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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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24. Kapitel

Eine Gerichtsverhandlung

Richard weihte Mr. Jarndyce in seinen Gemütszustand ein, kurz nachdem er mit mir das bereits erwähnte Gespräch gehabt hatte. Ich bezweifle, daß mein Vormund durch die Mitteilung besonders überrascht war, aber sie bereitete ihm viel Sorge und Enttäuschung. Er und Richard waren oft noch spät abends und bereits früh morgens wieder miteinander eingeschlossen und verbrachten ganze Tage in London, hatten unzählige Zusammenkünfte mit Mr. Kenge und arbeiteten sich durch eine große Menge unangenehmer Geschäfte hindurch. Trotz alledem war mein Vormund, obgleich er sehr unter der Windrichtung litt und seinen Kopf so beständig rieb, daß kein einziges Haar auch nur einen Augenblick auf seiner rechten Stelle blieb, zu mir und Ada so freundlich wie immer, beobachtete aber über diese Angelegenheiten das strengste Stillschweigen, und da wir trotz angestrengtesten Bemühens aus Richard nur die allgemeine Versicherung herausbringen konnten, daß alles vortrefflich gehe und jetzt wirklich im richtigen Geleise sei, so wurden unsere Besorgnisse durch ihn nicht sehr vermindert.

Wir erfuhren im Verlauf der Zeit, daß man im Namen Richards, als Mündel oder als Unmündiger oder ich weiß nicht als was sonst, eine Eingabe an den Lordkanzler gemacht und lange hin- und hergeredet hatte und daß der Lordkanzler ihn in offener Gerichtssitzung ein beschwerliches und launisches Mündel genannt habe und daß man die Sache vertagte und wieder vertagte und weiter verwies und darüber Bericht erstattete und darum petitionieren ließ, bis Richard zu zweifeln anfing, wie er uns sagte, ob er, wenn er überhaupt je in die Armee eintreten könne, dann nicht ein Veteran von siebzig oder achtzig Jahren sein werde. Endlich lud ihn der Lordkanzler zu einer Besprechung in seinem Privatbureau ein und warf ihm dort ernstlich vor, daß er nicht wisse, was er wolle, und die Zeit vertrödle. »Ein wirklich guter Witz, wenn er aus solchem Munde kommt, sollte ich meinen«, sagte Richard.

Endlich wurde seine Eingabe bewilligt. Sein Name wurde im Armeekommando unter den Bewerbern um ein Fähnrichspatent bei der Garde eingeschrieben. Die Gebühr wurde deponiert, und Richard warf sich in seiner gewohnten charakteristischen Art mit Leidenschaft auf militärische Studien und stand jeden Morgen früh um fünf Uhr auf, um sich im Säbelfechten zu üben.

Ferienzeit folgte auf Gerichtssession und Gerichtssession auf Ferienzeit. Wir hörten manchmal vom Prozeß Jarndyce kontra Jarndyce, daß er auf der Liste stehe oder von der Liste gestrichen sei, daß er daran komme und auch daran kam und dann wieder vorbei war. Richard, der jetzt bei einem ihm Unterricht erteilenden Lehrer in London wohnte, konnte uns weniger häufig besuchen als früher. Mein Vormund beobachtete immer noch dieselbe Zurückhaltung, und so verging die Zeit, bis das Patent kam und Richard Ordre erhielt, sich zu seinem Regiment nach Irland zu begeben.

Er traf eines Abends mit dieser Nachricht in der größten Eile ein und hatte eine lange Konferenz mit meinem Vormund.

Über eine Stunde verging; dann steckte mein Vormund den Kopf in das Zimmer, wo Ada und ich saßen, und sagte: »Kommt einmal herein, liebe Kinder.« Wir traten ein und fanden Richard, den wir noch vor kurzem in bester Laune gesehen, mit gekränktem und erzürntem Gesicht am Kamin lehnen.

»Rick und ich, Ada«, erklärte uns Mr. Jarndyce, »sind nicht ganz einer Meinung. Komm, komm, Rick, mach ein freundlicheres Gesicht dazu.«

»Du bist sehr hart gegen mich«, sagte Richard. »Um so härter, als du doch in jeder andern Hinsicht so nachsichtig gewesen bist und für mich getan hast, was ich nie gebührend anerkennen kann. Ich wäre ohne dich nie in Ordnung gekommen.«

»Schon gut, schon gut«, sagte Mr. Jarndyce. »Ich möchte dich aber noch mehr in Ordnung bringen. Ich möchte dich mit dir selbst in Ordnung bringen.«

»Ich hoffe, du wirst entschuldigen, wenn ich sage, daß ich mir selbst das beste Urteil über mich zutraue«, erwiderte Richard sehr lebhaft, aber mit aller Ehrerbietung.

