Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
Schließen

Navigation:

65. Kapitel

Ein neues Leben

Die Session hatte begonnen, und mein Vormund erhielt die Meldung von Mr. Kenge, daß sein Prozeß übermorgen zur Verhandlung kommen würde. Da ich sehr gespannt war, wie die Sache ausfallen würde, kamen Allan und ich überein, an dem bestimmten Vormittag hinzugehen. Richard war außerordentlich aufgeregt und so schwach und matt, obgleich sich immer noch keine körperliche Krankheit an ihm nachweisen ließ, daß meine gute Ada der Unterstützung gar sehr bedurfte. Aber sie hoffte auf die Hilfe, die ihr jetzt binnen so kurzem in Aussicht stand, und ließ nie den Mut sinken.

Die Tagfahrt sollte in Westminster abgehalten werden. Der Prozeß war dort wohl schon hundert Mal verhandelt worden, aber ich konnte mich nicht von dem Gedanken befreien, daß es dies Mal zu einem Resultat kommen müßte. Wir eilten gleich nach dem Frühstück fort, um rechtzeitig nach der Westminsterhall zu gelangen, und gingen Arm in Arm – wie glücklich und seltsam es doch war! – durch die lebhaften Straßen dorthin.

Wir besprachen gerade, was wir für Richard und Ada tun könnten, da hörte ich jemanden rufen: »Esther! liebe Esther! Esther!« Und ich sah Caddy Jellyby, wie sie mir mit dem Kopf so lebhaft aus dem kleinen Wagen winkte, den sie in letzter Zeit gemietet hatte, um damit zu ihren Schülern zu fahren, deren sie jetzt eine große Anzahl hatte, als ob sie mich aus hundert Schritt Entfernung umarmen wollte.

Ich hatte ihr in einem Briefe alles erzählt, was mein Vormund getan, aber keinen Augenblick Zeit gefunden, sie zu besuchen. Natürlich kehrten wir um, und das herzensgute Kind war so entzückt und freute sich so sehr, von dem Abend sprechen zu können, wo sie mir die Blumen brachte, und war so sehr darauf erpicht, mein Gesicht – samt dem Hute – zwischen ihren Händen zu drücken und sich ganz wie außer sich zu benehmen und mir allerlei Kosenamen zu geben und Allan zu sagen, ich hätte, ich wisse gar nicht, was alles, für sie getan, daß ich mich durchaus einen Augenblick in den Wagen hineinsetzen und sie beruhigen mußte, indem ich ihre Zärtlichkeit über mich ergehen ließ. Endlich mußten wir aber doch gehen – die Zeit drängte –, und Caddy blickte uns aus dem Kutschenfenster nach, solange sie uns sehen konnte.

Dadurch verspäteten wir uns etwa eine Viertelstunde, und als wir die Westminsterhall erreichten, hatte die Verhandlung schon angefangen. Überdies war im Kanzleigericht ein so ungewöhnliches Gedränge, daß die Menschen bis an der Tür standen und wir weder hören noch sehen konnten, was drin vorging. Es schien etwas Komisches zu sein, denn dann und wann hörte man ein Lachen und den Ruf: Ruhe! Auch etwas Interessanteres als gewöhnlich, denn alles stieß sich und drängte vorwärts. Daß es etwas sein mußte, was den Herren vom Fach sehr spaßhaft vorkam, ersahen wir daraus, daß verschiedne junge Advokaten mit Perücken und Backenbärten, die abseits vom Gedränge standen, sich, während einer von ihnen die Sache erzählte, mit den Händen in die Taschen fuhren und sich geradezu vor Lachen krümmten und, mit den Füßen stampfend, in der Halle herumliefen.

Wir fragten einen Herrn in unsrer Nähe, ob er wisse, was für ein Prozeß verhandelt werde? Er sagte uns: »Jarndyce kontra Jarndyce.« Und ob er wüßte, wie die Sache stehe? Er sagte nein, das habe noch niemand gewußt, aber soviel er aus allem entnehmen könne, sei es vorbei damit.

»Vorbei für heute?« fragten wir.

»Nein«, sagte er, »vorbei für immer.«

Vorbei für immer!

Als wir diese überraschende Antwort hörten, sahen wir uns sprachlos vor Erstaunen an. Konnte es wirklich möglich sein, daß das neuaufgefundene Testament alles in Ordnung gebracht haben sollte und daß Richard und Ada jetzt reich seien? Es schien zu gut, um wahr zu sein. Und doch mußte es so sein.

