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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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35. Kapitel

Esthers Erzählung

Ich lag mehrere Wochen krank darnieder, und mein gewohntes Tagewerk war mir eine weit in der Vergangenheit liegende Erinnerung geworden. Das war weniger der Wirkung der Zeit als vielmehr den Veränderungen infolge meiner Hilflosigkeit und der Untätigkeit im Krankenzimmer zuzuschreiben. Schon nach wenigen Tagen schien alles in eine weite Ferne gerückt zu sein, in der die verschiedenen Abschnitte meines Lebens, in Wirklichkeit durch Jahre voneinander getrennt, sich wenig oder gar nicht voneinander abhoben. Ich schien durch mein Kranksein über ein dunkles Meer gefahren zu sein und meine sämtlichen Erlebnisse, durch die große Entfernung wie in eins verschwommen, auf der Küste der gesunden Tage zurückgelassen zu haben.

Der Gedanke, meine Wirtschaftspflichten jetzt versäumen zu müssen, machte mir anfangs wohl große Sorge, trat aber dann soweit in den Hintergrund meiner Erinnerung wie die Zeiten in Greenleaf oder die Sommernachmittage, wo ich als Kind mit der Mappe unter dem Arm, begleitet von dem Schatten an meiner Seite, nach Hause zu meiner Patin ging.

Ich hatte vorher nie gewußt, wie kurz in Wirklichkeit das Leben ist und in welch kleinen Raum man es zusammendrängen kann.

Während ich gefährlich krank war, quälte dies Ineinanderschwimmen der Lebensabschnitte mein Gemüt außerordentlich. Zu gleicher Zeit ein Kind, ein heranwachsendes Mädchen und die kleine Hausfrau, als die ich so glücklich gewesen war, bedrückten mich nicht nur die Sorgen jeder einzelnen dieser Epochen, sondern auch das unaufhörliche vergebliche Bestreben, sie miteinander in Einklang zu bringen. Ich glaube, daß nur wenige, die nicht in einer solchen Lage gewesen sind, vollkommen verstehen können, was ich sagen will, oder sich von der quälenden Unruhe in mir eine Vorstellung machen können.

Aus demselben Grund fürchte ich mich fast, von der Zeit meiner Krankheit zu sprechen, wo ich mir einbildete, ich kletterte riesige Treppen hinauf, beständig bemüht, oben anzukommen, und stets von einem Hindernis daran verhindert, wie ein Wurm an einem Gartenzaun, und gezwungen, immer wieder von vorn anfangen zu müssen. Zuweilen wußte ich ganz genau, daß ich im Bett lag, sprach mit Charley, fühlte ihre Berührung und erkannte sie genau. Und doch hörte ich mich klagen : »O diese unendlichen Treppen, Charley – immer mehr und mehr –, bis zum Himmel hinauf in die Höhe getürmt.« Und dann fing ich wieder an zu klettern.

Ich fürchte mich, von jener schlimmen Zeit zu sprechen, wo sich irgendwo im unendlichen schwarzen Raum ein feuriges Band oder ein Flammenring oder ein Kreis von Sternen bewegte, von dem ich ein kleiner Teil war –; wo mein einziges Gebet war, von den übrigen getrennt zu werden, und es für mich eine so unbeschreibliche Qual und ein so unsägliches Elend bedeutete, ein Teil dieses grauenhaften Dinges zu sein.

Vielleicht werde ich um so weniger langweilig und verständlicher, je weniger ich von diesen Krankheitserinnerungen spreche. Ich rufe sie nicht zurück, um andre zu verstimmen oder weil es mich jetzt im mindesten angriffe, daran zurückzudenken. Es könnte nur sein, daß wir besser imstande wären, Linderung zu schaffen, wenn wir mehr von diesen seltsamen Heimsuchungen wüßten.

Die nun folgende Ruhe, der lange köstliche Schlaf, der selige Frieden, als ich vor Mattigkeit mich nicht mehr selbst quälen konnte und sogar die Nachricht von dem Herannahen des Todes mit keinem andern Gefühl aufgenommen hätte als dem des Mitleids mit den Zurückbleibenden – dieser Zustand ist vielleicht allgemeiner verständlich. Und in ihm befand ich mich, als ich vor dem Licht mit Schrecken zurückbebte, das mir eines Tages wieder in die Augen schimmerte, dann aber mit einer grenzenlosen Freude, die sich mit Worten nicht schildern läßt, begriff, daß ich wieder würde sehen können.

Ich hatte Ada Tage und Nächte an der Tür jammern hören und mir zurufen, ich sei grausam und habe sie nicht lieb. Ich hatte sie bitten und flehen hören, man möge sie hereinlassen, damit sie mich pflegen und trösten könnte, und wiederholt Charley daran erinnert, daß sie meinem Liebling nicht öffnen dürfe, selbst nicht, wenn ich im Sterben läge. Und Charley mit ihrer kleinen Hand und ihrem großen Herzen hat in dieser Zeit der Not treu bei mir ausgeharrt und standhaft die Tür verschlossen gehalten. Wie meine Augen besser wurden und das herrliche Licht jeden Tag herrlicher und voller auf mich schien, konnte ich allmählich selber die Briefe lesen, die mein Liebling mir jeden Morgen und Abend schrieb, konnte sie an meine Lippen drücken und an meine Wange legen. – Ich sah meine liebreiche sorgsame kleine Zofe im Zimmer herumgehen und alles aufräumen und hörte, wie sie wieder heiter durch das offne Fenster mit Ada sprach. Ich verstand jetzt, warum es so still im Hause war, und begriff die zarte Rücksicht, die mir alle dadurch bewiesen. Ich konnte wieder in der Seligkeit meines Herzens weinen und fühlte mich in meiner Mattigkeit so glücklich wie vielleicht noch niemals, während ich gesund und stark gewesen.

