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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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63. Kapitel

Stahl und Eisen

Georges Schießgalerie steht zu vermieten, und die Utensilien werden verkauft, und George selbst ist nach Chesney Wold übergesiedelt, wo er Sir Leicester auf seinen Spazierritten begleiten und dicht neben ihm reiten muß, weil der alte Herr sein Pferd nur mit unsicherer Hand leiten kann.

Aber heute ist George anders beschäftigt. Heute reist er weiter nördlich in die Eisendistrikte, um sich umzusehen.

Und je weiter nördlich in die Eisendistrikte er kommt, desto weniger frische grüne Wälder sind zu sehen, und Kohlengruben und Schlackenberge, hohe Essen und rote Ziegelmauern, verdorrtes Grün, sengende Feuer und eine schwere, unveränderliche Rauchwolke zieren die Landschaft. In einer solchen Umgebung reitet der Kavallerist die Straße entlang und sieht sich häufig um, wie jemand, der etwas sucht.

Endlich, an der berußten Kanalbrücke einer geschäftigen Stadt, in der alles klingt wie Eisen und mehr Feuer und Rauch zu sehen ist, als ihm bis jetzt vor Augen gekommen ist, hält er, geschwärzt von dem Staube der Kohlenstraßen, sein Pferd an und fragt einen Arbeiter, ob ihm der Name Rouncewell bekannt sei.

»Da könnte ich gerade so gut meinen eignen vergessen haben«, meint der Arbeiter.

»So bekannt ist er hier, Kamerad?«

»Rouncewell? Das will ich meinen!«

»Und wo könnte ich ihn wohl finden?« fragt der Kavallerist und blickt suchend umher.

»Das Lager, die Fabrik oder das Haus?« wünscht der Arbeiter zu wissen.

»Hm! Die Rouncewells sind allem Anscheine nach so groß«, brummt der Kavallerist vor sich hin und streicht sich das Kinn, »daß ich fast Lust hätte, wieder umzukehren. Hm, ich weiß eigentlich nicht, wohin ich gehen soll. Meinen Sie wohl, daß ich Mr. Rouncewell in der Fabrik finde?«

»Nicht leicht zu sagen, wo Sie ihn finden. – Um diese Zeit des Tages werden Sie entweder ihn oder seinen Sohn dort finden, wenn er in der Stadt ist; aber er ist oft auf Geschäftsreisen.«

»Und wo ist die Fabrik?«

Ob er die Schornsteine dort, die höchsten, sehe?

Ja, er sieht sie.

Nun, diese Schornsteine soll er im Auge behalten, so geradeaus reiten, wie er kann, und dann werde er sie am Ende einer Straße links, umgeben von einer Mauer von Ziegelsteinen, die die eine Seite der Straße bilde, zu Gesicht bekommen. Das sei Rouncewells Fabrik.

Der Kavallerist dankt dem Manne, reitet langsam weiter und läßt seine Blicke umherschweifen. Er kehrt nicht um, wie er einen Augenblick vorhatte, sondern steigt in einem Wirtshaus ab, wo ein paar von Rouncewells Leuten zu Mittag essen, wie ihm der Hausknecht sagt. Ein Teil von Rouncewells Arbeiterschaft macht eben Mittagspause und scheint die ganze Stadt zu überschwemmen. Sie sind sehr muskulös und stark, auch ein wenig rußig, Mr. Rouncewells Arbeiter.

Er erreicht einen Torweg in der Mauer von Ziegelsteinen, blickt hinein und sieht einen großen Wirrwarr von Eisen in jeder Stufe der Vollendung und in einer unendlichen Verschiedenartigkeit von Formen daliegen; Stangen, Blech, Tafeln, Kessel, Achsen, Räder, Zapfen, Kurbeln, Schienen; – Eisen, in seltsame und wunderliche Formen zu einzelnen Maschinenteilen gedreht, und große Berge von Brucheisen, vor Alter verrostet; Öfen, im Hintergrund, wo es, noch jung, glüht und kocht; helles Feuerwerk von sprühendem Eisen, das unter den Schlägen des Dampfhammers Funken umherspritzt; rotglühendes Eisen, weißglühendes Eisen, schwarzkaltes Eisen; ein Geschmack von Eisen, ein Geruch von Eisen, und ein tausendstimmiger Wirrwarr von Klängen von Eisen.