Wir hatten nicht lange zu warten, denn das Gedränge geriet bald in Bewegung, und die Leute kamen mit roten erhitzten Gesichtern, mit einer förmlichen Wolke verdorbener Luft umgeben, herausgeströmt. Sie waren immer noch sehr lustig, wie Leute, die aus eine Komödie oder von einem Taschenspieler kommen, und nicht aus einem Gerichtshof. Wir traten beiseite und warteten, ob nicht ein Bekannter darunter wäre, und sahen, wie große Pakete Akten herausgetragen wurden, Pakete in Beuteln – Bündel, zu groß, um sie in Beutel zu stecken –, unermeßliche Papiermassen, zusammengeschnürt oder lose, unter deren Gewicht die Diener wankten und die sie vorläufig aufs Geratewohl aufs Pflaster der Halle warfen, wenn sie wieder hineingingen, um immer noch neue zu holen. Auch die Diener lachten. Wir warfen einen Blick auf die Bündel, und da wir überall »Jarndyce kontra Jarndyce« lasen, fragten wir einen wie eine Amtsperson aussehenden Mann, der mitten unter ihnen stand, ob der Prozeß aus sei. »Ja«, sagte er, »endlich hat er ein Ende gefunden!« und fing auch an zu lachen.

Endlich sahen wir Mr. Kenge, leutselig und würdevoll, aus dem Gericht kommen und Mr. Vholes zuhören, der sehr ehrerbietig auf ihn einsprach und seine Aktenmappe unter dem Arm trug. Mr. Vholes erblickte uns zuerst. »Hier ist Miß Summerson, Sir«, sagte er. »Und Mr. Woodcourt.«

»Was seh ich! Ja. Wahrhaftig!« rief Mr. Kenge und zog vor mir mit der größten Höflichkeit den Hut. »Wie steht das werte Befinden? Freut mich außerordentlich, Sie zu sehen. Mr. Jarndyce ist nicht hier?«

»Nein. Er kommt nie hierher«, erinnerte ich ihn.

»Nun«, sagte Mr. Kenge, »es ist vielleicht gut, daß er heute nicht hier ist, denn seine – soll ich in meines werten Freundes Abwesenheit sagen, seine hartnäckig verfochtene Ansicht? – wäre – wenn auch nicht mit Recht – heute bestärkt worden.«

»Bitte, was ist denn eigentlich geschehen?« fragte Allan.

»Ich bitte um Verzeihung, wie meinen?« fragte Mr. Kenge mit ausnehmender Höflichkeit.

»Was heute geschehen ist?«

»Was geschehen ist?« wiederholte Mr. Kenge. »Ja so. Hm. Nun, nichts Besonderes; hm, nichts Besonderes. Wir sind zu einem Stillstand gekommen – zu einem plötzlichen Stillstand auf der – wie soll ich sagen – auf der... Soll ich es – Schwelle nennen?«

»Ist das Testament als echt anerkannt, Sir?« fragte Allan. »Möchten Sie uns nicht wenigstens das sagen?«

»Gewiß würde ich das tun, wenn ich könnte«, sagte Mr. Kenge, »aber wir sind der Sache nicht weiter nachgegangen, nicht weiter nachgegangen.«

»Nicht weiter nachgegangen«, wiederholte Mr. Vholes mit seiner gedämpften Bauchrednerstimme wie ein fernes Echo.

»Sie müssen bedenken, Mr. Woodcourt«, bemerkte Mr. Kenge und schwenkte überredend und besänftigend seine silberne Kelle, »daß dies ein großer Prozeß, ein langer Prozeß, ein verwickelter Prozeß gewesen ist. Man hat 'Jarndyce kontra Jarndyce' nicht mit Unrecht ein Denkmal der Kanzleigerichtspraxis genannt.«

»Und die Geduld hat lange darauf als Statue gesessen«, sagte Allan.

