Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
Schließen

Navigation:

52. Kapitel

Halsstarrigkeit

Nur ein Tag war vergangen, da kam zeitig morgens, eben als wir uns an den Frühstückstisch setzen wollten, Mr. Woodcourt in Eile herein mit der überraschenden Nachricht, ein schrecklicher Mord sei begangen und als mutmaßlicher Täter Mr. George verhaftet worden. Als er uns erzählte, Sir Leicester Dedlock habe eine hohe Belohnung auf die Entdeckung des Mörders gesetzt, konnte ich mir in meiner ersten Bestürzung nicht erklären, warum. Aber ein paar Worte riefen in mir die Erinnerung zurück, daß der Ermordete Sir Leicesters Advokat war, und plötzlich fiel mir ein, wie sehr sich meine Mutter vor ihm gefürchtet hatte.

Die unerwartete und gewaltsame Beseitigung eines Mannes, den sie so lange mit Furcht und Argwohn beobachtet hatte, eines Mannes, dessen sie unmöglich freundlich gedacht haben konnte und den sie stets als einen gefährlichen und versteckten Feind fürchtete, erschien mir in einem doppelt grauenerregenden Lichte. Wie schrecklich, die Nachricht von einem solchen Todesfall zu hören und nicht imstande zu sein, Mitleid zu empfinden! Wie grauenhaft, denken zu müssen, sie könne manchmal dem alten Mann, der jetzt so plötzlich dem Leben entrissen war, den Tod gewünscht haben! Solche Gedanken stürmten auf mich ein, vermehrten noch das Unbehagen und die Furcht, die der Name Tulkinghorn schon immer in mir geweckt hatte, und versetzten mich in so große Aufregung, daß ich es kaum bei Tisch auszuhalten vermochte. Ich konnte dem Gespräch nicht mehr folgen und brauchte erst eine kleine Weile Zeit, um mich zu erholen. Als ich dann sah, wie erschüttert mein Vormund war, und sie in tiefem Ernst von dem Verhafteten sprechen hörte und wir den günstigen Eindruck, den er auf uns alle gemacht hatte, dagegen hielten, erwachte meine Teilnahme für den Kavalleristen so lebhaft in mir, daß ich mich schon allein dadurch wieder erholte.

»Vormund, nicht wahr, du hältst es für unmöglich, daß man ihn mit Grund beschuldigt?«

»Meine Liebe, ich kann es mir nicht denken. Dieser Mann, der immer so offenherzig und mitleidig gewesen ist und neben der Kraft eines Riesen die Sanftmut eines Kindes besitzt und wie der bravste Kerl von der Welt aussieht und so einfach und schlicht ist, kann unmöglich ein Mörder sein. Ich kann es nicht glauben.«

»Und ich auch nicht«, sagte Mr. Woodcourt. »Aber was wir auch von ihm glauben oder wissen, wir dürfen nicht vergessen, daß der Schein gegen ihn spricht. Er war dem Ermordeten durchaus nicht wohlgesinnt und hat das offen bei allen möglichen Gelegenheiten geäußert. Er soll ihn heftig angefahren haben und sprach sich auch einmal mir gegenüber haßerfüllt über ihn aus. Er gibt zu, fast in der Minute an dem Ort, wo der Mord vorgefallen ist, das heißt, begangen worden sein muß, allein gewesen zu sein. Aber trotz alledem möchte ich darauf schwören, daß er an dem Mord so unschuldig ist wie ich. Leider jedoch sind die erwähnten Gründe danach angetan, den Verdacht auf ihn fallen zu lassen.«

»Sehr wahr«, sagte mein Vormund und wendete sich an mich. »Und wir würden ihm einen sehr schlechten Dienst leisten, meine Liebe, wenn wir auch nur hinsichtlich eines dieser Punkte unsre Augen der Wahrheit verschließen wollten.«

Ich fühlte natürlich die Richtigkeit dieser Worte vollkommen. Dennoch wüßte ich – konnte ich mich nicht enthalten zu sagen –, daß alle diese Verdachtsmomente uns nicht bewegen dürften, ihn in seiner Not im Stiche zu lassen.

