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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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64. Kapitel

Esthers Erzählung

Eines Morgens, kurz nach unsrer letzten Unterredung, drückte mir mein Vormund ein versiegeltes Kuvert in die Hand und sagte: »Das ist für nächsten Monat, mein Kind.« Ich fand zweihundert Pfund darin.

In aller Ruhe begann ich alle nötigen Vorbereitungen zu treffen und richtete mich dabei nach dem Geschmack meines Vormundes, den ich natürlich ganz genau kannte. Auch bei Beschaffung meiner Garderobe nahm ich darauf Bedacht und hoffte, daß mir alles gut gelingen sollte. Ich besorgte alles ganz im geheimen, weil ich von meiner alten Befürchtung nicht vollkommen frei war, Ada könne meinetwegen bekümmert sein, und weil mein Vormund ebenfalls nicht weiter davon sprach. Ich nahm an, daß wir jedenfalls in aller Stille getraut werden würden. Vielleicht würde ich nur zu Ada zu sagen haben: Mein Liebling, möchtest du nicht morgen zu unserm Hochzeitsmahl kommen? Vielleicht würde unsre Trauung ebenso bescheiden sein wie die ihrige, und ich brauchte ihr nicht eher etwas zu sagen, als bis alles vorbei war. Ich dachte, wenn ich zu bestimmen hätte, würde ich es so arrangieren.

Nur Mrs. Woodcourt gegenüber machte ich eine Ausnahme. Ich sagte ihr, daß ich in Bälde meinen Vormund heiraten würde und daß wir schon seit einiger Zeit verlobt wären. Sie billigte dies höchlichst. Sie konnte nicht genug um mich sein und war gegen früher, als wir sie zuerst kennen gelernt hatten, merkwürdig sanft geworden. Es gab keine Mühe, der sie sich nicht meinetwegen unterzogen hätte; aber ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ihr nur soviel zu machen gestattete, als gerade unumgänglich nötig war, sie ihren guten Willen beweisen zu lassen.

Natürlich durfte ich bei all dem meinen Vormund nicht vernachlässigen, und auch mein Herzenskind nicht. Immerhin hatte ich also sehr viel zu tun – was mir ganz angenehm war –, und was Charley betraf, so kam sie vor lauter Näherei gar nicht mehr zum Vorschein. Sich mit großen Haufen von Garderobestücken – Körbe und Tische voll – zu umgeben und ein wenig daran zu arbeiten und sehr viel Zeit darauf zu verwenden, mit großen runden Augen das anzusehen, was noch zu machen war, und sich einzureden, sie habe alle Hände voll zu tun, das waren so Charleys große Würden und Freuden.

Was das Testament anbetraf, muß ich sagen, konnte ich mit meinem Vormund nicht recht derselben Meinung sein und hatte einige sanguinische Hoffnungen auf »Jarndyce kontra Jarndyce« gesetzt. Wer von uns recht hatte, mußte sich bald zeigen. Ich meinesteils war jedenfalls hoffnungsfroh gestimmt. Bei Richard hatte die Entdeckung einen Anfall von Geschäftigkeit und Aufregung zur Folge, der ihn eine Zeitlang aufrecht erhielt, aber die wirkliche Elastizität der Hoffnung schien er verloren zu haben und nur mehr in fieberischer Wartestimmung zu sein. Aus einer Äußerung meines Vormundes, als wir eines Tages von dieser Sache sprachen, schloß ich, daß unsre Vermählung erst nach dem Beginn der angekündigten Session stattfinden sollte, und ich malte mir meine Hochzeitsfeier um so schöner aus, als ich hoffte, dann Richard und Ada bereits in besseren Umständen zu wissen.

Die Tagfahrt stand schon sehr nahe bevor, als mein Vormund eine Reise nach Yorkshire in Mr. Woodcourts Angelegenheiten machte. Er hatte mir schon früher gesagt, daß seine Anwesenheit notwendig sein würde.

