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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 39
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Achtunddreißigstes Kapitel

Nachdem Mountjoy sich mit der Frau allein sah, deren Reize ihn immer noch fesselten, so grausam sie auch seine Liebe durch ihre Heirat getäuscht hatte, fand er, daß die gesprächige Liebenswürdigkeit des Gatten von der Gattin nachgeahmt wurde. Auch sie war eifrig bemüht, nachdem sich kaum die Thür hinter Lord Harry geschlossen, Hugh zu überzeugen, daß ihre Heirat das glücklichste Ereignis ihres Lebens gewesen sei.

»Werden Sie schlimm von mir denken,« begann sie, »wenn ich eingestehe, daß ich kaum erwartet habe, Sie wiederzusehen?«

»Gewiß nicht, Iris.«

»Bedenken Sie meine Lage,« fuhr sie fort. »Wenn ich daran dachte, wie Sie versucht haben, und zwar in guter Absicht versucht haben, meine Heirat zu verhindern – wie Sie nur die traurigsten Folgen voraussagten, die es haben müßte, wenn ich mein Leben mit dem Harrys verbände, – konnte ich dann noch zu hoffen wagen, daß Sie hieher kommen würden, um sich selbst zu überzeugen? Lieber und guter Freund, ich habe nichts von den Folgen zu befürchten; Ihre Gegenwart konnte mir niemals willkommener sein, als sie es jetzt ist.«

War es nun dem Vorurteile auf Mountjoys Seite zuzuschreiben oder seiner scharfen und richtigen Beobachtung, – er entdeckte etwas Erkünsteltes und Unnatürliches in dem Ausdrucke ihrer Fröhlichkeit. Aus ihren Augen sprach nicht die ruhige, lichte Wahrheit, welche er in den vergangenen besseren Tagen darin gesehen hatte. Er war auch etwas, aber nur sehr wenig, beleidigt. Die Versuchung, sie daran zu erinnern, daß sein Mißtrauen gegen Lord Harry einstens auch von ihr geteilt worden war, erwies sich stärker, als daß seine menschliche Schwachheit Widerstand hätte leisten können.

»Ihr Gedächtnis ist zwar im allgemeinem ausgezeichnet,« sagte er, »aber es scheint jetzt doch nicht mehr so gut zu sein wie früher.«

»Was habe ich denn vergessen?«

»Sie haben die Zeit vergessen, liebe Iris, wo Sie ebenso wie ich vor einer Heirat mit Lord Harry Furcht hegten.«

Sie hatte die Antwort darauf sofort bereit.

»O, damals habe ich ihn noch nicht so gut gekannt, wie ich ihn jetzt kenne.«

Manche Männer würden, wenn sie sich in Mountjoys Lage befunden hätten, durch diese Worte veranlaßt worden sein, ihr zu verstehen zu geben, daß ihres Gatten Charakter auch andere Seiten habe, die sie vermutlich noch nicht entdeckt. Aber Hughs liebenswürdige und vornehme Seele war nur einen Augenblick aus der Fassung gebracht, dann gewann er seine schöne Ruhe wieder. Ihr Freund war immer noch ihr wahrer Freund; er sagte nichts mehr über ihre Heirat.

»Alte Gewohnheiten sind nicht abzuschütteln und beiseite zu legen,« fuhr er fort, »ich bin so lange gewohnt gewesen, Ihnen zu raten und zu helfen, daß ich hoffte, Sie würden meine Dienste auch jetzt noch entgegen nehmen. Gibt es denn gar kein Mittel, wodurch ich Sie von der verhaßten Gegenwart Mr. Vimpanys befreien könnte?«

»Mein lieber Hugh, ich wollte, Sie hätten Mr. Vimpany nicht erwähnt!«

Mountjoy erkannte aus diesen Worten, wie wenig angenehm ihr das angeschlagene Thema sei.

»Nach der Ansicht, welche Sie mir in Ihrem Brief über den Doktor mitgeteilt haben,« sagte er, »hätte ich eigentlich nicht von ihm sprechen sollen.«

Iris sah betrübt zu ihm empor.

