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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Buchschmuck

Erstes Kapitel

A An einem trüben Morgen des Jahres 1881 störte bald nach Sonnenaufgang eine besondere Botschaft die Ruhe Dennis Howmores in seiner Wohnung, die in dem freundlichen irischen Städtchen Ardoon gelegen war.

Augenscheinlich wohlbekannt mit den Räumlichkeiten stieg der Ueberbringer die Treppe hinauf, klopfte an die Thür von Howmores Schlafzimmer und richtete, ohne zu öffnen, mit lauter Stimme seinen Auftrag aus:

»Der Herr will Sie sprechen; Sie sollen ihn nicht zu lange warten lassen!«

Der, welcher diesen gemessenen Befehl schickte, war Sir Giles Mountjoy von Ardoon, Baronet und Bankier, und der Empfänger sein erster Commis. Schleunigst kleidete sich Dennis Howmore an und eilte in die Privatwohnung seines Chefs, welche in der Vorstadt von Ardoon lag.

Er fand Sir Giles in einem aufgeregten und beunruhigten Gemütszustand. Ein Brief lag geöffnet auf des Bankiers Bett; die Nachtmütze saß verschoben und zerdrückt auf seinem Kopf; er war in so großer Erregung, daß er den Guten-Morgen-Gruß Howmores gar nicht beachtete.

»Dennis, ich habe einen Auftrag für Sie; die Sache muß aber ganz geheim gehalten werden und erlaubt keinen Aufschub.«

»Hängt sie in irgend einer Weise mit dem Geschäft zusammen, Sir?«

Der Bankier fuhr ungeduldig auf.

»Wie können Sie solch ein höllischer Narr sein, Dennis, und glauben, daß es sich in dieser frühen Morgenstunde um eine Geschäftsangelegenheit handelt? Wissen Sie den ersten Meilenstein auf dem Weg nach Garvan?«

»Ja, Sir.«

»Gut. Dann gehen Sie sogleich dorthin und tragen Sorge, daß Sie niemand dort erblickt. Sehen Sie hinter dem Stein nach, und wenn Sie da auf dem Boden einen Gegenstand entdecken, welcher hingelegt zu sein scheint, so bringen Sie ihn mir. Vergessen Sie aber dabei nicht, daß der ungeduldigste Mann in ganz Irland auf Sie wartet.«

Nicht ein einziges erklärendes Wort folgte diesem sonderbaren Auftrage.

Dennis Howmore machte sich sogleich auf den Weg, während ihm als echtem Irländer allerlei Verschwörungs- und Mordgeschichten im Kopf herumgingen, Sein Chef war keine beliebte Persönlichkeit. Sir Giles hatte stets seine Steuern gezahlt, wenn sie fällig waren, und war mit Freuden bereit, – und das war noch schlimmer – anzuerkennen, was England im Laufe der letzten fünfzig Jahre für Irland gethan hatte. Wenn irgend etwas Verdächtiges an dem geheimnisvollen Gegenstand, den er zu suchen ausgesandt war, sein Mißtrauen rechtfertigen sollte, so beschloß Dennis, vorsichtig Umschau zu halten nach einem etwaigen Flintenlauf, wenn er auf seinem Heimweg nach der Stadt an einer Hecke vorüber mußte.

Bei dem Meilenstein angekommen, entdeckte er hinter demselben auf dem Boden nur einen einzigen Gegenstand – ein Stück von einer zerbrochenen Tasse.

Ganz natürlich zögerte Dennis, dies mitzunehmen, denn es schien ihm einfach ganz unmöglich, daß die ernsten und genauen Verhaltungsmaßregeln, die er erhalten hatte, mit solch einer Scherbe in Beziehung stehen könnten. Doch lautete sein Auftrag so bestimmt, wie ihn Ton, Ausdruck und Sprache nur irgend geben konnten. Die einfache Befolgung der empfangenen Befehle schien das richtigste zu sein, selbst auf die Gefahr hin, daß er von seinem Herrn, wenn er mit einer zerbrochenen Tasse in der Hand zurückkam, in einer Weise empfangen würde, die seiner Selbstachtung zu nahe trat.