Ich war gerade eines Abends von meiner lieben Ada nach Hause gekommen und saß mitten unter allen meinen neuen Kleidern, sah sie mir an und dachte über allerlei nach, als ich einen Brief von ihm erhielt. Er forderte mich darin auf, zu ihm zu kommen, bezeichnete mir die Kutsche, mit der ich fahren und zu welcher Stunde des Morgens ich die Stadt verlassen müßte. Er setzte in einer Nachschrift hinzu, daß ich nur wenige Stunden von Ada weg sein würde.

Ich war damals auf nichts weniger als auf eine Reise gefaßt, aber in kurzer Zeit machte ich mich fertig und fuhr mit dem Schlag der bezeichneten frühen Morgenstunde ab. Ich reiste den ganzen Tag und grübelte wohl ununterbrochen, wozu man mich in Yorkshire brauchen würde; einmal dachte ich mir dies, dann wieder jenes aus, aber nie kam ich der Wahrheit nahe.

Es war Nacht, als ich das Ziel meiner Reise erreichte, und mein Vormund erwartete mich. Das war mir eine große Erleichterung, denn gegen Abend hatte ich zu fürchten angefangen – um so mehr, da sein Brief nur kurz gewesen war –, daß er krank sein könnte. Ich fand ihn jedoch so wohl wie nur möglich, und als ich sein gutmütiges Gesicht wieder vor Freundlichkeit strahlen sah, sagte ich mir, daß er gewiß wieder heimlich eine gute Tat verrichtet haben müßte. Es gehörte kein großer Scharfsinn dazu, denn sein Hiersein war schon an und für sich eine gute Tat.

Das Abendessen stand im Gasthof bereit, und als wir bei der Tafel saßen, sagte er:

»Bist gewiß sehr neugierig, kleines Frauchen, warum ich dich hierher gerufen habe.«

»Nun ja«, gab ich zu, »ich halte mich zwar für keine Fatime und dich für keinen Blaubart, aber neugierig bin ich doch ein wenig.«

»Nun, damit du ruhig schlafen kannst, mein Liebling«, entgegnete er heiter, »wollen wir nicht erst bis morgen warten, um es dir zu sagen. Es hat mir immer sehr auf dem Herzen gelegen, Woodcourt irgendwie meinen Dank für seine Menschlichkeit gegenüber dem armen unglücklichen Jo und für die unschätzbaren Dienste, die er Richard und uns allen geleistet hat, zu beweisen. Als es ausgemacht war, daß er hierher ziehen würde, fiel es mir ein, ihn zu bitten, ein anspruchsloses und passendes Häuschen, worin er wohnen könnte, von mir anzunehmen. Deshalb gab ich den Auftrag, ein solches zu suchen, und es hat sich wirklich eins unter sehr annehmbaren Bedingungen gefunden, und ich habe es für ihn herrichten und bewohnbar machen lassen. Als ich nun vorgestern Nachricht erhielt, daß es fertig sei, und es mir ansehen kam, fand ich, daß ich doch nicht Wirtschaftskenntnisse genug besäße, um zu wissen, ob alles so sei, wie es sein müßte. Ich schickte daher nach der besten kleinen Hausfrau, die nur zu haben ist, damit sie ihr Urteil ausspräche und ihren Rat erteilte. Und da sitzt sie«, sagte mein Vormund, »und lacht und weint schon wieder in einem Atem!«

Weil er so lieb, so gut, so bewunderungswürdig war. Ich versuchte, ihm zu sagen, wie sehr es mich ergriff, konnte aber kein Wort über die Lippen bringen.

»Still, still!« sagte er. »Du machst zu viel Aufhebens davon, kleines Frauchen. Wie du schluchzst, schluchzst, Mütterchen, wie du schluchzst!«

»Vor unaussprechlicher Freude, aus dankerfülltem Herzen.«

»Nun, nun, schon gut, schon gut«, besänftigte er mich. »Es freut mich, daß du es billigst. Ich dachte es mir gleich. Es sollte eine angenehme Überraschung für die kleine Herrin von Bleakhaus sein.«

Ich küßte ihn und trocknete mir die Tränen. »Ich weiß es!« sagte ich. »Ich habe seit langer Zeit auf deinem Gesicht gelesen, daß du so etwas Ähnliches vorhattest.«

»So? Hast das wirklich, mein Liebling?« fragte er. »Nein, wie gut Mütterchen Durden einem etwas vom Gesicht ablesen kann!«

Er lächelte verschmitzt heiter, daß ich bald wieder fröhlich war und mich fast schämte, es nicht gleich von Anfang gewesen zu sein. Als ich zu Bett ging, weinte ich. Ich muß gestehen, ich weinte; aber ich hoffe, es war vor Freude, wenn ich mir auch dessen nicht ganz gewiß bin. Ich wiederholte mir im Geist jedes Wort des Briefes, den er mir damals geschrieben, zwei Mal.

