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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Die Frau des Doktors folgte der voraneilenden Miß Henley bis an den Treppenabsatz und wartete dort. Sie hatte Gründe, sich diese Zurückhaltung aufzuerlegen. Die Lage des Treppenabsatzes verbarg sie vor den Augen desjenigen, der in dem Hausflur stand. Wenn sie nur den Klang der Stimmen vernahm, konnte sie mit Sicherheit erfahren, ob Lord Harry noch im Hause sei oder nicht. In dem ersten Fall würde es ein Leichtes sein, eine Unterredung mit Iris zu unterbrechen, bevor das Gespräch sie zu Enthüllungen geführt hatte, die Mrs. Vimpany aus guten Gründen fürchten mußte. In dem zweiten Fall würde es gar nicht nötig sein, sich zu zeigen.

Inzwischen öffnete Iris die Thür des Eßzimmers und blickte hinein.

Es war niemand darin. Das einzige andere Zimmer, welches außerdem im Parterre gelegen war an der Rückseite des Hauses, diente dem Doktor als Sprechzimmer. Sie klopfte an die Thür. Mr. Vimpanys Stimme antwortete: »Herein!« Er war allein, trank Cognac und Wasser und rauchte eine dicke, dunkle Cigarre.

»Wo ist Lord Harry?« fragte sie.

»Wahrscheinlich in Irland!« antwortete Mr. Vimpany ruhig.

Iris vergeudete keine Zeit, indem sie unnötige Fragen stellte. Sie schloß die Thür wieder und ließ den Doktor allein. Er gehörte jedenfalls auch zu der Verschwörung, welche die Bestimmung hatte, sie in der Täuschung zu erhalten. Was war nun geschehen? Wo befand sich der wilde Lord in diesem Augenblick?

Während sie in dem Hausflur diesen Gedanken nachhing, kam Rhoda von dem Theetisch der Dienerschaft in der Küche. Ihre Herrin gab ihr die nötige Anweisung zum Einpacken und versprach ihr, binnen kurzem nachzufolgen, um ihr zu helfen. Mrs. Vimpanys kühner Entschluß, ihr die Richtigkeit ihrer Wahrnehmung abzustreiten, beschäftigte noch Miß Henleys Geist. Viel zu ärgerlich, um daran zu denken, welche Verlegenheit ihr ein Zusammentreffen mit Lord Harry verursachen würde, war sie fest entschlossen, zu verhindern, daß die Frau des Doktors zuerst mit ihm spräche und ihn zum Teilnehmer an der unverschämten Verleugnung der Wahrheit mache. Wenn er durch irgend einen Zufall veranlaßt worden wäre, das Haus zu verlassen, so würde er früher oder später doch den Streich entdecken, den sie ihm gespielt hatten, und sicherlich zurückkommen. Iris nahm einen Stuhl und ließ sich in der Vorhalle nieder.

*

Um dem Doktor Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß erzählt werden, daß er in der That das von seiner Frau in ihn gesetzte Vertrauen gerechtfertigt hatte.

Die Diamantnadel, welche sich in London zur Abschätzung ihres Wertes und zum Verkaufe befand, schwebte immer noch erschreckend vor seinem Geist. Das Geld, das Geld – er war der aufmerksamste Gatte von ganz England, wenn er an das Geld dachte! Zu der Zeit, als Lord Harrys Wagen vor seiner Hausthür anhielt, befand sich der Doktor in dem Eßzimmer, um eine Flasche Cognac von dem Buffet zu holen. Er blickte gerade aus dem Fenster und entdeckte daher gleich, wer der Ankommende war. Er entschloß sich dann, die in seinem Notizbuch aufgeschriebene Instruktion seiner Frau zu Rate zu ziehen. Diese Absicht wurde aber, sobald er das Buch aufgeschlagen hatte, vereitelt durch die unglückliche Eile, mit welcher das Dienstmädchen die Hausthüre öffnete. Ihr Herr hielt sie in der Vorhalle zurück. Er fühlte mit Wohlgefallen, daß er seine Geschicklichkeit wiedergewann; aber sein Gedächtnis, weit davon entfernt, selbst unter den günstigsten Umständen rege zu sein, war träger denn je, ihm zu Hilfe zu kommen. In der Hast des Augenblicks konnte er sich nur erinnern, daß ihm aufgetragen worden war, ein Zusammentreffen von Iris und Lord Harry zu verhindern.

