Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
Schließen

Navigation:

58. Kapitel

Ein Wintertag und eine Winternacht

Gleichgültig und unbewegt, wie es sich für wohlerzogene Leute geziemt, sieht das Dedlockpalais in der Stadt drein. Von Zeit zu Zeit kann man gepuderte Köpfe aus den kleinen Fenstern der Vorhalle auf den taxfreien Puder, der da den ganzen Tag lang gratis vom Himmel fällt, hinausschauen sehen; und in demselben menschlichen Gewächshaus wendet sich eine Lakaienpfirsichblüte melancholisch von dem Anblick des schneidend kalten Wetters draußen dem großen Feuer im Kamin zu. Die Parole ist ausgegeben, Mylady sei nach Lincolnshire gereist, werde aber bald zurückerwartet.

Die immerwache Fama hält es aber gar nicht für nötig, mit nach Lincolnshire zu gehen. Sie begnügt sich damit, in der Stadt herumzuflattern und zu schnattern. Sie weiß, daß der arme unglückliche Sir Leicester schwer hintergangen worden ist. Ja, ja, mein liebes Kind, sie weiß ganz schreckliche Dinge zu erzählen und hält die Welt fünf Meilen im Umkreise in Atem. Nicht zu wissen, daß bei den Dedlocks etwas faul ist, heißt soviel, wie zu den ganz unbekannten Leuten zu zählen. Eines der vielen entzückenden Geschöpfe mit den Pfirsichwangen und den dürren Hälsen kennt bereits alle Nebenumstände, die zur Sprache kommen müssen, wenn Sir Leicester um Ehescheidung einreichen wird.

Bei Blaze & Sparkle, den Juwelieren, und bei Sheen & Gloß, den Seidenhändlern, bildet es bereits stundenlang das Hauptgespräch und wird als eine Art Wendepunkt des Jahrhunderts angesehen. Die ehedem so hoch erhabnen und unantastbaren Patronessen dieser Etablissements, die hier so sorgsam wie alle andern Artikel gewogen und abgeschätzt werden, sind bei diesem plötzlichen Modeumschwung dem Verständnis sogar des jüngsten Kommis hinter dem Ladentische näher gerückt.

»Unsre Kunden, Mr. Jones«, sagen Blaze & Sparkle zu dem neuen Reisenden, den sie anstellen wollen, »unsre Kunden sind wie die Schafe, ganz wie die Schafe. Wo zwei oder drei Leithammel hingehen, da folgen die übrigen. Behalten Sie diese zwei oder drei beständig im Auge, Mr. Jones, und Sie haben die ganze Herde.«

Ebenso sprechen Sheen & Gloß zu ihrem Jones über die Art, wie man die fashionable Kundschaft fesseln kann und wie man in die Mode bringt, was die Firma für gut befindet.

Von ähnlichen unfehlbaren Prinzipien ausgehend, gibt Mr. Sladdery, der Kunsthändler und Hauptzüchter von Prunkschafen, an demselben Tage zu: »Nun ja, Sir, allerdings kursieren gewisse Gerüchte über Lady Dedlock unter meinen vornehmen Kunden. Meine vornehmen Kunden haben das Bedürfnis, von etwas zu sprechen, Sir; und Sie sehen, man braucht nur ein Thema durch ein oder zwei Damen, die ich nennen könnte, in Fluß zu bringen, und im Handumdrehen wird es in aller Munde sein. Gerade so, sehen Sie, wie ich es mit diesen Damen gemacht haben würde, Sir, wenn es sich mir darum gehandelt hätte, eine Novität in die Mode zu bringen; so haben in diesem Falle meine werten Kundinnen selbsttätig funktioniert, da sie mit Lady Dedlock verkehrten und vielleicht ein bißchen eifersüchtig auf sie waren, Sir. Sie werden finden, Sir, daß das Gesprächsthema bereits bei meinen sämtlichen vornehmen Kunden die Runde gemacht hat. Wäre es eine Spekulation gewesen, Sir, so hätte man viel Geld dabei verdient. Und wenn ich das sage, so können Sie sich darauf verlassen, daß ich recht habe, Sir. Ich habe es zu meinem Beruf gemacht, die vornehme Kundschaft zu studieren, um jederzeit imstande zu sein, sie aufzuziehen wie eine Uhr, Sir.«

So wächst und wächst das Gerücht in der Hauptstadt und will sich nicht mit dem Hinweis auf Lincolnshire abfinden lassen. Um halb sechs nachmittags, nach der Rennuhr gemessen, hat es sogar Hochwohlgeboren Mr. Stables ein neues bon mot entlockt, das sogar verspricht, das alte in den Schatten zu stellen, auf dem seit langem sein Ruf als geistreicher Kopf basierte. Er habe immer gewußt, lautet der witzige Einfalt, sie sei im ganzen Gestüt am besten im Geschirr gegangen; aber auf Sonnenkoller hätte er nie geraten. Auf dem Turf ist man entzückt über diesen Einfall.

Auch bei Festlichkeiten und Gelagen, an Firmamenten, die Mylady so oft geziert, und unter den Sternbildern, deren Glanz sie noch gestern in den Schatten gestellt, ist sie allgemeines Gesprächsthema. Was ist los? Wer ist's ? Wann war's ? Wo war's ? Wie war's ? Von ihren besten Freunden wird sie mit dem gentilsten Gigerlton, der gerade Mode ist, den allerneusten Ausdrücken, in der affektiertesten Manier und dem näselndsten Akzent, mit der vollkommen höflichsten Gleichgültigkeit besprochen.