Ein wunderschöner Sommermorgen folgte diesem Abend, und nach dem Frühstück gingen wir Arm in Arm nach dem Hause, über das ich mein gewichtiges Hausfrauenurteil abgeben sollte. Wir traten durch eine Tür in einer Mauer, zu der mein Vormund den Schlüssel hatte, in einen Blumengarten, und das erste, was ich sah, war, daß die Beete und Blumen alle so angeordnet waren wie die in Bleakhaus.

»Du siehst, mein Kind«, bemerkte er und blieb mit erfreutem Gesicht stehen, um mich zu beobachten, »da ich keine bessere Einteilung kannte, habe ich deine nachgemacht.«

Wir gingen durch einen hübschen kleinen Obstgarten, wo die Kirschen aus dem grünen Laube hervorglänzten und der Schatten der Apfelbäume auf dem Rasen zitterte, nach dem Hause – einem Häuschen, einem ganz ländlichen Häuschen mit Zimmern wie für Puppen. Ein so allerliebster Ort, so still und so schön, mit so fruchtbarer und freundlicher Gegend rings umher, mit glänzenden Wassern im Hintergrunde, hier von frischem Sommergrün überschattet, dort eine brausende Mühle drehend, dann wieder in der Nähe glitzernd durch eine Wiese fließend, an der heitern Stadt vorbei, wo Ballspieler sich in munteren Gruppen sammelten und über einem weißen Zelt eine Fahne wehte, mit der der linde Westwind spielte. Und überall, wie wir durch die hübschen Zimmer und zu den kleinen ländlichen Verandatüren hinaus und unter dem niedlichen hölzernen Säulengang, von Waldrebe, Jasmin und Jelängerjelieber umschlungen, gingen, sah ich in den Tapeten, in den Farben des Hausrats und in der Anordnung aller der hübschen Gegenstände meine kleinen Arrangements und Erfindungen, die sie immer so belachten und in den Himmel hoben, kurz, ganz meinen eigenen Geschmack berücksichtigt.

Ich konnte nicht genug meine Bewunderung ausdrücken, wie schön alles war, mich aber eines geheimen inneren Zweifels nicht erwehren, als ich es sah. Ich dachte, wird es Mr. Woodcourt glücklich machen? Würde es nicht für seinen Seelenfrieden besser sein, wenn ihn nicht alles so an mich erinnerte? Wenn ich auch nicht das war, wofür er mich hielt, so liebte er mich doch innig, das wußte ich, und es mußte ihn alles hier schmerzlich an das mahnen, was er verloren zu haben glaubte. Ich wünschte ja nicht, daß er mich vergäße – vielleicht würde er es auch ohne diese Erinnerungen nicht tun –, aber mein Weg war leichter als der seine, und ich hätte mich selbst damit aussöhnen können, wenn es ihn nur glücklicher gemacht hätte.

»Und jetzt, kleines Frauchen«, sagte mein Vormund, den ich nie so stolz und froh gesehen hatte, als wie er mir dies alles zeigte und beobachtete, welchen Eindruck es auf mich machte, »nun kommt das letzte, der Name des Hauses.«

»Und wie heißt es, lieber Vormund?«

»Liebes Kind», sagte er, »sieh selbst nach.«

Er führte mich nach der Eingangspforte, der er bis jetzt ausgewichen war, und fragte mich, indem er stillstand, ehe wir hinausgingen:

»Liebes Kind, du errätst wirklich den Namen nicht?«

»Nein!« sagte ich.

