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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Dreißigstes Kapitel

Einen Monat lang blieb Mountjoy in seinem Landhause an der Küste des Solway Firth und überwachte die Wiederherstellungsarbeiten daselbst.

Seine Korrespondenz mit Iris hatte ihren regelmäßigen Fortgang genommen. Zum erstenmal jedoch, so lange er sie kannte, bot sie ihm Ursache zur Unzufriedenheit. Sie, die sonst so frei und offen alle ihre Freuden und Leiden ihm anvertraut hatte, sie schrieb jetzt mit einer ganz auffallenden Zurückhaltung. Witterungswechsel und politische Tagesneuigkeiten, die Abwesenheit ihres Vaters, durch beunruhigende Nachrichten über die Zahlungsunfähigkeit auswärtiger Häuser veranlaßt, leere, inhaltslose Fragen über Hughs neue Bauten an seinem jetzigen Aufenthaltsort, – das waren die nichtssagenden Dinge, über die sich Iris in ihren Briefen an den alten, treuen Freund verbreitete. Er konnte kaum zweifeln, daß sich irgend etwas ereignet hatte, was sie vor ihm zu verheimlichen suchte. Sie mußte dafür ihre Gründe, ihre gewichtigen Gründe haben. Indem er zu erraten bemüht war, erkannte er von neuem, wie sehr er Iris liebte; er erkannte es an der Angst, die er um sie litt, und an der unberechtigten, eifersüchtigen Regung, welche seiner Selbstbeherrschung Trotz bot. Die unmittelbare Ueberwachung der Arbeitsleute auf seiner Besitzung war nicht länger notwendig. Er ließ dort einen Stellvertreter zurück, dem er vollständig vertrauen konnte, und beschloß, den letzten Brief, den er von Iris erhalten hatte, mündlich zu beantworten. Am nächsten Tag befand er sich in London.

Als er in Mr. Henleys Hause vorsprach, wurde ihm mitgeteilt, daß Miß Henley nicht zugegen sei und daß man nicht mit Bestimmtheit sagen könne, wann sie zurückkehren würde. Da öffnete Mr. Henley die Thür des Bibliothekzimmers.

»Sind Sie es, Mountjoy?« fragte er. »Kommen Sie herein, ich habe mit Ihnen zu sprechen.«

Mr. Henley kratzte sich, auf und ab gehend, einmal über das andere in seinen grauen Haaren, bevor er mit der Sprache herausrückte.

»Sehen Sie, junger Mann,« begann er endlich, »als Sie damals mit mir auf meinem Landgut weilten, da hoffte ich immer, daß das Ende eine Heirat zwischen Ihnen und Iris sein würde. Sie haben aber beide, Sie sowohl, wie Iris, meine Erwartungen getäuscht und zwar nicht zum erstenmale. Frauen ändern jedoch ihre Ansichten. Angenommen nun, Iris hätte ihre Ansicht geändert, nachdem Sie von ihr zweimal zurückgewiesen worden sind, – angenommen, sie hätte Ihnen Gelegenheit gegeben –«

Hugh unterbrach ihn.

»Es ist nutzlos, Sir, etwas Derartiges anzunehmen; Iris würde mir nun und nimmer in der von Ihnen vermuteten Weise entgegenkommen.«

»Seien Sie doch nicht so heftig, Mountjoy. Ich sehe schon, ich muß bei Ihnen zartere Saiten aufziehen. Fühlen Sie noch für mein eigensinniges Mädchen irgend welches Interesse?«

Hugh antwortete bereitwillig und mit inniger Empfindung:

»Das wärmste Interesse.«

Mr. Henley schmunzelte befriedigt.