Allmählich kehrten meine Kräfte zurück. Ich mußte nicht mehr ruhig daliegen und zusehen, was für mich geschah, sondern war imstande, hie und da ein wenig mitzuhelfen, bis ich mich wieder nützlich machen und dem Leben wieder ein Interesse abgewinnen konnte. Wie deutlich erinnere ich mich noch an den herrlichen Nachmittag, als ich mit Kissen gestützt zum ersten Mal im Bett aufrecht saß, um mit Charley einen Freudentee zu trinken. Die Kleine, von frühester Kindheit an wie dazu auf die Welt gekommen, den Schwachen und Kranken zu helfen, war so glücklich und so geschäftig und unterbrach sich so oft in ihren Vorbereitungen, um ihren Kopf an meiner Brust ruhen zu lassen und mich zu liebkosen und unter Freudentränen auszurufen, sie sei so froh, so froh, daß ich endlich sagen mußte: »Charley, wenn du nicht aufhörst, muß ich mich wieder hinlegen, liebes Kind, denn ich bin schwächer, als ich dachte.«

So wurde denn Charley so ruhig wie ein Mäuschen und bewegte sich mit ihrem heitern Gesicht emsig in den beiden Zimmern hin und her, aus dem Schatten in den göttlichen Sonnenschein und aus dem Sonnenschein wieder in den Schatten, während ich ihr friedvoll zusah. Als alle ihre Vorbereitungen fertig waren und der hübsche Teetisch mit seinen kleinen delikaten Speisen, die meinen Appetit reizen sollten, seinem weißen Tischtuch und seinen Blumen – alles von Ada unten liebevoll und schön für mich arrangiert – neben meinem Bett stand, fühlte ich mich standhaft genug, Charley etwas zu sagen, das mich schon lange beschäftigt hatte.

Erst belobte ich sie wegen der Ordnung im Zimmer und machte ihr Komplimente wegen seines Aussehens. Es war so frisch, luftig, fleckenlos und sauber, daß ich kaum glauben konnte, ich hätte darin so lange krank gelegen. Das freute Charley, und ihr Gesicht glänzte noch mehr als vorher.

»Und doch, Charley«, sagte ich und sah mich um, »vermisse ich irgend etwas, an das ich gewohnt war.«

Die arme kleine Charley sah sich ebenfalls um, schüttelte schüchtern den Kopf und tat, als ob sie nichts entdecken könne.

»Hängen die Bilder alle wie früher?«

»Jawohl, alle, Miß.«

»Stehen die Möbel anders, Charley?«

»Außer, wo ich sie weggerückt habe, um mehr Platz zu haben, stehen sie noch alle wie früher, Miß.«

»Und doch vermisse ich irgend etwas Altgewohntes«, sagte ich. »Ah, jetzt weiß ich es, Charley. Es ist der Spiegel.«

Charley sprang vom Tisch auf, als ob sie etwas vergessen hätte, ging in das nächste Zimmer, und ich hörte sie draußen schluchzen.

Ich hatte schon oft daran gedacht und war jetzt meiner Sache gewiß. Ich konnte Gott danken, daß es mich jetzt nicht mehr erschütterte. Ich rief Charley zurück, und als sie kam – anfangs mit einem gezwungnen Lächeln, aber, wie sie näher trat, mit bekümmerter Miene –, schloß ich sie in meine Arme und sagte:

»Es liegt wenig daran, Charley. Ich glaube, ich kann auch ohne mein altes Gesicht recht gut auskommen.«

Ich erholte mich bald soweit, daß ich das Bett verlassen, im Lehnstuhl sitzen oder sogar, auf Charley gelehnt, schwindlig in das nächste Zimmer gehen konnte. Auch in diesem fehlte der Spiegel, aber was ich zu tragen hatte, war deshalb nicht schwerer zu tragen.

Mein Vormund hatte beständig darauf gedrungen, mich zu besuchen, und jetzt war kein Grund mehr, daß ich mir dieses Glück noch länger hätte versagen sollen. Er kam eines Morgens und wollte mich anfangs gar nicht aus seinen Armen lassen. Immer und immer wieder rief er: »Mein liebes, liebes Mädchen!«

Ich hatte längst gewußt, wie hätte es auch anders sein können, welchen tiefen Quell von Liebe und Edelsinn sein Herz barg, und mußte nicht all das geringfügige Leid bei dem Gedanken, eine Stelle in einem solchen Herzen einnehmen zu dürfen, in den Hintergrund treten? Sicherlich! sagte ich mir. Er hat mein Gesicht gesehen und ist sogar noch zärtlicher gegen mich als früher. Er hat mich gesehen und hat mich trotzdem noch lieber als ehedem. Worüber sollte ich da noch traurig sein!

Er setzte sich neben mich aufs Sofa und schlang seinen Arm um mich. Eine kleine Weile saß er so, mit der Hand vor dem Gesicht; aber als er sie sinken ließ, verrieten seine Mienen keine Erregung. Er sah fröhlich aus wie immer.