»Gott sei vor«, entgegnete mein Vormund. »Wir wollen bei ihm aushalten, wie er selbst bei den beiden armen Geschöpfen, die jetzt tot sind, es getan hat.« – Er meinte Mr. Gridley und Jo. –

Mr. Woodcourt erzählte uns dann, daß der Gehilfe des Kavalleristen vor Tagesanbruch bei ihm gewesen war, nachdem er die ganze Nacht wie ein Wahnsinniger in den Straßen umher geirrt sei. Wie eine Last habe Mr. George die Sorge auf der Seele gelegen, daß wir ihn für schuldig halten könnten. Deshalb habe er seinen Gehilfen beauftragt, uns seiner vollkommensten Unschuld mit den feierlichsten Beteuerungen zu versichern. Und Mr. Woodcourt habe den Mann nur durch das feste Versprechen beruhigen können, uns diese Botschaft schon zeitig am Morgen überbringen zu wollen. Er sei soeben im Begriff, setzte er hinzu, den Gefangnen zu besuchen.

Mein Vormund erklärte, sofort mitgehen zu wollen. Und was mich betraf, hatte ich außer einer herzlichen Sympathie für den ehemaligen Soldaten, die auf Gegenseitigkeit zu beruhen schien, das geheime Interesse, das nur mein Vormund kannte, an dem Geschehnis. Ich hatte das Gefühl, daß es mich nahe angehe, und es schien mir eine Sache von großer Wichtigkeit für meine Person zu sein, daß die Wahrheit entdeckt werde und kein Unschuldiger in Verdacht komme; denn verwirrten sich einmal die Pfade der Wahrheit, wer weiß, –wie weit dann noch alles führen konnte.

Mit einem Wort, mein Pflichtgefühl sagte mir, daß ich sie begleiten müßte, und da mein Vormund es mir nicht ausredete, ging ich mit.

Es war ein großes Gefängnis mit vielen Höfen und Gängen, einander so ähnlich und so ermüdend gleichförmig gepflastert, daß ich zu begreifen anfing, wie einsame Gefangene, wenn sie viele Jahre lang immer in denselben kahlen Wänden eingekerkert vertrauern, ein Pflänzchen oder einen einzelnen Grashalm, wie ich oft gelesen, lieb gewinnen konnten.

Allein in einem gewölbten Raum, der einem Keller über der Erde glich, mit so grellweißen Wänden, daß das starke eiserne Gitter vordem Fenster und die schwere Eisentür dadurch noch tiefer schwarz aussahen, fanden wir den Kavalleristen in einer Ecke stehen. Er hatte dort auf einer Bank gesessen und war aufgesprungen, als er die Schlösser und Riegel hatte rasseln hören.

Als er uns sah, kam er uns mit seinem gewohnten, wuchtigen Gang zwei Schritte entgegen, blieb dann stehen und machte eine zögernde Verbeugung. Aber als ich auf ihn zukam und ihm meine Hand entgegenstreckte, erhellte sich sogleich seine Miene.

»Es fällt mir ein Stein vom Herzen, versichere ich Ihnen, Miß, und Ihnen, meine Herren«, sagte er, holte tief Atem und begrüßte uns mit großer Herzlichkeit. »Und jetzt ist es mir einerlei, wie die Sache endet.«

– In seiner Ruhe und mit seiner soldatischen Haltung sah er viel eher wie ein Kerkermeister als wie ein Gefangener aus. –

»Das ist womöglich ein noch unfreundlicherer Ort als meine Schießgalerie, um den Besuch einer Dame zu empfangen, aber ich weiß, Miß Summerson wird sich daran nicht stoßen.« Er führte mich zu der Bank, auf der er gesessen hatte, und daß ich Platz nahm, schien ihn sehr zu freuen und zu befriedigen.

»Ich danke Ihnen, Miß«, sagte er.

»Nun, George«, bemerkte mein Vormund, »da wir keiner neuen Beteuerung Ihrerseits bedürfen, so glaube ich, brauchen wir unsrerseits Ihnen auch keine zu machen.«

»Gewiß nicht, Sir. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Wäre ich nicht unschuldig an dem Verbrechen, könnte ich Ihnen nicht ins Gesicht sehen und mein Geheimnis vor Ihnen verbergen. Ich empfinde es sehr tief, daß Sie mich hier besuchen. Ich bin keiner von der beredten Sorte, aber ich fühle es tief, Miß Summerson, und Sie, meine Herren.«

Er legte seine Hand einen Augenblick auf seine breite Brust und verbeugte sich leicht gegen uns. Obgleich er sich sofort wieder aufrichtete, verriet sein Gesicht doch die Rührung, die ihn eine Sekunde überwältigt hatte.

