Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
Schließen

Navigation:

47. Kapitel

Jos letzter Wille

Während Allan Woodcourt und Jo durch die Straßen gehen, wo die hohen Kirchtürme im Morgenlicht so rein und frisch aussehen, als ob auch die Stadt sich durch den Schlaf erquickt hätte, überlegt Allan, wo und auf welche Art er seinen Begleiter unterbringen könnte. Es ist doch seltsam, denkt er sich, daß mitten im Herzen einer zivilisierten Welt dieses Geschöpf von menschlicher Gestalt schwerer unterzubringen ist als ein herrenloser Hund. Aber trotz seiner Seltsamkeit bleibt es eine Tatsache, und die Schwierigkeit wird dadurch nicht behoben. Anfangs blickt er oft zurück, um zu sehen, ob Jo ihm wirklich noch folge. Aber beständig sieht er ihn dicht an den Häusern gegenüber sich seinen Weg von einer Tür zur andern tasten und dabei gelegentlich aufmerksam zu ihm herüberblicken. Bald überzeugt, daß Jo durchaus nicht daran denkt, davonzulaufen, geht Allan weiter und überlegt mit weniger geteilter Aufmerksamkeit, was er tun solle.

Ein Frühstücksstand an einer Straßenecke erinnert ihn an das, was vor allem nötig ist. Er bleibt dort stehen, blickt zurück und winkt. Jo kommt hinkend und schlotternd über die Straße und reibt die Knöchel seiner rechten Hand in der hohlen Fläche der linken, Schmutz in einem natürlichen Mörser knetend. Ein für Jo leckeres Mahl wird ihm jetzt vorgesetzt, und er fängt an, Kaffee hinunterzuschlingen und Butterbrot zu kauen, und während er ißt und trinkt, sieht er sich wie ein gehetztes Tier ängstlich nach allen Richtungen um. Aber er ist so krank und herabgekommen, daß ihn selbst der Hunger verlassen hat.

»Zerst hab i glaubt, i verhunger fast, Sir«, sagt er und legt das Essen wieder hin. »Aber i kenn mi gar nimmer aus, net amal dadrin mehr. Mir is jetzt ganz gleich, ob i was eß oder was trink.« Dann steht er fieberzitternd auf und sieht das Frühstück verwundert an. Allan Woodcourt befühlt ihm den Puls und die Brust. »Hol einmal Atem, Jo.«

»Er geht so schwer wie a Lastwagn«, sagt Jo. Er könnte sagen, »und rasselt auch so«, aber er murmelt nur vor sich hin: »Jetzt mach i wirkli 'Marsch vorwärts', Sir.«

Allan sieht sich nach einer Apotheke um. Es ist keine in der Nähe, aber eine Schenke ist gerade so gut oder noch besser. Er holt ein wenig Wein und gibt dem Knaben mit großer Vorsicht einen kleinen Schluck davon. Fast schon beim ersten Tropfen fängt Jo an, wieder aufzuleben.

»Wir können die Dosis wiederholen«, bemerkt Allan, nachdem er Jo mit aufmerksamem Gesicht beobachtet hat. »Jo! Jetzt wollen wir fünf Minuten Rast machen und dann weitergehen.«

Er läßt den Jungen auf der Bank des Frühstücksstandes, mit dem Rücken gegen ein eisernes Gitter gelehnt, sitzen und geht in der Morgensonne auf und ab, wobei er von Zeit zu Zeit einen Blick auf ihn wirft, ohne sich anmerken zu lassen, daß er ihn beobachtet. Es bedarf keines Scharfblickes, um zu bemerken, daß es Jo wärmer geworden ist und er sich erquickt fühlt. Wenn sich ein so umdüstertes Gesicht überhaupt aufhellen kann, so ist das jetzt der Fall, und in kleinen Bissen verzehrt Jo den Schnitt Brot, den er vorhin verzweifelt aus der Hand gelegt hat. Als Allan diese Zeichen von Erholung bemerkt, knüpft er ein Gespräch mit dem Knaben an und lockt zu seiner nicht geringen Verwunderung das Abenteuer mit der verschleierten Dame und allen seinen Folgen aus ihm heraus. Jo kaut langsam, wie er es ihm nach und nach erzählt.

Wie er dann mit seiner Geschichte und seinem Brot fertig ist, setzen sie ihren Weg fort.

In der Absicht, sich bei seiner ehemaligen Patientin, der dienstwilligen Miß Flite, Rat zu holen, wo er in seiner Verlegenheit für den Knaben vorläufig einen Zufluchtsort finden will, geht Allan nach dem Hof, wo er und Jo das erste Mal miteinander in Berührung gekommen waren.

In dem Hadern- und Flaschenladen ist jetzt alles anders geworden, und Miß Flite wohnt nicht mehr dort. Er ist geschlossen, und ein Frauenzimmer mit harten, staub geschwärzten Zügen, dessen Alter niemand erraten kann – es ist niemand anders als die interessante Judy –, gibt spitze und kurze Antworten. Aus ihnen entnimmt der junge Arzt, daß Miß Flite mit ihren Vögeln gegenwärtig bei Mrs. Blinder in Beil-Yard wohnt, und begibt sich nach diesem benachbarten Platz, und Miß Flite, die immer früh aufsteht, um pünktlich in dem von ihrem Freund, dem Lordkanzler, abzuhaltenden Gerechtigkeitsschauspiel zu erscheinen, kommt ihm mit Tränen des Willkommens und offnen Armen die Treppe herunter entgegengelaufen.