»Ich hoffe, du wirst entschuldigen, lieber Rick, wenn ich sage«, bemerkte Mr. Jarndyce mit größter Freundlichkeit und in bester Laune, »daß ich es ganz natürlich finde, wenn du dieser Meinung bist, daß ich aber anders denke. Ich muß meine Pflicht tun, Rick, sonst würdest du bei kaltem Blut keine gute Meinung von mir haben, und ich hoffe, du wirst stets gut von mir denken. Bei kaltem oder bei heißem Blut.«

Ada war so blaß geworden, daß er sie in seinen Lehnstuhl drückte und sich neben sie setzte.

»Es ist nichts, liebes Kind«, beruhigte er sie. »Es ist nichts. Rick und ich hatten nur in aller Freundschaft einen kleinen Meinungsaustausch, den wir dir mitteilen müssen, denn um dich handelt es sich. Es ist dir gewiß bange vor dem, was jetzt kommen soll?«

»Gewiß nicht, Vetter John«, entgegnete Ada lächelnd, »da es doch von dir kommt.«

»Ich danke dir, liebes Kind. Schenke mir eine Minute Aufmerksamkeit, ohne Rick anzusehen, und du, Mütterchen, tust desgleichen.«

»Mein liebes Kind«, er legte seine Hand auf die Adas auf der Armlehne des Stuhls, »erinnerst du dich noch des Gesprächs unter uns vieren? Als das Mütterchen mir etwas von einer gewissen kleinen Liebesgeschichte erzählte?«

»Es ist nicht gut möglich, daß Richard oder ich jemals vergessen könnten, wie gut du an jenem Tage zu uns warst, Vetter John.«

»Ich kann es nie vergessen«, rief Richard.

»Und ich auch nicht«, sagte Ada.

»So ist das, was ich zu sagen habe, desto leichter, und desto leichter werden wir uns verständigen.« Das Gesicht meines Vormunds strahlte vor Herzensgüte. »Ada, mein liebes Kind, du mußt wissen, daß Rick jetzt zum letzten Mal seinen Beruf gewählt hat. Das ganze Vermögen, das er zu bekommen hat, wird vollständig verbraucht sein, wenn er equipiert ist. Er hat damit alle seine Hilfsquellen erschöpft und ist von jetzt an an den Baum gebunden, den er gepflanzt hat.«

»Es ist ganz richtig, daß ich meine gegenwärtigen Hilfsquellen erschöpft habe, und ich bin ganz zufrieden, es zu wissen. Aber was ich zu bekommen habe«, sagte Richard, »ist nicht alles, was ich besitze.«

»Rick, Rick!« rief mein Vormund mit einer ganz veränderten Stimme und fuhr mit plötzlichem Entsetzen mit den Händen empor, als wollte er sich die Ohren zuhalten. »Um Gottes willen, erhoffe oder erwarte nichts von diesem Familienfluch! Was du immer auf dieser Seite des Grabes tun magst, niemals schenke diesem furchtbaren Phantom, das uns so viele Jahre verfolgt hat, auch nur einen einzigen sehnsüchtigen Blick. Viel besser zu borgen, betteln zu gehen oder zu sterben.«

Der leidenschaftliche Ton in seiner Warnung erschreckte uns alle. Richard biß sich in die Lippen und hielt den Atem an und sah mich an, als ob er wüßte, daß auch ich fühlte, wie sehr er der Warnung bedürfte.

»Meine liebe Ada«, sagte Mr. Jarndyce und gewann seinen fröhlichen Gleichmut wieder, »das sind starke Worte, aber ich lebe in Bleakhaus und habe hier manches mitansehen müssen. Genug davon. Alles, was Richard zur Begründung einer Laufbahn im Leben besitzt, steht jetzt auf dem Spiel. Ich empfehle ihm und dir, seinet- und deinetwillen, von uns mit der Gewißheit zu scheiden, daß euch keinerlei Verpflichtung mehr aneinander bindet. Ich muß noch weiter gehen. Ich will offen gegen euch beide sein. Ihr sollt mir rückhaltlos vertrauen, und ich will auch in euch rückhaltloses Vertrauen setzen. Ich bitte euch für jetzt, jedes andre Band als das eurer Verwandtschaft zu vergessen.«

»Sag doch lieber gleich heraus, daß du kein Vertrauen mehr zu mir hast und Ada rätst, deinem Beispiel zu folgen.«

