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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 34
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
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Dreiunddreißigstes Kapitel

Als Mountjoy dem Kellner geklingelt und dieser die Thür des Schlafzimmers wieder aufgeschlossen hatte, war es zu spät, der Enteilenden zu folgen. Ihr Wagen wartete auf sie vor dem Hause, und die Aufmerksamkeit des Portiers war gerade zu derselben Zeit durch neu ankommende Reisende abgelenkt.

Es liegt mehr oder minder in der Natur von allen Männern, welche wirklich dieses Namens würdig sind, in der Arbeit Trost zu suchen für ihren Kummer. Hugh beschloß, noch an demselben Abend an Iris zu schreiben und ihren Vater aufzusuchen. Er verzichtete darauf, in seinem Brief noch einmal auf die Art und Weise, in welcher sie ihn verlassen hatte, zurückzukommen; es war ihr Recht und sogar ihre Pflicht, sich zu schonen. Alles, was er sich erbat, war nur die Bezeichnung ihres jetzigen Aufenthaltsortes, damit er ihr den Erfolg seiner beabsichtigten Unterredung mit ihrem Vater mitteilen könnte, natürlich, wenn sie wollte, nur schriftlich. Er schickte diesen Brief an die Adresse von Mr. Vimpany, damit der Doktor ihn weiter besorge, und trug ihn selbst auf die Post.

Nachdem er dies gethan hatte, begab er sich sofort in das Haus Mr. Henleys.

Der Diener, welcher die Thür öffnete, hatte offenbar bestimmte Befehle erhalten. Mr. Henley war nicht zu Hause; Mountjoy befand sich jedoch durchaus nicht in der Laune, mit sich spielen zu lassen. Er schob den Diener einfach beiseite und ging geradenwegs auf das Speisezimmer zu. Dort mußte, wie er aus seiner früheren Bekanntschaft mit den Gewohnheiten des Haushaltes wußte, der Mann sich aufhalten, den er entschlossen war, zu sprechen; der Tisch war gedeckt für das Abendessen Mr. Henleys.

Hughs wohlgemeinter Versuch, im Interesse der Tochter mit ihrem Vater zu sprechen, endete so, wie es ihm Iris vorausgesagt hatte.

Nachdem sich Mr. Henley in sehr heftiger Weise über Hughs erzwungenes Eindringen beklagt hatte, erklärte er, daß er seinem letzten Willen heute ein Kodizill auf gesetzlichem Weg angehängt habe, welches seine Tochter aller Ansprüche auf sein Vermögen beraubte. Eine Zeit lang verhielt sich Mountjoy dieser grausamen Handlungsweise gegenüber ruhig. Alles, was durch Bitten und höfliches Zureden möglicherweise erreicht werden konnte, das hatte er wieder und immer wieder versucht, aber seine Bemühungen waren vollständig vergeblich gewesen. Endlich triumphirte doch Mr. Henley mit seiner herzlosen Hartnäckigkeit. Hugh verlor seine Selbstbeherrschung und gebrauchte, als er diesen hartherzigen alten Mann verließ, Worte, an welche er später nur mit Bedauern zurückdachte.

Das Gefühl, als er mit seinen Bemühungen, die Interessen von Iris zu verteidigen, keinen Erfolg gehabt hatte, war für Hughs erregten Gemütszustand nur ein unwiderstehliches Mittel, ihn zu weiterem Handeln anzustacheln. Es war vielleicht noch nicht zu spät, einen andern Versuch zu machen, die Heirat aufzuschieben, wenn nicht gar zu verhindern.

In heller Verzweiflung entschloß sich Mountjoy, Lord Harry mitzuteilen, daß seine Verbindung mit Miß Henley den vollständigen Verlust der von ihrem Vater zu erwartenden Erbschaft nach sich ziehen würde. Ob nun der wilde Lord nur an seine eigenen Interessen oder ob er auch an die der Frau, die er liebte, dachte, in jedem Fall war die Strafe, die diese Heirat nach sich ziehen sollte, schwer genug, um in ihm Bedenken zu erregen.