»Mein lieber Doktor!« ruft sie, »mein verdienstvoller ausgezeichneter höchst ehrenwerter Offizier.« Sie gebraucht einige sonderbare Ausdrücke, aber sie ist so warm und herzlich, wie man es nur von einem Menschen mit gesundem Verstand verlangen könnte –, ist es mehr, als man es oft bei einem solchen findet.

Allan, gewohnt, viel Geduld mit ihr zu haben, wartet, bis ihr die Worte ausgegangen sind, dann zeigt er auf Jo, der zitternd im Torweg steht, und erzählt ihr, wie und wo er ihn gefunden habe.

»Wo kann ich ihn hier in der Nähe unterbringen? Sie wissen so viel und sind so verständig und können mir vielleicht einen Rat geben.«

Miß Flite ist auf dieses Kompliment gewaltig stolz und fängt an, zu überlegen. Aber es dauert lange, ehe ihr etwas einfällt. »Mrs. Blinder hat alles vermietet und wohnt jetzt selbst im Zimmer des armen Gridley. – Gridley!!« ruft sie plötzlich und klatscht in die Hände, nachdem sie den Namen ungefähr zwanzig Mal wiederholt hat. »Gridley! Aber natürlich! Mein bester Doktor, General George wird uns helfen.«

Es wäre ein vergebliches Bemühen, Näheres von General George zu erfahren, auch wenn Miß Flite nicht bereits die Treppen hinaufgelaufen wäre, den zerdrückten Hut aufzusetzen, ihren armseligen kleinen Schal umzunehmen und sich mit ihrem Strickbeutel voll Dokumenten zu bewaffnen. Wie sie dann in vollem Staat herunterkommt, in ihrer zerstreuten Weise erzählt, General George, den sie oft besuche, kenne ihre liebe Fitz Jarndyce und interessiere sich für alles, was sie beträfe, außerordentlich, glaubt Allan, sie könne doch vielleicht das Richtige gefunden haben. Er sagt daher Jo, um ihm wieder Mut zu machen, das Herumlaufen werde jetzt bald vorbei sein, und sie begeben sich zu dem General. Glücklicherweise ist es nicht weit.

Beim Anblick von Georges Schießgalerie, dem langen Gang und der kahlen Perspektive dahinter faßt Allan Hoffnung. Auch Mr. George, der, gerade mit seiner Morgenpromenade beschäftigt, ohne Halsbinde und mit den vom Fechten und Hantelstemmen gestählten Armen, deren gewaltiges Muskelspiel man durch die Hemdärmel hindurch bemerkt, die Pfeife im Mund, auf ihn zuschreitet, flößt ihm Vertrauen ein.

»Ihr Diener, Sir«, grüßt Mr. George militärisch.

Mit einem freundlichen Lächeln, das bis in das krause Haar hinaufspielt, wendet er sich dann zu Miß Flite, die sehr zeremoniell und wortreich Mr. Woodcourt vorstellt. Er grüßt nochmals militärisch mit einem abermaligen »Ihr Diener, Sir«.

»Entschuldigen Sie, Sir, Sie sind Seemann?«

»Es freut mich, daß Sie finden, ich sähe wie ein solcher aus, aber ich bin nur Schiffsarzt«, entgegnet Allan.

»Wirklich, Sir! Ich hätte Sie für eine regelrechte Blaujacke gehalten.«

Mr. Woodcourt gibt der Hoffnung Ausdruck, Mr. George werde ihm die verursachte Störung deshalb um so bereitwilliger verzeihen und vor allem seine Pfeife nicht weglegen, wozu dieser in seiner Höflichkeit Anstalten gemacht hat.

»Sie sind sehr gütig, Sir«, bedankt sich der Kavallerist. »Da ich aus Erfahrung weiß, daß es Miß Flite nicht stört, und Sie auch nichts dagegen haben...« er schließt den Satz, indem er seine Pfeife wieder zwischen die Zähne steckt. Allan erzählt ihm sodann alles, was er von Jo weiß, und Mr. George hört ernsthaft zu.

»Und das ist der Junge, Sir?« fragt er und wirft einen Blick auf den Eingang, wo Jo die großen Buchstaben an der weißen Wand, die für ihn so gar keine Bedeutung haben, unverwandt anstarrt.

»Das ist er. Und, Mr. George, ich befinde mich nun in folgender Verlegenheit seinetwegen. Ich möchte ihn nicht gern in ein Spital schaffen lassen, selbst wenn ich ihn dort sofort unterbringen könnte, weil ich voraussehe, er würde dort nur wenige Stunden bleiben, wenn er überhaupt hinginge. Ebenso verhält es sich mit dem Armenhaus. Selbst wenn ich die Geduld hätte, mich an der Nase herumführen und von Pontius zu Pilatus schicken zu lassen. Ich kann dem System keinen Geschmack abgewinnen.«

»Das kann niemand, Sir«, nickt Mr. George.