Höchst auffallend ist, wie Leute, denen es sonst gar nicht liegt, bei dieser Gelegenheit vor Geist sprühen! William Buffy bringt eines dieser Witzworte von der Tafel, an der er soeben dinierte, mit ins Unterhaus; und der Einpeitscher seiner Partei läßt es mit seiner Tabakdose unter den Leuten, die es sonst vor Langeweile nicht mehr aushalten würden, mit solchem Erfolg zirkulieren, daß der Sprecher, dem es natürlich auch schon privatim unter dem Zipfel seiner Perücke ins Ohr geflüstert worden ist, drei Mal, ohne daß es den geringsten Eindruck machen würde, ausruft: »Zur Ordnung an den Schranken!«

Und nicht weniger erstaunlich ist es, daß Leute, die sich an den Grenzmarken von Mr. Sladderys vornehmen Kunden herumtreiben, Leute, die Mylady gar nicht kennen und sie niemals gesehen haben, es jetzt plötzlich für unumgänglich notwendig für ihren Ruf halten, ebenfalls von ihr zu sprechen und aus zweiter Hand mit dem allerneusten Witzwort im Gigerljargon untergeordneten Sonnensystemen und Sternen dritten bis letzten Grades aufzuwarten. Wenn ein Mann der Literatur oder der Kunst und Wissenschaft unter diesen Kleinhändlern ist, wie selbstverständlich, daß er dann nicht zurückstehen darf!

So vergeht der Wintertag außerhalb der Stadtwohnung der Dedlocks. Und wie innerhalb?

Sir Leicester liegt im Bett und kann ein wenig sprechen, aber schwer und undeutlich. Die Ärzte haben ihm Stillschweigen und Ruhe empfohlen und ihm ein Opiat eingegeben, um seine Schmerzen zu lindern, denn sein alter Feind, die Gicht, setzt ihm sehr hart zu. Er schläft nie, wenn er auch manchmal in einen schweren Halbschlummer zu sinken scheint. Er hat sich sein Bett näher ans Fenster schieben lassen, als er hörte, daß so rauhes Wetter sei, und sich den Kopf so legen, daß er das wilde Schneetreiben sehen kann. Den ganzen langen Wintertag sieht er zu, wie sich die Flocken jagen.

Beim geringsten Geräusch im Hause, in dem die größte Stille herrscht, fährt seine Hand nach dem Griffel. Die alte Haushälterin, die neben ihm sitzt, weiß, was er schreiben will, und flüstert ihm jedes Mal zu: »Nein, er kann noch nicht zurück sein, Sir Leicester. Er ist erst spät gestern nacht abgereist. Er ist erst kurze Zeit unterwegs.«

Und immer wieder zieht er die Hand zurück, und immer wieder sieht er zu, wie der Schnee fällt, bis vom langen Hinsehen das Gestöber so dicht und schnell zu fallen scheint, daß er vor dem schwindelnden Tanz der weißen Flocken eine Minute die Augen schließen muß.

Schon als der Morgen dämmerte, fing er an, ihnen zuzusehen. Der Tag ist noch nicht weit vorgerückt, als er bereits Befehle gibt, die Zimmer für Myladys Empfang herrichten zu lassen.

»Es ist sehr kalt und naß. Daß für gute Heizung gesorgt wird. Sagen Sie den Leuten, daß sie jeden Augenblick kommen kann. Bitte, sehen Sie selbst nach.« So schreibt er auf seine Schiefertafel, und Mrs. Rouncewell gehorcht mit schwerem Herzen.

»Ich fürchte, George«, sagt sie zu ihrem Sohn, der unten wartet, um ihr Gesellschaft zu leisten, wenn sie gelegentlich ein paar freie Minuten hat, »ich fürchte, lieber George, Mylady wird nie wieder ihren Fuß über diese Schwelle setzen.«

»Du siehst zu schwarz, Mutter.«

»Und auch nicht über die Schwelle von Chesney Wold, lieber George.«

»Noch schlimmer. Aber warum, Mutter?«

»Als ich gestern Mylady sah, George, lag in ihrem Blick etwas, als ob die Schritte auf dem Geisterweg ihr Herz zertreten hätten.«

»Aber Mutter! Du darfst diese alten Geschichten nicht so ernst nehmen. Du machst dir unnötige Sorgen.«

»Nein, gewiß nicht, lieber George. Nein, gewiß nicht. Es sind nun bald sechzig Jahre, daß ich in dieser Familie bin, und ich habe den Spuk nie allzu ernst genommen, aber jetzt geht es zu Ende, lieber George. Das alte Haus der Dedlocks fällt in Trümmer.«

»Man muß nicht gleich das Schlimmste befürchten, Mutter.«

»Ich danke dem Himmel, daß ich noch solange gelebt habe, um Sir Leicester Dedlock in Krankheit und Unglück beistehen zu können. Ich weiß, er sieht mich noch immer lieber als jeden andern um sich. Aber glaub mir, die Tritte auf dem Geisterweg haben Mylady erreicht; sie sind ihr lange Zeit gefolgt, und jetzt werden sie über sie hinwegschreiten.«

»Nun, liebe Mutter, ich wiederhole dir noch einmal, man muß nicht immer gleich das Schlimmste befürchten.«

»Ach, ich kann mir nicht helfen, George«, seufzt die alte Dame und schüttelt besorgt den Kopf. »Was, wenn meine Befürchtungen wahr werden und er es erfahren muß, wer wird es ihm sagen!«