»Mein kleines Mütterchen«, sagte er, »was war das doch für eine traurige Zeit. Und noch dazu ist das Mütterchen unerbittlich gewesen.«

»Das hat so sein müssen, Vormund.«

»Sein müssen ?« wiederholte er liebreich. »Natürlich. Ja, du hast recht. Aber erstlich waren Ada und ich ganz und gar einsam und unglücklich, und dann ist deine Freundin Caddy beständig zu allen Zeiten gekommen, und alle im Haus waren elend und traurig, und sogar der arme Rick hat geschrieben – und noch dazu an mich – aus Sorge um dich.«

Ich hatte in Adas Briefen von Caddy gehört, aber nichts von Richard. Ich sagte ihm das.

»Nun ja, liebes Kind«, erklärte er mir. »Ich habe es für das Beste gehalten, ihr nichts zu sagen.«

»Du legtest Nachdruck darauf, daß er an dich geschrieben hat. Es ist doch ganz natürlich von ihm. Er hätte keinem bessern Freund schreiben können.«

»Er ist vielleicht andrer Meinung«, entgegnete mein Vormund. »Die Wahrheit ist, daß er an mich scheinbar nur widerwillig schrieb, und zwar nur in der Hoffnung, über dich Nachricht zu bekommen. Er schrieb kalt, stolz und gereizt. Aber wir müssen da Nachsicht üben, kleines Frauchen. Er ist nicht zu tadeln. 'Jarndyce kontra Jarndyce' hat eben zu sehr auf ihn eingewirkt und läßt mich ihm in einem andern Licht erscheinen. Ich habe erfahren, wie oft der Prozeß so Schlimmes und noch viel Schlimmeres angerichtet hat. Wenn zwei Engel darein verwickelt wären, glaube ich, würde es sogar ihrem Charakter schaden.«

»Deinen Charakter, Vormund, hat es jedenfalls nicht verändert.«

»O doch, liebes Kind«, sagte er lachend. »Er hat aus Südwind Ostwind gemacht, ich weiß nicht, wie oft. Rick hegt Mißtrauen und Argwohn gegen mich, geht zu Advokaten, die ihn lehren, mir mit Verdacht zu begegnen. Er hört von einander widerstreitenden Interessen reden und Ansprüchen, die sich mit den seinen angeblich nicht vertragen, und was sonst noch alles. Weiß der Himmel, wenn ich sie für meinen Teil aufgeben könnte, aus diesem Wust von Zopfflechterei, der meinen unglücklichen Namen seit so langer Zeit trägt, herauskommen oder alles dadurch ein für alle Mal beseitigen könnte, ich würde es, weiß Gott, diese Stunde noch tun. Und lieber möchte ich dem armen Rick seinen ursprünglichen Charakter wiedergeben, als all das Geld zu besitzen, das die toten Prozessierenden, denen auf dem Rad des Kanzleigerichts Herz und Seele gebrochen worden sind, bei dem Generalrechnungsführer haben liegen lassen müssen, ohne auch nur einen Pfennig davon gehabt zu haben. Und glaube mir, liebes Kind, das wäre Geld genug, um eine Pyramide zum Andenken an die himmelschreiende Verkommenheit des Kanzleigerichts damit anzufüllen.«

»Ist es denn wirklich möglich, Vormund?« fragte ich erstaunt, »daß Richard argwöhnisch gegen dich sein kann?«

»Ach, meine Liebe, meine Liebe! Das schleichende Gift dieser Mißbräuche hat leider die Eigenschaft, solche Krankheiten wieder zu erzeugen, Richards Blut ist infiziert, und alles verliert in seinen Augen sein natürliches Aussehen. Nein, ihn trifft keine Schuld.«

»Aber es ist ein schreckliches Unglück, Vormund.«

»Es ist ein schreckliches Unglück, Mütterchen, in den Kreis der Einflüsse eines Prozesses wie 'Jarndyce kontra Jarndyce' zu geraten. Ich kenne kaum ein größeres. Schritt für Schritt hat er sich verleiten lassen, sich auf dieses gebrechliche Rohr zu stützen, das seine Fäulnis seiner ganzen Umgebung mitteilt. Ich sage abermals aus ganzem Herzen, wir müssen mit dem armen Rick Geduld haben und dürfen ihm keinen Vorwurf machen. Was für eine Unzahl fröhlich schlagender Herzen gleich dem seinen habe ich nicht schon zu meiner Zeit unter demselben unheilvollen Einfluß anders werden sehen.«

Ich mußte dennoch meine Verwunderung und mein Bedauern aussprechen, daß meines Vormunds wohlwollende und uneigennützige Absichten so wenig Erfolg gehabt hatten.

»So dürfen wir heute noch nicht sprechen, Mütterchen«, erwiderte er heiter. »Ada ist, hoffe ich, glücklicher jetzt, und das ist schon viel. Ich glaubte, diese beiden jungen Leute und ich könnten Freunde sein, anstatt einander mißtrauende Feinde, und imstande, den Folgen des Prozesses die Stirn zu bieten und zu zeigen, wir wären zu stark für ihn. Aber das war zuviel verlangt, 'Jarndyce kontra Jarndyce' war der Vorhang an Ricks Wiege.«

»Können wir denn nicht hoffen, Vormund, daß ihm ein wenig Erfahrung beweist, auf was für eine trügerische und elende Sache er baut?«

»Wir wollen das hoffen, liebe Esther, und wollen auch hoffen, daß die Lehre nicht zu spät kommt. Aber keinesfalls dürfen wir zu hart über ihn urteilen. Es gibt heutzutage sicherlich nur wenig erwachsne und gereifte und gewiß auch gute Menschen auf Erden, die, wenn sie als Klienten in diesen Gerichtshof kämen, nicht binnen drei Jahren, nein, binnen zwei, vielleicht sogar in einem Jahr ihren guten Charakter einbüßten. Wie können wir uns da über den armen Rick wundern?«