Die Lichter in den niederen Fenstern und in dem Hauseingang sagten Hugh, daß er zu einer günstigen Zeit nach Redburn Road gekommen sei.

Er fand den irischen Lord und den Doktor in heiterem Gespräch unter dem besänftigenden Einfluß des Tabaks beisammen sitzen. Gemütlich angeregt, wie er selbst gesagt haben würde, von dem dritten Glas Grog, zeigte sich der Doktor sofort von der gastfreundschaftlichen Seite; er nahm an, daß Mountjoys Besuch nur eine Wiederaufnahme der freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen zu bedeuten habe.

»Vergeben und vergessen,« sagte er, »das ist der richtige Weg, um das kleine Mißverständnis beizulegen, welches wir nach unserem Mittagessen in Honeybuzzard gehabt haben. Sie kennen Mr. Mountjoy, Mylord? – Das ist recht. Ziehen Sie sich einen Stuhl heran, Mountjoy. Meine Aussichten als Arzt drohen mir allerdings mit dem Verderben, aber so lange ich ein Dach über meinem Kopf habe, kann ich auch immer noch einen Freund bei mir willkommen heißen. Ich habe allen Grund, anzunehmen, mein Lieber, daß der Doktor, welcher mir seine Praxis verkauft hat, ein Schwindler war. Das Geld ist hin, aber die Patienten wollen nicht kommen. Nun, ich bin noch nicht ganz bankerott, ich kann Ihnen noch ein Glas Grog anbieten. Machen Sie sich selbst die Mischung zurecht, wie sie Ihnen beliebt. Wir wollen dann einen vergnügten Abend zusammen verleben.«

Hugh erklärte mit den nötigen Entschuldigungen, daß er gekommen sei, um einige Worte mit Lord Harry allein zu sprechen. Die Veränderung, welche in des Doktors Wesen vorging, trat in nicht sehr liebenswürdiger Weise zu Tage, nachdem er mit diesem Zweck des Besuches bekannt gemacht worden war. Er hatte das Aussehen eines Mannes, welcher argwöhnte, daß es sich um etwas für ihn nicht sehr Angenehmes handle. Auch Lord Harry schien seinerseits einige Bedenken zu hegen, ob er auf diese Privatunterredung mit Mr. Mountjoy eingehen solle.

»Betrifft es Miß Henley?« fragte er.

Hugh gab zu, daß dies der Fall sei. Lord Harry bemerkte darauf, daß sie seiner Meinung nach gut thun würden, wenn sie diesen Gegenstand vermieden. Mountjoy antwortete, es lägen im Gegenteil Gründe vor, diesem Thema näher zu treten, welche so wichtig seien, daß sie ihn veranlaßt hätten, London zu verlassen und den Lord noch zu so später Nachtstunde in Hampstead aufzusuchen.

Als er dies hörte, erhob sich Lord Harry, um Mr. Mountjoy in ein anderes Zimmer zu führen.

In dieser Weise aus dem Vertrauen seines Gastes ausgeschlossen, konnte Mr. Vimpany nicht umhin, Mountjoy wenigstens daran zu erinnern, daß er der Herr im Hause sei.

»O, bitte, führen Sie ihn hinauf, Mylord,« sagte der Doktor, »Sie sind zu Haus unter meinem niedrigen Dache.«

Die beiden jungen Männer standen sich einander gegenüber in dem dürftig ausgestatteten Empfangszimmer. Da beide Grund genug hatten, an dem freundschaftlichen Ausgang dieser Unterredung zu zweifeln, so verzichteten sie darauf, sich zu setzen. Hugh ging geradenwegs auf den Gegenstand los, ohne die Zeit mit nutzlosen einleitenden Redensarten zu vergeuden. Er gestand ein, daß er von der Verlobung Miß Henleys gehört habe. Er fragte, ob Lord Harry sich wohl der unglücklichen Folgen bewußt sei, welche für die junge Dame aus ihrer Heirat erwüchsen. Die Antwort hierauf wurde freimütig erteilt. Der irische Lord wußte nichts von den Folgen, von denen Mr. Mountjoy sprach. Hugh erklärte sie ihm sogleich, und es hatte den Anschein, als ob Lord Harry dadurch vollständig überrascht wäre.