»Sind das ihre Zimmer?«

»Das sind die Zimmer Myladys, unberührt, so, wie sie sie verlassen hat.«

»Wahrhaftig«, sagt der Kavallerist, sieht sich um und dämpft unwillkürlich den Ton seiner Stimme. »Ich fange an zu begreifen, wie du auf solche Gedanken kommst, Mutter. Es geht etwas Schauerliches von diesen verlaßnen Zimmern aus. Man muß immer an die denken, auf die sie warten und die entflohen ist, vielleicht auf Nimmerwiedersehen.«

– Er hat nicht so unrecht. Wie jeder Abschied nichts andres ist als der Schatten, den der letzte große Abschied von der Welt vorauswirft, so scheinen leere verlaßne Zimmer voll des Flüsterns zu sein, das von bangem unabwendbarem Schicksal raunt. Der anspruchsvolle Prunk der Gemächer hat in diesem düstern und verlaßnen Zustande etwas Hohles, Unheimliches, und in dem innern Zimmer, wo Mr. Bucket gestern nacht seine geheimen Nachforschungen anstellte, geben Myladys Kleider, ihre Schmucksachen und sogar die Spiegel, gewohnt, ihr Bild zurückzustrahlen, allem einen wüsten und leeren Anstrich. So finster und kalt der Wintertag auch draußen ist, so ist es doch in diesen verlaßnen Räumen dunkler und kälter als in so mancher Hütte, die ihre Bewohner kaum vor dem Winde schützt; und ob auch die Bedienten große Feuer auf den Rosten der Kamine prasseln machen und die Diwane und Stühle in den Bereich der warmen gläsernen Schirme rücken, die den rötlichen Schein der Glut bis in die fernsten Ecken schimmern lassen, eine schwere Wolke schwebt über den Zimmern, die kein Licht zerstreuen kann. –

Die alte Haushälterin bleibt mit ihrem Sohn, bis alle Vorbereitungen fertig sind, und geht dann wieder hinauf.

Volumnia hat unterdessen Mrs. Rouncewells Platz eingenommen, obgleich Perlenhalsbänder und Schminktöpfe, so sehr sie auch zur Verschönerung des leuchtenden Sterns von Bath geeignet sein mögen, einem Kranken unter den gegebenen Verhältnissen nur geringen Trost gewähren können.

Da Volumnia nicht den Anschein erwecken will, als wisse sie, was vorgefallen ist – und bei Licht betrachtet, weiß sie auch nichts davon –, war es für sie eine kitzlige Sache, den richtigen Ton zu finden, und sie hat sich darauf beschränkt, mit einem gewissen krampfhaften Eifer das Bettzeug glatt zu streichen, mit affektierter Vorsicht auf den Zehen herumzuschleichen und ihren Vetter wachsam anzulügen und ihn mit einem geflüsterten: »Ach, er schläft«, zu stören. Zur Widerlegung dieser höchst überflüssigen Bemerkung hat Sir Leicester jedes Mal ärgerlich auf die Schiefertafel geschrieben: »Nein.«

Volumnia überläßt jetzt den Stuhl neben dem Bett der alten Haushälterin, setzt sich an einen Tisch in der Nähe und seufzt teilnehmend. Sir Leicester sieht immer noch dem Schneetreiben zu und horcht aufgeregt, ob denn die Schritte, die er so sehnlich erwartet, noch immer nicht kommen wollen. Der alten Frau, die aussieht wie aus einem alten Bilderrahmen herausgetreten, um einem von dieser Welt Abschied nehmenden Dedlock den letzten Liebesdienst zu erweisen, klingt durch das Schweigen immer noch der Widerhall ihrer eignen Worte in den Ohren: »Wer wird es ihm sagen!«

Mit Hilfe seines Kammerdieners hat er diesen Morgen, so gut es gehen wollte, Toilette gemacht, und er sieht so schmuck aus, wie es die Umstände nur erlauben. Kissen stützen sein Haupt, das graue Haar ist auf die gewohnte Weise gebürstet und gekämmt, seine Wäsche ist ein Muster von Sauberkeit, und ein entsprechender Morgenanzug hüllt ihn würdevoll ein. Augenglas und Uhr liegen im unmittelbaren Bereiche seiner Hand. Es ist notwendig – vielleicht jetzt weniger seiner eignen Würde wegen als um Myladys willen –, daß er so wenig angegriffen und so unverändert wie möglich aussieht.

Frauen können nun einmal das Reden nicht lassen, und Volumnia, wenn auch eine Dedlock, macht keine Ausnahme. Es kann kein Zweifel bestehen, daß er sie nur um sich duldet, damit sie nicht anderswo aus der Schule schwatze. Er ist sehr, sehr krank, aber er hält mutig den Leiden des Körpers und der Seele stand.

Da die schöne Volumnia eines von den Wesen ist, die nicht lange stumm bleiben können, ohne nicht Gefahr zu laufen, von dem grimmen Drachen der Langeweile gepackt zu werden, so verrät sie bald die drohende Nähe dieses Ungeheuers durch wiederholte unüberwindliche Gähnkrämpfe. Außerstande, diese Anfälle anders zu unterdrücken als durch Plauderei, lobt sie gegen Mrs. Rouncewell deren Sohn und erklärt, daß er ganz bestimmt einer der schönstgewachsenen Männer sei, die sie jemals gesehen, und etwas so Soldatisches an sich habe, wie – wie hieß er doch nur – ihr Lieblingsleibgardist – na, der Mann, den sie anbete, der entzückende Mensch, der bei Waterloo fiel.

