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Blinde Liebe. Erster Band

William Wilkie Collins: Blinde Liebe. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorWilkie Collins
titleBlinde Liebe. Erster Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1890
quellegdz.sub.uni-goettingen.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorbruce.welch@gmx.de
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Zehntes Kapitel

Ja, der irische Lord war da, und gerade in dem Augenblicke kam er, da Iris bereits darauf verzichtet hatte, ihn jemals wiederzusehen, da sie nie wieder an ihn als ihren künftigen Gatten denken wollte und sich dabei doch zugleich an die ersten Tage ihrer Liebe erinnerte und an deren gegenseitiges Geständnis. Die Furcht hielt sie hinter dem Vorhang zurück, aber das Interesse für Lord Harry ließ sie nicht aus ihrer gedeckten Stellung am Fenster fort.

»Alles wohl in Rathco?« fragte er – Rathco war der Name des Gutes, auf dem Arthur zu Gaste war.

»Ja, Mylord, Mr. Mountjoy will uns morgen wieder verlassen.«

»Hat er die Absicht, hieher zurückzukehren?«

»Leider will er das thun.«

»Hat er schon eine Zeit festgesetzt, Miles, wann er sich auf den Weg machen will?«

Miles begann alle seine Taschen zu durchsuchen und begleitete diese Beschäftigung mit einer Erklärung. Ja, Mr. Arthur hatte in der That eine Zeit bestimmt; er hatte einen Zettel geschrieben, auf dem er seiner Haushälterin, Mrs. Lewson, die Zeit seiner Ankunft meldete. Zu dem Reitknechte hatte er gesagt: »Geben Sie diesen Zettel bei mir zu Hause ab, wenn Sie nach der Stadt reiten!« Und was mochte Miles wohl jetzt in der Dunkelheit in der Stadt wollen? Er sollte eiligst Medizin holen, denn eines von den Pferden seines Herrn war krank. Und während er das erzählte, da fand sich, Gott sei Dank, auch der Zettel.

Iris, die abwechselnd horchte und beobachtete, sah zu ihrem größten Erstaunen, wie der Reitknecht den für Mrs. Lewson bestimmten Zettel Lord Harry einhändigte.

»Glauben Sie denn,« sagte dieser scherzend, »daß ich Geschriebenes ohne Licht lesen kann?«

Der Reitknecht brachte eine kleine Laterne hervor, welche an seinem Gürtel befestigt war, und sagte, während er die Blende zurückschob, die das Licht abhielt:

»Der Weg hat Stellen, die in der Dunkelheit nicht ungefährlich sind.«

Der wilde Lord öffnete ruhig den Brief und las die wenigen harmlosen Worte, die er enthielt:

»An Mrs. Lewson! Liebes altes Kind! Erwarten Sie mich morgen zum Mittagessen um drei Uhr.

Ihr Arthur.«

Eine kurze Pause entstand.

»Sind irgend welche Fremde in Rathco?« fragte Lord Harry.

»Zwei neugekommene Männer,« antwortete Miles, »die auf den Feldern arbeiten.«

Wieder trat eine Pause ein.

»Wie kann ich ihn schützen?« sagte der junge Lord halb zu sich und halb zu Miles. Er hegte Verdacht gegen die beiden Feldarbeiter – vermutlich Spione, welche um Arthurs beabsichtigte Rückkehr nach Hause wußten, und die gewiß auch schon ihren Auftraggebern die Stunde hinterbracht hatten, zu welcher er aufzubrechen gedachte.

Miles wagte ein Wort zu sagen:

»Sie werden hoffentlich über mich nicht böse sein, Mylord –«

»Ach, dummes Zeug! Bin ich jemals unzufrieden mit Dir gewesen, als ich noch reich genug war, mir einen Diener halten zu können, und Du dieser warst?«

Der irische Reitknecht antwortete mit einer Stimme, die vor innerer Erregung zitterte:

»Sie waren der beste und freundlichste Herr, der jemals auf Erden gelebt hat. Ich kann es nicht ruhig mit ansehen, daß Sie Ihr kostbares Leben einer Gefahr aussetzen –«

»Mein kostbares Leben?« wiederholte Lord Harry spöttisch. »Du dachtest wohl an Mr. Mountjoy, als Du das sagtest. Sein Leben ist wert, erhalten zu werden. Was aber mein Leben anbetrifft –« Er endete seinen Satz in einem unverständlichen Gemurmel, der besten Art und Weise, wie er es umgehen konnte, laut werden zu lassen, daß er selbst sein eigenes Leben verachtete.