»Erstens«, begann mein Vormund, »können wir irgend etwas zur Verbesserung Ihrer Lage tun, Mr. George?«

»Inwiefern, Sir?«

»Wünschen Sie vielleicht irgend etwas, daß Sie Ihre Lage weniger drückend empfinden ließe?«

»Nein, Sir, nichts«, entgegnete Mr. George nach kurzem Nachdenken. »Ich bin Ihnen sehr verbunden; da aber Rauchen nicht erlaubt ist, wüßte ich wirklich nichts.«

»Es wird Ihnen vielleicht nach und nach manches einfallen, und dann, bitte, lassen Sie es uns wissen, George.«

»Besten Dank, Sir. Ein Mann, der sich so lange in der Welt herumgeschlagen hat wie ich«, bemerkte Mr. George mit einem Lächeln auf seinem sonnenverbrannten Gesicht, »kann es auch, wenn es darauf ankommt, an einem Ort wie dem gegenwärtigen aushalten.«

»Und zweitens, was Ihre Sache betrifft«, fuhr mein Vormund fort.

– Mr. George verschränkte die Arme, und etwas wie Neugierde malte sich auf seinem Gesicht. –

»Wie steht es jetzt damit?«

»Nun, Sir, sie ist bis auf ein weiteres Verhör verschoben. Bucket ließ mich wissen, daß er wahrscheinlich von Zeit zu Zeit ein neues Verhör beantragen wolle, bis der Fall vervollständigt sein werde. Wie er vollständiger werden soll, kann ich nicht recht einsehen, aber Bucket wird das schon irgendwie deichseln.«

»Aber Gott bewahre, Mensch!« rief mein Vormund ungeduldig aus. »Sie sprechen ja von sich, als seien Sie dabei gar nicht beteiligt.«

»Nichts für ungut, Sir. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Güte, aber ich verstehe nicht, wie ein Unschuldiger solche Anklagen überhaupt ertragen kann, ohne mit dem Kopf an die Wand zu rennen, wenn er die Sache nicht auf diese Weise auffaßt.«

»Bis zu einem gewissen Grade wahr genug«, gab mein Vormund ein wenig besänftigt zu. »Aber, mein Lieber, selbst ein Unschuldiger muß die notwendigen Maßregeln zu seiner Verteidigung ergreifen.«

»Sicherlich, Sir. Und das habe ich auch getan. Ich habe vor den Beamten erklärt: 'Meine Herren, ich bin in dieser Sache so unschuldig wie Sie selbst. Die Tatsachen, die Sie mir entgegengehalten haben, sind vollständig wahr, aber weiter weiß ich nichts von der Sache'. Bei dieser Erklärung gedenke ich zu bleiben, Sir. Was kann ich mehr tun. Es ist die Wahrheit.«

»Aber die Wahrheit allein reicht nicht aus«, wendete mein Vormund ein.

»Reicht nicht aus, Sir? Das ist ja eine schlechte Aussicht für mich«, bemerkte Mr. George gutgelaunt.

»Sie müssen einen Rechtsbeistand haben«, fuhr mein Vormund fort. »Wir müssen Ihnen einen guten Advokaten verschaffen.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, – Mr. George wich einen Schritt zurück – »ich bin Ihnen wirklich außerordentlich verbunden, aber ich muß Sie entschieden bitten, mich zu entschuldigen...«

»Sie wollen keinen Advokaten haben?«

»Nein, Sir.« Mr. George schüttelte den Kopf mit großer Entschlossenheit. »Ich danke Ihnen nochmals, Sir, aber, bitte, keinen Advokaten.«

»Warum denn nicht?«

»Ich kann diese Sorte nicht besonders ausstehen. Auch Gridley konnte es nicht und... Sie entschuldigen schon, aber ich hätte gedacht, Sie selbst könnten es auch nicht, Sir.«