»Lassen Sie den Herrn in mein Sprechzimmer eintreten!« befahl er dem Dienstmädchen.

Lord Harry fand den Doktor auf seinem Arbeitsstuhl sitzen; er geberdete sich überrascht und entzückt zugleich, seinen vornehmen Freund zu sehen. Der ungestüme Irländer fragte sofort nach Miß Henley.

»Abgereist!« antwortete Mr. Vimpany.

»Abgereist – wohin?« wollte der wilde Lord zunächst wissen.

»Nach London.«

»Allein?«

»Nein, mit Mr. Hugh Mountjoy.«

Lord Harry faßte den Doktor an seinen beiden Schultern und schüttelte ihn hin und her.

»Sie wollen doch damit nicht etwa sagen, daß Mountjoy im Begriff steht, sich mit ihr zu verheiraten?«

Mr. Vimpany fürchtete nichts anderes als den Verlust von Geld; obgleich er der schwächere und der ältere der beiden Männer war, ahmte er nichtsdestoweniger das Beispiel des jungen Lords nach und schüttelte ihn, so gut es ging.

»Lassen Sie sehen, wie Ihnen das gefällt!« sagte er. »Was Mountjoy anbetrifft, so weiß ich nicht, ob er verheiratet oder ledig ist – es ist mir auch ganz gleichgiltig.«

»Der Teufel hole Ihren Eigensinn! Wann sind sie abgereist?«

»Der Teufel hole Ihre Fragen! Sie sind noch nicht lange fort.«

»Kann ich sie vielleicht noch an der Station einholen?«

»Ja, wenn Sie augenblicklich gehen.«

So führte der Doktor in seiner Verzweiflung die Befehle seiner Frau aus, ohne sich der beigefügten Bestimmungen zu erinnern.

Der Weg zu der Station führte Lord Harry an dem Gasthof vorüber. Er sah durch die offene Hausthüre, wie Hugh Mountjoy seine Rechnung an dem Buffet bezahlte. Im nächsten Augenblick hatte er den Wagen angehalten, und die beiden Männer, die niemals auf freundschaftlichem Fuße mit einander gestanden hatten, begrüßten sich durch eine kühle gegenseitige Verbeugung.

»Mir wurde gesagt,« begann Lord Harry, »daß ich Sie mit Miß Henley an der Station treffen könnte.«

»Wer gab Ihnen diesen Bescheid?«

»Vimpany, der Doktor.«

»Er hätte doch wissen können, daß der Zug erst in einer Stunde hier ankommt.«

»Hat der Lump mich belogen? – Ein Wort noch, Mr. Mountjoy: ist Miß Henley hier im Gasthofe?«

»Nein.«

»Wollten Sie mit ihr nach London reisen?«

»Ich muß es Miß Henley überlassen, diese Frage zu beantworten.«

»Wo befindet sie sich denn, Sir?«

»Jedes Ding hat ein Ende in der Welt, in der wir leben, Mylord. Sie haben das Ende meiner Bereitwilligkeit, Ihre Fragen zu beantworten, erreicht.«

Der Engländer und der Irländer sahen sich gegenseitig an: der Anglo-Saxone war undurchdringlich ruhig und kühl, der Kelte dagegen aufgeregt und ärgerlich. Es sah aus, als ob sie beide im Beginn eines Streites stünden, wenn man in diesem Augenblick Lord Harrys Erregung in Betracht zog. Als er an Mr. Vimpanys Haus gekommen war und nach Iris gefragt hatte, hatte sich der Doktor ihn durch eine Lüge vom Halse geschafft. Zu welchem Schluß nun konnte er nach dieser Entdeckung kommen? Der Doktor hielt sicherlich Iris von einer Begegnung mit ihm ab. Während er sich dies in seiner raschen Weise überlegte, ließ Lord Harry die eine Beleidigung unbeachtet, um die andere in seiner unbesonnenen Heftigkeit zu bestrafen. Er verließ Mountjoy augenblicklich.

Wiederum rasselte der Wagen die Straße entlang, aber er wurde angehalten, bevor er noch an dem Hause Mr. Vimpanys angekommen war.