Wir gingen zur Pforte hinaus; und darüber stand geschrieben: »Bleakhaus«

Er führte mich zu einer Laubenbank in der Nähe, setzte sich neben mich, ergriff meine Hand und sprach:

»Mein Herzenskind, bei dem, was zwischen uns bestanden hat, habe ich, wie ich hoffe, wahrhaft dein Glück im Auge gehabt. Als ich dir den Brief schrieb, auf den du selbst die Antwort brachtest«, – er lächelte, wie er davon sprach – »hatte ich mein eignes Glück wohl sehr im Auge, aber das deinige auch. Ob ich unter andern Verhältnissen den alten, von mir so oft, als du fast noch ein Kind warst, geträumten Traum erneuern würde, dich einmal zu meiner Gattin zu machen, brauche ich mich nicht zu fragen. Ich erneuerte ihn und schrieb meinen Brief, und du brachtest die Antwort. Verstehst du, mein Kind, was ich meine?«

Mich fröstelte, und ich zitterte heftig, verlor aber kein Wort von dem, was er sprach. Wie ich dasaß und ihn fest ansah und die Sonnenstrahlen durch das Laub hindurch auf sein Haupt fielen, kam es mir vor, als ob der Glorienschein um ihn wie der Glanz der Engel sein müßte.

»Höre mir zu, mein Liebling, aber sprich jetzt nicht. Die Reihe zu sprechen ist an mir. Wann ich anfing zu zweifeln, ob das, was ich beabsichtigte, dir wirklich zum Glück gereichen würde, tut nichts zur Sache. Woodcourt kam zurück, und ich hatte bald keinen Zweifel mehr.«

Ich schlang meine Arme um ihn, barg mein Haupt an seiner Brust und weinte.

»Bleib hier still und vertrauensvoll ruhen, mein Kind«, sagte er und drückte mich sanft an sich. »Ich bin jetzt dein Vormund und dein Vater wieder. Bleib hier ruhen.«

Besänftigend wie das leise Rauschen der Blätter, ruhig wie die Sommerluft und heiter und strahlend wie der Sonnenschein, fuhr er fort:

»Versteh mich recht, mein liebes Kind. Ich zweifelte nie, daß du zufrieden und glücklich an meiner Seite sein würdest, wo du so voller Pflichttreue und Hingebung bist, aber ich sah auch, mit wem du glücklicher sein müßtest. Daß ich sein Geheimnis durchschaute, als unser Hausmütterchen noch nichts davon ahnte, ist kein Wunder – kannte ich doch alles Gute an ihr, das immer bleiben wird, viel besser als sie selbst. Allan Woodcourt hat mir schon längst sein Vertrauen geschenkt, wenn ich ihn auch erst gestern wenige Stunden vor deiner Ankunft in meine Pläne einweihte. Aber meiner Esther glänzendes Beispiel durfte nicht verloren gehen; es durfte kein Jota ihrer hohen Eigenschaften ungesehen und ungeehrt bleiben; sie durfte in dem Geschlechte der Morgan-ap-Kerrigs nicht bloß geduldet werden, nein, nicht um soviel Gold wie alle Berge von Wales zusammen!«

Er hielt inne, um mich auf die Stirn zu küssen, und ich schluchzte und weinte von neuem. Ich glaubte die schmerzliche Wonne seines Lobes nicht ertragen zu können.