»Ja, das betrifft Zivilsachen«, erklärte mein Vormund, nach Worten suchend. »Hm, ja, Zivilsachen, George.«

»So, so, Sir«, entgegnete der Kavallerist leichthin. »Ich kenne mich in diesen Unterschieden nicht aus, aber trotzdem kann ich die Sorte nicht ausstehen.«

Er wechselte seine Stellung und stand, seine schwere Hand auf den Tisch gelegt und die andre in die Hüfte gestemmt, wie das Urbild eines Mannes da, den nichts von einem ein Mal gefaßten Entschluß abbringen könne. Vergebens redeten wir ihm alle drei zu und bemühten uns, ihn andern Sinnes zu machen. Er hörte uns mit der Freundlichkeit, die so gut zu seinem derben geraden Wesen stand, aufmerksam zu, aber unsre Vorstellungen machten offenbar auf ihn nicht mehr Eindruck als auf die Kerkermauern.

»Bitte, überlegen Sie sich's noch ein Mal, Mr. George«, mischte ich mich ein. »Können wir denn gar nichts in Ihrer Angelegenheit tun?«

»Am liebsten wäre mir, ich käme vor ein Kriegsgericht, Miß. Aber das ist leider ausgeschlossen, wie ich recht gut weiß. Wenn Sie so gut sein wollen, Miß, mir nur ein paar Minuten Ihre Aufmerksamkeit zu schenken, so will ich mich bemühen, Ihnen so klar, wie ich kann, auseinanderzusetzen, was ich meine.«

Er sah uns drei der Reihe nach an, schüttelte den Kopf ein wenig, als ob er ihn in der engen Halsbinde einer Uniform zurechtrücke, und fing nach kurzer Überlegung an:

»Miß, man hat mir Handschellen angelegt, mich verhaftet und dann hierher gebracht. Ich bin ein gezeichneter und entehrter Mensch und sitze jetzt hier im Gefängnis. Bucket hat meine Schießgalerie von oben bis unten durchstöbert. Was ich besitze – es ist wenig genug –, ist um und um gewendet worden, bis sich kein Mensch mehr darin auskennt, und ich muß hier sitzen. Ich beklage mich nicht weiter darüber. Ich bin gewiß nicht schuld daran, daß ich mich gegenwärtig hier befinde, aber ich kann recht gut einsehen, daß das nicht geschehen wäre, wenn ich nicht schon von Jugend auf dieses Vagabunden leben geführt hätte. Aber es ist nun einmal geschehen. Jetzt kommt die Frage, wie soll man sich dabei benehmen.«

Er rieb seine gebräunte Stirn einen Augenblick mit einem gut gelaunten Lächeln und entschuldigte sich: »Ich bin ein so kurzatmiger Redner, daß ich immer erst ein wenig zum Nachdenken 'einnehmen' muß.« Nachdem er das offenbar getan, blickte er wieder auf und fuhr fort:

»Also, wie sich benehmen? Der Ermordete war Advokat und hatte mich ziemlich fest an der Gurgel. Ich möchte einem Toten nichts Böses nachsagen, aber er hatte mich, wie ich's nennen würde, wenn er noch am Leben wäre, höllisch an der Gurgel zu fassen gekriegt, und sein Beruf kommt mir dadurch nicht anziehender vor. Hätte ich mich von seinesgleichen ferngehalten, wäre ich jetzt nicht hier. Aber ich wollte etwas andres sagen. Nehmen wir an, ich hätte ihn wirklich getötet. Nehmen wir an, ich hätte ihn mit einer der vor kurzem abgefeuerten Pistolen, die Bucket in meiner Galerie gefunden hat – und, Herrgott im Himmel, jeden Tag, seit ich dort bin, hätte finden können –, niedergeschossen. Was würde ich getan haben, kaum daß man mich hierher gebracht hätte? Einen Advokaten genommen!«

Er hielt inne, weil man draußen die Schlösser und Riegel klirren hörte, und fing nicht eher wieder an, als bis die Tür aufgegangen und wieder zugemacht worden war. Zu welchem Zweck sie geöffnet wurde, werde ich gleich erwähnen.