In Sir Leicesters Mienen spiegelt sich bei diesen Lobsprüchen eine solche Überraschung, und er blickt so verwirrt um sich, daß sich Mrs. Rouncewell genötigt sieht, ihm eine Erklärung zu geben.

»Miß Dedlock meint nicht meinen ältesten Sohn, Sir Leicester, sondern meinen jüngsten. Ich habe ihn wieder. Er ist heimgekommen.«

Sir Leicester unterbricht die Stille mit einem lauten Schrei.

»George? Ihr Sohn George ist wiedergekommen, Mrs. Rouncewell?«

Die alte Haushälterin wischt sich die Augen. »Gott sei Dank. Ja, Sir Leicester.«

Erfüllt ihn dieses Wiederfinden eines Verlorengeglaubten, diese Rückkehr eines so lange Verschollenen mit neuen Hoffnungen für sich selbst? Denkt er: »Und ich sollte sie nicht wiederfinden, wo mir so viel Mittel zu Gebote stehen? Wo in ihrem Falle weniger Stunden vergangen sind als Jahre in diesem?«

Alle Bitten sind vergebens; er ist jetzt fest entschlossen zu sprechen, und er spricht. Die Töne drängen sich verwirrt aus seinem Munde, aber dennoch kann man einige Sätze daraus verstehen.

»Warum haben Sie mir es nicht gesagt, Mrs. Rouncewell?«

»Es ist erst gestern geschehen, Sir Leicester, und ich fürchtete, es könne Ihrem Zustand schaden, wenn ich Ihnen solche Sachen mitteilte.«

Außerdem erinnert sich plötzlich die jugendlich unbesonnene Volumnia mit ihrem herzigen Lieblingsschrei, daß ja niemand wissen dürfte, daß es Mrs. Rouncewells Sohn sei, und sie es nicht habe sagen sollen. Aber Mrs. Rouncewell protestiert mit Wärme, daß sie es selbstverständlich Sir Leicester sofort gesagt hätte, sowie sich sein Zustand gebessert haben würde.

»Wo ist Ihr Sohn George, Mrs. Rouncewell?« fragt Sir Leicester.

Nicht wenig beunruhigt, daß er die Vorschriften des Arztes so wenig beachtet, antwortet sie: »In London.«

»Wo in London?«

Mrs. Rouncewell ist genötigt, einzugestehen, daß er sich im Hause befindet.

»Bringen Sie ihn her in mein Zimmer. Bringen Sie ihn sogleich.«

Die alte Dame muß ihm den Willen tun und ihren Sohn suchen. Sir Leicester legt sich, soweit das die Bewegungsfreiheit seiner Glieder zuläßt, zurecht, um ihn zu empfangen. Dann blickt er wieder hinaus in das Schneegestöber und horcht im Geiste auf die ersehnten Schritte; man hat die Straße unten mit Stroh belegt, um den Lärm zu dämpfen, und Mylady könnte vielleicht vor der Tür vorfahren, ohne daß er die Räder hörte. Er liegt ruhig da und denkt anscheinend nicht mehr an die neue und soviel weniger einschneidende Überraschung, als die Haushälterin, begleitet von ihrem Sohne, zurückkehrt. Mr. George nähert sich leise dem Bett, macht seine Verbeugung und bleibt militärisch stramm, das Gesicht von tief innerer Scham gerötet, stehen.

»Gott im Himmel, es ist wirklich George Rouncewell!« ruft Sir Leicester aus. »Erinnern Sie sich meiner noch, George?«

Der Kavallerist muß ihn erst eine Weile ansehen und sich die Worte innerlich wiederholen, ehe sie ihm klar bewußt werden, dann ermannt er sich aber, von seiner Mutter ein wenig ermuntert, und gibt zur Antwort:

»Ich müßte ein schlechtes Gedächtnis haben, Sir Leicester, wenn ich mich Ihrer nicht mehr erinnerte.«

»Wenn ich Sie ansehe, George Rouncewell«, bemerkt Sir Leicester mit schwerer Zunge, »muß ich wieder an den Jungen denken – in Chesney Wold – damals.«

Er sieht den Kavalleristen an, bis Tränen in seine Augen treten, und dann blickt er wieder hinaus auf das Wirbeln der Schneeflocken.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir Leicester«, sagt der Kavallerist, »aber würden Sie mir vielleicht erlauben, Sie ein wenig in den Kissen aufzurichten? Sie würden bequemer liegen, Sir Leicester, wenn Sie mir gestatteten, Sie anders zu legen.«

»Bitte, George Rouncewell; wenn Sie so gut sein wollen.«

Der Kavallerist nimmt ihn in seine Arme wie ein Kind, hebt ihn mit Leichtigkeit empor und wendet ihn mit dem Gesicht mehr nach dem Fenster.

»Ich danke Ihnen, Sie haben die sanfte Hand Ihrer Mutter«, sagt Sir Leicester, »und sind so stark. Ich danke Ihnen.« Er gibt ihm mit der Hand ein Zeichen, nicht wegzugehen. George bleibt an seinem Bett stehen und wartet, bis er angeredet wird.