»Ich kann das nicht sagen, weil ich es nicht meine.«

»Aber du denkst dir, ich hätte schlecht angefangen! Ich habe es, das weiß ich.«

»Wie ich hoffte, daß du anfangen und fortfahren mögest, sagte ich dir bereits damals, als wir zuletzt von diesen Dingen sprachen«, erwiderte Mr. Jarndyce in herzlichem und ermutigendem Tone. »Du hast diesen Anfang noch nicht gemacht; aber jedes Ding braucht seine Zeit, und deine ist noch nicht vorbei, oder vielmehr, sie ist noch gar nicht gekommen. Schlage eine neue Seite auf und beginne. Ihr beide seid noch sehr jung und seid Verwandte. Bis jetzt seid ihr euch weiter nichts. Was weiter kommen soll, muß eine Frucht deiner eignen Anstrengungen sein, Rick.«

»Du bist sehr hart gegen mich, Vetter, härter, als ich von dir erwartet hätte.«

»Mein lieber Junge, ich bin noch härter gegen mich selbst, wenn ich etwas tue, was dir Schmerz bereitet. Du hast das Heilmittel selbst in deiner Hand. Ada, es ist besser für ihn, daß er frei ist und daß du nicht mit ihm von Jugend auf verlobt bist. Rick, es ist besser für sie, viel besser. Du bist es ihr schuldig. Kommt! Ihr werdet doch beide tun, was das Beste für den andern ist!«

»Warum ist es so am besten?« wendete Richard hastig ein. »Als wir dir unser Herz ausschütteten, war es nicht so. Du sprachst damals anders.«

»Seitdem habe ich Erfahrungen gemacht. Ich tadle dich durchaus nicht, Rick, aber ich habe Erfahrungen gemacht.«

»Du meinst, in bezug auf mich?«

»Hm! Ja. In bezug auf euch beide«, sagte Mr. Jarndyce gütig.

»Die Zeit ist noch nicht gekommen, wo ihr euch einander versprechen sollt. Es ist nicht recht, und ich darf nicht damit einverstanden sein. Folgt mir, meine lieben Kinder, und fangt von neuem an. Laßt geschehen sein und wendet eine neue Seite um in euerm Leben.«

Richard betrachtete Ada gespannt, sagte aber kein Wort.

»Ich habe bis jetzt vermieden, gegen euch beide oder gegen Esther eine Silbe darüber zu äußern, damit wir so offen wie der Tag sein und auf gleichem Fuß miteinander stehen können. Ich rate euch nun auf das innigste und bitte euch aufs eindringlichste, so voneinander zu scheiden, wie ihr hierher gekommen seid. Überlaßt alles übrige der Zeit, der Treue und der Standhaftigkeit. Wenn ihr anders handelt, tut ihr Unrecht und verflechtet mich mit in das Unrecht. Denn ich war es, der euch zusammengebracht hat.«

Eine lange Pause folgte.

»Richard«, sagte Ada und sah ihn mit ihren blauen Augen zärtlich an.

»Nach dem, was unser Vetter vorhin gesagt hat, bleibt uns, glaube ich, keine Wahl. Meinetwegen kannst du ganz ruhig sein, denn du läßt mich hier unter seiner Obhut zurück und kannst überzeugt sein, daß mir nichts zu wünschen bleibt, wenn ich mich nach seinem Rate richte. Ich –ich bezweifle nicht, Vetter Richard«, sagte Ada ein wenig verwirrt, »daß du mich sehr lieb hast, und ich – ich glaube nicht, daß du dich in eine andre verlieben wirst. Aber ich möchte doch, du überlegtest dir es ordentlich, da ich dich vor allem glücklich zu sehen wünsche. Auf mich kannst du vertrauen, Vetter Richard. Ich bin ganz und gar nicht flatterhafter Natur, aber auch nicht unverständig, und würde dich niemals tadeln. Selbst Verwandten kann es leid tun, voneinander scheiden zu müssen, und in Wahrheit tut es mir sehr, sehr leid, Richard, wenn ich auch weiß, daß es nur zu deinem Besten geschieht. Ich werde immer mit Liebe an dich denken und oft von dir mit Esther sprechen, und – und vielleicht wirst du auch manchmal ein klein wenig an mich denken, Vetter Richard. Also«, sagte Ada, trat zu ihm und reichte ihm ihre zitternde Hand, »jetzt sind wir wieder bloß Kusin und Kusine, Richard. Vielleicht bloß für jetzt – und ich bete um Gottes Segen für meinen lieben Vetter Richard, wohin er auch gehen mag.«

Es kam mir seltsam vor, daß Richard nie imstande war, meinem Vormund zu verzeihen, daß dieser ganz dieselbe Meinung von ihm hegte, der er mir gegenüber doch selbst in viel stärkerem Maße Worte gegeben hatte. Mit großem Bedauern bemerkte ich, daß er von dieser Stunde an nie wieder so frei und offen Mr. Jarndyce entgegenkam wie früher. Er hätte jede Ursache gehabt, es zu sein, aber er war es nicht, und eine einseitige Entfremdung griff zwischen ihnen Platz.