»Ich hätte einen Advokaten genommen, und er würde gesagt haben, wie man es so oft in den Zeitungen liest: Mein Klient sagt nichts – mein Klient behält sich seine Verteidigung vor –, mein Klient hin, mein Klient her, mein Klient tut dies, das oder jenes. Es ist meiner Meinung nach dieser Sorte Menschen einfach unmöglich, einen graden Schritt zu tun oder so zu denken, wie es andre Leute tun. Nehmen wir an, ich bin unschuldig und lasse mir einen Advokaten kommen. Er würde mich wahrscheinlich auch für schuldig halten, oder aber es wäre ihm gleichgültig. Was würde er nun tun in diesem oder jenem Falle? Er würde so handeln, als ob ich schuldig wäre, würde mir den Mund verbieten, mir raten, mich nicht zu kompromittieren, manche Umstände zu verschweigen, andre zu verschleiern, würde allerlei Fuchssprünge machen und mich vielleicht auf die Art frei kriegen.

Aber, Miß Summerson, was ist besser, auf diese Art loskommen oder lieber auf seine eigne Manier gehenkt werden? – Sie entschuldigen schon, daß ich vor einer Dame eine so unangenehme Sache beim Namen nenne.«

Er war jetzt warm geworden und brauchte nicht erst wieder »zum Nachdenken einzunehmen«.

»Da würde ich schon vorziehen, mich lieber auf meine eigne Art henken zu lassen. Und das will ich auch. Ich will damit durchaus nicht etwa sagen« – er sah uns der Reihe nach an, seine kräftigen Arme in die Seite gestemmt und die dunkeln Augenbrauen in die Höhe gezogen – »daß ich dem Hängen größeren Geschmack abgewinnen könnte als irgendein andrer. Was ich sage, ist nur, ich muß freikommen, rein und ohne Makel, oder gar nicht. Daher, wenn ich höre, daß man etwas gegen mich vorbringt, das wahr ist, so sage ich: das ist wahr. Und wenn sie mir vorhalten: was Sie da sagen, kann gegen Sie belastend aufgefaßt werden, so sage ich ihnen, das ist mir gleich, soll es das nur. Wenn sie mich nicht mit der ganzen Wahrheit reinwaschen können, so wird es mit der halben erst recht nicht gehen. Und wenn sie es doch können, so hat es keinen Wert für mich.«

Er ging ein paar Mal auf dem steinernen Fußboden auf und ab, trat dann wieder an den Tisch und vollendete, was er noch zu sagen hatte.

»Ich danke Ihnen, Miß, und Ihnen, Gentlemen, vielmals für ihre Aufmerksamkeit, und noch vielmals mehr für Ihre Teilnahme. Aber so liegt die Sache, wie sie sich darstellt vor einem einfachen Soldatenverstand. Ich habe niemals im Leben gut getan außer im Dienst, und sollte es zum Schlimmsten kommen, werde ich eben ernten, was ich gesät habe. Als ich mich von dem ersten Ruck, als Mörder verhaftet zu werden, erholt hatte – bei einem, der sich so viel und unter so mancherlei Schicksal in der Welt herumgeschlagen hat, dauert so etwas nicht besonders lang –, kam ich allmählich zu der Ansicht, die ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe, und bei dieser werde ich bleiben. Ich bringe über keinen Verwandten Schande und breche niemandem das Herz, und – und weiter habe ich nichts zu sagen.«

Die Tür war vorhin aufgemacht worden, um einen andern ebenso soldatenmäßig aussehenden Mann von einem auf den ersten Blick weniger einnehmenden Äußern und eine wettergebräunte, blitzäugige, gesunde Frau mit einem Korb einzulassen, die von ihrem Eintritt an allem, was George gesagt, sehr aufmerksam zugehört hatten.

George hatte sie mit einem Lächeln und einem freundlichen Nicken flüchtig begrüßt, ohne seine Rede zu unterbrechen. Er schüttelte ihnen jetzt herzlich die Hand und sagte: »Miß Summerson und meine Herren, das hier ist ein alter Kamerad von mir, Matthew Bagnet. Und das hier seine Frau, Mrs. Bagnet.«

Mr. Bagnet machte uns eine steife militärische Verbeugung, und Mrs. Bagnet knickste.