»Warum wünschten Sie denn, daß – Ihre Rückkehr – verschwiegen bliebe?« – Sir Leicester braucht einige Zeit, bis er die Frage herausbringt. –

»Man kann auf mich wohl kaum besonders stolz sein, Sir Leicester, und ich würde am liebsten noch eine Weile unbekannt im Dunkel geblieben sein, aber meine Mutter sagte mir, Sie wären krank; – aber hoffentlich geht das bald wieder vorüber. Ich müßte Ihnen da manches auseinandersetzen, was vielleicht nicht allzu schwer zu erraten ist, aber ich glaube, dazu ist die Zeit nicht besonders geeignet, und ich würde wohl auch nicht viel Ehre damit einlegen. Wenn auch in manchen Punkten die Meinungen vielleicht auseinander gehen mögen, eins ist wohl sicher, nämlich, daß wohl niemand Grund haben kann, auf mich stolz zu sein, Sir Leicester.«

»Sie sind Soldat gewesen«, bemerkt Sir Leicester, »und haben sich gut geführt, höre ich.«

George macht seine militärische Verbeugung. »Was das anbetrifft, Sir Leicester, so habe ich meine Pflicht im Dienst getan, aber das war wohl das wenigste, was ich tun konnte.«

»Sie finden mich durchaus nicht wohl wieder, George Rouncewell«, sagt Sir Leicester, der den Blick nicht von dem Kavalleristen wenden kann.

»Es tut mir sehr, sehr leid, das zu hören, Sir Leicester.«

»Ich glaube Ihnen. Ich bin davon überzeugt. Und zu meiner alten Krankheit ist noch ein plötzlicher und schlimmer Anfall dazugekommen. Etwas, das lahmt –«, er versucht mit der einen Hand an der einen Seite hinabzufühlen, »und verwirrt...«, er berührt seine Lippen.

Mit einem Blick voller Teilnahme und Verständnis verbeugt sich George abermals.

Die alten Zeiten, wo beide junge Leute waren, und der Kavallerist noch ein Knabe, und einander in Chesney Wold sahen, steigen vor ihnen empor und machen sie beide weich gestimmt.

Sir Leicester versucht – offenbar mit einem Entschluß ringend, etwas, das ihm auf der Seele liegt, in irgendeine Form zu bringen und zu sagen, ehe er wieder in Schweigen versinkt –, sich in seinen Kissen ein wenig aufzurichten. George bemerkt es sogleich, nimmt ihn wieder in seine Arme und legt ihn so, wie er es wünscht. »Ich danke Ihnen, George, Sie sind mir wie ein zweites Ich. Wie oft haben Sie mir unten in Chesney Wold mein Reservegewehr getragen, George. Ihr Anblick berührt mich so anheimelnd und vertraut in diesen fremdartigen Verhältnissen; so sehr vertraut.«

Er bleibt eine Weile auf des Kavalleristen Arm gelehnt, und es scheint ihm wohl zu tun.

»Ich wollte hinzusetzen«, fährt er gleich darauf wieder fort, »ich wollte in bezug auf diesen Anfall hinzusetzen, daß er unglücklicherweise mit einem kleinen Mißverständnis, das ich mit Mylady hatte, zusammenfiel. Ich meine nicht, daß ein Zwist zwischen uns stattgefunden hätte, das ist keineswegs der Fall, sondern lediglich ein Mißverständnis hinsichtlich gewisser Umstände, die nur für uns von Wichtigkeit sind, das mich aber für einige Zeit der Gesellschaft Myladys beraubt. Sie hat es für notwenig gefunden, eine Reise zu machen... Ich bin überzeugt, daß sie in Bälde zurück sein wird. Volumnia, mache ich mich verständlich? Ich habe die Worte noch nicht recht in der Gewalt.«

Volumnia versteht ihn vollkommen, und er spricht in der Tat mit viel größerer Deutlichkeit, als man noch vor einer Minute für möglich gehalten hätte. Die Anstrengung, die es ihn kostet, kann man ihm leicht an seinen gespannten und erregten Zügen ansehen. Nur der Wille ist's, der ihn aufrecht erhält.

»Was ich sagen will, ist, Volumnia, daß ich hiermit in Ihrer Anwesenheit – und in der Anwesenheit meiner alten Dienerin und Freundin, Mrs. Rouncewell – und in der Anwesenheit ihres Sohnes George, der wie eine vertraute Erinnerung an meine Jugendzeit auf dem Wohnsitz meiner Ahnen in Chesney Wold zurückgekommen ist –, im Fall ich einen Rückfall erleiden –, im Fall ich nicht wieder genesen –, im Fall ich die Fähigkeit zu sprechen und zu schreiben ganz verlieren sollte, wenn ich auch auf Genesung hoffe...«

– Die alte Haushälterin weint still vor sich hin; Volumnia ist im höchsten Grade aufgeregt, und unvergängliches Rot blüht auf ihren Wangen; der Kavallerist steht mit übereinandergeschlagnen Armen, den Kopf ein wenig vorgeneigt, ehrerbietig und aufmerksam da. –

»Was ich ausdrücklich wünsche, ist, vor Ihnen allen als Zeugen feierlichst zu erklären, daß dasselbe unverändert gute Einvernehmen zwischen Lady Dedlock und mir weiterbesteht und niemals getrübt wurde. Daß ich mich in keiner Hinsicht über sie beschweren kann und auch nicht den geringsten Grund dazu hätte. Daß ich immer die stärkste Herzensneigung für sie gefühlt habe und noch fühle. Sagen Sie all das ihr selbst und jedermann, Volumnia. Und wenn Sie ein Wort davon weglassen, so machen Sie sich einer absichtlichen Falschheit gegen mich schuldig.«

Volumnia beteuert zitternd, daß sie seinen Befehlen bis aufs I-Tüpfelchen gehorsam sein wolle.