»Mylord, Mylord!« fuhr Miles fort, »die Unüberwindlichen fangen an, an Ihnen zu zweifeln. Wenn einer von ihnen Sie hier in der Nähe von Mr. Mountjoys Gut antreffen würde, so würden sie zuerst auf Sie schießen, und dann erst darnach fragen, ob es auch recht gewesen sei, Sie zu töten oder nicht.«

»Einer plötzlichen Eingebung folgend bog sie seinen Kopf zu sich herab – « (I. S. 86.)

Diese Worte hören zu müssen, – und sie waren in vollem Ernste gesprochen – nachdem sie ihn am Meilensteine gerettet hatte, waren für Iris eine Prüfung ihrer Stärke, welcher sie unmöglich standhalten konnte. Die Liebe überwand die Klugheit. Sie schob den Fenstervorhang beiseite. Im nächsten Augenblick würde sie ihre Ueberredung der Warnung des Reitknechts zugefügt haben, wenn nicht Lord Harry selbst sie durch eine Handlung seinerseits, auf die sie nicht vorbereitet war, davon abgehalten hätte.

»Leuchte mir,« sagte er, »ich will eine Zeile an Mr. Mountjoy schreiben.«

Er riß das unbeschriebene Stück von dem Zettel an die Haushälterin ab und schrieb an Arthur einige Worte, in denen er ihn beschwor, die Zeit seines Aufbruchs von Rathco zu verändern und keinem Menschen weder in dem Hause noch außer dem Hause zu sagen, zu welcher andern Stunde er wegzugehen gedächte.

»Satteln Sie Ihr Pferd selbst,« schloß der Brief, der mit verstellter Hand geschrieben und nicht unterzeichnet war.

»Gib dies Mr. Mountjoy,« sagte darauf Lord Harry zu dem Reitknecht. »Wenn er fragt, wer es geschrieben hat, setze ihn nicht meinetwegen in Furcht dadurch, daß Du ihm die Wahrheit sagst. Lüge, Miles! Sage, Du wüßtest es nicht.«

Dann gab er ihm den Zettel an Mrs. Lewson zurück, indem er hinzusetzte: »Wenn sie bemerkt, daß er geöffnet worden ist, und fragt, wer es gethan hat, so lüge noch einmal. Gute Nacht, Miles – und paß auf bei jenen gefährlichen Stellen auf Deinem Heimwege.«

Der Reitknecht verdunkelte seine Laterne, und der wilde Lord war in der rings um das Haus herrschenden Finsternis verschwunden.

Als Miles sich allein sah, klopfte er mit dem Griffe seiner Reitpeitsche an die Hausthür.

»Ein Brief von Mr. Arthur!« rief er.

Mrs. Lewson öffnete, nahm ihm gleich den Zettel aus der Hand und betrachtete ihn bei dem Lichte der Lampe, die auf dem Tische in der Vorhalle stand.

»Den hat schon jemand geöffnet!« rief sie aus, indem sie auf den Reitknecht zutrat und ihm das zerrissene Couvert zeigte.

Miles befolgte pünktlich den Befehl Lord Harrys; er sagte, er wisse nichts davon, und ritt weg.

Iris kam die Treppe herunter und traf mit der Haushälterin noch in der Vorhalle zusammen, bevor diese die Thüre geschlossen hatte. Mrs. Lewson zeigte ihr sogleich Arthurs Brief.

»Ich habe im Sinn, Miß,« sagte sie, »Mr. Arthur zu antworten und ihm einige Worte zu schreiben, die ihn veranlassen sollen, auf seinem Rückweg hieher hübsch vorsichtig zu sein. Die Schwierigkeit liegt nur darin, auf welche Weise ich ihm das recht eindringlich ans Herz legen soll. Sie würden ein gutes Werk thun, wenn Sie mir einen Rat geben könnten.«

Iris kam dem Verlangen willig nach. Eine zweite Mahnung von der besorgten Haushälterin konnte möglicherweise die Wirkung der wenigen Zeilen, welche Lord Harry geschrieben hatte, noch verstärken.