»Still, kleines Frauchen! Weine nicht; heute soll ein Tag der Freude sein. Ich habe mich Monate und Monate darauf gefreut«, sagte er frohlockend. »Nur noch ein paar Worte, Mütterchen, und ich habe gesagt, was ich zu sagen habe. Entschlossen, auch kein Atom des Wertes meiner Esther verloren gehen zu lassen, nahm ich mir Mrs. Woodcourt besonders vor. 'Hören Sie, Madam', sagte ich, 'ich sehe klar – und weiß es außerdem auch –, daß Ihr Sohn mein Mündel liebt. Ich weiß auch, daß mein Mündel Ihren Sohn liebt, aber ihre Liebe einem Gefühl der Pflicht und der Hingebung opfern will, und zwar so vollständig und so unselbstsüchtig, daß Sie es nie ahnen werden, wenn Sie sie auch Tag und Nacht beobachten.' Dann erzählte ich ihr unsre ganze Geschichte –unsre, deine und meine. 'Nun mache ich Ihnen den Vorschlag, Madam', sagte ich, 'besuchen Sie uns, nachdem Sie dies erfahren haben, und wohnen Sie bei uns. Kommen Sie zu uns und sehen Sie mein Kind zu jeder Stunde; halten Sie das, was Sie sehen, gegen ihren Stammbaum, der so und so ist', – ich verschmähte, ihr etwas zu verhehlen – 'und sagen Sie mir, was echtes, reines Blut ist, wenn Sie sich die Sache recht ordentlich überlegt haben.'« Aber Ehre sei ihrem alten welschen Blute, meine Liebe!« rief mein Vormund voll Begeisterung. »Ich glaube, ihr Herz schlägt nicht weniger warm, nicht weniger bewundernd, nicht weniger liebevoll für Mütterchen Durden als mein eignes!«

Er hob zärtlich meinen Kopf in die Höhe und küßte mich auf seine alte väterliche Weise wieder und wieder. Welch ein Licht ging mir jetzt auf, wenn ich an die Beschützermiene dachte, die mir so oft an ihm aufgefallen war!

»Und noch ein letztes Wort. Als Allan Woodcourt mit dir sprach, meine Liebe, geschah es mit meinem Wissen und meiner Zustimmung – aber ich ermutigte ihn in keiner Weise, durchaus nicht, denn diese kleinen Überraschungen waren meine große Belohnung, und ich war zu geizig, um nur ein Jota davon zu missen. Er sollte mir alles erzählen, was vorgegangen war, und er tat es. Ich habe weiter nichts mehr zu sagen, mein Herzlieb. Allan Woodcourt stand neben der Leiche deines Vaters – stand neben der deiner Mutter. Dies ist Bleakhaus. Heute gebe ich diesem Hause seine kleine Herrin, und ich schwöre es zu Gott, es ist der schönste Tag meines ganzen Lebens!«

Er stand auf und zog mich an seine Brust.

Wir waren nicht länger allein.

Mein Gatte – volle sieben glückliche Jahre sind es jetzt, daß ich ihn so genannt – stand neben mir.

»Allan«, sagte mein Vormund, »nehmen Sie von mir als freiwillige Gabe das beste Weib, das jemals ein Mann gehabt hat. Kann ich Ihnen mehr sagen, als daß ich weiß, daß Sie es verdienen?! Nehmen Sie mit ihr das Häuschen, das sie Ihnen zubringt. Sie wissen, wie glücklich sie es machen wird, Allan; Sie wissen, was sie für das andre Bleakhaus gewesen ist. Erlauben Sie, mich manchmal in sein Glück zu teilen, und was opfere ich dann? Nichts, nichts.« Er küßte mich noch einmal, und Tränen standen ihm im Auge, als er mit gedämpfterer Stimme sagte: »Liebe Esther, nach so vielen Jahren bedeutet dies doch eine Art Trennung. Ich weiß, daß mein Irrtum dir Schmerzen verursacht hat. Verzeihe deinem alten Vormund und räume ihm wieder seinen alten Platz in deinem Herzen ein; und lösche den Irrtum aus deinem Gedächtnis. Allan, hier, nehmen Sie mein liebes Kind hin!«

Er trat unter dem grünen Blätterdach hervor in den Sonnenschein draußen, wendete sich heiter nach uns um und sagte:

»Ich werde hier irgendwo in der Nähe zu finden sein. Es ist Westwind, kleines Frauchen, reiner Westwind! Es darf mir niemand mehr danken; denn ich kehre wieder zu meinen Junggesellengewohnheiten zurück, und wenn jemand auf diese Warnung nicht achtet, laufe ich fort und komme nie wieder!«

Oh, dieser Tag mit seinem Glück, seiner Freude, seinem Frieden, seiner Hoffnung, seiner dankerfüllten Seligkeit!

Wir sollten noch vor Ende dieses Monats getraut werden, aber der Zeitpunkt, wo wir unser Heim beziehen sollten, hing von Richard und Ada ab.