»Wahrhaftig, sehr gut, Sir«, entgegnete Mr. Kenge mit dem herablassenden Lächeln, das ihm eigen war. »Sehr gut! – Sie müssen ferner bedenken, Mr. Woodcourt«, – er wurde würdevoll bis zur Strenge – »daß auf die zahlreichen Schwierigkeiten, Zwischenfälle, meisterhaften Fiktionen und Einzelstadien in diesem großen Prozeß Studium, Geschicklichkeit, Beredsamkeit, Kenntnis und Geist, viel Geist, Mr. Woodcourt, verwendet worden sind. Viele Jahre lang hat 'Jarndyce kontra Jarndyce' die – äh –, ich möchte sagen, die Blüte des Advokatenstandes – und die –äh –, ich möchte mir hinzuzusetzen erlauben, die gereiften herbstlichen Früchte des richterlichen Oberhauses in Anspruch genommen. Wenn die Allgemeinheit daraus Nutzen zieht und der Staat den Ruhm dieses großartigen Zusammenwirkens von geistigen Eigenschaften, so muß dafür bezahlt werden, Sir, in Geld oder Geldeswert.«

»Mr. Kenge«, sagte Allan, dem jetzt auf einmal ein Licht aufzugehen schien, »entschuldigen Sie mich, aber unsre Zeit ist gemessen. Wollen Sie damit sagen, daß die ganze Hinterlassenschaft in Kosten aufgeht?«

»Hm! Ich glaube«, entgegnete Mr. Kenge. – »Mr. Vholes, was meinen Sie?«

»Ich glaube auch«, bestätigte Mr. Vholes.

»Und daß auf diese Weise der Prozeß sozusagen in Rauch aufgeht?«

»Wahrscheinlich«, entgegnete Mr. Kenge. – »Mr. Vholes?«

»Wahrscheinlich«, sagte Mr. Vholes.

»Liebste Esther«, flüsterte mir Allan zu, »das bricht Richard das Herz.«

In seinem Gesicht drückte sich ein so plötzlicher Schrecken aus, und er kannte Richard so durch und durch, und auch ich hatte seinen allmählichen geistigen Verfall so deutlich bemerkt, daß mir die Worte, die meine Ada mit dem vorausahnenden Blick der Liebe zu mir gesprochen hatte, wie ein Totengeläute in den Ohren klangen.

»Im Falle Sie Mr. C. zu sehen wünschen sollten, Sir«, sagte Mr. Vholes, der hinter uns herkam, »so finden Sie ihn im Gerichtssaal. Ich ließ ihn dort, weil er ein wenig ruhen wollte. Guten Tag, Sir; guten Tag, Miß Summerson.« Wie er mich mit seinem langsam verzehrenden Blick ansah und dabei die Schnüre seines Aktenbeutels zusammendrehte, bevor er Mr. Kenge nacheilte, von dessen wohlwollendem Schatten er sich nicht gern zu trennen schien, schnappte er ein Mal, als schlänge er damit den letzten Bissen dieses Klienten hinunter. Dann glitt seine schwarze, zugeknöpfte, widerwärtige Gestalt hinweg nach der niedrigen Tür am Ende der Halle.

»Liebes Herz«, sagte Allan, »überlaß mir auf eine kleine Weile den, den du mir so lange anvertraut hast. Geh und melde alles zu Hause und komm dann zu Ada!«

Ich ließ ihn nicht erst einen Wagen holen, sondern bat ihn, ohne einen Augenblick Verzug Richard aufzusuchen und mich allein gehen zu lassen. Zu Hause angekommen, fand ich meinen Vormund vor und berichtete ihm schonend, was vorgefallen war.

»Kleines Frauchen«, sagte er, seinetwegen nicht im geringsten bekümmert, »den Prozeß endlich vom Halse zu haben, ist ein segensreicheres Resultat, als ich erwartet hätte. Aber das arme, arme junge Paar!«

Wir sprachen den ganzen Vormittag von Ada und Richard und berieten, was wir für sie tun könnten. Dann begleitete mich mein Vormund nach Symond's-Inn und verließ mich an der Haustür. Ich ging hinauf. Als mein Liebling mich kommen hörte, kam sie auf den schmalen Gang heraus und warf sich an meine Brust; aber gleich faßte sie sich wieder und sagte mir, daß Richard mehrmals nach mir gefragt hätte. Wie sie mir erzählte, hatte ihn Allan in einer Ecke des Gerichtssaales sitzen gefunden, starr wie ein Steinbild. Als er ihn aus seinem Grübeln weckte, war er aufgesprungen und hatte eine Bewegung gemacht, als wollte er voll Zorn sich gegen die Richter wenden, aber ein Blutsturz hatte ihn daran gehindert, und er mußte nach Hause gebracht werden.