»Ich bin überzeugt, er würde an keinem der beiden Orte bleiben, weil er sich vor dem Mann, der ihm befohlen hat, sich nirgends mehr blicken zu lassen, ganz außerordentlich fürchtet. In seiner Unwissenheit glaubt er nämlich, dieser Mensch sei überall und wisse alles.«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, sagt Mr. George, »aber Sie haben den Namen des Mannes nicht genannt. Ist es ein Geheimnis, Sir?«

»Der Junge wenigstens hält es dafür. Der Mann heißt Bucket.«

»Bucket von der Geheimpolizei, Sir?«

»Ja, derselbe.«

»Ich kenne ihn, Sir!« Der Kavallerist bläst eine mächtige Rauchwolke von sich und dehnt seine Brust gewaltig aus. »Der Junge hat insofern recht, als Bucket zweifellos ein – eigentümlicher Kunde ist.«

Mr. George raucht mit einer bedeutungsvollen Miene weiter und sieht Miß Flite schweigend an.

»Nun wünsche ich, daß Mr. Jarndyce und Miß Summerson wenigstens erfahren, daß Jo, der übrigens eine seltsame Geschichte zu erzählen weiß, wieder aufgefunden ist und daß sie mit ihm sprechen können, wenn sie es für gut befinden sollten. Ich möchte ihn deshalb vorderhand in einer ganz bescheidnen Wohnung bei anständigen Leuten unterbringen. Anständige Leute und Jo, Mr. George«, sagt Allan und folgt den Augen des Kavalleristen, die jetzt wieder nach dem Eingang blicken, »haben bisher nicht viel miteinander zu tun gehabt, wie Sie sehen. Darin liegt die Schwierigkeit. Kennen Sie vielleicht zufällig jemand in der Nähe, der ihn gegen Vorausbezahlung eine kurze Zeit bei sich aufnehmen würde?«

Noch während er die Frage stellt, bemerkt er einen kleinen Mann mit einem pulvergeschwärzten Gesicht, der jetzt plötzlich neben dem Kavalleristen steht und zu diesem mit einer seltsam verzwickten Miene aufsieht. Der Kavallerist pafft noch ein paar Züge, blickt dann auf den kleinen Mann herunter und sagt dann: »Ich versichere Ihnen, Sir, ich ließe mir jeder Zeit bereitwillig eins zwischen die Augenbrauen geben, wenn ich damit Miß Summerson einen Dienst leisten könnte. Ich rechne es mir als Ehre an, dieser Dame auch nur den kleinsten Dienst erweisen zu können. Wir behelfen uns hier natürlich ziemlich vagabundenhaft, ich und Phil. Sie sehen ja selbst, was es für ein Lokal ist. Ein stiller Winkel für den Jungen steht Ihnen aber hier zu Diensten, wenn es Ihnen paßt. Zu bezahlen ist nichts. Außer für die Ration. Wir sind hier nicht gerade in blühenden Verhältnissen und können unter Umständen, ohne eine Minute Kündigung, jeden Augenblick mit Sack und Pack hinausgeworfen werden. Aber solange es noch unser ist, steht Ihnen das Lokal so, wie es ist, zu Diensten.« Mit einem umfassenden Schwung seiner Pfeife stellt Mr. George Allan das ganze Gebäude zur Verfügung.

»Da Sie Arzt sind, Sir«, setzt er hinzu, »nehme ich an, daß diesmal vorderhand bei dem armen Jungen nichts von Ansteckung zu befürchten ist?«

Allan beruhigt ihn in dieser Hinsicht.

»Wir haben nämlich schon genug davon gehabt, Sir«, sagt George mit betrübtem Kopfschütteln.

Mr. Woodcourt nickt bekümmert. »Dennoch darf ich Ihnen nicht verhehlen«, bemerkt er, nachdem er seine Versicherung hinsichtlich der Ansteckungsgefahr wiederholt hat, »daß der Knabe sehr angegriffen und schwach ist, vielleicht – ich sage nur vielleicht – überhaupt schon zu schwach ist, um sich jemals wieder zu erholen.«

»Glauben Sie, daß er augenblicklich in Gefahr schwebt, Sir?«

»Ja, ich fürchte es.«

»Dann, Sir«, fällt der Kavallerist mit großer Entschiedenheit ein, »ist es das Beste, wenn er unverzüglich hereinkommt. Ich gehöre selbst ein wenig zu den Vagabunden und verstehe das. Phil! Bring ihn herein!«

Mr. Squod krebst seitwärts hinaus, um den Befehl auszuführen, und der Kavallerist legt die jetzt ausgerauchte Pfeife weg. Jo wird hereingebracht. Er ist nicht einer von Mrs. Pardiggles Tokahupo-Indianern, keins von Mrs. Jellybys Lämmern und hat mit Borriobula-Gha auch nichts zu schaffen; die weite Ferne und der Reiz des Fremdartigen lassen ihn nicht in besserem Licht erscheinen; er ist kein wirklicher, in der Fremde aufgewachsner Wilder, sondern ein ganz gewöhnlicher einheimischer Artikel. Schmutzig, scheußlich, allen Sinnen eine Qual, äußerlich ein niedriges Geschöpf der Straße, ist er auch der Seele nach ein Heide. Heimischer Schmutz bedeckt ihn, heimisches Ungeziefer verzehrt ihn, heimische Krankheiten wüten in ihm, und heimische Lumpen umhüllen ihn. Eingeborne Unwissenheit, auf Englands Boden gewachsen, drückt seine unsterbliche Natur auf eine tiefere Stufe als die eines verendeten Tiers. Ja, ja, zeig dich nur, Jo, ganz so, wie du bist! Vom Scheitel bis zur Sohle ist nichts Interessantes an dir!