Ein so unglücklicher junger Mann kann anfangs nicht glauben – wie könnte es denn auch anders sein –, daß das Kanzleigericht wirklich so verkommen ist. Voll Aufregung und ewig hin und her geworfen, erwartet er von ihm, daß es etwas für seine Sache tue und zu einem Abschluß bringen werde. Es verschleppt, enttäuscht, martert und quält ihn, zerreibt stückweise seine sanguinischen Hoffnungen und seine Geduld, Faden um Faden, aber immer noch hofft er und klammert sich daran und findet die ganze übrige Welt trügerisch und hohl. »Ja, so ist es leider! Doch genug davon jetzt, liebes Kind!«

Mein Vormund war mir die ganze Zeit über und schon in meiner Kindheit eine Stütze gewesen, und sein liebreiches Wesen ergriff mich jetzt so sehr, daß ich meinen Kopf an seine Schulter legte, voll Liebe, als wäre er mein Vater. Ich faßte innerlich den Entschluß, Richard aufzusuchen, sobald ich wieder kräftig genug dazu sein würde, und mich zu bemühen, ihm die Augen zu öffnen.

»Wir haben, dächte ich, bessere Unterhaltungsthemen als dieses«, sagte mein Vormund, »bei so einem Freudenfest, wie es die Genesung meines geliebten Mütterchens ist. Und ich hatte den Auftrag, gleich mit dem ersten Wort eines derselben zu erwähnen. Wann soll dich Ada besuchen, liebes Kind?«

Ich hatte auch schon daran gedacht. Ein wenig in Verbindung mit dem Gedanken an den Spiegel, aber nicht viel –, wußte ich doch, daß mein Liebling durch mein entstelltes Gesicht nicht anders zu mir sein würde.

»Da ich Ada so lang habe entbehren müssen«, fing ich nach einer Weile an, »glaube ich, wäre es das beste, wenn ich noch ein bißchen auf meinem alten Entschluß beharrte und das Haus hier auf einige Zeit verließe, ehe ich sie wiedersehe. Wenn Charley und ich eine Wohnung auf dem Lande bezögen und ich eine Woche vorläufig dort wohnen könnte, um mich in der frischen Luft ein wenig zu erholen, glaube ich, würde es besser für uns sein.«

Ich hoffe, es war kein kleinlicher Wunsch von mir, daß ich mich selbst erst etwas mehr an mein verändertes Äußeres gewöhnen wollte, bevor ich dem lieben Kind, das ich mit so heißer Sehnsucht wiederzusehen wünschte, vor die Augen träte. Aber es ist die Wahrheit. Ich hegte wirklich diesen Wunsch und war überzeugt, daß mein Vormund mich verstehen werde.

»Unser verzognes kleines Frauchen«, sagte er, »soll, wenn sie schon so versessen drauf ist, ihren Willen haben, wenn es auch Tränen kosten wird. Da hätten wir zum Beispiel Boythorn. Der ritterliche Bursche hat mit so leidenschaftlichen Gelübden, wie sie vielleicht noch kein Papier je aufgenommen hat, bei Himmel und Erde geschworen, wenn du nicht zu ihm kämest und sein ganzes Haus bezögest, das er übrigens nur zu diesem Zweck bereits geräumt hat, wolle er es niederreißen und keinen Stein auf dem andern lassen.«

Und mein Vormund legte einen Brief in meine Hand, der nicht wie gewöhnlich mit: »Mein lieber Jarndyce« begann, sondern anfing:

»Ich schwöre, daß, wenn Miß Summerson nicht zu mir kommt und mein Haus bezieht, das ich heute um ein Uhr mittags für sie räume, usw. usw.«

und dann mit der größten Ernsthaftigkeit und den nachdrücklichsten Worten dieselbe Erklärung wiederholte. Wir mußten herzlich über den Brief lachen, so sehr wir auch Mr. Boythorns liebenswürdigen Vorschlag zu schätzen wußten, und kamen überein, daß ich ihm morgen früh einen Dankbrief schreiben und sein Anerbieten annehmen sollte. Es war mir höchst angenehm, denn von allen Orten, die ich mir hätte ausdenken können, war mir keiner so erwünscht als Chesney Wold.

»Nun, kleine Hausfrau«, sagte mein Vormund und sah auf die Uhr, »meine Zeit wurde mir, ehe ich heraufkam, genau zugemessen und ist jetzt bis zur letzten Minute verstrichen. Du mußt dir vorläufig noch Ruhe gönnen. Ich habe nur noch eine Bitte. Die kleine Miß Flite faßte nämlich auf das Gerücht, daß du krank wärest, auf der Stelle den Entschluß, hierher zu wandern – zwanzig Meilen in Tanzschuhen, die arme Alte –, um sich nach dir zu erkundigen. Ein wahres Glück, daß wir zu Hause waren, sonst hätte sie unverrichteter Dinge wieder umkehren müssen.«

Die alte Verschwörung, mich glücklich zu machen! Jedermann schien dabei beteiligt zu sein!

»Wenn es dir nun nicht unangenehm ist, die harmlose kleine Alte einmal nachmittags vorzulassen, ehe du Boythorns sonst dem Untergang geweihtes Haus vor Zerstörung bewahren gehst, glaube ich, würdest du sie stolzer und zufriedener damit machen, als ich – trotzdem ich den ausgezeichneten Namen Jarndyce führe – in meinem ganzen Leben imstande wäre.«

Ich bezweifle nicht, daß er wußte, wie besänftigend und heilsam der Anblick des armen unglücklichen Geschöpfs zu jener Zeit auf mein Gemüt wirken werde. Ich fühlte es, noch während er mit mir sprach. Ich konnte ihm nicht herzlich genug versichern, wie bereit ich sei, sie zu empfangen. Ich hatte sie immer bemitleidet; vielleicht niemals so sehr wie jetzt. Ich war stets froh gewesen, sie in ihrem Unglück wenigstens einigermaßen trösten zu können; aber nie, nie halb so sehr wie jetzt.