»Gut. So hören Sie! Ich bin in Geschäftsangelegenheiten verreist gewesen und erst vor einigen Tagen wieder zurückgekommen. Gleich im ersten Augenblick, als ich Iris sah, bemerkte ich, daß etwas mit ihr nicht in Ordnung war. Wenn ich ein Fremder gewesen wäre, würde ich gesagt haben: ›Dieses junge Mädchen ist nicht glücklich.‹ Mit ihr darüber zu sprechen oder aus ihr etwas herausbekommen zu wollen, wäre natürlich vollständig nutzlos gewesen. ›Ich bin ganz glücklich und befinde mich ganz wohl,‹ das war das einzige, was sie von sich sagte. Ich versuchte es nun bei ihrem Kammermädchen, einem feigen, mürrischen Wesen, einer der hartnäckigsten Lügnerinnen, denen ich jemals begegnet bin. ›Ich weiß von nichts, was meiner Herrin fehlen sollte, Sir,‹ damit fertigte mich das Mädchen ab. Ich wendete mich nun an meine alte Haushälterin. Die wußte schon mehr zu sagen: ›Die Dienstboten reden über Miß Iris, Sir,‹ zischelte sie. – ›Heraus damit! Was reden sie über meine Tochter?‹ – ›Sie haben bemerkt, daß ihre junge Herrin regelmäßig jeden Tag in den Vormittagsstunden ausgeht, immer allein und immer nach derselben Richtung. Ich habe die Dienstboten nicht zu weiteren Mitteilungen ermutigt, Mr. Henley. Es lag etwas Unverschämtes in dem Ton, in welchem sie sprachen, als ob sie irgend etwas Verdächtiges vermuteten. Ich sagte ihnen, daß Miß Henley nur ihren gewohnten Spaziergang mache; sie meinten, das müsse ein furchtbar langer Spaziergang sein, denn es dauerte immer vier bis fünf Stunden, ehe Miß Iris wieder nach Haus zurückkäme. Darauf hielt ich es für das Beste,‹ sagte die Haushälterin zu mir, ›das Gespräch fallen zu lassen.‹ Was denken Sie nun darüber, Mountjoy? Finden Sie nicht etwas Verdächtiges in dem Benehmen meiner Tochter?«

»Nicht im mindesten, Mr. Henley. Wenn Iris ausgeht, so besucht sie gewiß eine Freundin.«

»Vermutlich. Aber sie hat für keine ihrer Freundinnen ein so lebhaftes Interesse, daß sie um ihretwillen Tag für Tag dieselbe Richtung einschlagen wird, wenn nicht noch etwas Besonderes dahinter steckte. – Als Sie bei mir auf dem Lande waren, erinnern Sie sich des Mannes, der Sie damals bediente?«

Mountjoy antwortete so kurz wie möglich:

»Ihr Kammerdiener!«

»Derselbe. Ihn zog ich ins Vertrauen – ich kann Ihnen sagen, es geschah nicht zum erstenmal! Ein unbezahlbarer Mensch! – Als Iris gestern ausging, folgte er ihr in eine kleine Vorstadt in der Nähe von Hampstead Heath mit Namen Redburn Road. Sie läutete an der Glocke des Hauses Nr. 5 und wurde sofort eingelassen; sie war augenscheinlich gut bekannt dort. Mein geschickter Kammerdiener zog nun in der Nachbarschaft Erkundigungen ein. Das Haus gehört einem Doktor, der es erst vor kurzem gekauft hat, sein Name ist Vimpany.«

Mountjoy erschrak so heftig, daß er alle Haltung verlor. Zum Glück kehrte ihm Mr. Henley, der noch im Zimmer auf und ab ging, in diesem Augenblick den Rücken zu.

»Nun frage ich Sie als einen Mann von Welt,« fuhr Mr. Henley fort, »was hat das zu bedeuten? Wenn Sie Bedenken tragen, es auszusprechen, – und es macht mir ganz den Eindruck – soll ich Ihnen mit gutem Beispiel vorangehen?«

»Ganz wie Sie wollen, Sir!«

»Nun gut. Wenn an Iris irgend etwas Außergewöhnliches zu beobachten ist, so kann ich sicher sein, daß der verdammte Lord Harry dahinter steckt. Ich stand nun, da ich mit den eingehenderen Nachforschungen doch unmöglich meinen Kammerdiener betrauen kann, eben im Begriff, meinen Wagen anspannen zu lassen und zu dem Doktor zu fahren, um herauszubekommen, worin denn die Anziehungskraft besteht, die sein Haus auf meine Tochter ausübt. Da hörte ich Ihre Stimme in dem Hausflur. Sie sagten mir vorhin, daß Sie noch für Iris Interesse empfänden. Nun gut, Sie sind der Mann, der mir helfen kann.«

»Darf ich fragen wie, Mr. Henley?«

»Natürlich dürfen Sie fragen. Sie können den Schlüssel zu diesem Rätsel finden, wenn Sie es nur versuchen wollen; Ihnen wird Iris trauen, wenn sie ihrem Vater nicht traut. Ich möchte nur das eine wissen, ob sie sich immer noch mit dem Gedanken trägt, den irischen Lump zu heiraten oder nicht. Geben Sie mir Aufschluß hierüber, und Sie können alles weitere für sich behalten. Darf ich auf Ihre Unterstützung rechnen?«

Mountjoy traute seinen Ohren kaum; ihm sollte zugemutet werden, sich in das Vertrauen von Iris einzuschleichen und sie dann an ihren Vater zu verraten! Er stand auf, nahm seinen Hut, und ohne eine Verbeugung zu machen, öffnete er die Thür.

»Soll das heißen ›Nein‹!« rief Mr. Henley ihm nach.

»Gewiß!« antwortete Mountjoy und zog die Thür hinter sich ins Schloß.

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