Langsam kommt er in Mr. Georges Schießsaal gehumpelt und steht – ein Lumpenbündel – da und hebt seinen Blick nicht von der Erde.

Er scheint zu wissen, daß alle eine Neigung fühlen, von ihm zurückzuweichen, teils wegen dessen, was er ist, teils wegen dessen, was er verschuldet hat. Auch er scheut sich vor ihnen. Er gehört nicht zur selben Wesensreihe in der Schöpfung wie sie. Er gehört zu keiner Klasse und nirgends hin, weder zu den Tieren noch zu den Menschen.

»Schau mal her, Jo«, sagt Allan. »Das ist Mr. George.«

Jo sucht noch eine Zeitlang mit den Augen auf dem Fußboden herum, blickt eine Sekunde lang auf und dann wieder zu Boden.

»Er meint es gut mit dir und will dich hier beherbergen.«

Jo macht mit der Hand eine schaufelnde Bewegung, was wahrscheinlich eine Verbeugung ausdrücken soll. Nach einigem Besinnen und ein paarmal den Fuß, auf dem er seinen Körper ruhen läßt, wechselnd, brummt er, er sei sehr dankbar.

»Du bist hier vollständig in Sicherheit. Vorläufig hast du nichts weiter zu tun, als gehorsam zu sein und wieder zu Kräften zu kommen, aber du mußt uns die Wahrheit sagen, Jo! Verstehst du mich?«

»I soll auf der Stelle tot umfalln, wann is net tu, Sir«, sagt Jo mit seiner Lieblingsbeteuerung. »I hab nie nix angstellt, als was Sie schon wissn, und doch habens mi immer verfolgt. I hab bloß nie nix gwußt, Sir, und hab ghungert.«

»Ich glaub es dir. Gib jetzt acht auf Mr. George. Ich sehe, er will dir etwas sagen.«

»Ich wollte ihm nur zeigen, Sir«, bemerkt Mr. George, unglaublich breitschultrig und kerzengerade aussehend, »wo er sich hinlegen und einmal ordentlich ausschlafen kann, Sir. – Komm mal her.«

Mit diesen Worten führt der Kavallerist Jo in den Hintergrund der Schießstätte und macht die Tür eines der kleinen Verschlage auf. »Das ist für dich. Schau her! Und dort ist eine Matratze. Hier kannst du, wenn du dich gut aufführst, solang bleiben, als Mr... Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, – er wirft einen Blick auf die Karte, die ihm Allan gegeben hat – »solange es Mr. Woodcourt beliebt. Erschrick nicht, wenn du schießen hörst. Es wird auf die Scheibe geschossen und nicht nach dir. – Ich möchte nur noch etwas empfehlen, Mr. Woodcourt. – Phil, komm einmal her!«

Phil laviert in seiner gewohnten Art auf seinen Herrn los.

»Hier ist ein Mann, Sir, den sie einst als kleines Kind im Rinnstein gefunden haben. Daher ist anzunehmen, daß er ein natürliches Interesse an dem armen Teufel nimmt. Was meinst du, Phil?«

»Gewiß und wahrhaftig, Govner«, versichert Phil.

»Meine Meinung ist, Sir«, sagt Mr. George mit einer gewissen soldatischen Offenherzigkeit, als ob er in einem Kriegsrat bei Trommelwirbel etwas vorbrächte, »daß, wenn dieser Mann den Jungen in ein Bad steckte und für ein paar Schillinge ein paar ordinäre Sachen besorgte...«

»Sie denken an alles, Mr. George«, unterbricht ihn Allan und zieht seine Börse heraus. »Ich wollte Sie gerade darum bitten.«

Phil Squod und Jo werden auf der Stelle fortgeschickt, um den Reinigungsprozeß vorzunehmen. Miß Flite, ganz entzückt, daß alles so glatt geht, eilt, so schnell sie kann, nach dem Gerichtshof, denn sie ist in großer Angst, ihr Freund, der Lordkanzler, könne ihretwegen in Sorge sein oder das lang erwartete Urteil in ihrer Abwesenheit erlassen. »Und das«, bemerkt sie, »wäre nach so vielen Jahren denn doch gar zu schrecklich, mein lieber Doktor, und Sie, General.«

Allan benützt die Gelegenheit, einige stärkende Arzneien in der Nähe zu besorgen. Dann kehrt er zurück, findet den Kavalleristen in der Schießstätte auf- und abmarschieren und schließt sich ihm an.

»Ich vermute, Sie kennen Miß Summerson ziemlich gut?« fragt Mr. George.

»Ja, allerdings.«

»Nicht verwandt mit ihr, Sir?«

»Nein, das nicht.«

»Entschuldigen Sie meine Neugierde. Es schien mir wahrscheinlich, daß Sie mehr als gewöhnliche Teilnahme für den armen Teufel deswegen fühlen, weil sich Miß Summerson schon – leider zu ihrem Schaden – so sehr für ihn interessiert hat. So geht es wenigstens mir, Sir.«

»Und mir auch, Mr. George.«

– Der Kavallerist betrachtet von der Seite Allans gebräunte Wange, und sein lebhaftes dunkles Auge mißt mit raschem Blick seinen Wuchs und scheint Gefallen an ihm zu finden. –

»Als Sie fort waren, Sir, ist mir eingefallen, daß ich die Zimmer in Lincoln's-Inn-Fields, wo Bucket den Jungen, seiner Aussage nach, hinbrachte, kenne. Wenn er auch den Namen nicht weiß, ich kann ihn Ihnen nennen. Tulkinghorn! So heißt er.«

Allan sieht den Kavalleristen fragend an und wiederholt den Namen.