Wir verabredeten also einen Tag, wo Miß Flite mit der Landkutsche zu uns kommen und mein Rekonvaleszentenmittagessen mit mir teilen sollte.

Als mein Vormund mich verließ, wendete ich auf meinem Lager mein Gesicht ab und betete zu Gott um Verzeihung, daß ich meine kleine Prüfung, von solchen Segnungen umgeben, nicht leichter trug. Die kindliche Bitte an jenem längst vergangnen Geburtstag, wo ich gelobt hatte, zufrieden, fleißig und treuen Herzens zu sein und Gutes zu erweisen, wann immer ich könnte, und mir Liebe zu erwerben, wenn es mir gelänge, kehrte mit einem vorwurfsvollen Gedanken an alles seitdem genoßne Glück und all die mir erwiesne Liebe in meine Seele zurück. Wenn ich jetzt schwach werden sollte, was hätten mir alle diese gnädigen Schickungen genützt? Ich wiederholte das alte kindische Gebet in seinen alten kindischen Worten und fand, daß es mir Frieden gab wie damals.

Mein Vormund besuchte mich von da an jeden Tag. Nach Verlauf einer Woche konnte ich in den beiden Zimmern herumgehen und hinter dem Vorhang hervor lange mit Ada sprechen. Aber ich zeigte mich ihr nie, denn ich hatte noch nicht den Mut dazu.

An dem festgesetzten Tag kam Miß Flite. Die arme kleine Alte eilte, ihr gewöhnliches würdevolles Benehmen ganz beiseite lassend, in mein Zimmer und rief, aus tiefstem Herzen schluchzend: »Meine liebe Fitz-Jarndyce!«, fiel mir um den Hals und küßte mich wohl zwanzig Mal.

»Mein Gott!« sagte sie und fuhr mit der Hand in ihren Strickbeutel. »Ich habe hier nichts als Dokumente, meine liebe Fitz-Jarndyce. Sie müssen mir ein Taschentuch leihen.«

Charley gab ihr eins, und das gute Geschöpf machte den reichlichsten Gebrauch davon, denn sie hielt es mit beiden Händen vor die Augen und weinte so die nächsten zehn Minuten lang.

»Aus Freude, meine liebe Fitz-Jarndyce«, versicherte sie dabei unaufhörlich. »Nicht etwa vor Schmerz. Vor Freude, Sie wieder gesund zu sehen. Vor Freude, die Ehre zu haben, Sie besuchen zu dürfen. Ich habe Sie noch viel lieber als den Kanzler. Obgleich ich regelmäßig den Gerichtssitzungen beiwohne. Übrigens, meine Liebe, da wir gerade von Taschentüchern sprechen...«

Sie fing einen Blick von Charley auf, die sie vorher von der Kutsche abgeholt hatte. Charley sah mich an und schien ein wenig beunruhigt.

»Ja, richtig«, sagte Miß Flite, »ja, richtig. Wahrhaftig! Im höchsten Grade indiskret von mir, darauf zu sprechen zu kommen. Meine liebe Miß Fitz-Jarndyce, unter uns gesagt, ich fürchte, ich bin manchmal ein wenig – zerstreut, wissen Sie.« – Sie deutete auf ihre Stirn – »Es ist weiter nichts.«

»Was wollten Sie mir denn sagen?« fragte ich lächelnd, denn ich sah, daß sie gern fortfahren wollte. »Sie haben mich neugierig gemacht, und ich lasse mich jetzt nicht so ohne weiteres abspeisen.«

Miß Flite sah in ihrem Dilemma Charley hilfesuchend an und freute sich dann über die Maßen, als Charley sagte: »Wenn Sie erlauben, Maam, aber es ist wohl am besten, Sie erzählen es selber.«

»Wie klug unsre junge Freundin ist«, sagte sie zu mir in ihrer geheimnisvollen Weise. »Winzig klein. Aber s-eh-r klug. Also, meine Liebe, eine hübsche kleine Anekdote. Weiter nichts. Aber ich halte sie für reizend. Wer, glauben Sie wohl, kam hinter uns her in der Landkutsche? Eine arme Person in einem höchst unmodischen Hut...«

»Jenny, wenn Sie erlauben, Miß«, erklärte Charley.

»Ganz richtig«, stimmte Miß Flite lebhaft bei. »Jenny. Jawohl. Und was erzählt sie unsrer jungen Freundin? Daß sich in ihrer Hütte eine verschleierte Dame nach dem Befinden meiner lieben Fitz-Jarndyce erkundigte und als kleines Andenken ein Taschentuch mitgenommen hat, bloß, weil es meiner liebenswürdigen Fitz-Jarndyce gehörte. Bloß deswegen nahm es die verschleierte Dame mit.«

»Wenn Sie erlauben, Miß«, erklärte mir Charley, als ich sie verwundert anblickte, »Jenny sagte, als ihr Kind starb, hätten Sie ein Taschentuch zurückgelassen. Sie hat es aufgehoben mit den andern kleinen Sachen. Ich glaube, wenn Sie erlauben, Miß, nicht nur, weil es das tote Kind zugedeckt hat, sondern weil es von Ihnen stammt.«

