufnahme des Kranken zurecht zu machen.

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