Über den Reisevorbereitungen und was damit zusammenhing vergaß er bald sich selbst und sogar seinen Schmerz, von Ada zu scheiden, die in Hertfordshire zurückblieb, während er, Mr. Jarndyce und ich uns für eine Woche nach London begaben. Dann und wann gedachte er ihrer allerdings mit heißen Tränen, und zu solchen Zeiten schüttete er mir sein Herz aus und überhäufte sich mit schwersten Selbstanklagen. Aber schon ein paar Minuten später wieder baute er sich Luftschlösser, in denen sie beide immer reich und glücklich und so fröhlich wie möglich werden sollten. Es war eine geschäftige Zeit, und ich lief mit ihm den ganzen Tag herum, um eine Menge Sachen zu kaufen, die er notwendig brauchte. Von all den Dingen, die er angeschafft haben würde, wenn man ihn sich selbst überlassen hätte, will ich gar nicht sprechen. Er war voll Vertrauen zu mir und sprach oft so vernünftig und gefühlvoll von seinen Fehlern und seinem festen Entschluß und schöpfte soviel Mut aus diesen Gesprächen, daß ich ihrer nie müde geworden wäre, auch wenn ich es versucht hätte.

In jener Woche kam außerordentlich häufig ein Mann zu uns, der früher Kavallerist gewesen, und erteilte Richard Fechtunterricht. Er war ein hübscher, kräftig aussehender Mensch von offenem, freiem Wesen. Richard hatte schon seit einigen Monaten Lektionen bei ihm genommen. Ich hörte soviel von ihm, nicht bloß von Richard, sondern auch von meinem Vormund, daß ich absichtlich eines Morgens nach dem Frühstück zu Hause blieb, als er kam.

»Guten Morgen, Mr. George«, begrüßte ihn mein Vormund, der gerade mit mir allein im Zimmer war. »Mr. Carstone kommt gleich. Unterdessen wird es Miß Summerson hier ein großes Vergnügen machen, Sie kennenzulernen, wie sie mir sagt. Bitte nehmen Sie Platz.«

Der Mann setzte sich, ein wenig verlegen wegen meiner Anwesenheit, wie mir schien, und fuhr sich mit seiner schweren sonnenverbrannten Hand wiederholt über seine Oberlippe, ohne mich anzusehen.

»Sie sind so pünktlich wie die Sonne, Mr. George.«

»Militärisch, Sir, Sache der Gewohnheit. Eine reine Angewohnheit bei mir, Sir, kein Geschäftseifer.«

»Aber Sie haben ein großes Etablissement, wie ich höre.«

»Es ist nicht so schlimm, Sir. Nur einen Scheibenstand. Es ist nicht viel dahinter.«

»Und wie macht sich Mr. Carstone als Schütze und als Fechter?«

»Recht gut, Sir«, antwortete Mr. George und kreuzte die Arme auf seiner breiten Brust, was ihm ein riesenhaftes Aussehen verlieh. »Wenn Mr. Carstone sich der Sache mit ganzer Seele widmen wollte, könnte er sehr Tüchtiges leisten.«

»Aber das ist wohl nicht der Fall?«

»Anfangs tat er es, Sir, aber dann ließ er nach. Er ist nicht mehr recht bei der Sache. Vielleicht hat er etwas anderes auf dem Herzen, eine junge Dame vielleicht.« Seine glänzenden dunkeln Augen blickten mich jetzt zum ersten Mal an.

»Mich hat er nicht auf dem Herzen, das versichere ich Ihnen, Mr. George«, sagte ich lachend, »wenn Sie mich auch im Verdacht zu haben scheinen.«

Das sonnengebräunte Gesicht des Kavalleristen errötete ein wenig, und er machte mir eine militärische Verbeugung. »Nichts für ungut, Miß. Ich bin einer von den Ungehobelten.«

»Aber es ist doch nur ein Kompliment, Mr. George.«

Wenn er früher kaum aufgeblickt hatte, so sah er mich jetzt drei oder vier Mal rasch hintereinander aufmerksam an.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte er mit einer gewissen männlichen Art von Schüchternheit zu meinem Vormund. »Aber Sie erwiesen mir die Ehre, mir den Namen der jungen Dame zu nennen...«

»Miß Summerson.«

»Miß Summerson!« wiederholte er und sah mich wieder an.