»Da könnte einem ja der Kopf in Stücke gehen«, brummt der Kavallerist und sieht sich nach einem Kontor um. »Wer kommt da? So ungefähr sah ich auch aus, ehe ich fortlief. Das dürfte mein Neffe sein, wenn sich Ähnlichkeit in den Familien fortpflanzt. – Ihr Diener, Sir.«

»Ihrer, Sir. Suchen Sie jemanden?«

»Entschuldigen Sie, Sie sind der junge Mr. Rouncewell, glaube ich?«

»Ja.«

»Ich suche Ihren Vater, Sir. Ich möchte gern ein paar Worte mit ihm sprechen.«

Der junge Mann sagt Mr. George, daß er die Zeit gut getroffen habe, denn der Vater sei anwesend, und führt ihn nach dem Kontor. »Verdammt ähnlich, wie ich damals war!« denkt der Kavallerist, wie er ihm folgt.

Sie kommen zu einem Hofgebäude, in dessen oberem Stockwerk sich ein Bureau befindet. Mr. George wird sehr rot, als er den Herrn unter dem Fenster erblickt.

»Was für einen Namen soll ich meinem Vater nennen?« fragt der junge Mann.

George, den Kopf voller Eisen, gibt verzweifelt zur Antwort: »Stahl«, und wird unter diesem Namen gemeldet. Er bleibt allein mit dem Herrn im Kontor, der an einem mit Rechnungsbüchern und Plänen bedeckten Tisch sitzt. Es ist ein schmuckloses Zimmer mit kahlem Fenster, und wenn man herunter sieht, erblickt man nichts als Eisen. Auf dem Tische liegen einige Stücke Eisen wirr durcheinander, zu verschiedenen Zeiten ihres Dienstes zertrümmert, um ihre Beschaffenheit zu zeigen. Eisenstaub überall; schwer sieht man den Rauch durch die Fenster aus den hohen Schornsteinen hervorqualmen und sich mit dem eines halb im Dunst versteckten Babylons anderer Schornsteine mischen.

»Ich stehe zu Diensten, Mr. Stahl«, sagt der Herr, als der Besuch einen rostbefleckten Stuhl genommen hat.

»Mr. Rouncewell«, beginnt George, vorgebeugt, den linken Arm aufs Knie gelegt und den Hut in der Hand, und weicht dem Auge seines Bruders aus, »ich fürchte fast, mit meinem gegenwärtigen Besuch eher zudringlich als willkommen zu erscheinen. Ich habe in früheren Jahren bei den Dragonern gedient, und einer meiner Kameraden, den ich ziemlich gern hatte, war, wenn ich nicht irre, ein Bruder von Ihnen. Ich glaube, Sie hatten einen Bruder, der seiner Familie viel Kummer machte und fortlief?...«

»Heißen Sie auch wirklich Stahl?« entgegnet der Eisenwerksbesitzer mit veränderter Stimme.

Der Kavallerist stockt und blickt ihn an. Sein Bruder springt auf, ruft ihn beim Namen und ergreift seine beiden Hände.

»Du bist zu rasch für mich!« ruft der Kavallerist, und Tränen treten ihm in die Augen. »Was machst du, mein lieber alter Junge? Ich hätte nie gedacht, daß du dich auch nur halb so sehr freuen würdest, mich zu sehen. Wie geht dir's, mein lieber alter Junge, wie geht dir's?«

Sie schütteln sich die Hände und umarmen einander immer und immer wieder, und der Kavallerist wiederholt immer noch mechanisch seine Frage, wie geht dir's, mein lieber alter Junge, und beteuert, daß er nie geglaubt hätte, sein Bruder würde sich auch nur halb so freuen, ihn wieder zu sehen!

»Weit entfernt davon, dachte ich natürlich gar nicht daran, mich zu erkennen zu geben«, erklärt er nach einem ausführlichen Bericht, wie es ihm die ganze Zeit über ergangen. »Ich dachte, wenn du meinen Namen nur irgend mit Nachsicht anhörtest, würde ich mich vielleicht allmählich dazu entschließen können, dir einen Brief zu schreiben. Aber ich wäre durchaus nicht überrascht gewesen, wenn du es als eine nichts weniger als angenehme Nachricht aufgenommen hättest, von mir zu hören.«

»Wir werden dir zu Hause schon zeigen, wie wir es aufnehmen, George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer. »Es ist heute ein großer Tag bei uns, und du hättest an keinem besseren ankommen können, du sonnenverbrannter alter Soldat. Ich treffe heute mit meinem Sohn Watt eine Übereinkunft, daß er heute über ein Jahr ein so schönes und gutes Mädchen heiraten darf, wie du je eins auf deinen Reisen gesehen hast. Sie reist morgen mit einer deiner Nichten nach Deutschland ab, um ihre Erziehung zu vollenden. Wir feiern heute die Sache, und du sollst der Held des Festes sein.«