Lord Harry kannte die Leute, mit denen er es zu thun hatte, und ergriff daher Maßregeln, um sich dem Hause ohne Geräusch zu Fuße zu nähern. Der Kutscher erhielt den Befehl, genau auf das Zeichen achtzugeben, sobald er wieder gebraucht würde.

Mr. Vimpanys Ohren, die wachsam auf verdächtige Geräusche, vernahmen keinen Lärm der Wagenräder und keinen Ton des Klopfers an der Hausthür. Während er noch so auf der Lauer stand, störte ihn in seinem Sprechzimmer das Läuten der Hausglocke. Als er in den Hausflur hinausschaute, sah er, wie Iris dem Lord Harry die Thür öffnete, und zog sich dann leise wieder in sein Zimmer zurück.

»Der Teufel soll sie holen!« sagte er, indem er Miß Henley meinte, dabei aber zugleich an die beneidenswerte zukünftige Besitzerin der Diamantnadel dachte.

Bei der unerwarteten Erscheinung von Iris vergaß Lord Harry jede Ueberlegung, welche er in diesem kritischen Moment so nötig gehabt hätte.

Er näherte sich ihr und streckte ihr beide Hände zur herzlichen Begrüßung entgegen. In unverhohlener Verachtung gab sie ihm jedoch mit der Hand ein Zeichen, ihr fern zu bleiben, und sprach mit vorsichtig gedämpfter Stimme, nachdem sie zuvor noch einen Blick nach der Thür geworfen hatte.

»Der einzige Grund, welcher mich bestimmt hat, Ihnen entgegenzutreten, ist, mich in der Zukunft vor weiterer Täuschung zu schützen. Ihr schimpfliches Betragen ist mir jetzt nur zu gut bekannt. Gehen Sie,« fuhr sie fort und zeigte die Treppe hinauf, »gehen Sie und beraten Sie sich mit Ihrer Spionin.«

Der irische Lord hörte zu, ohne nur den Versuch zu machen, ein Wort der Entschuldigung und Verteidigung zu äußern, denn er war sich seiner Schuld wohl bewußt und gestand so stillschweigend zu, daß er die harten Worte, die Iris soeben zu ihm gesagt hatte, verdient habe.

Oben an der Treppe stand noch immer die Frau des Doktors auf ihrem Lauscherposten und hörte jetzt Iris sprechen: aber die Stimme war nicht laut genug, als daß die einzelnen Worte auf diese Entfernung hin verständlich gewesen wären; ebensowenig vernahm sie, daß eine andere Stimme antwortete. Mit dem unbestimmten Verdacht, daß irgend etwas im Hause nicht in Richtigkeit sei, begann Mrs. Vimpany jetzt die Treppe hinunterzusteigen. An der Wendung angekommen, die einen freien Blick in den Hausflur gewährte, blieb sie plötzlich stehen, wie vom Blitz getroffen, als sie Lord Harry und Miß Henley bei einander sah.

Die Gegenwart einer dritten Person schien einigermaßen Lord Harry wieder zu beleben. Er sprang eiligst die Stufen hinauf, um Mrs. Vimpany zu begrüßen; aber auch hier wurde ihm wieder ein kalter Empfang und ein feindlicher Blick zu teil.