»Es sind treue gute Freunde von mir. In ihrem Hause war es, wo ich verhaftet wurde.«

»Mit einem gebrauchten Violoncello. Als Vorwand«, schaltete Mr. Bagnet ein und schüttelte empört den Kopf. »Von gutem Ton. Für einen Freund. Kostenpunkt Nebensache.«

»Mat«, sagte Mr. George, »du hast jetzt so ziemlich alles mit angehört, was ich der Dame und den beiden Herren gesagt habe. Ich setze voraus, daß du es billigst.«

Mr. Bagnet dachte eine Weile nach, dann verwies er die Sache zur Entscheidung an seine Frau. »Alte, sag ihm, ob es meine Billigung findet. Oder nicht.«

»Wahrhaftig, George«, rief Mrs. Bagnet aus, die inzwischen aus ihrem Korb ein Stück kaltes Schweinspökelfleisch, ein wenig Tee und Zucker und einen Laib Brot ausgepackt hatte, »Sie sollten wissen, daß es nicht seinen Beifall findet. Sie sollten wissen, daß es einen ganz wild machen kann, so etwas mit anzuhören. Sie wollen nicht auf diese Weise loskommen und dann wieder nicht auf jene! Gar so wählerisch zu sein! Dummes Zeug. Unsinn, George.«

»Seien Sie nicht so hart gegen mich in meinem Unglück, Mrs. Bagnet«, sagte der Kavallerist mutwillig.

»Zum Kuckuck mit Ihrem Unglück«, rief Mrs. Bagnet, »wenn es Sie nicht verständiger macht, als Sie sich bisher gezeigt haben.

Ich habe mich noch nie so geschämt in meinem Leben, einen Menschen solchen Unsinn sprechen zu hören, wie Sie vorhin vor den anwesenden Herrschaften. Advokaten! Mein Gott, was, außer daß vielleicht viel Köche den Brei verderben, könnte Sie abhalten, ein Dutzend Advokaten anzunehmen, wenn der Herr hier sie Ihnen anbietet?«

»Sie sind eine höchst verständige Frau«, fiel mein Vormund ein. »Ich hoffe, Sie werden ihn überreden, Mrs. Bagnet.«

»Ihn überreden, Sir? Gott segne Sie! Da kennen Sie George schlecht. Da, schauen Sie ihn nur an« – Mrs. Bagnet stellte ihren Korb hin, um mit ihren beiden gebräunten Händen auf den Kavalleristen deuten zu können – »schauen Sie nur, wie er dort steht. So eigensinnig und zu Dummheiten entschlossen, wie nur je einer ein menschliches Geschöpf unter der Sonne hat die Geduld verlieren machen. Sie könnten ebensogut einen Achtundvierzigpfünder aufheben und schultern, wie diesen Menschen andern Sinnes machen, wenn er sich mal etwas in den Kopf gesetzt hat. O Gott, den kenne ich! Oder vielleicht nicht, George? Sie wollen doch nicht etwa nach soviel Jahren neue Eigenschaften vor mir entfalten, will ich hoffen.«

Ihre freundschaftliche Entrüstung wirkte als Beispiel auf ihren Mann, und mehrmals während ihrer Rede setzte er dem Kavalleristen mit einem Kopfnicken zu, als empfehle er ihm stumm, aber dringend, nachzugeben. Mrs. Bagnet hatte mich auch dabei manchmal angesehen, und ich glaubte in ihren Augen zu lesen, daß sie wünschte, ich sollte irgend etwas tun, aber ich konnte nur nicht begreifen, was.

»Ich hab es schon längst aufgegeben, mich mit Ihnen herumzustreiten, alter Junge«, fuhr Mrs. Bagnet fort, blies dabei ein wenig Staub von dem Pökelfleisch weg und sah mich dabei wieder an, »und wenn diese Herrschaften hier Sie erst einmal so gut kennen wie ich, werden sie es auch aufgeben, Ihnen zuzureden. Wenn Sie nicht zu dickschädlig sind, ein paar Bissen als Mittagessen anzunehmen, so steht es hier.«

»Ich nehme es mit vielem Dank an«, entgegnete der Kavallerist.