Er lag mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, als ich eintrat. Medizinflaschen standen auf dem Tisch, das Zimmer war so luftig wie möglich gemacht und verdunkelt, sauber aufgeräumt und still. Allan stand hinter dem Kranken und beobachtete ernst sein Gesicht, in dem keine Spur von Farbe mehr war. Jetzt erst erkannte ich genau, wie hinfällig er war. Aber sein Gesicht war friedlicher, schöner, als ich es seit langem gesehen.

Ich setzte mich stumm neben ihn. Bald darauf schlug er die Augen auf und sagte mit schwacher Stimme und seinem alten Lächeln: »Mütterchen Durden, küssen Sie mich!«

Es war mir ein großer Trost, ihn in seinem geschwächten Zustande heiter und hoffnungsvoll zu sehen. Er sagte, unsre bevorstehende Heirat mache ihn glücklicher, als er mit Worten ausdrücken könne. Mein Bräutigam sei für ihn und für Ada ein Schutzengel gewesen, und er segne uns beide und wünsche uns alles Glück, das das Leben nur gewähren könnte.

Es war mir, als müsse mir das Herz brechen, als ich ihn Allans Hand ergreifen und an seine Brust drücken sah.

Wir sprachen so viel wie möglich von der Zukunft, und er sagte mehrere Male, daß er bei unsrer Hochzeit sein müsse, wenn er sich auf den Füßen halten könnte. Ada würde ihn schon irgendwie hinbringen, hoffte er. »Aber selbstverständlich, liebster Richard!« tröstete sie ihn. Aber wie sie ihm so hoffnungsvoll, so heiter und innig antwortete, aufrecht erhalten von der Hoffnung auf die Hilfe, von der sie zu mir gesprochen, da wußte ich, wie alles kommen werde.

Er durfte nicht zuviel sprechen; und wenn er schwieg, schwiegen wir ebenfalls. Wie ich neben ihm saß, tat ich, als ob ich etwas für mein Herzenskind arbeitete, da es ihm immer Spaß gemacht hatte, mich wegen meines Fleißes zu necken. Ada beugte sich über sein Kissen und hielt sein Haupt in ihrem Arme. Er fiel von Zeit zu Zeit in einen Halbschlummer; und so oft er aufwachte, war seine erste Frage: »Wo ist Woodcourt«, wenn er ihn nicht gleich sah.

Es war Abend geworden, als ich aufblickte und meinen Vormund in dem kleinen Vorzimmer stehen sah. »Wer ist da, Mütterchen Durden?« fragte mich Richard. Die Tür befand sich hinter ihm, aber er hatte es in meinem Gesicht gelesen, daß jemand da war.

Ich fragte Allan mit den Augen, und da er ein Ja nickte, beugte ich mich über Richard und sagte es ihm. Mein Vormund sah, was vorging, trat leise an mich heran und legte seine Hand auf Richards Hand.

»Ach, Vetter«, flüsterte Richard, »du bist so gut, so gut!« und brach zum ersten Mal in Tränen aus.

Mein Vormund, das Bild eines guten Menschen, nahm auf meinem Stuhle Platz und ließ seine Hand in Richards Hand ruhen.

»Lieber Rick«, sagte er, »die Wolken haben sich verzogen und es ist heller Tag geworden. Wir gingen alle irre, Rick, mehr oder weniger. Was liegt daran!... Und wie geht es dir, lieber Richard?«

»Ich bin sehr schwach, Vetter, aber ich hoffe, ich werde bald wieder zu Kräften kommen. Jetzt heißt es ein neues Leben beginnen.«

»Recht so, Rick.«

»Diesmal werde ich es nicht in der alten Weise anfangen«, sagte Richard mit einem trüben Lächeln. »Ich habe jetzt eine Lehre erhalten, Vetter. Es war eine harte Lehre, aber du kannst versichert sein, daß ich sie nicht vergessen werde.«

»Schon gut«, tröstete ihn mein Vormund. »Schon gut, lieber Junge!«

»Ich dachte mir eben, Vetter«, fing Richard wieder an, »daß ich nichts auf Erden so gern sehen würde als – Mütterchen Durdens und Woodcourts Haus. Wenn ich dorthin gebracht werden könnte, sobald ich wieder mehr Kraft habe, glaube ich, ich würde dort früher genesen als anderswo.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Rick!« sagte mein Vormund. »Und unser kleines Frauchen auch; sie und ich haben erst heute darüber gesprochen. Ich glaube nicht, daß ihr Bräutigam etwas dawider haben wird. Was meinen Sie, Woodcourt?«

Richard lächelte und erhob den Arm und tastete nach Allan, der hinter ihm zu Häupten seines Bettes stand.