»Tulkinghorn. So heißt er, Sir. Ich kenne den Mann und weiß, daß er früher mit Bucket wegen eines inzwischen Verstorbnen, der ihn einmal beleidigte, zu tun gehabt hat. Ich kenne den Mann, Sir. – Zu meinem Leidwesen.«

Allan fragt natürlich, was für ein Mann Mr. Tulkinghorn sei.

»Was für ein Mann? Meinen Sie, wie er aussieht?«

»Ich glaube, soweit kenne ich ihn. Ich meine, in seinem Wesen. Was er so im allgemeinen für ein Mensch ist?«

»Nun, das will ich Ihnen sagen, Sir.« Der Kavallerist bleibt stehen, verschränkt die Arme über der breiten Brust und wird dabei so zornig, daß sein Gesicht über und über rot wird.

»Er ist eine verdammt schlechte Art Mensch. Einer, der die Leute langsam martert. Er hat ebensowenig Fleisch und Blut wie ein verrosteter alter Karabiner. Er ist ein Mann – beim heiligen Georg –, der mir mehr Unruhe und Sorgen und Unzufriedenheit mit mir selbst verursacht hat als alle Menschen zusammengenommen. Von der Sorte ist Mr. Tulkinghorn einer.«

»Es tut mir leid, eine wunde Stelle berührt zu haben«, entschuldigt sich Allan.

»Eine wunde Stelle?« Der Kavallerist stellt sich breitbeinig hin, befeuchtet die Fläche seiner breiten rechten Hand und legt sie auf die Stelle, wo früher wahrscheinlich sein Schnurrbart gewesen ist. »Das ist Ihre Schuld nicht, Sir. Aber urteilen Sie selbst. Er hat mich ganz in der Hand. Er ist es, von dem ich vorhin sagte, daß er mich jeden Augenblick mit Sack und Pack hinauswerfen könne. Und er hält mich stets in einer beständigen Unruhe. Er greift nicht zu und läßt mich nicht los. Wenn ich ihm eine Zahlung zu machen oder um Stundung zu bitten oder sonst etwas mit ihm zu tun habe, ist er für mich nicht zu Hause – schickt mich zu Melchisedek in Clifford's-Inn, und Melchisedek in Clifford's-Inn schickt mich wieder zurück –, und so muß ich endlos hin und her laufen, als sei ich aus Stein wie er. Bei Gott, mein halbes Leben vergeht jetzt damit, daß ich in einem fort an seiner Tür herumlungern muß. Was kümmert's ihn? Nichts. Gerade so wenig wie den verrosteten alten Karabiner, mit dem ich ihn vorhin verglichen habe. Er peinigt und quält mich bis... Bah, Unsinn, ich vergesse mich, Mr. Woodcourt.« Der Kavallerist nimmt seinen Marsch wieder auf. »Ich sage weiter nichts, als daß er ein alter Mann ist. Aber froh bin ich, daß ich nie Gelegenheit haben kann, meinem Pferd die Sporen zu geben und mit ihm unter gleichen Bedingungen Mann gegen Mann zu stehen. Denn wenn ich dann in einer der Stimmungen wäre, in die er mich immer hineinzwingt, würde ich ihn mir ausborgen, Sir!«

Mr. George hat sich so in die Wut hineingeredet, daß er sich die Stirn mit dem Hemdärmel abwischen muß. Er pfeift zwar seinen Zorn mit der Nationalhymne weg, aber an seinem gelegentlichen Kopfschütteln und dem tiefen Aufatmen seiner breiten Brust kann man erkennen, daß er innerlich immer noch nicht ganz beruhigt ist. Auch zerrt er noch zuweilen mit beiden Händen an seinem offnen Hemdkragen, als sei er ihm zu eng. Kurz, Allan Woodcourt hat nicht den geringsten Zweifel, daß Mr. Tulkinghorn, Mann gegen Mann, in freiem Feld den kürzern ziehen würde.

Der fürsorgliche Phil kehrt bald darauf zurück und geleitet Jo nach seiner Matratze. Allan reicht dem Kranken eigenhändig die Medizin, erteilt Mr. Squod die nötigen Ratschläge und vertraut ihm dann die Mittel an. Es ist jetzt bereits Vormittag. Er begibt sich, um sich umzuziehen und zu frühstücken, in seine Wohnung und dann unverzüglich zu Mr. Jarndyce, um diesem von der gemachten Entdeckung Mitteilung zu machen.

In seiner Begleitung und von ihm im Vertrauen eingeweiht, daß Gründe vorhanden seien, die Sache so geheim wie möglich zu halten, kommt er voll Interesse wieder. Jo wiederholt vor Mr. Jarndyce im großen ganzen genau und ohne wesentliche Abschweifungen, was er heute morgen erzählt hat, nur daß der Lastkarren noch schwerer geht und noch hohler rasselt.