»Wahrhaftig?« rief Mrs. Bagnet, die immer noch gutmütig fortbrummte. »Nein, da bin ich wirklich höchlichst erstaunt. Es wundert mich nur, daß Sie nicht auch noch auf Ihre eigne Manier verhungern wollen. Es sähe Ihnen ganz ähnlich. Vielleicht setzen Sie sich das nächstens auch noch in den Kopf.«

Sie sah mich abermals an, und jetzt erriet ich aus ihren Blicken, die sie abwechselnd auf die Tür und auf mich richtete, daß sie wünschte, wir möchten gehen und draußen vor dem Gefängnis auf sie warten. Ich teilte dies auf ähnliche Art meinem Vormund und Mr. Woodcourt mit und stand auf.

»Ich hoffe, Sie werden sich eines Bessern besinnen, Mr. George«, sagte ich zum Abschied, »und wenn wir Sie wieder besuchen kommen, werden wir Sie hoffentlich vernünftiger finden.«

»Dankbarer können Sie mich jedenfalls gewiß nicht finden, Miß Summerson.«

»Aber Ratschlägen zugänglicher, hoffe ich. Und ich bitte Sie zu bedenken, daß die Aufklärung dieses Geheimnisses und die Entdeckung des wirklichen Mörders auch noch für andre Personen außer Ihnen von höchster Wichtigkeit sein kann.«

Er hörte mich ehrerbietig an, aber ohne meinen Worten eine größere Beachtung zu schenken – ich sprach sie bereits auf dem Wege nach der Tür, ein wenig abgewendet von ihm, und betrachtete – wie man mir später sagte – mit plötzlich rege gewordner Aufmerksamkeit meine Figur.

»Es ist doch merkwürdig«, sagte er, »schon damals kam es mir so vor!«

Mein Vormund fragte, was er meine.

»Ja, sehen Sie, Sir, als mich damals mein Geschick in der Nacht, als der Mord geschah, an die Treppe des Toten führte, sah ich im Dunkeln eine Gestalt an mir vorübergehen, die Miß Summerson so ähnlich war, daß ich sie beinah angesprochen hätte.«

– Einen Augenblick fühlte ich einen Schauder, wie ich ihn nie vorher gekannt und hoffentlich nie mehr wieder fühlen werde. –

»Sie kam die Treppen herab, gerade als ich hinaufging, und schritt an dem mondbeschienenen Fenster, in einen weiten schwarzen Mantel, mit langen Fransen daran, gehüllt, vorüber. Das hat natürlich mit meiner Angelegenheit nichts weiter zu tun, ausgenommen, daß Miß Summerson der Gestalt gerade jetzt in diesem Augenblick so ähnlich sah, daß es mir wieder einfiel.«

– Ich kann die Gefühle, die in mir aufstiegen, nicht klar definieren und auseinander halten und nur soviel sagen, daß das unbestimmte Pflichtgefühl, das mich schon anfangs bewogen hatte, herzukommen und der Sache nachzugehen, jetzt noch stärker wurde. Warum, wagte ich mich eigentlich nicht zu fragen, trotzdem ich mir gleichzeitig innerlich voll Entrüstung vorhielt, ich könne in keiner Weise Ursache zu Befürchtungen haben.

Wir verließen alle drei das Gefängnis und gingen vor dem Tor, das auf einen einsamen Platz mündete, ein Stückchen auf und ab. Wir hatten nicht lange zu warten, denn Mr. und Mrs. Bagnet kamen bald heraus und eilten auf uns zu. Mrs. Bagnets Augen standen voller Tränen, und ihr Gesicht war gerötet und aufgeregt. »Ich hab es George nicht merken lassen, was ich davon denke, Miß«, waren ihre ersten Worte, als sie uns erreichte. »Aber es steht schlimm mit dem armen alten Burschen.«

»Nicht bei der nötigen Vorsicht und Klugheit und gutem Rechtsbeistand«, beruhigte sie mein Vormund.

»Ein Herr wie Sie muß das natürlich besser wissen, Sir« – Mrs. Bagnet wischte sich mit dem Saum ihres grauen Mantels die Augen – »aber ich habe große Angst um ihn. Er ist viel zu sorglos gewesen und hat so viel gesagt, was er nie hätte sagen sollen. Die Herren vom Schwurgericht können ihn doch nicht so verstehen wie Lignum und ich. Und dann sprechen so viele Verdachtsmomente gegen ihn, und so viele Leute werden gegen ihn als Zeugen antreten, und Bucket ist so schlau.«

»Mit einem gebrauchten Violoncello. Und sagte, er spielte die Querflöte. Als Knabe«, ergänzte Mr. Bagnet mit großer Feierlichkeit.