Diese Aussicht überwältigt Mr. George anfangs so vollkommen, daß er die angetragene Ehre mit großer Entschlossenheit zurückweist. Seinem Neffen – dem er seine Beteuerungen wiederholt, daß er sich nie hätte träumen lassen, sie würden sich so freuen, ihn wiederzusehen – und seinem Bruder gelingt es jedoch endlich, ihn zu überreden, und sie bringen ihn nach einem eleganten Hause, in dessen ganzer Einrichtung sich eine angenehme Mischung der ursprünglichen einfachen Bedürfnisse von Vater und Mutter und der Gewohnheiten zeigt, die der veränderten Lebensstellung und der besseren Erziehung der Kinder angepaßt sind.

Mr. George wird sehr bestürzt vor den Reizen und der Bildung seiner gegenwärtigen Nichten und der Schönheit Rosas, seiner zukünftigen Nichte, und den liebreichen Begrüßungen dieser jungen Damen, die er halb im Traum entgegennimmt; arg beschämt ihn auch das ehrerbietige Benehmen seines Neffen, und er fühlt sich so recht als Taugenichts der Familie. Aber es herrscht so großer Jubel, soviel Freude, und alles ist so gemütvoll und ungezwungen, daß er sich als alter gerader Soldat durchhilft. Sein Versprechen, zur Hochzeit zu kommen und die Braut wegzugeben, wird mit allgemeiner Freude aufgenommen.

Es ist ihm noch ganz wirr im Kopf, als er sich in das Staatsbett in seines Bruders Haus legt und über alle diese Sachen nachdenkt und seine Nichten – wie wundervoll sie abends waren in ihren wallenden Musselinkleidern – im Geiste über die Bettdecke deutsche Reigen tanzen sieht.

Die Brüder haben am nächsten Morgen in dem Zimmer des Eisenwerksbesitzers ein Privatgespräch miteinander, und der ältere setzt in seiner klaren verständigen Weise auseinander, wie er George am besten in seinem Geschäft verwenden könne, aber George drückt ihm die Hand und unterbricht ihn.

»Bruder, ich danke dir Millionen Mal für dein mehr als brüderliches Willkommen, und noch Millionen Mal für deine mehr als brüderlichen Absichten, aber ich habe mich bereits entschieden. Ehe ich ein Wort darüber sage, möchte ich dich gerne in einer Familienangelegenheit zu Rate ziehen. – Auf welche Weise«, sagt der Kavallerist, verschränkt die Arme und blickt seinen Bruder, felsenfest entschlossen, sich nicht überreden zu lassen, an, »auf welche Weise wäre meine Mutter zu bewegen, mich auszustreichen?«

»Ich verstehe nicht recht, was du meinst, George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer.

»Ich meine, Bruder, wie meine Mutter zu bewegen wäre, mich auszustreichen? Sie muß irgendwie dazu gebracht werden.«

»Dich aus ihrem Testament zu streichen, glaube ich, meinst du?«

»Natürlich! Mit einem Wort«, sagt der Kavallerist und schlägt seine Arme noch entschlossener übereinander, »ich meine, mich ausstreichen.«

»Lieber George, ist es wirklich so unumgänglich notwendig, daß das geschieht?«

»Unbedingt! Wenn es nicht geschieht, wäre es eine Gemeinheit von mir gewesen, zurückzukommen. Ich würde bestimmt eines Tages wieder ausreißen. Ich habe mich nicht zu Hause wieder eingeschlichen, um deinen Kindern, wenn nicht dir, ihre Rechte zu rauben. Ich, der ich die meinigen längst verwirkt habe! Wenn ich bleiben und offen jedem ins Gesicht sehen soll, muß ich gestrichen werden. Rede doch! Du bist ein Mann von anerkanntem Scharfsinn und kannst mir sagen, wie es anzufangen ist.«

»Ich kann dir sagen, George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer bedächtig, »wie es nicht anzufangen ist, was, hoffe ich, dem Zweck ebensogut entsprechen wird. Sieh unsre Mutter an, denke an sie, rufe dir ihre Ergriffenheit zurück, als sie dich wiederfand. Glaubst du wirklich, irgendeine Rücksicht auf der Welt könne sie dazu bringen, ihrem Lieblingssohne so etwas anzutun ? Glaubst du, es wäre eine Aussicht auf ihre Beistimmung vorhanden, die nur im mindesten den Schmerz aufwiegen könnte, den ihr der Vorschlag verursachen würde? Wenn du das glaubst, so irrst du dich. Nein, George! Du mußt dich damit abfinden, unausgestrichen zu bleiben. Ich glaube« – auf dem Gesicht des Eisenwerksbesitzers zeigt sich ein verschmitztes Lächeln, wie er seinen Bruder beobachtet, der, aufs tiefste enttäuscht, nachsinnt – »ich glaube aber doch, du könntest die Sache fast ebensogut einrichten, als ob es geschehen wäre.«