»Kennen Sie den Namen?« fragte ich.

»Nein, Miß. Soviel ich weiß, habe ich ihn nie gehört. Ich glaube nur, Sie irgendwo gesehen zu haben.«

»Das kann nicht gut sein«, entgegnete ich, blickte von meiner Arbeit auf und sah ihn an. Es lag soviel Treuherzigkeit in seiner Rede und seinem Benehmen, daß mir die Gelegenheit ganz lieb war. »Ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter.«

»Ich auch, Miß.«

Er wandte mir seine dunkeln Augen und seine breite Stirn zu. »Hm! Wie komme ich nur auf den Gedanken?«

Da sein braunes Gesicht wieder errötete und er sich vergeblich bemühte, in seiner Erinnerung zu suchen, entschloß sich mein Vormund, ihm herauszuhelfen.

»Haben Sie viele Schüler, Mr. George?«

»Manchmal ja, manchmal nicht, Sir. Meistens sind's recht wenige, um davon zu leben.«

»Und was für Leute besuchen Ihre Galerie, um sich zu üben?«

»Leute aller Art, Sir. Hiesige und Fremde. Vom Gentleman herab bis zum Kommis. Sogar Französinnen habe ich schon unterrichtet, und sie haben sich als geschickte Pistolenschützen gezeigt. Natürlich auch eine Menge Verrückte, aber die gehen ja überallhin, wo eine Tür offen steht.«

»Ich will doch nicht hoffen, daß Leute mit Racheplänen, um Ihre Lektionen mit dem Schießen nach lebendigen Zielscheiben zu beendigen, zu Ihnen kommen?« fragte mein Vormund lächelnd.

»Das geschieht wohl selten, Sir, ist aber auch schon vorgekommen. Die meisten treiben's bloß der Übung wegen oder aus Langeweile. Sechs von der einen und ein halbes Dutzend von der andern Sorte. Ich bitte um Verzeihung, Sir.« Er setzte sich aufrecht und stützte seine Hände, die Ellbogen nach außen gedreht, auf seine Knie. »Ich glaube, Sie haben einen Kanzleigerichtsprozeß, wenn ich recht gehört habe?«

»Es tut mir leid, die Frage bejahen zu müssen.«

»Mich hat auch einer Ihrer Leidensgenossen besucht, Sir.«

»Partei in einem Prozeß? Wie ging das zu?«

»Nun. Der Mann war so verfolgt, gepeinigt und gemartert, weil sie ihn von Pontius zu Pilatus und von Pilatus zu Pontius schickten«, sagte Mr. George, »daß er ein wenig verrückt wurde. Ich glaube nicht, daß er auf jemand Bestimmten schießen wollte, aber er war so voll Zorn und Wut manchmal, wenn er kam, daß er für fünfzig Schüsse bezahlte und drauflos feuerte, bis er förmlich glühte. Aber eines Tages, als ich mit ihm allein war und er mir ganz zornig von allem, was ihm Unrechtes geschehen, erzählt hatte, sagte ich zu ihm: 'Wenn dieses Schießen für Sie eine Erleichterung bedeutet, Kamerad, ist's ja gut, aber es will mir nicht besonders gefallen, daß Sie immer in Ihrem gegenwärtigen Gemütszustand so darauf versessen sind, Kamerad. Ich möchte Ihnen lieber raten, sich dann mit etwas anderm zu befassen !' Er wurde so leidenschaftlich, daß ich schon einen Schlag parieren wollte, aber er nahm es verhältnismäßig gut auf und ließ es gleich sein. Wir haben uns dann die Hände geschüttelt und sind so eine Art Freunde geworden.«

»Was war das für ein Mann?« fragte mein Vormund mit sichtlicher Teilnahme.

»Bevor sie einen wilden Stier aus ihm gemacht haben, war er ein kleiner Landwirt in Shropshire.«

»Hieß er Gridley?«

»Jawohl, Sir.«

Mr. George sah mich ein paar Mal rasch hintereinander aufmerksam an, während mein Vormund und ich, überrascht über das Zusammentreffen, ein paar Worte zusammen sprachen, und ich erklärte ihm daher, woher wir den Namen des Mannes kannten. Zum Dank für meine Herablassung, wie er es nannte, machte er mir wieder eine seiner militärischen Verbeugungen.

»Ich weiß nicht«, sagte er und sah mich an, »was mich wieder auf diese Gedanken bringt, aber – ba, wo mein Kopf nur wieder hinaus will.«

Er fuhr sich mit seiner schweren Hand über sein kurzgelocktes schwarzes Haar, als wollte er seine Gedanken wegwischen, und saß, ein wenig vorwärts gebeugt, den einen Arm in die Seite gestemmt, den andern auf seinen Schenkel gelegt, da und starrte, in dieses Sinnen verloren, auf den Fußboden.