»Ich sage nichts von Ada, aber ich denke an sie und habe sehr viel an sie gedacht. Sieh her! Sieh her, wie sie sich so sorgsam über das Kissen beugt, wo sie doch selbst der Ruhe so dringend bedarf! Meine heißgeliebte, meine arme Ada!« Er schloß sie in seine Arme, und keines von uns sprach ein Wort. Allmählich ließ er sie los, und sie sah uns an, blickte hinauf zum Himmel und bewegte die Lippen.

»Wenn ich nach Bleakhaus komme«, flüsterte Richard, »werde ich dir viel zu erzählen haben, und wir müssen vieles besprechen. Du kommst, nicht wahr, Vetter?«

»Sei überzeugt, lieber Rick.«

»Ich danke dir. So bist du immer. Immer. Sie haben mir erzählt, was du alles für sie getan, und daß du nicht die kleinste ihrer Lieblingsgewohnheiten außer acht gelassen hast. Es wird mir sein, als ob ich wieder das alte Bleakhaus besuchte.«

»Und auch dorthin wirst du kommen, hoffe ich, lieber Rick. Ich bin jetzt ein alleinstehender Mann, wie du weißt, und ein Besuch wird mir eine Wohltat sein. Eine Wohltat, meine Liebe«, wiederholte er, zu Ada gewendet, streichelte sanft ihr goldenes Haar und drückte eine Locke davon an seine Lippen. Ich ahnte, daß er innerlich gelobte, sich ihrer anzunehmen, wenn sie allein zurückblieb.

»Nicht wahr, es war nur ein böser Traum?« sagte Richard und faßte bittend meines Vormundes beide Hände.

»Nichts sonst, Rick; nichts sonst.«

»Und du kannst in deiner Güte dem Träumer wirklich verzeihen, ihn bemitleiden und nachsichtig zu ihm sein und ihm Mut zusprechen, jetzt, wo er erwacht ist?«

»Gewiß, mein lieber Junge. Bin ich denn nicht selbst nur ein Träumer, Rick?«

»Ich will ein neues Leben anfangen«, sagte Richard, und seine Augen leuchteten.

Allan trat näher an Ada heran, und ich sah, wie er feierlich die Hand erhob, um meinen Vormund vorzubereiten.

»Wann werde ich diesen Ort hier mit dem schönen Lande vertauschen und die alten Zeiten wieder vor mir sehen und Kraft genug haben, zu sagen, was Ada mir gewesen ist, und imstande sein, meine vielen Fehler und meine Verblendung wieder gut zu machen und mich vorbereiten können, meinem Kind ein Führer zu sein?« sagte Richard. »Wann glaubst du, kann ich reisen?«

»Lieber Rick, sowie wir wieder ein wenig bei Kräften sind«, entgegnete mein Vormund.

»Ada, meine Herzens-Ada.« Er versuchte sich ein wenig zu erheben. Allan kam seinem Wunsch zuvor und hob ihn so, daß er seinen Kopf an ihre Brust legen konnte.

»Ich habe dir viel Leid zugefügt, mein Alles. Ich bin wie ein armer verirrter Schatten auf deinen Lebenspfad gefallen. Ich habe dich mit Armut und Sorgen vermählt und dein Vermögen vergeudet. Vergibst du mir, meine Ada, ehe ich ein neues Leben beginne?«

Ein Lächeln erhellte sein Gesicht, als sie sich niederbeugte, um ihn zu küssen.

Er ließ langsam sein Gesicht an ihre Brust sinken, schlang seine Arme fest um ihren Nacken und fing mit einem Abschiedsseufzer das neue Leben an. Das Leben, das über das Grab hinausreicht und alles irdische verwischt.

Abends spät, als alles still war, kam die arme verrückte Miß Flite weinend zu mir und sagte, daß sie allen ihren Vögeln die Freiheit geschenkt habe.

 << Kapitel 66  Kapitel 68 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.