Am nächsten Tage reisten wir alle drei zusammen nach Hause. Sowie wir in der Stadt angekommen waren, begab sich Allan zu Richard, um ihm und meinem Herzenskinde die freudige Botschaft zu überbringen. So spät es war, gedachte ich sie doch vor dem Schlafengehen noch auf ein paar Minuten zu besuchen, ging aber zuerst mit meinem Vormund heim, um ihm seinen Tee zu bereiten und meinen alten Platz an seiner Seite einzunehmen, denn ich wollte nicht daran denken, daß er so bald leer werden sollte.

Als wir zu Hause ankamen, hörten wir, daß ein junger Mann im Laufe des Tages drei Mal nach mir gefragt hatte, und als er bei seinem dritten Besuch erfahren, daß ich nicht vor zehn Uhr abends zurückkehren würde, zurückgelassen habe, er werde um diese Zeit wiederkommen. Er hatte seine Karte drei Mal abgegeben. »Mr. Guppy.«

Da ich mir natürlich über den Zweck seiner Besuche Gedanken machte und in meinen Vorstellungen immer etwas Lächerliches mit seiner Person verband, kam es dazu, daß ich meinem Vormund lachend von Mr. Guppys früherem Heiratsantrag und seinem späteren Rücktritt erzählte.

»Oh, wenn sich die Sache so verhält, müssen wir diesen Helden unbedingt empfangen«, sagte mein Vormund.

So wurde also Befehl gegeben, Mr. Guppy vorzulassen, wenn er wieder erscheinen sollte, und kaum war das geschehen, meldete man ihn auch schon.

Er geriet sehr in Verlegenheit, als er meinen Vormund bei mir fand, faßte sich aber bald und sagte: »Wie geht es Ihnen, Sir?«

»Wie geht es Ihnen, Sir?« entgegnete mein Vormund.

»Ich danke Ihnen, Sir, es macht sich. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Mutter, Mrs. Guppy von Old-Street-Road und meinen Freund Mr. Weevle vorstelle. Mein Freund hat den Namen Weevle nur angenommen, wirklich und eigentlich heißt er Jobling.«

Mein Vormund bat die Herrschaften, Platz zu nehmen, und alle drei setzten sich.

»Tony«, begann Mr. Guppy zu seinem Freund nach einer Verlegenheitspause. »Willst du den Fall vortragen?«

»Tu es doch selber«, entgegnete der Freund, ein wenig kurz angebunden.

»Sehen Sie, Mr. Jarndyce, – ehüm –«, fing Mr. Guppy nach kurzem Besinnen an, zum großen Entzücken seiner Mutter, was sie dadurch an den Tag legte, daß sie Mr. Jobling einen Stoß mit dem Ellbogen versetzte und mir auf die merkwürdigste Weise mit den Augen zuzwinkerte. »Ich hoffte, Miß Summerson allein zu finden, und war auf Ihre geehrte Gegenwart nicht vorbereitet. Miß Summerson hat Ihnen vielleicht gesagt, daß bei früheren Gelegenheiten etwas zwischen uns vorgefallen ist?«

»Miß Summerson hat mir allerdings eine derartige Mitteilung gemacht«, bestätigte mein Vormund lächelnd.

»Das erleichtert die Sache«, sagte Mr. Guppy. »Sir, ich habe meine Lehrzeit bei Kenge & Carboy absolviert und, wie ich glaube, zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Ich bin jetzt, nach einem Examen in einem Haufen von überflüssigem Unsinn, bei dem der Mensch blau anlaufen könnte, in der Anwaltsliste eingetragen und habe mein Zertifikat bekommen. Wenn Sie irgend wünschen sollten, kann ich es Ihnen zeigen.«

»Ich danke Ihnen, Mr. Guppy«, wehrte mein Vormund ab. »Ich nehme – ich glaube, so lautet der juristische Ausdruck – die Existenz des Zertifikates als erwiesen an.«

Mr. Guppy ließ also das Papier, das er eben aus der Tasche ziehen wollte, stecken und fuhr fort:

»Ich selbst besitze zwar kein Kapital, aber meine Mutter hat ein kleines Vermögen in Form einer Leibrente«, – Mr. Guppys Mutter wackelte mit dem Kopfe, als ob sie sich über die Bemerkung gar nicht genug freuen könnte, hielt sich das Taschentuch vor den Mund und zwinkerte mir wieder mit den Augen zu – »und an ein paar Pfund für die Barauslagen im Geschäft – unverzinslich natürlich – wird es nie fehlen. Und das ist immerhin etwas, wie Sie wissen«, hob Mr. Guppy mit Gefühl hervor.