»Ich habe zu meinem Bedauern gehört, daß Gridley infolge seiner Gemütsverfassung wieder in neuerliche Ungelegenheiten geraten ist und sich versteckt hält«, sagte mein Vormund.

»Ich habe es auch gehört, Sir«, bestätigte Mr. George, immer noch nachdenklich auf den Boden starrend. »Ich habe es auch gehört.«

»Wissen Sie nicht, wo er ist?«

»Nein, Sir«, antwortete der Kavallerist, erwachte jetzt aus seinem Brüten und blickte wieder auf. »Ich habe nichts mehr von ihm gehört. Ich fürchte, es wird bald aus mit ihm sein. Man kann viele Jahre an dem Herzen eines starken Mannes herumfeilen, aber endlich bricht es doch.«

Die Ankunft Richards brach das Gespräch ab. Mr. George stand auf, machte mir wieder eine militärische Verbeugung, wünschte meinem Vormund guten Tag und schritt gewichtig zur Tür hinaus.

Das war an dem Morgen des Tages, wo Richard abreisen sollte. Wir hatten keine Einkäufe mehr zu besorgen. Mit dem Einpacken war ich schon zeitig vormittags fertig geworden, und wir waren frei bis zum Abend, wo er über Liverpool nach Holyhead abreisen sollte. Da »Jarndyce kontra Jarndyce« wieder verhandelt werden sollte, schlug mir Richard vor, mit ihm den Gerichtshof zu besuchen und der Sitzung beizuwohnen. Da es sein letzter Tag war, ihm viel an dem Gange zu liegen schien und ich überdies niemals dort gewesen war, gingen wir zusammen nach Westminster, wo damals der Gerichtshof seine Versammlungen abhielt. Unterwegs unterhielten wir uns mit Verabredungen, wie oft wir uns schreiben wollten, und mit vielen hoffnungsvollen Plänen. Mein Vormund wußte, wo wir hingingen, und begleitete uns daher nicht.

Als wir den Gerichtshof erreichten, sahen wir den Lordkanzler – denselben, den ich damals in seinem Privatzimmer in Lincoln's-Inn gesprochen hatte – in großem Ornat feierlich in einem Thronsessel sitzen, das Zepter und die Siegel auf einem roten Tisch unter sich und einen ungeheuren flachen Blumenstrauß daneben, der wie ein kleiner Garten den ganzen Gerichtssaal durchduftete. Vor dem Tisch zog sich eine lange Reihe von Solicitoren mit Aktenstößen auf dem Strohteppich zu ihren Füßen hin, und dann kamen die Herren vom Barreau mit Perücke und Talar. Einige schliefen, andre wachten, und gelegentlich sprach einer, ohne daß jemand dem, was er sagte, die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Der Lordkanzler saß in seinen bequemen Lehnstuhl zurückgelehnt, den Ellbogen auf die gepolsterte Armlehne und die Stirn auf die Hand gestützt. Einige der übrigen Anwesenden schlummerten, einige lasen Zeitungen, andre gingen auf und ab oder unterhielten sich flüsternd in Gruppen. Aber alle schienen sich sehr wohl zu fühlen und nicht die mindeste Eile zu haben, als ginge sie das Ganze überhaupt nichts an.

Zu sehen, wie alles so glatt verlief, und daran zu denken, wie rauh das Leben und Sterben der Prozessierenden war, all den Pomp und die Feierlichkeit zu sehen und an die Verschwendung und andererseits den Mangel und das bettelhafte Elend, um das es sich handelte, zu denken, – zu bedenken, daß, während bange Hoffnung in so vielen Herzen wühlte, dieses glänzende Schauspiel Tag für Tag und Jahr um Jahr wohlgeordnet und ruhevoll ungestört seinen Fortgang nahm, den Lordkanzler und die ganze Schar von Juristen um ihn herum zu sehen, die sich und die Zuschauer anblickten, als hätte keiner von ihnen je gehört, daß in ganz England das, in dessen Namen sie sich versammelten, bitterer Hohn sei, ein Gegenstand allgemeinen Abscheus, der Verachtung und Erbitterung, eine Institution, so offenkundig unwürdig, daß fast ein Wunder dazu gehörte, wenn es wirklich jemals irgend jemandem Nutzen brachte – das alles kam mir bei meiner Unerfahrenheit so merkwürdig und widerspruchsvoll vor, daß ich es anfangs gar nicht begreifen konnte und meinen Augen nicht traute.