»Darf ich fragen, Sir,« sagte er, »ob Sie aus eigener, persönlicher Erfahrung sprechen?«

»Ich komme soeben von Mr. Henleys Hause, Mylord,« antwortete Mountjoy, »und was ich Ihnen gesagt habe, das hörte ich aus Mr. Henleys eigenem Munde.«

Es entstand eine Pause. Hugh war schon geneigt, anzunehmen, daß er durch seine Worte ein Hindernis für die sofortige Feier der Hochzeit geschaffen habe. Er sollte jedoch sehr bald einsehen, daß er sich geirrt hatte. Lord Harry war zu sehr verliebt in Iris, als daß er sich in seinen Beziehungen zu ihr durch Geldfragen beeinflussen ließ.

»Sie fassen das sehr ernst auf,« bemerkte er, »aber lassen Sie mich Ihnen sagen, daß Miß Henley weit davon entfernt ist, von ihrem Vater abhängig zu sein. Er sollte sich überhaupt seiner Handlungsweise schämen; doch das gehört nicht hieher. Ich sage Ihnen also, Miß Henley ist weit davon entfernt, von ihrem Vater abhängig zu sein, wie Sie zu glauben scheinen. Ich selbst bin – um Ihnen auch dies zu sagen – nicht ohne Mittel, welche ich ihr gern zu Füßen legen werde. Vielleicht wünschen Sie, daß ich auf Einzelheiten eingehe. Das kann gleich geschehen. Ich habe meine Besitzung in Irland verkauft.«

»Für eine große Summe in diesen Zeiten?« fragte Hugh.

»Auf die Summe kommt es nicht an, Mr. Mountjoy. Lassen Sie sich an der Thatsache genügen. Und da wir doch einmal bei Geldfragen sind – ein mir peinliches und verhaßtes Thema, das ich keineswegs in Verbindung mit der liebenswürdigsten Frau der Welt bringen möchte – so vergessen Sie nicht, daß Miß Henley ein Einkommen aus ihrem eigenen Vermögen hat, welches, so viel ich weiß, von ihrer Mutter herrührt. Sie werden mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, Sir, mir zu glauben, daß ich nicht einen Pfennig davon anrühren werde.«

»Gewiß. Aber das Vermögen ihrer Mutter ist in Aktien einer Gesellschaft angelegt,« fuhr Mountjoy fort, hartnäckig bestrebt, den Gegenstand in den dunkelsten Farben darzustellen. »Aktien steigen und fallen, und Gesellschaften fallen zuweilen auch.«

»Und eines Freundes Besorgnis um die Angelegenheiten Miß Henleys nimmt zuweilen eine sehr unangenehme Form an,« fügte der Irländer hinzu, dessen leicht erregbares Temperament jetzt deutlich zu Tage trat. »Lassen Sie uns das Schlimmste annehmen, was geschehen kann; wir kommen dann auch rascher zu dem Ende der Unterredung, die weit davon entfernt ist, mir angenehm zu sein. Wir wollen also sagen, daß die Aktien Miß Henleys wertlose Papiere sind und daß infolge dessen ihre Taschen so leer sind, wie es Taschen überhaupt nur sein können. Läuft sie dann eine andere Gefahr als die, welche Ihnen darin zu liegen scheint, daß sie meine Frau wird?«

»Ja, gewiß,« antwortete Hugh, der jetzt auch gereizt wurde. »In dem Fall, welchen Sie soeben annahmen, läuft sie die Gefahr, als hilflose Witwe zurückgelassen zu werden, wenn Sie sterben.«

Er war auf eine heftige Antwort gefaßt, auf einen neuen Streit, der in dieser unglückseligen Nacht zu dem schon mit Mr. Henley ausgefochtenen noch hinzukommen würde. Zu seinem großen Erstaunen ruhten Lord Harrys ausdrucksvolle, glänzende Augen auf seinem Gesicht mit einer Mischung von Trauer und Bestürzung.