»O, Sie sind vollständig im Irrtum, man hat den armen Doktor ganz falsch beurteilt und ich,« – sie schüttelte ihren Kopf und seufzte reumütig – »ich gehöre auch zu denjenigen, die ihm unwissentlich unrecht gethan haben. Bitte, fragen Sie meinen Gatten, hören Sie, was er Ihnen sagen kann, und dann werden Sie gewiß auch Mitleid mit Mr. Vimpany haben. Die Zeitung stellt so große Anforderungen an unsere Kasse, daß wir nur wenig zu seiner Unterstützung thun können. Auf Ihre Empfehlung hin würde er sicherlich eine Anstellung oder Beschäftigung finden.«

»Er hat mich schon gebeten, ihm zu helfen, Iris, ich habe es ihm aber rundweg abgeschlagen. Ich kann überhaupt nicht mit Ihrer Meinungsänderung über Mr. Vimpany übereinstimmen.«

»Warum? Vielleicht etwa deswegen, weil er sich von seiner Frau getrennt hat?«

»Das ist ein Grund neben verschiedenen anderen,« entgegnete Hugh.

»Sie haben unrecht, wirklich, Sie haben unrecht. Lord Harry kennt Mrs. Vimpany schon seit Jahren, und er sagt – es hat mir, offen gestanden, sehr leid gethan, dies hören zu müssen – sie wäre der schuldige Teil.«

Hugh änderte wieder das Gesprächsthema. Die Ursache, die ihn hauptsächlich dazu gebracht hatte, England zu verlassen, war noch nicht berührt worden.

Er kam jetzt auf die Zeitung zu sprechen und auf die schweren pekuniären Opfer, welche das neue Journal schon im voraus gefordert. Er erinnerte Iris daran, daß ihre lange und vertraute Freundschaft ihm das Recht gebe, sich ihrer Sache anzunehmen.

»Ich würde es nicht gewagt haben, meine Meinung darüber auszusprechen,« fügte er hinzu, »wenn ich Sie nicht fragen wollte, ob Lord Harry wegen der Summe, die er zu der Spekulation beisteuern mußte, Ihr kleines Vermögen anzugreifen hat.«

»Mein Gatte weigerte sich entschieden, mein Vermögen anzurühren,« antwortete Iris, »aber – wissen Sie, wie edel und ehrenhaft er sich benommen hat?« fuhr sie unvermittelt fort. »Er hat sein Leben versichert, er hat sich die Last aufgeladen, jedes Jahr eine bedeutende Summe Geldes zu zahlen. Und das alles für mich, wenn ich so unglücklich sein sollte – Gott möge mich davor bewahren! – ihn zu überleben. Glauben Sie da, daß ich hätte so undankbar sein können, als ein großer Anteil an der neuen Gründung zu kaufen war, ihm die günstige Gelegenheit zu rauben, uns ein Vermögen zu erwerben, sobald erst später einmal die Zinsen bezahlt werden? Ich bestand darauf, ihm das Geld zu geben; wir haben uns fast deswegen gestritten, aber Sie wissen ja, wie lieb er ist. Ich sagte zu ihm: Mache mich nicht traurig und böse, und der liebste und beste der Männer ließ mich meinen Willen haben.«

Mountjoy hörte schweigend zu. Wenn er das, was er dachte, ausgesprochen hätte, so würde er Iris nur tödlich beleidigt haben. Alte Gewohnheit aber, wie er gesagt, hatte den Gedanken, sich einzig und allein ihren Interessen zu widmen, zu der alles beherrschenden Idee in seinem Innern gemacht. Er fragte sie, ob sie ihr ganzes Vermögen hingegeben. Als er hörte, daß noch ein Teil vorhanden war, beschloß er, den Versuch zu machen, den Rest ihres Vermögens ihr sicher zu stellen.