»Wieso, Bruder?«

»Wenn du schon so darauf erpicht bist, so kannst du ja alles, was du zu erben das Unglück haben wirst, wem du willst, testamentarisch vermachen.«

»Das ist wahr!« sagt der Kavallerist und sinnt wieder nach. Dann fragt er angelegentlich und ergreift seines Bruders Hand, »möchtest du das nicht deiner Frau und deiner Familie sagen?«

»Aber mit Vergnügen.«

»Ich danke dir. Du könntest vielleicht sagen, daß ich zwar zweifellos ein Vagabund, aber ein Vagabund aus Abenteuerlust und nicht aus Gemeinheit bin.«

Der Eisenwerksbesitzer unterdrückt sein verschmitztes Lächeln und nickt ernsthaft.

»Ich danke dir. Danke dir wirklich. Mir fällt damit ein Stein vom Herzen«, sagt der Kavallerist und atmet tief auf. »Aber lieber wär's mir gewesen, sie hätte mich ausgestrichen.«

Die Brüder sehen sich sehr ähnlich, wie sie so einander gegenübersitzen, aber eine gewisse massive Einfachheit und Weltunkenntnis zeichnen den Kavalleristen aus.

»Nun also zu meinen Plänen«, fährt er fort und schüttelt seine Verstimmung ab. »Du bist so brüderlich gewesen, mir vorzuschlagen, hier zu bleiben und einen Platz unter den Früchten deiner Ausdauer und deines Verstandes einzunehmen. Ich danke dir herzlich. Das ist mehr als brüderlich, und wirklich, ich danke dir von Herzen dafür«, er schüttelt ihm lange und warm die Hand. »Aber, um nur bei der Wahrheit zu bleiben, Bruder, ich – ich bin eine Art Unkraut, und es ist zu spät, mich in einen gepflegten Garten zu verpflanzen.«

»Lieber George«, entgegnet der Eisenwerksbesitzer und wendet ihm lächelnd seine breite feste Stirn zu, »das ist meine Sache. Laß mich nur machen.«

George schüttelt den Kopf. »Du könntest es, wenn überhaupt jemand, daran zweifle ich nicht. Aber es ist unausführbar. Es geht nicht, Bruder! Andrerseits trifft es sich, daß ich Sir Leicester Dedlock seit seiner Krankheit – die ihn infolge seines Unglücks in der Familie befallen hat – ein wenig von Nutzen sein kann. Er nimmt diese Hilfe lieber von dem Sohne unsrer Mutter an als von irgendeinem andern.«

»Allerdings, lieber George«, entgegnet Mr. Rouncewell, während ein leichter Schatten sein offenes Gesicht überfliegt, »wenn du vorziehst, in Sir Leicester Dedlocks Leibgarde zu dienen...«

»So ist's, Bruder!« unterbricht ihn der Kavallerist und legt die Hand wieder auf die Knie. »So ist's! Dir gefällt der Gedanke nicht recht, aber für mich ist es das Beste. Du bist nicht gewohnt, dir kommandieren zu lassen; ich bin es. Alles um dich her ist in vollständiger Ordnung und Disziplin; bei mir muß alles in Ordnung und unter Disziplin gehalten werden. Wir betrachten die Sache von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Ich sage weiter nichts von meinen Soldatenmanieren, weil ich mich gestern abend wirklich wohl befunden habe, und ich glaube auch nicht, daß man sich hier daran stoßen würde, wenn man sich einmal dran gewöhnt hätte, aber es ist am besten, ich lasse mich in Chesney Wold – wo mehr Platz für ein Stück Unkraut, wie ich bin, ist – nieder, und unsre gute alte Mutter wird es überdies glücklich machen. Deshalb will ich Sir Leicester Dedlocks Anerbieten annehmen. Wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, um die Braut wegzugeben, oder wenn ich sonst wiederkomme, werde ich verständig genug sein, um die Leibgardenbrigade im Hintertreffen zu halten und sie nicht auf deinem Terrain manövrieren zu lassen. – Nochmals, ich danke dir herzlich und denke mit Stolz an die Rouncewells, deren Haus du begründen wirst.«

»Du mußt dich am besten kennen, George«, sagt der Eisenwerksbesitzer und erwidert den Händedruck seines Bruders, »und vielleicht kennst du mich besser als ich mich selbst. Tue, was du willst. Schon, damit wir nicht wieder auseinanderkommen.«