»Mylady steht zu hoch, ist zu schön, zu vollkommen in jeder Beziehung, zu sehr allen ihresgleichen überlegen, als daß sie nicht Feinde und Verleumder haben sollte. Sagen Sie diesen Leuten, wie ich es Ihnen hiermit sage, daß ich gegenwärtig bei klarem Verstande und ungeschwächtem Gedächtnisse auch nicht die kleinste zu ihren Gunsten getroffne Verfügung zurücknehme oder abändere oder eine Einschränkung hinsichtlich dessen treffe, was ich ihr vermacht habe. Mein Verhältnis zu ihr ist ungetrübt und so, wie es immer war, und ich widerrufe – wie Sie hören – nichts, was ich, um sie glücklich zu machen, verfügt habe.«

Die feierliche Umständlichkeit seiner Ausdrucksweise hätte zu jeder andern Zeit, wie so oft schon, lächerlich gewirkt, aber diesmal ist sie ergreifend und rührend. Die vornehme Würde, seine Treue, sein ritterliches Einstehen für sie, die Hochherzigkeit, mit der er ihretwegen die eigne erlittene Unbill und seinen Stolz vergißt, haben etwas erschütternd Schlichtes, Ehrenhaftes und Wahres. Solche Denkungsweise adelt den gewöhnlichsten Handwerker nicht weniger als den Vornehmsten und hebt beide gleich empor aus dem Staub der Erden zum strahlenden Licht.

Von der Anstrengung erschöpft, läßt Sir Leicester den Kopf auf die Kissen sinken und schließt die Augen, aber nur eine Minute, dann sieht er wieder hinaus in das Schneegestöber und horcht gespannt auf das leiseste Geräusch. Der Kavallerist hat sich bescheiden ein paar Schritte zurückgezogen, um nicht zu stören, und steht hinter seiner Mutter Stuhl Wache. Sir Leicester hat kein Wort darüber fallen lassen, wie unentbehrlich ihm die Dienste, die ihm George leistet, in der kurzen Zeit geworden sind, aber alle fühlen es.

Der Tag neigt sich seinem Ende zu. Der Nebel und das dichte Fallen des mit Regen untermischten Schnees machen die Stunde noch finsterer, und lebhafter glänzt der Feuerschein an den Wänden und den Möbeln. Die Dunkelheit nimmt zu; Gasflammen zucken hell auf in den Straßen, und die altmodischen hartnäckigen Öllampen vor dem Palais mit halbgefrornem und halbaufgetautem Lebensborn flimmern schnappend, wie feurige Fische auf trockenem Land. Die vornehme Welt, die über das Stroh gerollt kam und die Klingeln gezogen hat, um »anzufragen«, begibt sich nach Hause und kleidet sich um zum Diner, um wieder von neuem im Stil der letzten Mode die teure Freundin zu begeifern.

Sir Leicesters Befinden verschlimmert sich, er wird unruhig, aufgeregt und leidet große Schmerzen. Volumnia zündet eine Kerze an – es scheint in ihrer Bestimmung zu liegen, stets das Unpassendste zu tun –, aber er läßt ihr befehlen, sie wieder auszulöschen, da es noch nicht dunkel genug sei. Dennoch ist es fast finster; so finster, wie es die ganze Nacht sein wird. Mit der Zeit versucht sie es abermals. »Nein! Auslöschen!« Noch immer ist es ihm nicht dunkel genug.

Die alte Haushälterin erkennt zuerst, daß er sich in dem Wahne erhalten will, es sei noch nicht spät.

»Lieber Sir Leicester, mein lieber guter Herr«, flüstert sie halblaut. »Denken Sie doch an Ihren Zustand. Es ist meine Pflicht, Sie inständigst zu bitten, sich doch nicht hier mit Wachen und Warten in der einsamen Finsternis durch die langen Stunden hinzuschleppen und sich so aufzureiben. Erlauben Sie mir, die Vorhänge zuzumachen und die Lichter anzubrennen, damit es gemütlicher im Zimmer wird. Die Zeit läuft deshalb nicht anders, Sir Leicester, und die Nacht wird schnell vorübergehen. Mylady kommt deshalb nicht früher und nicht später.«

»Ich weiß es wohl, Mrs. Rouncewell, aber ich bin schwach, und er ist schon so lange, lange weg.«

»Nicht so sehr lange, Sir Leicester. Kaum vierundzwanzig Stunden.«

»Aber das ist lange. Schrecklich lang!«

– Er sagt das mit einem Stöhnen, daß es ihr das Herz zerreißt. –

Sie fühlt, daß der Zeitpunkt nicht geeignet: ist, das grelle Licht auf sein Gesicht fallen zu lassen; seine Tränen sind ihr zu heilig, als daß er wissen dürfte, daß selbst sie sie sieht. Daher bleibt sie eine Weile stumm im Dunkeln sitzen; dann macht sie sich still im Zimmer zu schaffen, schürt das Feuer und tritt an das dunkle Fenster, um hinauszusehen. Endlich hat er seine Fassung wiedergewonnen und sagt zu ihr: »Sie haben recht, Mrs. Rouncewell, es wird nicht dadurch schlimmer, daß man es sich eingesteht. Es wird spät, und sie sind noch nicht da. Zünden Sie das Licht an!«

Als es hell im Zimmer wird und die Vorhänge zugezogen sind und das Wetter hinausgesperrt haben, bleibt ihm nur noch das Horchen.

