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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
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secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

War Mountjoy zurückgekommen, um Iris abzuholen, bevor sie noch ihre Vorbereitungen zur Reise beendet hatte? Beide Damen eilten an das Fenster, aber sie kamen zu spät. Der eilige Besucher war vor ihren Blicken schon unter der Vorhalle verschwunden und klopfte lebhaft an die Thür. Einen Augenblick später fragte die Stimme eines Mannes in dem Hausflur nach Miß Henley. Diese Stimme – klar, hell und sanft und hie und da angenehm mit einem irischen Accent vermischt – war nicht zu verkennen für einen, der sie schon einmal früher gehört hatte. Der Mann in dem Hausflur war Lord Harry.

Dieses unerwartete Zusammentreffen gab Mrs. Vimpany ihre Geistesgegenwart wieder.

Sie näherte sich der Thüre in der Absicht, mit Lord Harry zu sprechen, bevor er in das Zimmer kam; aber Iris hatte ihn nach ihr fragen hören, und dieser eine Umstand zerriß sofort alle die Hüllen, hinter welchen der wahre Charakter dieser Frau verborgen gewesen war, an deren Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sie bis jetzt geglaubt hatte. Der erste Eindruck, den sie von Mrs. Vimpany empfangen, war nach allem also doch der richtige gewesen. Jünger, leichter und schneller als die Frau des Doktors, erreichte Iris zuerst die Thür und legte die Hand auf die Klinke.

»Warten Sie einen Augenblick,« sagte sie.

Mrs. Vimpany blieb stehen. Zum erstenmale in ihrem Leben vermochte sie kein Wort über ihre Lippen zu bringen, sie konnte nur durch Zeichen Iris bitten, zurückzutreten. Aber Iris weigerte sich, das zu thun. In einfachen und klaren Worten sprach sie die schreckliche Frage aus: »Woher weiß Lord Harry, daß ich in diesem Hause bin?«

Das schlechte Weib horchte gespannt auf das Geräusch von Schritten auf der Treppe und wollte selbst jetzt nicht einer beschämenden Bloßstellung sich preisgeben. Ihrem verdorbenen moralischen Gefühl war jede Lüge recht als ein Mittel, sich vor einer Entdeckung durch Iris zu schützen.

»Meine Liebe,« sagte sie, »was kommt denn über Sie? Warum wollen Sie mich denn nicht nach meinem Zimmer gehen lassen?«

Iris maß sie mit einem verächtlichen Blick.

»Sind Sie unverschämt genug,« sagte sie, »noch anzunehmen, daß ich Sie nicht durchschaut habe?«

Helle Verzweiflung hielt noch den Mut Mrs. Vimpanys aufrecht. Sie spielte die angenommene Rolle gegen die verachtungsvolle Ungläubigkeit von Iris, wie sie einstens auf dem Theater ihre Rollen gespielt hatte gegen das wüste Zischen und Schreien einer rohen Zuhörerschaft.

»Miß Henley,« sagte sie, »Sie vergessen sich!«

»Glauben Sie denn, ich könnte nicht in Ihrem Gesicht lesen,« versetzte Iris, »daß auch Sie ihn gehört haben? Beantworten Sie mir meine Frage!«

»Welche Frage?«

»Sie haben sie soeben vernommen.«

»Nein.«

»O, Sie Heuchlerin!«

»Vergessen Sie nicht. Miß Henley, daß Sie zu einer Dame sprechen!«

»Ich spreche zur Spionin Lord Harrys!«

Ihre Stimmen waren sehr laut geworden; die Erregung auf beiden Seiten hatte ihren Höhepunkt erreicht. Weder die eine noch die andere war in der Verfassung, um zu vernehmen, daß der Klang der Wagenräder sich wieder von dem Hause entfernte. Während dem war aber niemand an die Thüre des Empfangszimmers gekommen. Mrs. Vimpany war mit dem hitzköpfigen irischen Lord zu gut bekannt, um nicht zu wissen, daß er sich selbst hörbar gemacht hätte und daß er seinen Weg zu Iris gefunden haben würde, wenn nicht irgend etwas, auf das er nicht vorbereitet war, unten an der Treppe sich ihm hindernd entgegen gestellt hätte. Des Doktors Frau ließ dem Doktor endlich Gerechtigkeit widerfahren. Eine andere Person hatte aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls die Stimme Lord Harrys gehört, und diese Person konnte nur ihr Gatte sein.

War es aber möglich, daß er sich des Dienstes erinnert hatte, um den sie ihn gebeten? Und selbst wenn er daran gedacht, konnte sie seiner Verschwiegenheit trauen? Als sie sich diese Fragen vorlegte, war der Wunsch, die richtige Beantwortung dafür zu finden, zu stark, als daß sie ihm hätte widerstehen können. Mrs. Vimpany versuchte daher zum zweitenmal, das Zimmer zu verlassen.

Aber derselbe Grund hatte auch Iris zum Handeln veranlaßt. Wiederum kam die jüngere der älteren Frau zuvor. Iris eilte die Treppe hinab, um die Ursache der plötzlichen Veränderung in dem unteren Teile des Hauses zu entdecken.

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