»Sagen Sie mir,« fragte er, »haben Sie schon einmal etwas von einer jährlichen Leibrente gehört?«

Sie wußte nichts davon. Er setzte ihr genau und vollständig die Art und Weise auseinander, durch die eine geringe Geldsumme im stande sei, ein genügendes Einkommen fürs Leben zu gewähren. Sie machte keine Einwendungen, als er ihr vorschlug, an seinen Anwalt in London schreiben zu wollen, damit dieser die nötigen Schritte thue, ihr eine solche Leibrente zu besorgen. Als er sie jedoch bat, ihm die Summe zu nennen, über welche sie noch verfügen könne, da zögerte Iris und gab keine Antwort.

Jetzt kam Hugh endlich zu dem richtigen Schlusse.

Es war nur zu ersichtlich, daß die Summe, welche ihr von dem Geld übrig geblieben war, einen so unbedeutenden Betrag ausmachte, daß sie sich schämte, sie zu nennen. Jetzt war auch kein Zweifel mehr vorhanden, daß es nötig sei, ihr zu helfen, und was den Weg anbetraf, auf dem das geschehen sollte, so boten sich Mountjoy weiter keine Schwierigkeiten dar, ausgenommen das einzige Hindernis, welches ihm die junge Frau selbst entgegensetzen konnte. Die Erfahrung hatte ihn jedoch gelehrt, daß er nur sehr vorsichtig und indirekt zu einem Ziel, wie das beabsichtigte, gelangen konnte.

»Sie kennen mich gut genug,« sagte er, »um überzeugt zu sein; daß ich vollständig unfähig bin, irgend etwas zu sagen; was Sie in Verlegenheit setzen oder was nur einen Augenblick ein Mißverständnis zwischen uns, die wir so zwei alte Freunde sind, hervorrufen könnte. Wollen Sie mich nicht ansehen, Iris, wenn ich mit Ihnen sprechen möchte?«

Sie blickte immer noch von ihm weg.

»Ich fürchte mich vor dem, was Sie mir sagen wollen,« antwortete sie kühl.

»Dann lassen Sie es mich sofort sagen. In einem Ihrer Briefe, den Sie mir vor langer Zeit geschrieben haben – ich setze nicht voraus, daß Sie sich darauf noch besinnen – haben Sie mir gesagt, daß ich ein eigensinniger Mensch sei, wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt hätte. Sie hatten vollkommen recht. Ich habe mir nun jetzt in den Kopf gesetzt, liebe Iris, daß Sie auch diesmal, so wie es immer bisher gewesen ist, bereit sein werden, meinen Rat anzunehmen, und daß Sie mir als einem Geschäftsmann die Erlaubnis geben werden, eine jährliche Leibrente für sie zu kaufen.«

Sie unterbrach ihn heftig.

»Nein,« schrie sie in leidenschaftlicher Erregung, »ich will kein Wort mehr hören! Glauben Sie denn, daß ich unempfindlich bin für Ihre langjährige uneigennützige Liebe und Güte, die ich niemals verdient habe? Glauben Sie denn, ich könnte vergessen, wie edelmütig Sie mir all das grausame Unrecht verziehen haben, wodurch ich Ihr Leben verbittert habe? Ist es möglich, daß Sie noch erwarten, ich könnte mir von Ihnen Geld borgen?« Sie blickte voll wilder Verzweiflung auf ihre Füße nieder. »Ich erkläre, und Gott sei mein Zeuge, daß ich lieber sterben würde, als daß ich dieses mich erniedrigende und für mich schmähliche Anerbieten Ihrer Güte annehme. Es hat noch keine Frau gelebt, die so viel einem Manne schuldig gewesen wäre wie ich Ihnen – nur kein Geld. Lieber Hugh, kein Geld, kein Geld!«

Er war zu tief erschüttert, als daß er im stande gewesen wäre, zu ihr zu sprechen, und sie bemerkte es. »Wie schlecht bin ich!« sagte sie vor sich hin; »ich habe ihm weh gethan.«

