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Blinde Liebe. Zweiter Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Zweiundfünfzigstes Kapitel

Der Tag, an welchem der Doktor die neue Krankenpflegerin mit sich in das Hospital nahm, sollte Iris in traurigem Andenken bleiben.

Am Morgen hatte Fanny Mere sie um die Erlaubnis gebeten, ausgehen zu dürfen. Vor kurzem noch hatte Lady Harry ihr so oft dazu die Erlaubnis erteilt. Diesmal jedoch entschloß sie sich, da die früheren Ausgänge Fannys das gewünschte Ergebnis nicht gehabt hatten und weil sie auch nicht mehr mit ihrer Untergebenen gemeinsame Geheimnisse haben wollte, die Erlaubnis zu verweigern. Fanny versuchte keine Einwendungen und verließ schweigend das Zimmer.

Eine halbe Stunde später klingelte Iris nach ihrem Kammermädchen. Daraufhin erschien die Köchin und meldete als Entschuldigung für ihr Kommen, daß Fanny Mere ausgegangen sei. Iris war über diese unbekümmerte Mißachtung ihres Befehls von seiten einer Person, welche ihr noch vor kurzem ihre dankbare Ergebenheit ausgedrückt hatte, mehr betrübt als erzürnt. Zur Köchin sagte sie nur:

»Schicken Sie Fanny sofort zu mir, wenn sie zurückkommt.«

Zwei Stunden vergingen, ehe dies der Fall war.

»Ich habe Ihnen die Erlaubnis nicht gegeben, heute morgen auszugehen, und Sie haben sich trotzdem die Freiheit genommen, zwei Stunden lang das Haus zu verlassen. Sie hätten mir wohl auf eine etwas passendere Weise zu verstehen geben können, daß Sie die Absicht haben, meinen Dienst zu verlassen.«

Höflich wie immer antwortete Fanny:

»Ich will Ihren Dienst gar nicht verlassen, Mylady.«

»Was soll dann Ihr Benehmen bedeuten?«

»Es bedeutet, wenn Sie nichts dagegen haben, daß ich eine Pflicht zu erfüllen hatte, und daß ich sie erfüllt habe.«

»Eine Pflicht gegen sich selbst?« fragte Iris.

»Nein, Mylady, eine Pflicht gegen Sie.«

Gerade als sie diese Antwort gab, wurde die Thür geöffnet, und Lord Harry betrat das Zimmer. Als er Fanny Mere erblickte, kehrte er sogleich um und wollte hinausgehen.

»Ich wußte nicht, daß Dein Kammermädchen bei Dir ist,« sagte er. »Ich werde später wiederkommen.«

Daß ihr Gemahl einen Dienstboten als ein Hindernis ansah, wenn er mit ihr zu sprechen wünschte, war ein durchaus unpassendes Zugeständnis für den Herrn des Hauses und ganz und gar entgegengesetzt seiner gewöhnlichen Ansicht von dem, was ihm zustand. Iris rief ihn erstaunt zurück. Sie sah ihr Mädchen an, das sogleich ihre Herrin verstand und sich zurückzog.

»Was hat denn das zu bedeuten?« fragte sie ihren Gemahl, als sie allein waren. Alsbald bemerkte sie eine gewisse Verlegenheit und Verwirrung in seinem Wesen, die sie beunruhigte. »Ist irgend etwas geschehen,« fragte sie, »das so ernst ist, daß Du Bedenken trägst, es mir mitzuteilen?«

Er setzte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Der zärtliche Blick aber, den sie so gut kannte, sprach jetzt nicht aus seinen Augen; sie drückten im Gegenteil Zweifel aus.

»Ich fürchte, ich werde Dich unangenehm überraschen.«

»Laß mich nicht lange im unklaren, was es ist,« entgegnete sie. »Sag' es mir rund heraus.«

Er lächelte gezwungen.

»Es handelt sich um Vimpany.«

Nachdem er so weit gekommen war, schwieg er wieder still. Sie entzog ihm ihre Hand.

»Ich verstehe jetzt,« sagte sie; »ich muß mir Mühe geben, mich zu beherrschen. Du hast mir jedenfalls etwas zu sagen, was mich erregen wird.«

Er hob seine Hände auf in komischem Protest.

»O mein Liebling, da hast Du wieder einmal Deine allzu lebhafte Einbildung, die aus der Mücke einen Elefanten macht, wie es im Sprichwort heißt; es ist nicht halb so ernst, wie Du Dir zu denken scheinst. Ich will Dir nur sagen, daß eine kleine Veränderung stattfinden wird.«

»Eine kleine Veränderung?« wiederholte sie. »Was für eine denn?«

»Nun, mein Liebling, Du siehst –« Er stockte, nahm sich aber dann wieder zusammen und fuhr fort: »Du mußt nämlich wissen, daß Vimpanys Pläne sich geändert haben. Er wird nicht länger das Zimmer hier in unserer Villa bewohnen.«

Iris sah unaussprechlich erleichtert aus.