»Winzig klein«, flüsterte Miß Flite und machte allerhand merkwürdige Gesten vor ihrer Stirn, um auszudrücken, wie gescheit Charley sei. »Aber ausnehmend klug! Und so klar! Meine Liebe, sie drückt sich klarer aus als der beste Advokat, den ich jemals gehört habe.«

»Ja, Charley«, entgegnete ich. »Ich erinnere mich. Und weiter?«

»Ja, Miß, dies Taschentuch hat die Dame mitgenommen. Und Jenny wünscht, Sie wissen zu lassen, daß sie es nicht für einen Haufen Geld weggegeben hätte, aber die Dame hat es einfach genommen und Geld dafür hingelegt. Jenny kennt sie gar nicht, wenn Sie erlauben, Miß.«

»Wer mag das nur gewesen sein?«

»Meine Liebe«, meinte Miß Flite und brachte mit ihrer geheimnisvollen Miene ihre Lippen ganz nahe an mein Ohr. »Meiner Meinung nach – verraten Sie es unsrer kleinen Freundin nicht – war es des Lordkanzlers Gemahlin. Er ist verheiratet, müssen Sie wissen. Und wie ich höre, hat er ein Höllenleben bei ihr auszuhalten. Sie wirft Seiner Lordschaft Akten ins Feuer, meine Liebe, wenn er den Juwelier nicht bezahlen will.«

Ich machte mir damals nicht viel Gedanken über die unbekannte Dame und glaubte, es könnte vielleicht Caddy gewesen sein. Außerdem wurde meine Aufmerksamkeit ganz von meinem Besuch in Anspruch genommen. Von der Fahrt ganz durchgefroren und ausgehungert, hatte sie, als das Mittagessen aufgetragen wurde, einigen Beistand nötig, um sich zu ihrer Befriedigung mit einer jämmerlichen alten Schärpe und einem Paar sehr abgenutzter und oft geflickter Handschuhe, die, in Papier eingeschlagen, die Reise mitgemacht hatten, herauszuputzen. Ich hatte ihr außerdem bei dem Mahl, das aus einem Gericht Fisch, einem gebratenen Huhn, Gemüse, Madeira und Mehlspeise bestand, vorzulegen, und es war so hübsch anzusehen, wie sie es sich schmecken ließ und mit welchem Anstand und welcher Feierlichkeit sie sich dabei benahm, daß ich bald an weiter nichts dachte.

Als wir fertig waren und unser bescheidenes Dessert vor uns stand, mit Blumen geschmückt von den Händen meines Lieblings, war Miß Flite so heiter gestimmt und gesprächig, daß ich auf den Einfall kam, sie auf ihre eigne Lebensgeschichte zu bringen, denn ich wußte, daß sie immer gern von sich sprach.

Ich fing mit der Frage an: »Sie haben den Lordkanzler wohl schon viele Jahre besucht, Miß Flite?«

»Oh, viele, viele, viele Jahre, meine Liebe. Aber ich erwarte ein Urteil. Binnen kurzem.«

Selbst aus ihrem hoffnungsfreudigen Wesen blickte jetzt eine schmerzliche Spannung durch und ließ mich zweifeln, ob ich recht getan hätte, die Sache erwähnt zu haben. Ich nahm mir vor, lieber nicht mehr davon anzufangen.

»Mein Vater erwartete schon ein Urteil«, fuhr Miß Flite nach einer Weile fort. »Mein Bruder, meine Schwester, sie alle erwarteten ein Urteil. Dasselbe, das ich erwarte.«

»Sie sind alle...«

»Jaaaa. Tot natürlich, meine Liebe.«

Da ich sah, daß sie durchaus fortfahren wollte, hielt ich es für das Beste, doch auf das Thema einzugehen, anstatt ihm auszuweichen.

»Wäre es nicht vielleicht klüger«, sagte ich, »nicht länger auf dieses Urteil zu warten?«

»Natürlich, meine Liebe«, antwortete sie auf der Stelle, »wäre es das.«

»Und den Gerichtshof nicht länger mehr zu besuchen.«

»Ebenso natürlich. Es ist sehr aufreibend, immer auf etwas zu warten, das nie kommt, meine liebe Fitz-Jarndyce! Aufreibend bis auf die Knochen, versichere ich Ihnen.«

Sie zeigte mir einen Augenblick ihren Arm, der wirklich schrecklich abgezehrt aussah.

»Aber, meine Liebe«, fuhr sie geheimnisvoll fort, »der Ort übt eine schreckliche Anziehungskraft aus. Still! Erwähnen Sie nichts davon gegen unsre kleine Freundin, wenn sie hereinkommt. Es könnte sie erschrecken. Mit gutem Grund. Der Ort übt eine grausame Anziehungskraft aus. Sie können ihn nicht verlassen. Sie müssen auf etwas warten.«

Ich versuchte, ihr das auszureden. Sie hörte mich geduldig und lächelnd an, war aber gleich mit ihrer Antwort zur Hand.

»Jajaja! Sie denken so, weil ich etwas zerstreut bin. Seh-r absurd, so zerstreut zu sein, nicht wahr? Und seh-r konfus. Im Kopf. Es kommt mir so vor. Aber, meine Liebe, ich bin seit vielen Jahren dort und habe scharf acht gegeben. Es geht von dem Szepter und dem Siegel auf dem Tisch aus.«

»Wieso von dem Szepter und dem Siegel?« fragte ich.