»Nun, das ist wohl nicht zu befürchten!« entgegnet der Kavallerist. »Aber ehe ich wieder heim reite, Bruder, möchte ich dich bitten – wenn du so gut sein willst –, einen Brief für mich durchzusehen. Ich habe ihn mit hierher genommen, um ihn von hier aus abzuschicken, da der Name Chesney Wold die Person, an die er geschrieben ist, wahrscheinlich schmerzlich berühren würde. Ich bin nicht sehr ans Korrespondieren gewöhnt, und gerade an diesem Briefe liegt mir sehr viel, da er zugleich offenherzig und zartfühlend sein soll.«

Mit diesen Worten gibt er dem Eisenwerksbesitzer einen Brief, mit etwas blasser Tinte, eng, aber mit einer hübschen runden Hand geschrieben, zu lesen:

»Miß Esther Summerson.

Da mir Inspektor Bucket mitteilte, daß man unter den Papieren einer gewissen Person einen an mich gerichteten Brief gefunden habe, so nehme ich mir die Freiheit, Sie in Kenntnis zu setzen, daß es sich bloß um eine schriftliche Instruktion aus dem Auslande handeln kann, in der stand, wann, wo und wie ich einen beigeschlossenen Brief an eine junge und schöne Dame, die damals unverheiratet in England lebte, abgeben sollte. Ich habe damals alles genau befolgt.

Ich nehme mir außerdem die Freiheit, Sie in Kenntnis zu setzen, daß man mir dieses Papier, nur um eine Handschrift damit zu vergleichen, abverlangte, und daß ich es auch dazu nicht herausgegeben hätte, obgleich es mir unter den in meinem Besitz befindlichen als das harmloseste erschien, wenn man mir nicht die Pistole auf die Brust gesetzt hätte. Ich nehme mir ferner die Freiheit, zu erwähnen, daß, wenn ich hätte vermuten können, ein gewisser unglücklicher Herr sei noch am Leben gewesen, ich nicht eher geruht haben würde, als bis ich ihn entdeckt und meinen letzten Pfennig mit ihm geteilt hätte. Nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern, glauben Sie mir, aus alter Anhänglichkeit. Aber er war (dienstlich) als ertrunken gemeldet worden und fiel tatsächlich nachts in einem irischen Hafen von einem eben erst aus Westindien angekommenen Transportschiff über Bord, wie ich sowohl von Offizieren wie von der Mannschaft des Schiffes gehört habe. Der Fall ist übrigens, soviel ich weiß, auch später (dienstlich) bestätigt worden.

Ich nehme mir außerdem die Freiheit, zu versichern, daß ich in meiner bescheidenen Eigenschaft als Gemeiner stets Ihr ergebenster Diener bin und immer bleiben werde und die hohen Eigenschaften, die Sie besitzen, über alles und weit mehr, als es die gegenwärtigen Zeilen ausdrücken können, schätze.

Ich habe die Ehre zu unterzeichnen

George.«

»Etwas förmlich«, bemerkt der ältere Bruder und faltet den Brief mit etwas verwirrter Miene wieder zusammen.

»Enthält aber doch nichts, was man nicht einem Muster von einer jungen Dame schreiben könnte?«

»Durchaus nichts.«

Der Brief wird also versiegelt und mit unter die Eisenkorrespondenz des Tages gelegt, um auf die Post gebracht zu werden.

Sodann nimmt Mr. George herzlichen Abschied von der Familie und macht sich fertig und sattelt sein Pferd. Sein Bruder möchte jedoch noch gern ein wenig mit ihm beisammen sein und schlägt ihm vor, ihn in einem leichten offenen Wagen nach dem Orte zu bringen, wo er zu übernachten gedenkt, und dort bis zum Morgen bei ihm zu bleiben, während ein Bedienter mit dem alten Grauschimmel von Chesney Wold vorausreitet. Der Vorschlag wird bereitwillig angenommen, und es folgt eine gemütliche Fahrt, ein gemütliches Abendessen und ein gemütliches Frühstück in brüderlicher Eintracht. Dann schütteln sie sich noch ein Mal lange und herzlich die Hände und scheiden; der Eisenwerksbesitzer wendet sein Gesicht dem Rauch und den Essen wieder zu und der Kavallerist dem frischgrünen Lande.

Zeitig des Nachmittags hört man den gedämpften Schall seines schweren militärischen Trabes auf dem Rasen in der Allee, wie er, im Geiste mit Säbel und Küraß rasselnd und klirrend, unter den alten Ulmen dahinreitet.

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