Einen seltsamen und sonderbaren Gegensatz bildeten die beiden Menschen, welche sich jetzt auf der Treppe gegenüberstanden. Die verwelkte Frau, angegriffen und bleich von dem schweren Druck geistigen Leidens, stand Gesicht gegen Gesicht mit einem vornehmen großen und gewandten Mann in der vollen Blüte seiner Gesundheit und Kraft. Hier waren die stolzen blauen Augen, das gewinnende Lächeln und die natürliche Anmut der Bewegungen, welche immer ihren Weg zu der günstigen Beurteilung bei dem schöneren Geschlecht fanden. Dieser unverbesserliche Wanderer auf den gefährlichen Nebenwegen im Dasein der Menschen, der von ehrenwerten Mitgliedern der Gesellschaft der irische Lump genannt wurde, wenn sie hinter seinem Rücken von ihm sprachen, mußte selbst unter Männern die Beachtung auf sich ziehen. Wer in sein kühnes, schöngeformtes Gesicht sah, der würde als eine Ausnahme von der gewöhnlichen Regel in der Jetztzeit bemerkt haben, daß jede Spur von Bart durch das Rasirmesser aus diesem Gesicht sorgfältig entfernt war. Fremde, die ihn nicht kannten, würden jedenfalls Lord Harry entweder für einen Schauspieler oder für einen katholischen Geistlichen gehalten haben. Unter seinen näheren Bekannten jedoch würden die wenigen von der Natur mit einer lebhaften Auffassungsgabe Begünstigten wahrscheinlich zu dem Schluß gekommen sein, daß sein abenteuerliches Leben jedenfalls eine solche Veränderung für seine Sicherheit nötig gemacht habe. Bisweilen stellten sie auch hierüber kühn an ihn eine Frage. Das in Augenblicken der Erregung leicht aufbrausende Temperament eines Irländers verwandelt sich nicht selten in Momenten der Ruhe in Sanftmut. Was viele für eine neue tolle Idee Lord Harrys ansahen, bedeutete nichts anderes, als daß er so verschuldet war, daß bei gewissen Gelegenheiten ein falscher Bart und ein gefärbtes Haar und Gesicht für ihn außerordentlich vorteilhaft waren. Den gleichen Eindruck empfing jetzt auch Mrs. Vimpany, welche mit feindlichen Blicken den Lord betrachtete.

»Wenn ich irgend etwas gethan habe, was Sie beleidigt hat,« sagte er mit verlegener, bescheidener Miene, »so seien Sie versichert, daß es mir aufrichtig leid thut. Zürnen Sie deshalb Ihrem alten Freund nicht, Arabella. Warum wollen Sie mir nicht die Hand reichen?«

»Ich habe Ihr Geheimnis wohl bewahrt und habe in Ihrem Interesse mich selbst bloßgestellt,« antwortete Mrs. Vimpany, »und was ist nun meine Belohnung dafür? – Miß Henley kann Ihnen sagen, wie Ihre irische Falschheit mich in der Achtung dieser Dame herabgesetzt hat, und jetzt soll ich Ihnen auch noch die Hand reichen? Sie werden mir niemals wieder die Hand drücken, so lange Sie leben!«

Sie sagte diese Worte, ohne ihn dabei anzusehen. Ihr Blick ruhte jetzt auf Iris. Von dem Augenblick an, wo sie die beiden beisammen gefunden hatte, wußte sie, daß alles aus war; ferneres Leugnen würde jetzt in der That ganz nutzlos gewesen sein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich ruhig in ihr Schicksal zu ergeben.

»Miß Henley,« sagte sie, »wenn Sie mit dem Kummer und der Scham einer schwachen Frau Mitleid fühlen können, so lassen Sie mich zu Ihnen noch ein letztes Wort sprechen – aber ohne daß es dieser Mensch hört.«

In ihrer Stimme sowohl als in ihren Blicken lag nichts Unnatürliches, Künstliches mehr; keine Schauspielerin würde die traurige Einfachheit haben nachahmen können, in der sie sprach. Betroffen von dieser Veränderung begleitete Iris die Frau des Doktors, als diese die Treppe hinaufstieg. Nach einem kurzen Moment der Zögerung folgte Lord Harry. Mrs. Vimpany drehte sich nach ihm um, als sie oben angekommen war, und fragte ihn:

»Muß ich vor Ihnen die Thür schließen?«

Er war diesmal geduldiger denn je.

»Sie brauchen sich nicht die Mühe zu machen, meine Liebe,« entgegnete er; »ich bitte Sie nur um die Erlaubnis, mich niedersetzen und auf der Treppe warten zu dürfen. Wenn Sie Ihr Gespräch mit Miß Henley beendet haben, so rufen Sie mich herein. Und, nebenbei gesagt, erschrecken Sie nicht, wenn Sie ein kleines Geräusch hören, das heißt, den schweren Fall eines Mannes die Treppe hinunter. Wenn sich nämlich der Lump, der unglücklicherweise Ihr Mann ist, vor mir sehen läßt, dann würde ich in die traurige Notwendigkeit versetzt sein, ihn die Treppe hinunter zu werfen. Das ist alles.«

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