Der Erfolg jedoch rechtfertigte diese seine Bedenken durchaus nicht. Es konnte ihm gar kein Zweifel bleiben, daß Sir Giles auf den anscheinend ganz wertlosen Fund hinter dem Meilenstein großes Gewicht legte. Nachdem er die Scherbe mehreremale genau untersucht hatte, sprach er die Absicht aus, Dennis auf einen zweiten Botengang zu schicken, ohne sich auch jetzt zu einer näheren Erklärung seiner unverständlichen Aufträge herbeizulassen.

»Wenn ich mich nicht irre,« begann er, »sind die Lesezimmer unserer Stadtbibliothek von morgens neun Uhr an geöffnet. – Nicht wahr? – Gut! Dann gehen Sie mit dem Schlag neun dorthin.« Er hielt im Reden inne und zog den Brief zu Rate, der geöffnet auf seinem Bett lag. »Lassen Sie sich,« fuhr er nach einer Weile fort, »von dem Bibliothekar den dritten Band von Gibbons ›Niedergang und Fall des römischen Kaiserreiches‹ geben. Darin schlagen Sie die Seiten achtundsiebenzig und neunundsiebenzig auf. Finden Sie zwischen diesen beiden Blättern ein Stück Papier, so nehmen Sie es an sich, aber ohne daß es jemand sieht, und bringen es mir. Das ist alles, Dennis, und vergessen Sie dabei nicht, daß ich nicht eher meine Ruhe finden kann, bis ich Sie wiedersehe.«

Für gewöhnlich war Dennis durchaus nicht der Mann darnach, auf dem zu bestehen, was er seiner Würde schuldig sein zu müssen glaubte. Doch war er andererseits wieder ein sehr empfindliches menschliches Wesen, das sich wohlbewußt war der Bedeutung, welche ihm seine verantwortliche Stellung im Geschäft verlieh. Die sonderbare und geradezu beleidigende Zurückhaltung Sir Giles', für die er nicht einmal ein Wort der Entschuldigung hatte, erreichte jetzt die Grenze der Geduld Howmores.

»Ich sehe mit Bedauern,« sagte er, »daß ich meinen Platz in der Achtung meines Chefs verloren habe. Der Mann, dem Sie die Oberaufsicht über Ihre Angestellten und über Ihre Geschäfte anvertrauen, hat nach meiner unmaßgeblichen Meinung auch eine gewisse Berechtigung, – unter den gegenwärtigen Verhältnissen – ins Vertrauen gezogen zu werden.«

Jetzt war der Bankier seinerseits beleidigt.

»Ich gestehe Ihnen gern diese Berechtigung zu,« antwortete er, »so lange Sie an Ihrem Pult in meinem Geschäft sitzen. Aber gerade in diesen unruhigen Zeiten der Arbeitseinstellungen und anderer schlimmen Dinge ist dem Chef ein Vorrecht geblieben – er hat nicht aufgehört, ein Mensch zu sein, und hat daher auch nicht das Recht des Menschen verwirkt, Geheimnisse für sich zu haben. Ich kann in meinem Verhalten Ihnen gegenüber durchaus nichts finden, was Ihnen irgend einen stichhaltigen Grund gewähren könnte, sich zu beklagen.«

Auf diese Abfertigung hin verbeugte sich Dennis stillschweigend und ging weg.

Bedeutete diese stumme Ergebung in sein Schicksal, daß er befriedigt war? Durchaus nicht, sie bedeutete gerade das Gegenteil. Dennis hatte sich überlegt, daß diese Geheimnisse des Sir Giles Mountjoy früher oder später aufhören würden, Geheimnisse für den ersten Commis Sir Giles Mountjoys zu sein.

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