»Lassen S mi ruhig hier liegen und quälen S mi nimmer«, ächzt Jo. »Und sin S so gut, wenn S in die Näh kommen, wo i früher die Straßn kehrt hab, so sagen S Mr. Sangsby, daß Jo, den er früher gut kennt hat, jetzt urdentlich 'Marsch vorwärts' macht. I möcht schön danken dafür.«

– Im Lauf des Tages und noch am nächsten erwähnt er so oft den Schreibmaterialienhändler, daß Allan sich in seiner Gutmütigkeit entschließt, nachdem er mit Mr. Jarndyce beraten hat, selbst nach Cook's Court zu gehen; um so mehr, als der Lastkarren bald das Ende der Fahrt erreicht zu haben scheint. –

Er begibt sich also nach Cook's Court. Mr. Snagsby steht in grauem Rock und Schreibärmeln hinter seinem Ladentisch und sieht einen Stoß Akten auf Pergament, der eben von einem Kopisten gekommen ist, durch. Es ist eine unermeßliche Wüste aus Kanzleihandschrift und Pergament, in der nur hie und da ein paar große Buchstaben als Rastorte dienen, um Abwechslung in die grauenhafte Monotonie zu bringen und den Reisenden vor Verzweiflung zu retten. Mr. Snagsby macht bei der Durchforschung einer dieser Titenzisternen halt und begrüßt den Fremden mit einem allgemeinen Einleitungshüsteln.

»Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr, Mr. Snagsby?«

Dem Papierhändler fängt das Herz an heftig zu klopfen, denn er ist seine alten Befürchtungen nie ganz los geworden. Kaum kann er herausbringen: »Nein, Sir, ich kann mich wirklich nicht entsinnen. Ich sollte meinen – um nicht durch die Blume zu sprechen –, daß ich Sie noch nie im Leben gesehen habe, Sir.«

»O doch, zwei Mal«, hilft Allan Woodcourt seinem Gedächtnis nach. »Ein Mal am Totenbett eines Unglücklichen und ein Mal...«

»Also doch!« denkt der Papierhändler niedergeschmettert, und es dämmert in seinem Kopf. »Da haben wir's! Jetzt ist alles aus!« Aber er hat noch Geistesgegenwart genug, um seinen Besuch in das kleine Komptoir zu drängen und die Türe zu schließen.

»Sind Sie verheiratet, Sir?«

»Nein.«

»Möchten Sie nicht vielleicht, wenn Sie auch Junggeselle sind«, flüstert Mr. Snagsby bekümmert, »so leise wie nur irgend möglich sprechen? Denn meine kleine Frau horcht bestimmt irgendwo. Mein Geschäft und fünfhundert Pfund dazu möchte ich darauf wetten.«

In tiefer Bekümmernis setzt sich Mr. Snagsby auf seinen Stuhl, den Rücken zum Pult gekehrt, und beteuert:

»Ich habe nie ein Geheimnis für mich gehabt, Sir. Ich kann mich nicht entsinnen, meine kleine Frau seit dem Tag, wo wir versprochen wurden, ein einziges Mal absichtlich hintergangen zu haben. Ich würde es unter keinen Umständen getan haben, Sir. – Um nicht durch die Blume zu sprechen –, ich hätte es auch nicht können, nicht einmal wagen dürfen. Und doch bin ich von Geheimnissen und Rätseln so umgeben, daß es mir fast das Leben zur Last macht.«

Der Arzt gibt sein Bedauern zu erkennen und fragt, ob Mr. Snagsby sich Jos erinnere.

»Ja, leider«, seufzt der Papierhändler. »Sie könnten kein menschliches Wesen nennen – mich selbst vielleicht ausgenommen –, gegen das meine kleine Frau entschiedner aufträte als gegen Jo.«

Allan fragt, warum.

»Warum!?« Mr. Snagsby packt in seiner Verzweiflung das Büschel Haare am rückwärtigen Teil seines sonst ganz kahlen Kopfes. »Wie kann ich wissen, warum? Aber Sie sind eben ein lediger Mann, Sir. Mögen Sie lange Zeit nicht nötig haben, einer verheirateten Person eine solche Frage zu stellen.«

– Mit diesem wohlwollenden Wunsch hüstelt Mr. Snagsby einen Husten bekümmerter Ergebenheit und hört mit Duldermiene an, was der Besuch ihm mitzuteilen hat. –

»Da haben wir's wieder«, sagt er dann, teils aus tiefem Mitgefühl, teils, weil er angsterfüllt so leise flüstert, ganz blaß geworden. »Da geht's schon wieder los in einer neuen Richtung. Eine gewisse Person beschwört mich aufs feierlichste, niemandem, selbst nicht meiner kleinen Frau, etwas von Jo zu sagen. Dann kommt eine andre gewisse Person in Ihrer Person und beschwört mich in gleich feierlicher Weise, der andern gewissen Person um Gottes willen nichts von Jo zu sagen. Das ist ja das reinste Privatirrenhaus. – Um nicht durch die Blume zu sprechen –, es ist die Landesirrenanstalt selbst, Sir«, sagt Mr. Snagsby.

Aber trotz alledem sieht er ein, daß es hätte noch schlimmer kommen können. Es ist weiter keine Mine unter ihm explodiert, und die Fallgrube, in die er schon früher gestürzt ist, hat sich weiter nicht vertieft.