»Sie saugen und ziehen! Sie ziehen die Leute an, meine Liebe. Ziehen den Frieden aus ihrer Seele. Den Verstand. Das gute Aussehen. Die guten Eigenschaften ziehen sie heraus. Ich habe gefühlt, wie sie mir sogar in der Nacht die Ruhe entzogen. Kalte und glitzernde Teufel.«

Sie tippte verschiedne Male auf meinen Arm und nickte mir gutmütig zu, als liege ihr wohl viel daran, mich zu überzeugen, daß ich aber keine Ursache habe, mich vor ihr zu fürchten, wenn sie mir so düstere und schreckliche Geheimnisse anvertraute.

»Warten Sie «, sagte sie, »ich will Ihnen meine eigne Geschichte erzählen. Ehe sie mich anzogen, die glitzernden Teufel, womit beschäftigte ich mich da? – Mit Tambourinspielen? Nein, Tambourarbeit allerdings. Ich und meine Schwester machten nämlich Tambourierstickerei. Unser Vater und unser Bruder waren Baumeister. Wir wohnten alle zusammen. Seh-r respektabel, meine Liebe. Zuerst zogen sie meinen Vater weg. Langsam. Die ganze Häuslichkeit zog es mit ihm. In wenigen Jahren war er ein mürrischer, verbitterter, bankrotter Mann, der für niemanden ein gutes Wort oder einen freundlichen Blick mehr hatte.

Früher war er so ganz anders gewesen, Fitz-Jarndyce! Es zog ihn ins Schuldgefängnis. Dort starb er. Dann zog es unsern Bruder – rasch – zur Trunksucht und Herabgekommenheit. Und Tod. Dann zog es meine Schwester. Still. Fragen Sie mich nicht, zu was. Dann wurde ich krank. Und darbte. Und ich hörte, wie schon oft vorher, daß all das das Werk des Kanzleigerichts sei. Als ich mich erholte, sah ich mir das Ungeheuer an. Und dann entdeckte ich, wie es war, und es zog mich, dort zu bleiben.«

Nach und nach, wie sie mit der kurzen Schilderung ihres Lebens fertig wurde, mit unterdrückter gepreßter Stimme sprechend, als stünde all das Leiden noch in frischer Erinnerung vor ihr, und zu Ende kam, nahm sie ihre gewohnte Miene liebenswürdiger Wichtigtuerei wieder an.

»Sie schenken mir nicht vollen Glauben, meine Liebe. Gut, gut. Eines Tages werden Sie es schon tun. Ich bin ein wenig zerstreut. Aber ich habe beobachtet. Ich habe manches neue Gesicht arglos in den Bereich des Einflusses des Szepters und des Siegels kommen sehen in diesen vielen Jahren. Meinen Vater. Meinen Bruder. Meine Schwester. Mich selbst. Ich höre Konversationskenge und alle übrigen zu den neuen Gesichtern sagen: Das ist die kleine Miß Flite. Oh, Sie sind zum ersten Mal hier? Da müssen wir Ihnen doch die kleine Miß Flite vorstellen! Sehr gut! Und ich bin über die Ehre natürlich sehr stolz. Und wir alle lachen. Aber, Fitz-Jarndyce, ich weiß, was vor sich geht. Ich weiß viel besser als sie, wann die Anziehungskraft zu wirken begonnen hat. Ich kenne die Zeichen, meine Liebe. Ich sah den Anfang bei Gridley. Und ich sah das Ende. Meine liebe Fitz-Jarndyce«, sagte sie wieder mit leiserer Stimme, »ich sah, wie es anfing bei unserm Freund, dem Mündel in Sachen Jarndyce. Sagen Sie doch, man solle ihn zurückhalten. Oder es wird ihn ins Verderben ziehen.«

Einige Augenblicke lang sah sie mich schweigend an, dann wurde ihre Miene langsam wieder ein Lächeln. Sie schien zu fürchten, sie habe mir zu trübe Dinge erzählt, und schien gleichzeitig den Zusammenhang zu verlieren, denn sie sagte höflich und nippte dabei an ihrem Glas Wein: »Ja, meine Liebe, wie ich schon sagte, ich erwarte ein Urteil. Binnen kurzem. Dann schenke ich meinen Vögeln die Freiheit wieder, wie Sie wissen, und verteile Güter.«

Ihre Anspielung auf Richard ergriff mich tief. Ihre verkümmerte Gestalt war trotz des unzusammenhängenden Sinns ihrer Rede ein furchtbares und trauriges Beispiel. Zum Glück für sie war sie jetzt wieder seelenvergnügt und wurde wieder ganz Lächeln und Nicken.

»Aber, meine Liebe«, sagte sie heiter und legte ihre Hand auf die meine, »Sie haben mir noch nicht wegen meines Arztes gratuliert. Wirklich, noch nicht ein einziges Mal.«

Ich mußte gestehen, daß ich nicht recht wußte, was sie meinte.