Mrs. Rouncewell weiß, es tut ihm in seiner niedergedrückten Stimmung und seinen Leiden wohl, wenn man ihn merken läßt, daß man in Myladys Gemächern nach dem Feuer sieht und sich vergewissert, ob alles zu ihrem Empfange bereit steht. So armselig das Mittel ist, so erhalten doch diese kleinen Andeutungen, daß sie erwartet wird, die Hoffnung in ihm aufrecht.

Mitternacht kommt. Immer noch dieselbe öde leere Stimmung. Nur wenig Wagen mehr hört man auf den Straßen, und andre späte Geräusche gibt es in dieser Gegend nicht, außer daß vielleicht ein Mann, der so sinnlos betrunken ist, daß er sich in diese kalte nüchterne Zone des vornehmsten Stadtteils verirrt hat, johlend und brüllend über das Pflaster taumelt. In dieser Winternacht herrscht eine Stille, daß das Lauschen in das tote Schweigen so ist wie ein Hinaussehen in tiefste Finsternis. Wenn ein fernes Geräusch erwacht, so verklingt es durch die Nacht, wie ein schwacher Schein im Dunkel erstirbt, und alles ist dann noch tiefer und stiller als zuvor.

Die Dienerschaft ist zu Bett geschickt worden und geht nicht ungern, denn sie hat die ganze vorige Nacht aufbleiben müssen, und nur Mrs. Rouncewell und George wachen noch in Sir Leicesters Zimmer. Wie die Nacht langsam vergeht und zwischen zwei und drei Uhr fast still zu stehen scheint, stellen sich bei dem Kranken Ruhelosigkeit und der quälende Wunsch ein, zu erfahren, was für Wetter draußen ist, da er es nicht mehr sehen kann. Daher dehnt George, der regelmäßig jede halbe Stunde nach den so sorgfältig zum Empfang Myladys bereitgehaltnen Zimmern gesehen hat, seine Runde bis zur Pforte des Hauses aus und schildert sodann diese schlechteste aller Nächte in den bestmöglichen Farben. In Wirklichkeit aber fällt immer noch Schnee und Regen, und selbst auf dem Fußsteig liegt der halbgefrorne Schlamm knöcheltief.

Volumnia ist in ihrem Zimmer an einem entlegnen Treppenabsatz – dem zweiten über der Stelle, wo das Schnitzwerk und die Vergoldung aufhören –, einem Zimmer für Kusinen mit einer fürchterlichen Mißgeburt von einem Porträt Sir Leicesters – seiner Scheußlichkeit wegen hier herauf verbannt –, eine Beute schlimmster Befürchtungen. Was wird mit ihrem kleinen Einkommen geschehen, im Fall Sir Leicester »etwas zustoßen sollte«, wie sie sich ausdrückt? Wenn einem Baronet »etwas« passiert, so heißt das natürlich soviel wie das allerletzte, was einem Menschen auf dieser Erde widerfahren kann.

Eine Folge dieser Seelenqualen ist, daß Volumnia entdeckt, sie könne nicht in ihrem Zimmer zu Bett gehen und auch nicht am Kaminfeuer sitzen, sondern müsse ihr schönes Haupt mit einer Unzahl Schals umwinden und ihre junonische Gestalt in faltige Gewänder hüllen und durch das Haus wandeln wie ein Geist und vorzugsweise die warmen und luxuriösen Zimmer heimsuchen, die für die Eine bereitgehalten werden, die immer noch nicht zurückkehrt. Einsamkeit unter solchen Umständen ist natürlich ausgeschlossen, und so läßt sich Volumnia auf ihren Wanderungen von der Zofe begleiten, die, zu diesem Zweck aus dem Bett geholt, frierend, schlaftrunken und an und für sich schon zu Tod unglücklich über das harte Los, eine Kusine bedienen zu müssen, wo sie sich doch fest vorgenommen hat, es nicht billiger zu tun als mit einer Herrin von zehntausend Pfund Einkünften aufwärts, ein nichts weniger als freundliches Gesicht macht. Daß der Kavallerist bei seiner Runde von Zeit zu Zeit in diese Zimmer kommt, ist für Herrin und Zofe eine Bürgschaft des Schutzes und ein Lichtblick, der sein Erscheinen in den ersten Stunden nach Mitternacht sehr angenehm macht. Sooft man ihn kommen hört, nehmen beide einige flüchtige Verschönerungsversuche an sich vor, um ihn gebührend zu empfangen. Die Zwischenpausen vergehen teils in kurzem Schlummer, teils mit Zwiegesprächen, die einen gewissen ätzenden Charakter tragen, und manchmal sieht Miß Dedlock, die, immer die Füße auf das Kamingitter gestützt, dasitzt, aus, als stünde sie eben im Begriff, kopfüber ins Feuer zu fallen.

»Wie befindet sich jetzt Sir Leicester, Mr. George?« erkundigt sich soeben Volumnia und zupft sich dabei die Nachtmütze zurecht.

»Sir Leicesters Zustand ist ziemlich unverändert, Miß, er ist sehr schwach und phantasiert sogar bisweilen.«

»Hat er nach mir verlangt?« fragt Volumnia zärtlich.