Ich setzte mich auf den Platz, den Richard mir aussuchte, und versuchte zuzuhören und mich zurechtzufinden, aber es schien nichts Reales an dem ganzen Schauspiel zu sein als die kleine Miß Flite, die arme Verrückte, die auf einer Bank stand und immerwährend nickte.

Miß Flite erspähte uns bald und kam zu uns. Sie bewillkommnete mich huldvoll in ihrem Gebiet und machte mich mit vielem Behagen auf seine Hauptreize aufmerksam. Auch Mr. Kenge trat zu uns und machte uns die Honneurs fast in gleicher Weise und mit der freundlich bescheidenen Miene eines Hauseigentümers.

Die Gelegenheit sei für einen Besuch nicht sehr gut gewählt, sagte er, er würde den ersten Tag der Session vorgezogen haben, aber es sei ein imposantes, sehr imposantes Schauspiel.

Als wir ungefähr eine halbe Stunde dagewesen waren, schien die eben im Stadium der Verhandlung befindliche Rechtssache an ihrer eignen Nichtigkeit, ohne daß jemand übrigens ein Resultat zu erwarten schien, zu sterben.

Der Lordkanzler warf einen Stoß Papier von seinem Pult den Herren unter ihm zu, und irgend jemand rief: »Jarndyce kontra Jarndyce.« Dann hörte man ein Summen und Lachen und bemerkte eine allgemeine Flucht der Zuhörer und sah große Haufen und Stöße und Beutel um Beutel voller Akten hereingetragen werden.

Ich glaube, die Sache kam »wegen weiterer Verweisung wegen Kostenfestsetzung« zur Sprache, soviel mir trotz meiner Verwirrung klar wurde. Ich zählte dreiundzwanzig Herrn in Perücken, die sagten, sie hätten darin »zu vertreten«, und keiner derselben schien in der Sache mehr zu wissen als ich. Sie plauderten darüber mit dem Lordkanzler und stritten sich und erklärten einander das und jenes, und einige von ihnen behaupteten, es sei so, und andere, es sei anders, und einige schlugen scherzweise vor, ungeheure Folianten Zeugenaussagen verlesen zu lassen, und das Summen und Lachen nahm immer mehr zu, und allen, die in der Sache zu tun hatten, schien der Prozeß ein Feld müßiger Unterhaltung zu sein, und niemand wußte etwas damit anzufangen. Nach ungefähr einer Stunde und sehr viel begonnenen und wieder unterbrochenen Reden wurde sie »vorläufig zurückgestellt«, wie Mr. Kenge sagte, und die Akten wurden wieder hinausgeschafft, ehe die Schreiber noch mit dem Hereinbringen fertig waren.

Ich sah nach Schluß dieser hoffnungslosen Verhandlung Richard an und erschrak über den müden angegriffenen Ausdruck seines hübschen jungen Gesichtes. »Es kann nicht ewig dauern, Mütterchen. Das nächste Mal wird es besser gehen.« Das war alles, was er sagte.

Ich hatte Mr. Guppy Akten hereinbringen und von Mr. Kenge ordnen sehen. Er erkannte mich und machte mir eine melancholische Verbeugung, was in mir den Wunsch erweckte, den Gerichtssaal zu verlassen. Richard reichte mir den Arm und wollte mich hinausführen, da trat Mr. Guppy zu uns.

»Ich bitte um Verzeihung, Mr. Carstone«, sagte er flüsternd, »und auch Miß Summerson, aber es ist eine Dame hier, die ich kenne und die auch Miß Summerson kennt und das Vergnügen haben möchte, sie zu begrüßen.«

Noch während er sprach, sah ich Mrs. Rachael wie eine körperlich gewordene Erinnerung aus dem Haus meiner Patin vor mir auftauchen.

»Wie geht es Ihnen, Esther?« fragte sie. »Erinnern Sie sich meiner noch?«

Ich reichte ihr die Hand und bejahte und sagte, sie habe sich sehr wenig verändert.

»Ich wundere mich, daß Sie sich noch an diese Zeiten erinnern, Esther«, sagte sie mit ihrer alten Schroffheit. »Sie haben sich sehr verändert. Nun, ich freue mich, Sie zu sehen, und freue mich, daß Sie nicht zu stolz geworden sind, um mich noch zu kennen.« – In Wirklichkeit schien sie sich zu ärgern, daß ich es nicht war. –

»Stolz, Mrs. Rachael?«

»Ich bin verheiratet, Esther«, verbesserte sie kalt, »und heiße Mrs. Chadband. Ich wünsche Ihnen guten Tag und hoffe, daß es Ihnen auch weiter gut gehen wird.«

Mr. Guppy, der diesem kurzen Zwiegespräch aufmerksam zugehört hatte, seufzte hörbar und bahnte sich und Mrs. Rachael durch das Gewühl der kommenden und gehenden Menschen, in dessen Mitte wir uns befanden und das der Wechsel der Verhandlungen verursacht hatte, mit dem Ellbogen einen Weg. Richard und ich drängten uns ebenfalls durch, und das Fröstelgefühl bei diesem unerwarteten Zusammentreffen hatte mich noch nicht verlassen, als ich niemand anders als Mr. George auf uns zukommen sah. Er schritt gewichtig einher, kümmerte sich nicht um die Umstehenden und spähte über ihre Köpfe hinweg in den Gerichtssaal.