»Er will endlich weggehen?« rief sie. »O Harry, warum hast Du mich so geängstigt? – Das solltest Du niemals wieder thun. Es sieht Dir gar nicht ähnlich. Es ist grausam, mich wegen nichts zu beunruhigen. Mr. Vimpanys Zimmer wird für mich von jetzt an der interessanteste Raum im ganzen Hause sein, wenn ich abends hineinsehen werde.«

Lord Harry stand auf und trat ans Fenster. Iris kannte den Grund dieser Bewegung nur zu gut, sie folgte ihm und trat an seine Seite. Es war für sie jetzt gar kein Zweifel mehr vorhanden, daß ihr Mann ihr noch mehr zu sagen hatte, und daß er nur noch nicht wußte, wie er es seiner Frau mitteilen sollte.

»Fahre fort!« sagte sie still ergeben.

Er hatte erwartet, daß sie seinen Arm nehmen würde oder daß sie ihm schmeicheln oder ihn wenigstens durch ihre freundlichen Worte oder ihr süßes Lächeln ermutigen würde. Aber die andauernde Selbstbeherrschung, welche sie jetzt bewies, legte er als ein Zeichen zurückgehaltenen Grolls aus.

»Gut,« sagte er, »es ist nur das: Du darfst abends in dieses Zimmer nicht gehen.«

»Warum denn nicht?«

»O, aus dem einfachsten Grunde auf der Welt: Du könntest nämlich jemand darin finden.«

Diese Antwort erregte ihre Neugier; fragend ruhten ihre Augen auf ihm.

»Einen Deiner Freunde?« fragte sie.

Er fuhr fort, gute Laune zu heucheln, die sich aber durch die Art und Weise, wie sie zum Ausdruck kam, nur zu sehr als erkünstelt erwies. »Ich muß gestehen, es kommt mir vor, als ob ich vor einem Gerichtshof stände und von einem Richter verhört würde; nun, mein Liebling, nein, nicht ganz ein Freund von mir.«

Sie dachte einen Augenblick nach.

»Du meinst doch hoffentlich nicht etwa einen Freund von Mr. Vimpany?« fragte sie.

Er that, als ob er diese Frage nicht gehört hätte, und zeigte durch das Fenster hinaus in den Garten.

»Haben wir heute nicht einen prächtigen Tag? Komm, wir wollen ein wenig hinausgehen und uns die Blumen ansehen,« schlug er vor.

»Hast Du nicht gehört, was ich soeben gesagt habe?« entgegnete sie.

»Entschuldige, Liebling, ich dachte gerade an etwas anderes. Wollen wir nicht in den Garten gehen?«

Iris blieb ruhig am Fenster stehen, fest entschlossen, eine Antwort zu erzwingen.

»Ich fragte Dich, Harry, ob die Person, welche an Stelle Mr. Vimpanys das Zimmer beziehen wird, einer von dessen Freunden ist.«

»Sagen wir ein Patient von Mr. Vimpany, und Du wirst der Wahrheit schon näher gekommen sein,« antwortete er ungeduldig.

Sie konnte ihm unmöglich glauben.

»Ist es wirklich eine kranke Person?« fragte sie.

»Natürlich!« antwortete er.

»Ein Mann oder eine Frau?«

»Ein Mann.«

»Darf ich fragen, ob er aus England kommt?«

»Er kommt aus einem der französischen Hospitäler. Wünschest Du sonst noch etwas zu wissen?«

Iris ließ jetzt ihrem Gatten Zeit, seine gute Laune wiederzugewinnen, und ging zu ihrem Stuhl zurück. Das sonderbare Geständnis, welches sie ihm entlockt, hatte einen geradezu betäubenden Eindruck auf sie gemacht. Ihre Liebe zu ihm, ihre feine weibliche Beobachtung seines Charakters, ihre genaue Bekanntschaft mit all seinen Vorzügen und Fehlern konnten diesmal keinen vernünftigen Anhaltspunkt finden für die Erklärung dessen, was sie vernommen. Sie sah sich nach ihm um mit dem gemischten Gefühl des Erstaunens und der Bekümmernis.

Er stand immer noch am Fenster, aber er hatte demselben den Rücken zugekehrt. Seine Augen hingen voll heimlicher Erwartung an seiner Frau. In der That nahm sie noch einmal das Wort.

