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Blinde Liebe. Zweiter Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Dreiundfünfzigstes Kapitel

»Wo ist Lord Harry?« fragte Iris.

Die Antwort, die sie auf diese Frage erhielt, erschreckte sie. »Lord Harry überläßt es mir, Ihnen zu sagen, Mylady, wozu er selbst nicht den Mut besitzt.«

»Ich verstehe Sie nicht, Mr. Vimpany.«

Der Doktor zeigte auf das Farnkraut, das soeben der Gegenstand der sorglichen Bemühungen Lady Harrys gewesen war.

»Sie haben dieser kranken Pflanze geholfen, damit sie weiter leben und weiter gedeihen könne. Neugierde trieb mich, Sie dabei zu beobachten, denn ich habe dasselbe mit einer andern kranken Pflanze vor. Mein Garten ist die leidende Menschheit, meine Kunst die des Arztes. Was es sonst noch ist, das – ich sage es Ihnen offen – wird sich wahrscheinlich nicht sehr angenehm für eine Dame anhören, besonders wenn es ein Mann ausspricht, der alles, wie Sie wissen, frei von der Leber weg redet. Aber nicht böse sein! Ihr ergebener Diener versucht nur, den richtigen Eindruck auf Sie hervorzubringen, und erlaubt sich, in einem gewissen Punkte Lord Harry nicht viel zuzutrauen.«

»In welchem Punkt, Sir?«

»Ich werde es in die Form einer Frage kleiden, Mylady. Hat mein Freund Sie dazu gebracht, Vorbereitungen für Ihren Weggang aus der Villa zu treffen?«

Iris maß Lord Harrys Freund mit den Blicken, ohne sich die Mühe zu geben, ihre wahre Ansicht über ihn zu verbergen.

»Das ist eine unverschämte Frage,« sagte sie. »Wer gibt Ihnen das Recht, sich darnach zu erkundigen, was mein Gatte und ich mit einander gesprochen haben?«

»Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, Mylady? Oder, wenn das zu viel verlangt ist, wollen Sie sich wenigstens selbst Gerechtigkeit widerfahren lassen? Bitte, versuchen Sie es einmal, die Tugend der Selbstbeherrschung zu üben.«

»Ganz nutzlos, Mr. Vimpany. Bemerken Sie gefälligst, daß Sie nicht im stande sind, mich in Zorn zu bringen.«

»Ich danke Ihnen sehr, Lady Harry; Sie ermutigen mich, fortzufahren. Wenn ich kühn genug war, von Ihrem Weggang aus der Villa zu sprechen, so hatte ich dabei nur den guten Zweck im Auge, Sie vor nutzloser Beunruhigung zu bewahren.«

»Und was sollte mich denn beunruhigen?« fragte Iris scharf.

»In dieser unserer kleinen, merkwürdigen Welt,« erwiderte der Doktor gelassen, »genießen wir unser Leben nur unter höllisch harten Bedingungen. Wir leben unter der Bedingung, daß wir sterben. Der Mann, welchen ich heilen will, kann sterben trotz allem, was ich zu thun für ihn im stande bin – er kann langsam dahinsiechen, was wir Aerzte einen harten Tod nennen. Zum Beispiel würde es mich gar nicht verwundern, wenn es mir große Schwierigkeiten verursachen würde, ihn in seinem Bett zu halten. Es kann leicht sein, daß er im ganzen Hause herum tobt und lärmt, wenn ich den Rücken gewendet habe. Es kann aber auch sein, daß er laut schreit und flucht. Wenn Sie so etwas von ihm hörten, würden Sie, wie ich fürchte, sehr entsetzt sein, und trotz meines besten Bestrebens, dies zu verhindern, kann ich, wenn das Schlimmste sich ereignet, doch nicht dafür bürgen, ihn ruhig zu halten; an Ihrer Stelle würde ich – wenn Sie mir erlauben wollen, Ihnen einen freundschaftlichen Rat zu geben –«

Iris unterbrach ihn. Anstatt ihr die Wahrheit zu bekennen, war er so unverschämt, sie einschüchtern zu wollen.

»Ich erlaube einer Person, zu der ich kein Vertrauen habe, nicht, mir zu raten,« sagte sie. »Ich wünsche nichts weiter zu hören.«

»Gestatten Sie mir noch ein letztes Wort,« sagte Vimpany mit seiner unerschütterlichen Zudringlichkeit. »Ich wollte mir durchaus nicht herausnehmen, Ihnen, Mylady, meinen Rat aufzudrängen; ich wollte Ihnen nur in ganz bescheidener Weise einen Wink geben. Wie mir Lord Harry erzählte, befindet sich Hugh Mountjoy wieder auf dem Weg der Besserung. Sie stehen mit ihm in brieflicher Verbindung, wie ich zufällig bemerkte, als ich das Glück hatte, Ihnen den unbedeutenden Dienst mit der Briefmarke erweisen zu dürfen. Warum gehen Sie nicht nach London und überraschen und erfreuen durch einen unerwarteten Besuch Ihren alten Freund? – Harry wird nichts dagegen haben – ich bitte sehr um Entschuldigung, ich hätte sagen sollen Lord Harry. Sehen Sie, meine teure Lady, ich bin ein rauher Knabe, aber ich meine es gut. Geben Sie sich selbst Ferien, und kommen Sie wieder zu uns zurück, wenn Mylord Ihnen schreibt, daß er das Vergnügen haben kann, Sie wieder zu empfangen.« Er wartete einen Augenblick, dann fragte er: »Soll mir nicht das Glück einer Antwort zu teil werden?«

»Mein Gatte wird Ihnen antworten.«

Nach diesen unzweideutig verabschiedenden Worten kehrte Iris dem Doktor den Rücken zu.

Sie trat in das Haus und suchte Lord Harry bald in diesem, bald in jenem Zimmer, aber er war nirgends zu finden. Sollte er absichtlich fortgegangen sein, um nicht mit ihr zusammenzutreffen? – Ihre Erinnerung an Mr. Vimpanys Worte und Benehmen sagte ihr, daß es so sein müsse. Die beiden Männer waren im Bunde mit einander. Von allen Gefahren ist die unbekannte Gefahr die schrecklichste. Die letzten Stützen von Lady Harrys Entschlossenheit brachen zusammen; sie sank ratlos in einen Stuhl.

Nach einem Zeitraum – ob er kurz oder lang gewesen war, das konnte sie mit dem besten Willen nicht entscheiden – hörte sie jemand draußen an der Thür. Hatte sich Lord Harry anders besonnen und kam nun zurück zu ihr?

»Herein,« rief sie hastig, »herein!«

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