»Gott verzeihe mir,« sagte er zu sich selbst; »daran habe ich niemals gedacht. Was soll ich thun? Was soll ich thun?«

Mountjoy bemerkte diese tiefe Entmutigung, verstand sie aber nicht.

Hier war ein verzweifelter Abenteurer, dessen Streifzüge sein Leben immer und immer wieder in Gefahr gebracht hatten und der jetzt augenscheinlich durch die bloße Erinnerung an den Tod ganz überwältigt wurde. Wie sollte man das begreifen?

Hätte Hugh in der Seele Lord Harrys lesen können, er würde um die Erklärung nicht verlegen gewesen sein. Der irische Lord hatte wirklich Gründe, vor dem Gedanken an die Zukunft zurückzuschrecken. Nach der Ermordung von Arthur Mountjoy hatte er die Verbindung mit der mordlustigen Brüderschaft der Unüberwindlichen aufgegeben. Er war damals aufmerksam gemacht worden, daß er durch diesen Schritt sein Leben in Gefahr bringe, wenn er in Großbritannien bliebe, nachdem er sich so seinen Kollegen verdächtig gemacht hatte. Wenn das geheime Tribunal entdecken würde, daß er aus Südafrika zurückgekehrt sei, so würde dieser Entdeckung ganz unvermeidlich das Todesurteil folgen. Das war die schreckliche Lage, an welche zu denken ihn Mountjoy durch seine Antwort unwissentlich gezwungen hatte. Sein Schicksal hing ab von der zweifelhaften Sicherheit des Zufluchtsortes in dem Hause des Doktors.

Während Hugh ihn noch mit ernstem Bedenken ansah, schien eine neue Idee in Lord Harrys Geist Leben zu gewinnen. Er schüttelte den Druck, der auf ihm lastete, plötzlich ab. Sein Benehmen gegen Mountjoy änderte sich und ging mit der Schnelligkeit eines Blitzstrahls von dem Extrem der Kälte in das der Herzlichkeit über.

»Jetzt hab' ich es endlich,« rief er aus. »Lassen Sie mich Ihnen die Hand schütteln; Sie sind der beste Freund, den ich jemals gehabt habe.«

Der kühle Engländer fragte: »Inwiefern?«

»Insofern, als Sie mich darauf gebracht haben, daß ich ja für Miß Henley sorgen kann und zwar je eher, desto besser. Unser Freund unten, der Doktor, wird sofort bereit sein, mir als Zeuge beizustehen. Verstehen Sie mich nicht?«

Hindernisse, welche der Heirat in den Weg traten, würde Mountjoy sofort erkannt haben; aber bei Dingen, welche die Heirat beschleunigten, war sein Geist nur schwer neuen Eindrücken zugänglich.

»Sprechen Sie im Ernst?« fragte er.

Des Irländers reizbares Temperament begann sich wieder zu zeigen.

»Warum zweifeln Sie daran?« fragte er.

»Weil ich Sie nicht verstehe!« entgegnete Mountjoy.

»Machen Sie sich frei von aller Eifersucht,« erwiderte Lord Harry stolz, »und Sie werden mich verstehen. Ich stimme mit Ihnen vollkommen darüber überein, daß ich verpflichtet bin, für meine Witwe zu sorgen, und ich werde das auch thun dadurch, daß ich mein Leben versichere.«

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