»N-nein. Nicht, daß ich wüßte, Miß. Wenigstens habe ich es nicht gehört, Miß.«

»Das ist eine schlimme, schlimme Zeit, Mr. George.«

»Ja, wirklich, Miß. Aber möchten Sie nicht lieber zu Bett gehen?«

»Ich glaube auch, es wäre viel besser, wenn Sie zu Bett gingen, Miß Dedlock«, meint die Zofe scharf.

Aber Volumnia antwortet: Nein, nein! Er könne jeden Augenblick nach ihr verlangen. Sie würde es sich nie verzeihen können, wenn ihm »etwas« zustoßen sollte und sie wäre nicht bei der Hand, und zeigt gar keine Lust, auf die Frage der Zofe, warum sie denn dann gerade hier sein müsse, einzugehen, anstatt in ihrem eignen Zimmer (wo sie doch in Sir Leicesters Nähe sei); sie erklärt vielmehr mit großer Bestimmtheit, unbedingt hierbleiben zu wollen, und möchte es sich offenbar als ein besonderes Verdienst angerechnet wissen, die ganze Nacht »kein« Auge geschlossen zu haben, als ob sie deren zwanzig oder dreißig hätte und der Umstand, daß sie erst vor fünf Minuten zwei aufgemacht hat, nicht weiter ins Gewicht fiele.

Als es aber auf vier Uhr geht und immer noch alles still bleibt, bekommt Volumnias Standhaftigkeit einen Stoß, und sie hält es mit einem Mal für ihre Pflicht, sich lieber für morgen zu schonen, wo man sie wahrscheinlich sehr in Anspruch nehmen werde, und wird schwankend, ob sie nicht doch lieber das Opfer bringen solle, ihren Posten zu verlassen. Als daher der Kavallerist mit seinem »möchten Sie nicht lieber zu Bett gehen, Miß«, wieder erscheint und die Zofe mit größerer Schärfe als früher beteuert, »ich glaube auch, es wäre viel besser, Sie gingen zu Bett, Miß Dedlock«, steht sie geduldig wie ein Lamm auf und sagte resigniert: »Machen Sie mit mir, was Sie wollen!«

Mr. George hält es jedenfalls für das Beste, sie bis an die Tür ihres Kusinenzimmers zu geleiten, und die Zofe hält es ebenso für das Beste, sie ohne viel Umstände ins Bett zu treiben. Das wickelt sich alles sodann zur allgemeinen Zufriedenheit ab, und der Kavallerist hat jetzt das ganze Haus für sich allein.

Das Unwetter hat noch immer nicht nachgelassen. Von dem Porticus, den Rinnen, dem Fries, von jedem Sims und jeder Säule und jedem Pfeiler sickert der tauende Schnee hernieder. Er ist, wie um Schutz zu suchen, in die Nischen der großen Vorhallentüre gekrochen, in die Ecken der Fenster, in jede verborgne Spalte und Lücke, und schmilzt dort und stirbt. Ohne Unterlaß fällt er auf das Dach, dringt durch das Fenster in der Decke und tröpfelt mit der Regelmäßigkeit des Schrittes auf dem Geisterwege auf den Boden der steinernen Halle herab.

Alte Erinnerungen an Chesney Wold erwachen in der Brust des Kavalleristen durch die feierliche Einsamkeit des vornehmen Hauses, und er geht die Treppen hinauf und durch die Hauptzimmer, die Kerze sorgsam in die Höhe haltend. Wie er an die Veränderung seines Schicksals in den letzten paar Wochen denkt, an seine auf dem Lande verlebte Kindheit und an die sich jetzt so seltsam über den weiten dazwischenliegenden Zeitraum hinüber die Hände reichenden zwei so einschneidenden Epochen seines Lebens und an den Ermordeten, dessen Bild noch so lebendig vor seiner Seele steht, an Mylady, die aus diesen Zimmern verschwunden ist und von deren Aufenthalt hier noch alles Zeugnis gibt, an den Herrn des Hauses oben in seinem Zimmer und an das ahnungsvolle »wer wird es ihm sagen?« – da sieht er sich überall um und stellt sich vor, was, wenn er jetzt plötzlich etwas erblicken würde, was all seinen Mut erforderte, darauf loszugehen, darnach zu greifen mit den Händen, um sich zu überzeugen, daß es nur ein Hirngespinst sei! Aber alles ist leer, öde und leer wie die Finsternis oben und unten, wie er wieder die große Treppe hinaufgeht; öde und einsam wie das bedrückende Schweigen.

»Ist alles bereit und hergerichtet, George Rouncewell?«

»Alles, Sir Leicester, alles in bester Ordnung.«

»Keine Nachricht? Noch immer nichts?«

Der Kavallerist schüttelt den Kopf.

»Kein Brief, der vielleicht übersehen worden sein kann?«

– Er weiß selbst nur zu gut, daß auf so etwas nicht zu hoffen ist, und läßt den Kopf, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder in die Kissen sinken. –

Wieder hebt ihn George Rouncewell von Zeit zu Zeit während des Restes der stillen Winternacht in bequemere Lagen und löscht, seinen stummen Wunsch erratend, das Licht aus und zieht die Vorhänge auf beim ersten verspäteten Morgengrauen.

Wie ein Gespenst kommt der Tag. Kalt, farblos und trübe sendet er einen fahlen leichenfarbenen Lichtschimmer voraus wie eine traurige Mahnung: »Seht ihr nicht, was ich euch bringe? Ihr, die ihr da wacht?

Wer wird es ihm sagen?«

 << Kapitel 59  Kapitel 61 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.