Und da er ein weiches Herz hat und von dem, was er über Jos Befinden hört, sehr gerührt ist, verspricht er gern, »mal einen Blick hinüber zu werfen«, sobald er es heute abend irgendwie unbemerkt tun kann.

Und als der Abend kommt, begibt er sich ganz im stillen hinüber...

Aber wer weiß, vielleicht tut das Mrs. Snagsby ebenfalls.

Jo freut sich sehr, seinen alten Freund wiederzusehen, und sagt, als sie allein sind, es sei von Mr. Snagsby unendlich freundlich, seinetwegen einen so weiten Weg gemacht zu haben. Ergriffen von dem Anblick, legt der Schreibmaterialienhändler sofort eine halbe Krone auf den Tisch, seinen Zauberbalsam für alle Arten Wunden.

»Und wie geht es dir denn, mein armer Junge?« fragt er mit seinem Teilnahmshüsteln.

»I bin jetzt ganz ausm Wasser, Mr. Sangsby. I brauch gar nix mehr. Mir is wohler, als Ihna denkn können, Mr. Sangsby. Mir is arg leid, daß is tan hab, aber i habs net mit Fleiß tan, Sir.«

Der Papierhändler legt leise noch eine halbe Krone auf den Tisch und fragt ihn, was ihm denn leid tue, getan zu haben.

»Mr. Sangsby«, sagt Jo, »i bin hergangen und bin schuld, daß die Dame krank wordn is, was die andre Dame war und doch wieder nicht war. Keiner von ihnen hat mir deswegn was gsagt, weil s alle so gut sin und i so unglücklich bin. Die Dame is gestern selber herkommn und hat gsagt: 'Jo', hats gsagt, 'wir dachten schon, mir hätten dich verloren', hats gsagt und hat sich ruhig lächelnd hingsetzt und hat net a böses Wort und kan bösen Blick net für mi ghabt, und i hab mi gegen die Wand drehen müssn, Mr. Sangsby, und Mr. Jarnders hat si auch abwendn müssn, wie i gsehgn hab. Und Mr. Woodcot hat mir bei Tag und Nacht was zur Beruhigung gebn, hat si über mi gebeugt und hat mir Mut zugsprochen, aber dabei sin ihm die Tränen heruntergloffn, Mr. Sangsby!«

Gerührt legt der Papierhändler abermals eine halbe Krone auf den Tisch. Nur eine Wiederholung dieses unfehlbaren Mittels ist imstande, sein Herz zu erleichtern.

»Was i mir denkt hab, Mr. Sangsby«, fährt Jo fort, »is, ob Sie leicht recht groß schreiben könnan?«

»Ja, Jo. Gott sei Dank!«

»So ganz groß leicht?« fragt Jo eindringlich.

»Ja, natürlich, mein armer Junge.«

Jo lacht vor Freude. »Was i mir also denkt hab, Mr. Sangsby, is, wenn i so weit Marschvorwärts gmacht hab, bis s kein Schritt mehr weiter geht, ob S da nicht vielleicht so gut sein möchten, es so ganz groß hinzuschreiben, daß es jeder überall sehgn kan, daß es mir wirklich so arg leid tut, daß is tan hab. Und daß is nie hab net tun wolln und daß Mr. Woodcot drüber geweint hat, und er soll mirs vergeben. Wenn die Schrift es so ganz groß sagn könnt, tut ers vielleicht.«

»Ich werde schon machen, Jo. Sehr groß!«

Jo lacht wieder. »I dank Ihnan, Mr. Sangsby. Es is sehr gut von Ihna, Sir, und s is mir jetzt viel wohler, als mir jemals gwesn is.«

Der gutmütige kleine Schreibmaterialienhändler bleibt mitten in seinem Hüsteln stecken und legt leise seine vierte halbe Krone hin. Er hat einen Fall, wo er so viele brauchte, bisher noch nie vor Augen gehabt, und geht erleichtert fort.

Jo und er sollen sich auf dieser kleinen Erde nie mehr begegnen.

Nie mehr. Denn der immer schwerer werdende Lastkarren ist jetzt dem Ziel der Reise nahe und rasselt über steinigen Boden dahin. Das ganze Zifferblatt herum strengt er sich an, die steile und unebne Straße hinaufzukommen, und jeden Augenblick kann er in Trümmer gehen.

Die Sonne kann nicht mehr oft aufgehen und ihn immer noch auf dem mühseligen Wege sehen.

Phil Squod mit seinem pulverrauchgeschwärzten Gesicht ist zugleich Krankenwärter und Büchsenmacher und arbeitet an einem kleinen Tischchen in der Ecke. Er sieht sich von Zeit zu Zeit um und sagt mit einem Nicken seiner grünen Wollmütze, seine eine Augenbraue ermutigend in die Höhe gezogen: »Kopf hoch, mein Junge, Kopf hoch!«

Auch Mr. Jarndyce ist häufig da, und Allan Woodcourt fast immer. Beide denken oft, wie seltsam das Schicksal diesen armen Ausgestoßnen mit den Fäden anderer von seinem so unendlich verschiednen Lebenswege verknüpft hat. Auch der Kavallerist ist ein häufiger Besucher. Er füllt die Tür mit seiner athletischen Gestalt aus und scheint von seinem Überfluß an Leben und Gesundheit Jo, der sich immer bemüht, seinem heiteren Zuruf lauter als andern zu antworten, vorübergehend Kraft zu übertragen.