Aus Arthurs Brief hatte Iris erfahren, daß es seine Absicht gewesen war, um drei Uhr zurückzukehren. Die Frage, die Lord Harry an den Reitknecht gerichtet hatte, und die darauf erfolgte Antwort waren nicht aus ihrem Gedächtnis gewichen: »Sind irgend welche Fremde in Rathco?« und: »Zwei Neuangekommene Männer, die auf den Feldern arbeiten.« Da sie in Betreff dieser beiden Arbeiter ungefähr zu dem gleichen Schlusse gekommen war, den vorhin schon Lord Harry aus ihrer Anwesenheit in Rathco gezogen hatte, so riet Iris der Haushälterin, an Arthur zu schreiben und ihn inständigst zu bitten, die Stunde, zu welcher er am nächsten Tage das Haus seines Freundes verlassen wollte, im geheimen zu ändern. Dieser Rat fand den wärmsten Beifall von Seiten der Mrs. Lewson, die sofort in das Empfangszimmer eilte, um den Brief zu schreiben.

»Gehen Sie noch nicht zu Bett, Miß!« sagte sie; »ich möchte Ihnen erst noch den Brief vorlesen, bevor ich ihn morgen mit dem frühesten abschicke.«

So blieb Iris allein in der Vorhalle, deren Thüre weit offen stand, und blickte, in tiefes Nachsinnen versunken, hinaus in die Nacht.

Das Leben der beiden Männer, für die sie sich interessirte – allerdings in sehr verschiedener Weise – war jetzt bedroht, und derjenige, welcher zunächst am meisten in Gefahr schwebte, war Lord Harry. Er war ein Geächteter, dem jede Nachforschung unangenehm sein mußte: und doch gab es kein Wagnis, dem er sich nicht, um einer Arthur drohenden Gefahr zu begegnen, bereitwillig ausgesetzt hätte; das mußte ihm die Gerechtigkeit lassen. Wenn er jetzt noch furchtlos in der gefährlichen Nähe des Gutes verweilte auf der Lauer nach Meuchelmördern, wer außer ihr besäße den Einfluß, ihn zu bestimmen, den unheimlichen Platz zu verlassen? Sie war mit Mrs. Lewson an der Thür zusammengetroffen in der festen Ueberzeugung von der Richtigkeit ihrer Gedanken. Im nächsten Augenblicke schon befand sie sich außerhalb des Hauses und begann, in der Dunkelheit nachzusuchen.

Iris machte die Runde um das Gebäude herum; bald tastete sie sich an ganz finsteren Stellen behutsam vorwärts, bald blieb sie, leise aufatmend, stehen und rief vorsichtig den Namen Lord Harrys. Kein lebendes Wesen begegnete ihr; kein Laut, keine Bewegung störte die tiefe Stille der Nacht. Die Entdeckung, daß er nicht da sei, was sie gar nicht gewagt hatte zu hoffen, war die einzige tröstliche Entdeckung, die sie auf ihrer Suche machte.

Auf dem Rückweg in das Haus wurde sie sich erst ordentlich der Kühnheit ihrer Handlungsweise bewußt, zu welcher sie eine edelmütige Regung verleitet hatte.

Wenn sie mit Lord Harry zusammengetroffen wäre, würde sie dann noch das zarte Interesse für ihn haben leugnen können, welches schon ihr eigenes Benehmen allein verraten hätte? Würde er nicht vollständig in seinem Rechte gewesen sein, daraus zu schließen, daß sie ihm die Irrtümer und Vergehen seines Lebens vergeben hätte, und daß er sie ohne Anmaßung an ihre Liebe hätte erinnern und ihre Hand zum Bunde fürs Leben begehren können? Sie zitterte bei dem Gedanken an die Zugeständnisse, die er dann von ihr hätte erzwingen können.

»Niemals wieder,« beschloß sie, »wenn wir beide zusammentreffen, soll meine eigene Thorheit für das, was geschieht, verantwortlich gemacht werden können.«

Sie kehrte zu Mrs. Lewson zurück und hatte den Brief durchgelesen, als die Schläge der Gutsuhr sie daran mahnten, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben. Sie schliefen in dieser Nacht beide schlecht.

Um sechs Uhr am nächsten Morgen wurde einer der zwei Arbeiter, welche ihrem Herrn treu geblieben waren, zu Pferde an Arthur abgeschickt mit dem Briefchen der Haushälterin und mit dem Befehle, auf Antwort zu warten. Wenn er seinem Pferde eine kurze Rast gönnte, konnte er immerhin noch vor Mittag wieder zurück sein.

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