»Gewiß, ohne Zweifel«, erwiderte mein Vormund.

»Auch habe ich einige Beziehungen, hauptsächlich in der Gegend von Walcot-Square, Lambeth, und habe daher in jener Gegend ein Haus gemietet, das nach dem Urteil meiner Freunde spottbillig ist (die Abgaben lächerlich gering, und die Benutzung des unbeweglichen Besitzes im Zins mit eingeschlossen), und gedenke mich dort zu etablieren.«

Bei diesen Worten nahm Mrs. Guppys Kopfwackeln geradezu bedenkliche Dimensionen an, und schelmisch lächelnd blickte sie uns der Reihe nach an.

»Das Haus umfaßt sechs Räume, die Küche nicht mitgerechnet, und ist nach dem Urteil meiner Freunde eine bequeme Wohnung. Wenn ich von meinen Freunden spreche, so meine ich damit vor allem Mr. Jobling, der mich, glaube ich«, – Mr. Guppy sah ihn mit sentimentalem Gesicht an – »schon von Kindheit an kennt.«

Mr. Jobling bestätigte dies mit einem Kratzfuß unter dem Stuhle.

»Mein Freund Jobling wird mir seine Unterstützung als Substitut leihen und mit im Hause wohnen. Meine Mutter wird ebenfalls dort wohnen, wenn der Kontrakt ihres gegenwärtigen Quartiers in Old-Street-Road abgelaufen ist. An Gesellschaft wird es daher nicht fehlen. Mein Freund Jobling ist von Natur aristokratisch gesinnt; und außer daß er mit allem, was in den vornehmen Kreisen vorgeht, vertraut ist, teilt er die Ansichten, die ich jetzt entwickle.«

Mr. Jobling bestätigte: »Gewiß«, und zog sich ein wenig aus dem Ellbogenbereich der Mutter Mr. Guppys zurück.

»Da Sie Miß Summerson ins Vertrauen gezogen hat, so habe ich keine Veranlassung, Ihnen nochmals zu wiederholen – Mutter, sei so gut, und sei still –, daß Miß Summersons Bild früher meinem Herzen eingeprägt war und daß ich ihr einen Heiratsantrag machte.«

»Das habe ich gehört«, entgegnete mein Vormund.

»Umstände«, fuhr Mr. Guppy fort, »auf die ich keinen Einfluß hatte – sogar ganz das Gegenteil –, drängten eine Zeitlang dies Bild in den Hintergrund. Damals war Miß Summersons Benehmen höchst gentil, ich darf sogar hinzusetzen, edelmütig.«

Mein Vormund klopfte mir auf die Achsel und schien sich köstlich zu amüsieren.

»Ich bin nun selbst in einen solchen Gemütszustand gelangt«, sagte Mr. Guppy, »so daß ich mich meinerseits nicht weniger edelmütig zu benehmen wünsche. Es liegt mir viel daran, Miß Summerson zu beweisen, daß ich mich zu einer Höhe erheben kann, deren sie mich vielleicht kaum für fähig hält. Ich habe herausgefunden, daß das Bild, das, wie ich glaubte, aus meinem Herzen herausgerissen war, in Wirklichkeit nicht herausgerissen ist. Es übt immer noch einen gewaltigen Einfluß auf mich aus, und indem ich diesem Gefühle nachgebe, bin ich bereit, über die Verhältnisse wegzusehen, über die keiner von uns gebieten kann, und Miß Summerson den Antrag zu wiederholen, den ich die Ehre hatte, ihr früher zu machen. Ich bitte Miß Summerson hiermit um die Erlaubnis, das Haus in Walcot-Square, das Geschäft und mich selbst ihr zu Füßen legen zu dürfen.«

»Ungemein edelmütig. In der Tat, Sir«, bemerkte mein Vormund.

