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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20120103
modified20160718
projectidea17925b
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Drittes Kapitel

Wenn Iris Henley einmal stirbt, so wird sie aller Wahrscheinlichkeit nach Freunde hinterlassen, welche ihrer gedenken und über sie sprechen, und bei diesem Gespräch mögen zufällig Fremde anwesend sein (in den meisten Fällen natürlich Frauen), deren Neugierde sie Fragen stellen läßt, die sich auf die äußere Erscheinung und den Charakter der Verstorbenen beziehen. Keine Antworten werden jedoch den Fragenden eine wahrheitsgetreue Beschreibung geben. Miß Henleys hauptsächlichster Vorzug bestand in einer wunderbaren Beweglichkeit des Ausdrucks, welche jeden Wechsel in ihrem Denken und Fühlen widerspiegelte, besonders für zarte und empfindliche Frauennaturen. Wahrscheinlich aus diesem Grunde wird auch keine Schilderung ihrer Persönlichkeit mit der andern übereinstimmen. Keine Vergleiche werden eine richtige Anschauung von ihr geben. Das einzige Bild, welches von Iris gemalt worden ist, wird nur von parteiischen Freunden des Künstlers als getroffen bezeichnet. In und außerhalb Londons wurden photographische Aufnahmen von ihr gemacht. Sie haben die Ehre, in dieser einen Hinsicht den Porträts von Shakespeare zu gleichen – neben einander gesehen ist es nicht möglich, zu entdecken, daß sie ein und dieselbe Person darstellen. Was das Zeugnis anbetrifft, das das liebende Gedächtnis ihrer Freunde gibt, so ist es sicherlich in letztem Grunde auch widersprechend. Sie hat ein angenehmes Gesicht, ein gewöhnliches Gesicht, ein kluges Gesicht – eine häßliche Gesichtsfarbe, eine zarte Gesichtsfarbe, überhaupt gar keine Farbe – Augen, die eine heftige Gemütsart, einen glänzenden Geist, einen festen Charakter, einen leidenschaftlichen Sinn, eine ehrliche Natur, hysterische Empfindlichkeit, unbezwingbaren Eigensinn verraten. Ihre Gestalt ist zu klein; nein, sie hat gerade die rechte Größe; nein, sie ist weder das eine noch das andere. Sie trägt sich elegant, oder ihr Anzug ist schäbig, ganz, wie man will; o gewiß nicht, ihr Anzug ist gediegen und einfach; nein, etwas mehr als das, herausfordernd, theatralisch einfach, getragen mit der deutlich ausgesprochenen Absicht, nicht so gekleidet zu sein wie die anderen. War denn diese Menge von Widersprüchen auch schon da, als Iris noch lebte? Ja und nein; ja – unter den Leuten; nein – nicht ohne Beschränkung. Der Mann, der sie vor allen anderen am meisten hätte lieb haben sollen, war gerade derjenige, der sie am übelsten behandelte – ihr eigener Vater. Und als das arme Mädchen heiratete (wenn sie überhaupt geheiratet hat), wie viele von Ihnen haben denn der Hochzeit beigewohnt? – Keine von uns. Und als sie gestorben war, wer von Ihnen hat sie betrauert und beweint? Wir alle – was? Bei dieser besonderen traurigen Veranlassung gab es keine Meinungsverschiedenheit – wir stimmten damals, Gott sei Dank, alle überein.

Lassen wir die Jahre zurückrollen und Iris selbst sprechen in der denkwürdigen Zeit, da sie in der ersten Blüte der Jugend stand und ein bewegtes Leben noch vor ihr lag.

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