»Ich will Ihnen was sagen, Miß. Und wenn ich Miß sage, so meine ich Sie alle. Kommen Sie mal hier in die Ecke, und ich will es Ihnen sagen.«

– Mrs. Bagnet eilte mit uns in einen am Ende der Mauer liegenden Winkel und konnte anfangs vor Atemlosigkeit gar kein Wort herausbringen, was ihren Gatten veranlaßte, sie aufzumuntern: »Alte. Sprich.«

– »Also, Miß«, fuhr die Alte fort und band sich, um mehr Luft zu haben, die Hutbänder auf, »Sie könnten ebensogut die Schanzen von Dover vom Fleck rücken als George, wenn Sie nicht ein andres Mittel wissen, um auf ihn einzuwirken. Und ein solches habe ich jetzt in Händen.«

»Sie sind ein Juwel von einer Frau!« rief mein Vormund aus.

»Ich sage Ihnen, Miß« – Mrs. Bagnet schlug vor Aufregung bei jedem ihrer Sätze wohl ein Dutzend Mal die Hände zusammen – »alles, was er da daherredet, er habe keine Verwandten und dergleichen, ist lauter dummes Zeug; sie wissen allerdings nichts von ihm, aber er weiß von ihnen. Er hat mit mir verschiedentliche Male offner gesprochen als mit andern, und nicht umsonst einmal zu meinem Woolwich so etwas von weißem Haar und Gramesfurchen greiser Mütter gesagt. Fünfzig Pfund möchte ich wetten, daß er an jenem Tag seine Mutter gesehen hat. Sie lebt und muß sogleich hierhergebracht werden.«

Ohne eine Sekunde Zeit zu verlieren, nahm Mrs. Bagnet einige Stecknadeln in den Mund und fing an, ihr Kleid ringsherum aufzustecken, so daß es ganz von dem grauen Mantel bedeckt war, womit sie mit überraschender Gewandtheit und Schnelligkeit zu Rande kam.

»Lignum«, sagte sie dann, »daß du mir ein Auge auf die Kinder hast, Alter! Und jetzt gib mir den Schirm! Ich mach jetzt fort nach Lincolnshire, um die alte Dame herzubringen.«

»Du lieber Himmel, was will die Frau?« rief mein Vormund und wühlte in seinen Taschen. »Wo will sie hin? Wieviel Geld hat sie denn?«

Mrs. Bagnet griff wieder unter ihren Mantel und brachte einen ledernen Geldbeutel hervor, in dem sie hastig ein paar Schillinge überzählte, und ihn dann wieder mit größter Befriedigung zuzog.

»Haben Sie keine Sorge um mich, Miß. Ich bin eine Soldatenfrau und gewohnt, auf meine Weise zu reisen. Lignum, mein Alter, da einen Kuß für dich und drei für die Kinder. Ich mache jetzt fort nach Lincolnshire zu Georges Mutter.«

Und sie trabte wirklich fort, während wir drei einander in grenzenlosem Erstaunen ansahen. Mit kräftigem Schritt marschierte sie in ihrem grauen Mantel von dannen und verschwand um die Ecke.

»Und so wollen Sie sie fortlassen, Mr. Bagnet?« fragte mein Vormund.

»Kann's nicht verhindern. Ist schon ein Mal nach Hause gereist. Aus einem andern Weltteil. Mit demselben grauen Mantel. Und demselben Regenschirm. Wenn die Alte sagt, tue das, soll man's tun. Wenn die Alte sagt, das tue ich, tut sie's.«

»Dann ist sie so echt und treu, wie sie aussieht«, entgegnete mein Vormund. »Und es ist unmöglich, mehr zu ihrem Lobe zu sagen.«

»Sie ist Fahnenjunker beim Nonpareil-Bataillon«, rief uns Mr. Bagnet noch über die Schulter zu, als er sich von uns verabschiedet hatte. »Es gibt keine zweite der Art. Aber ich gestehe es vor ihr nicht ein. Disziplin muß sein.«

 << Kapitel 53  Kapitel 55 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.