»Ich muß offen bekennen,« sagte sie, »daß ich nicht ganz das Opfer verstehe, welches Du Mr. Vimpany bringen zu wollen scheinst. Willst Du mir sagen, Harry, was das zu bedeuten hat?«

Hier bot sich die günstige Gelegenheit, dem Rate des Doktors zu folgen und die Leichtgläubigkeit seiner Frau auf die Probe zu stellen. Würde sie, da sie Vimpany genau kannte, wirklich die Geschichte glauben, welche sein nobler Freund und er den fremden Aerzten im Hospital vorgelogen hatten? – Lord Harry war entschlossen, wenigstens den Versuch zu machen; welches auch das Ergebnis sein mochte, jedenfalls war er der Verantwortlichkeit ledig, die ihn jetzt so schwer bedrückte. Er brauchte nichts mehr zu sagen, wenn die Täuschung gelang. Er konnte nichts mehr thun, wenn dies nicht der Fall war. Unter dem Einfluß dieser beruhigenden Ueberlegung gewann er seinen Mut wieder; sein hübsches Gesicht erstrahlte von neuem in seinem liebenswürdigen, jugendlichen Lachen.

»Was für eine wunderbare Frau Du bist!« rief er aus. »Stehe ich denn nicht gerade deshalb hier, um Dir zu sagen, was ich meine, und meine kluge Frau durchschaut mich ganz und gar und erinnert mich daran, was ich thun muß. Zahle mir aber erst meinen Lohn, Iris, gib mir einen Kuß. Die Erklärung wird mir sehr erleichtert werden, wenn Du an eines denkst: Vimpany und ich sind alte Freunde, und es gibt nichts, was wir uns nicht gegenseitig gern zu Gefallen thäten.«

Die dumme Erdichtung, welche der Doktor erfunden hatte, übte auf Iris eine Wirkung aus, auf welche Lord Harry gar nicht vorbereitet war. Je länger Iris zuhörte, um so befremdeter sah sie ihren Gatten an. Nicht ein Wort fiel von ihren Lippen, als er geendet hatte; er bemerkte, daß sie blaß wurde – es schien ihm fast, als ob er sie erschreckt hätte.

Wenn sein kleiner Verstand Ursache und Wirkung hätte vereinigen können, das wäre gerade das Resultat gewesen, welches er hatte erreichen wollen.

Man verlangte von ihr, zu glauben, daß eine neue Methode in der ärztlichen Behandlung von einem Menschen wie Mr. Vimpany erfunden worden sei. Man verlangte von ihr, zu glauben, daß ein Kranker aus einem fremden Hospital, der außerdem Lord Harry vollständig unbekannt war, aus reiner Menschenfreundlichkeit in die Villa aufgenommen werden sollte. Man verlangte von ihr, zu glauben, daß dies erstaunliche Zugeständnis dem Doktor als ein Tribut der Freundschaft gezollt würde, nachdem ihr Gatte ihr doch selbst gesagt hatte, daß er bedaure, Vimpany zum zweitenmal zu sich eingeladen zu haben. Hier war ein unwahrscheinlicher Umstand auf den andern gehäuft, und man stellte nun an eine kluge Frau die lächerliche Zumutung, die ungeheuerlichen Beweggründe, die man ihr auftischte, als glaubwürdige Thatsachen anzunehmen. Unwiderstehlich warf die Furcht vor irgend etwas Schlechtem einen tiefen Schatten über ihr Gemüt. Es war kein Irrtum von Lord Harry, als er Iris blaß werden sah, und als er fürchtete, er habe sie erschreckt.

»Wenn meine Erklärung Dich zufrieden stellt,« begann er jetzt wieder, »so brauchen wir nicht mehr darüber zu reden.«

»Ich stimme mit Dir vollständig überein, wir wollen nicht weiter darüber sprechen.«

Es wurde ihr zu eng in demselben Zimmer mit dem Mann, der sie absichtlich belog und der doch ihr Gatte war. Sie erinnerte Lord Harry daran, daß er einen Spaziergang in den Garten vorgeschlagen. In der freien Luft, unter freiem Himmel hoffte sie leichter atmen zu können.

»Wir wollen nach den Blumen sehen,« sagte sie.

So gingen sie beide zusammen in den Garten – die Frau, die ihren lügnerischen Gatten fürchtete, und der Mann, der seine kluge Frau fürchtete.

Während sie wie zwei Fremde schweigend neben einander hergingen, sahen sie sich hie und da die Blumen und sonstigen Gewächse an. Iris bemerkte ein zartes Farnkraut, welches sich von der Stütze losgemacht hatte, an der es sich bisher festgehalten hatte. Sie blieb stehen und beschäftigte sich damit, es wieder aufzurichten; als sie damit fertig war und wieder aufblickte, war ihr Gatte verschwunden, und an seiner Stelle stand Mr. Vimpany.

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