»Nun ja, Sir«, entgegnete Mr. Guppy mit Offenheit, »ich wünsche auch, edelmütig zu sein. Ich bin nicht der Ansicht, daß ich mir durch diesen Antrag bei Miß Summerson nichts vergebe. Durchaus nicht; und auch mein Freund ist dieser Ansicht. Aber doch liegen Verhältnisse vor, die ich gehorsamst bitte, als eine Art Gegenrechnung gegen etwaige kleine Mängel meinerseits in Erwägung zu ziehen, damit wir auf diese Weise zu einem glatten und unparteiischen Abschluß gelangen.«

»Ich übernehme es selbst, Sir, Ihre Miß Summerson gemachten Anträge zu beantworten«, sagte mein Vormund und griff lachend nach der Klingel. »Sie erkennt Ihre großmütige Absicht an und wünscht Ihnen guten Abend und fernerhin Wohlergehen.«

»Oh!« sagte Mr. Guppy mit verblüfftem Gesicht. »Heißt das soviel wie Annahme oder Verwerfung oder eventuelle Inbetrachtnahme?«

»Entschieden Verwerfung, wenn Sie gestatten«, entgegnete mein Vormund.

Mr. Guppy sah ratlos abwechselnd seinen Freund und seine Mutter, die plötzlich sehr zornig wurde, und den Fußboden und die Decke an.

»Wirklich ? – Dann, Jobling, wenn du der Freund bist, für den du dich ausgibst, solltest du eigentlich meine Mutter hinausführen und sie aus dieser Situation befreien.«

Mrs. Guppy weigerte sich jedoch entschieden, hinauszugehen, und wollte nichts davon hören. »Machen Sie doch selbst, daß Sie fortkommen«, sagte sie zu meinem Vormund. »Was soll das heißen? Ist mein Sohn nicht gut genug für Sie? Sie sollten sich schämen. Machen Sie selbst, daß Sie fortkommen.«

»Meine gute Frau«, entgegnete mein Vormund, »es ist doch wohl kaum vernünftig, mich aus meinem eignen Hause zu weisen.«

»Mir ganz wurst«, sagte Mrs. Guppy. »Hinaus mit Ihnen. Wenn wir Ihnen net gut gnug sin, so suchen Sie sich jemand, wo Ihnen gut genug is. Gehen Sie doch und suchen Sie einen.«

– Ich war ganz überrascht von der Plötzlichkeit, mit der Mrs. Guppys Lustigkeit in Angriffsstimmung umschlug. –

»Gehen Sie und suchen Sie sich einen, wo gut genug für Sie is«, wiederholte Mrs. Guppy. »Schauen Sie, daß Sie hinauskommen!« wiederholte sie in einem fort. »Hinaus!« Nichts schien sie so in Erstaunen zu setzen und so sehr zum Zorn zu reizen, als daß mein Vormund absolut nicht gehen wollte. »Warum schauen Sie denn nicht, daß Sie fortkommen? Worauf warten Sie eigentlich noch?«

»Mutter«, mischte sich jetzt ihr Sohn ein, der sich bis dahin immer nur stumm vor sie gestellt und sie mit einer Schulter zurückzuschieben versucht hatte, als sie auf meinen Vormund los wollte, »wirst du denn nicht endlich den Mund halten?«

»Nein, William«, rief sie, »nein! Ich will nicht. Erst muß er machen, daß er fortkommt. Ich will nicht.«

Mr. Guppy und Mr. Jobling nahmen schließlich die alte Dame, als sie gar zu arg zu schelten anfing, in die Mitte und brachten sie sehr gegen ihren Willen die Treppe hinunter. Ihre Stimme wurde mit jeder Stufe, die sie sie hinabschleiften, eine Oktave höher, und sie bestand beharrlich darauf, daß wir sofort gehen und jemand suchen sollten, »wo für uns gut genug wäre«, und vor allem, daß wir schauen sollten, daß wir fortkämen.

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