Er hörte diese Worte. Aus reinem Mitgefühl mit ihr – an sich dachte er gar nicht – suchte er sie zu beruhigen. Aber in dem aufgeregten Zustande, in dem sie sich die Selbstvorwürfe machte, war sie nicht geneigt, ihn anzuhören. Sie schritt im Zimmer auf und nieder von dem einen Ende bis zu dem andern und steigerte noch mehr die heftige Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte. Bald tadelte sie sich mit Worten, welche die Schranken durchbrachen, die die gute Lebensart einer Dame setzt, bald aber vergaß sie sich noch in viel traurigerer Weise und brach mit echt weiblicher Sorglosigkeit in unnatürliche Heiterkeit aus.

»Wenn Sie glücklich verheiratet sein wollen,« rief sie, »so seien Sie niemals gegen eine andere Frau so gut, wie Sie es gegen mich gewesen sind! Keine von uns ist es wert. Lachen Sie über uns, Hugh, thun Sie alles, aber glauben Sie uns nur nicht. Wir lügen alle, mein Freund, und ich – ich habe auch gelogen – schamlos gelogen.«

Er versuchte immer wieder, sie zu einer ruhigen Erörterung ihrer Lage zu bewegen.

»Scherzen Sie doch nicht in dieser Weise!« sagte er traurig.

Sie lachte über ihn.

»Scherzen?« wiederholte sie; »was ich sage, ist keine Redensart, es ist ein Bekenntnis.«

»Ich wünsche aber ein solches Bekenntnis nicht zu hören.«

»Sie müssen es hören, Sie haben es selbst aus mir herausgelockt. Kommen Sie, wir wollen uns verständigen! Nehmen Sie das Gegenteil von jedem Worte an, das ich soeben über diesen elenden und schlechten Menschen, den Doktor, gesagt habe, und Sie werden das Richtige treffen. Nicht wahr, was ist das für eine furchtbare Inkonsequenz? Ich kann mir aber nicht helfen, ich bin ein unglückliches, unvernünftiges Geschöpf. Ich weiß nicht mehr, was ich will, und das alles meines Gatten wegen. Ich liebe ihn zu sehr. Harry ist so vollständig unschuldig, er ist wie ein guter Junge, er schien gar nicht mehr an Mr. Vimpany zu denken, bis es zwischen ihnen ausgemacht wurde, daß der Doktor hieher kommen und hier bleiben solle, und dann überredete er mich, ich weiß nicht wie, daß ich seinen Freund in einem ganz andern Lichte sah; ich glaubte ihm, und ich glaube ihm noch jetzt, das heißt, ich würde ihm noch jetzt glauben, wenn Sie nicht wären. Wollen Sie mir einen Gefallen erweisen, o, dann sehen Sie mich nicht so mit diesen Augen an, welche nicht lügen können, dann sprechen Sie nicht zu mir mit dieser Stimme, welche mich so bewegt! O, Gott im Himmel, glauben Sie denn wirklich, ich würde es dahin kommen lassen, daß Sie meinen Mann für einen schlechten Menschen hielten? Niemals! Wenn es auch mein Blut kochen macht, daß ich mit Mr. Vimpany an demselben Tische sitzen und essen muß, so bin ich doch nicht grausam genug, um den lieben Doktor zu tadeln. Meine Leichtfertigkeit, die ist zu tadeln. Wir werden noch in Streit geraten, wenn Sie mir sagen, daß Harry einen Schuft zum Freunde hat. Ich bin glücklich, ich bin glücklich, ich bin glücklich! Verstehen Sie das? O Hugh, ich wünschte, Sie wären niemals hieher gekommen!«

Sie brach in ein leidenschaftliches Weinen aus, ihre Standhaftigkeit sank endlich zusammen unter der Last, die auf ihr ruhte. »Lassen Sie mich gehen, damit ich mich verberge!«

Das war alles, was Iris zu ihrem alten Freunde sagen konnte, bevor sie aus dem Zimmer eilte und ihn allein ließ.

Ende des ersten Bandes
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