»Wegen meines Arztes, Mr. Woodcourt, meine Liebe, der so außerordentlich aufmerksam zu mir war! Obgleich er mir seine Dienste gratis zur Verfügung stellte. Bis der Tag des Gerichts kommt. Ich meine den Tag des Urteils, der den Zauber vernichtet, den Szepter und Siegel auf mich ausüben.«

»Mr. Woodcourt ist jetzt so weit weg«, sagte ich, »daß ich glaubte, eine solche Gratulation käme verspätet, Miß Flite.«

»Aber, mein Kind«, entgegnete sie, »ist es denn möglich, daß Sie nicht wissen, was geschehen ist?«

»Was denn? Ich weiß von nichts.«

»Es war doch in jedermanns Munde, meine liebe Fitz-Jarndyce. Und Sie wissen es wirklich nicht?«

»Nein. Sie vergessen, wie lange ich hier krank lag.«

»Sehr wahr. Meine Liebe, wirklich, sehr wahr. Ich muß mich selbst tadeln. Aber mein Gedächtnis ist mit allem andern aus mir herausgezogen worden von... Sie wissen schon. Seh-r starker Einfluß, nicht wahr? Ja, ja, meine Liebe. Dort im indischen Ozean hat ein schrecklicher Schiffbruch stattgefunden.«

»Mr. Woodcourt ist untergegangen!!!«

»Regen Sie sich nicht auf, meine Liebe. Er ist gerettet. Eine grauenerregende Szene. Der Tod in allen Gestalten. Hunderte von Toten und Sterbenden. Feuer, Sturm und Finsternis. Eine Menge von Ertrinkenden auf einen Felsen geworfen. Dort, und die ganze Zeit über, war mein lieber Arzt ein Held. Ruhig und tapfer in jeder Gefahr. Rettete vielen das Leben, klagte nie über Hunger und Durst, hüllte Nackte in seine eignen Kleider, übernahm die Führung, riet ihnen, was sie tun sollten, pflegte die Kranken, begrub die Toten und brachte die armen Überlebenden endlich in Sicherheit. Meine Liebe, die armen ausgehungerten Geschöpfe beteten ihn fast an. Sie fielen vor ihm auf die Knie und segneten ihn, als sie endlich gerettet wurden. Das ganze Land spricht davon. Warten Sie. Wo ist mein Dokumentenbeutel? Ich hab es mit. Und Sie sollen es lesen, Sie sollen es lesen.«

Und ich las die ganze herrliche Geschichte.

Wenn auch nur sehr langsam und unvollkommen damals, denn meine Augen waren so getrübt, daß ich die Worte nur schwer unterscheiden konnte, und ich weinte soviel, daß ich oft den langen Zeitungsausschnitt weglegen mußte. Ich fühlte mich so glücklich, den Mann gekannt zu haben, der so edle und tapfere Taten vollbracht, sein Ruhm erfüllte mich mit solcher Begeisterung, und ich bewunderte ihn so sehr wegen dessen, was er getan, daß ich die sturmgepeitschten Unglücklichen, die vor ihm auf die Knie gesunken waren und ihn als ihren Retter gesegnet hatten, beneidete. Ich selbst hätte vor ihm niederknien und ihn segnen mögen in meinem Entzücken, daß er sich so wahrhaft edel und tapfer benommen. Ich fühlte, daß niemand – weder Mutter, Schwester noch Gattin – ihn höher halten könnte als ich. Ja, als ich, das fühlte ich.

Die arme kleine Miß Flite schenkte mir den Bericht, und als sie bei herannahendem Abend aufstand, um sich zu verabschieden, um nicht die Rückfahrt mit der Landkutsche zu versäumen, sprach sie noch immer von dem Schiffbruch. Ich war meinerseits noch zu sehr außer Fassung, um ihn in allen seinen Einzelheiten zu begreifen.

»Meine Liebe«, sagte sie, als sie Schärpe und Handschuhe sorgfältig eingewickelt hatte, »mein wackerer Arzt sollte einen Titel bekommen. Jedenfalls wird das auch geschehen. Sie sind doch auch der Meinung?«

»Daß er gewiß einen verdiente, ja. Daß er einen bekommen wird, nein.«

»Warum nicht, Fitz-Jarndyce?« fragte sie etwas gereizt.

Ich erklärte ihr, es sei in England nicht Sitte, für verdienstvolle Taten in Friedenszeiten, wie bedeutend sie auch immer wären, Titel zu verleihen. Außer, gelegentlich, wenn diese Taten in der Aufhäufung irgendeiner großen Summe Geldes bestünden.

»Aber, Gott im Himmel«, sagte Miß Flite, »wie können Sie so etwas sagen! Sie wissen doch, meine Liebe, daß die größten Zierden Englands in Wissenschaft, Kunst, Humanität und Fortschritten aller Art adlig geworden sind. Blicken Sie um sich, meine Liebe. Jetzt müssen Sie ein wenig zerstreut sein, glaube ich, wenn Sie nicht wissen, daß das allein der Grund ist, weshalb in England der Adel nie aussterben wird.«

Ich fürchte, sie glaubte wahrhaftig, was sie sagte. Es gab Augenblicke, wo sie wirklich ganz verrückt war.

Und jetzt muß ich wohl das kleine Geheimnis verraten, das ich bis jetzt für mich zu behalten versucht habe. Ich hatte mir manchmal gedacht, Mr. Woodcourt liebe mich und würde, wenn er reicher gewesen wäre, es mir vielleicht vor seiner Abreise gesagt haben. Ich dachte mir manchmal, ich würde mich gefreut haben, wenn er es mir gesagt hätte. Aber wieviel besser war es jetzt, daß es nicht der Fall gewesen! Was hätte ich leiden müssen, wenn ich ihm hätte schreiben und sagen müssen, daß die armseligen Gesichtszüge, die er als die meinen gekannt, jetzt so verändert seien und daß ich ihn freiwillig seiner Verpflichtung gegen eine, die er nie gesehen, so verändert habe sie sich, entbinde. Oh, wieviel besser war es so! Nichts war jetzt ungeschehen zu machen, für mich keine Kette zu lösen, für ihn keine Kette zu schleppen, und ich konnte, so es Gott gefiel, meinen einfachen Weg auf dem Pfade der Pflicht verfolgen und er seinen besseren Weg auf der breiteren Straße gehen.

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