Jo schläft heute oder ist halb bewußtlos, und Allan Woodcourt, eben erst angekommen, steht vor ihm und blickt auf die abgezehrte Gestalt herab. Nach einer Weile nimmt er vorsichtig neben dem Bett Platz, das Gesicht dem Kranken zugekehrt – gerade wie damals bei dem Advokatenschreiber –, und fühlt nach der Brust und dem Herzschlag.

– Der Karren kann fast nicht weiter und schleppt sich nur noch ein Stück fort. –

Stumm steht der Kavallerist im Torweg. Phil hat mit dem leisen Klopfen aufgehört und hält seinen kleinen Hammer regungslos in der Hand. Mr. Woodcourt sieht sich mit der ernsten Miene des Arztes um, wirft dem Kavalleristen einen bedeutsamen Blick zu und gibt Phil einen Wink, sein Tischchen hinauszutragen.

– Wenn der kleine Hammer wieder gebraucht wird, wird ein Rostfleck darauf sein. –

»Nun, Jo! Warum erschrickst du so?«

»I hab mir denkt«, sagt Jo, der in die Höhe gefahren ist und entsetzt um sich blickt, »i hab mir denkt, i war wieder in 'Toms Einöd'. Ist niemand da als Sie, Mr. Woodcot?«

»Niemand.«

»Und man wird mi net wieder nach 'Toms Einöd' bringen, Sir?«

»Nein.«

Jo schließt die Augen und brummt vor sich hin:

»I bin so sehr dankbar.«

Nachdem Allan ihn eine Weile lang aufmerksam beobachtet hat, legt er den Mund dicht an sein Ohr und fragt ihn mit leiser, aber sehr deutlicher Stimme:

»Jo! Kannst du beten?«

»Hab nie nix gwußt, Sir.«

»Auch nicht ein ganz kurzes Gebet?«

»Nein, Sir. Gar keins. Mr. Chadbans hat amal bei Mr. Sangsby bet, und i habn ghört. Aber er hat mit sich selber gsprochn und net mit mir. Er hat viel bet, aber i hab n net verstandn. Dann sin auch andre Leut nach 'Toms Einöd' kommen und habn bet. Sie ham gsagt, daß die andern falsch beten, und ham nacher auch mit sich selbst gsprochn oder auf die andern gschimpft und net mit uns gesprochn. Mir habn nie nix gwußt. I habs net rauskriegen könnan, was s gmeint ham.«

Er braucht lange dazu, um alles das zu sagen, und nur ein erfahrner und aufmerksamer Zuhörer kann sein Flüstern verstehen. Nach einem kurzen Rückfall in Betäubung oder Schlummer macht er plötzlich eine heftige Anstrengung, aus dem Bett zu kommen.

»Bleib nur liegen! Was gibt's denn?«

»I muß jetzt aufn Friedhof, Sir«, gibt Jo mit einem verstörten Blick zur Antwort.

»Leg dich nur wieder hin und hör mich an. Was für einen Friedhof meinst du denn, Jo?«

»Wo s n hinglegt ham. Er ist so gut zu mir gwesn. Es is Zeit, daß i auch auf n Friedhof geh, damit sie mi neben ihn legn. I möcht auch dortliegn. Er hat immer zu mir gsagt: 'Heut bin i so arm wie du, Jo', hat er gsagt. Ich muß eam sagn, daß i jetzt so arm bin wie er und kommen bin, ummi neben eam z legn.«

»Das hat noch Zeit, Jo. Noch Zeit.«

»Aber vielleicht möchten sie's net tun, wann i selber hinginget. Vielleicht möchten S mir versprechn, daß man mi neben ihn legt?«

»Ich verspreche es dir!«

»I dank Ihnan vielmals, Sir! Man wird erst den Gatterschlüssel holen müssen, sonst können s mi net einibriiign, s is immer verschlossn. Und a Stufn is dort, was i immer mit in Besen abkehrt hab. Es wird jetzt sehr dunkel, Sir. Kommt denn ka Licht?«

»Gleich kommt Licht, Jo.«

»...Ja, gleich.«

Der Karren geht in Trümmer, und gleich ist der mühsame Weg zu Ende.

»Jo, mein armer Junge!«

»I kann Sie schon hörn, Sir. Aber dunkel is. I find Ihner Hand net. Lassen S mi Ihner Hand halten!«

»Jo, kannst du nachsprechen, was ich dir sage?«

»Alls, was S wolln, Sir, i weiß, daß s gut is.«

»Vater unser!«

»Vater unser... Ja, das is sehr gut, Sir.«

»Der du bist im Himmel.«

»Bist im Himmel... Kommt ka Licht, Sir?«

»Gleich kommt es. – Geheiligt werde dein Name.«

»Geheiligt werde – dein...«

Endlich ist das Licht auf diesen dunkeln umnachteten Weg gefallen!

Tot!

Tot! Euer Majestät. Tot, Mylords und Gentlemen. Tot, Euer Ehrwürden aller Konfessionen. Tot, ihr Männer und Frauen mit himmlischem Erbarmen in euren Herzen.

Ja, ja, so sterben sie rings um uns jeden Tag.

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.