»Heda, George«, rief Richard, den ich auf ihn aufmerksam gemacht hatte.

»Das ist gescheit, daß ich Sie hier treffe«, antwortete der Kavallerist, »und auch Sie, Miß. Könnten Sie mir nicht eine Person im Saal zeigen, die ich suche? Ich kenne mich hier nicht aus.«

Er drehte sich um, schaffte mühelos Platz für uns und blieb, als wir sicher vor dem Gedränge waren, in einer Ecke hinter einem großen roten Vorhang stehen.

»Es ist hier eine kleine verrückte Alte«, fing er an, »die...« Ich hielt meinen Finger warnend empor, denn Miß Flite stand dicht neben uns. Sie hatte sich die ganze Zeit über in meiner unmittelbarsten Nähe gehalten und die Aufmerksamkeit verschiedener ihr bekannter Advokaten auf mich gelenkt und ihnen, wie ich in meiner Verwirrung bemerkte, in die Ohren geraunt: »Sst! Fitz-Jarndyce, hier links von mir.«

»Hm, Sie werden sich erinnern, Miß, daß wir diesen Morgen von einem gewissen – Gridley«, setzte er hinter der Hand flüsternd hinzu, »sprachen.«

»Ja.«

»Er hält sich bei mir versteckt. Ich durfte es heute früh nicht sagen. Hatte keine Erlaubnis. Er tritt seinen letzten Marsch an, Miß, und hat sich in den Kopf gesetzt, sie zu sehen. Er sagt, sie verstünden einander und sie wäre ihm hier fast wie eine Freundin gewesen. Ich kam her, um sie zu suchen, denn als ich heute nachmittag bei ihm saß, war mir's, als hörte ich bereits den Schall der gedämpften Trommeln.«

»Soll ich es ihr sagen?« fragte ich.

»Würden Sie so gut sein!« Er warf einen fast ängstlichen Blick auf Miß Flite. »Es ist eine Schickung der Vorsehung, daß ich Sie treffe, Miß. Ich bezweifle, daß ich mit dieser Dame umzugehen verstanden hätte.« Und er steckte eine Hand in die Brust und stand militärisch gerade aufgerichtet da, während ich Miß Flite den Zweck seines freundlichen Kommens ins Ohr flüsterte.

»Mein temperamentvoller Freund aus Shropshire! Fast so berühmt wie ich!« rief sie aus. »Nein, wirklich! Gewiß, mein Kind, werde ich ihn mit dem größten Vergnügen besuchen.«

»Er hält sich bei Mr. George versteckt. Still! Dies ist Mr. George.«

»Soooo«, sagte Miß Flite. »Sehr geehrt. Ein Militär, wie ich sehe. Ein vollkommener General, nicht wahr?« flüsterte sie mir zu.

Die arme Miß Flite hielt es für unumgänglich notwendig, als Zeichen ihrer Hochachtung vor der Armee so höflich zu sein und soviel Knickse zu machen, daß es keine leichte Sache war, sie aus dem Gerichtssaal zu bugsieren. Als dies endlich geglückt war und sie Mr. George, den sie General anredete, zum großen Spaß verschiedner Maulaffen den Arm gab, verlor er dermaßen seine Fassung und bat mich so ehrerbietig, »ihn nicht zu verlassen«, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, es zu tun, zumal sich Miß Flite von mir immer gern leiten ließ und noch dazu sagte: »Meine liebe Fitz-Jarndyce, Sie werden doch natürlich mit uns kommen?« Da Richard ganz damit einverstanden war, entschlossen wir uns, sie zu begleiten.

Mr. George erzählte uns, daß Gridley den ganzen Nachmittag von Mr. Jarndyce gesprochen habe, und so schrieb ich schnell ein paar Zeilen an meinen Vormund, um ihm mitzuteilen, wohin wir gegangen seien und weshalb. Richard versiegelte den Brief in einem Kaffeehaus, damit nicht zufällig etwas herauskäme, und wir ließen ihn durch einen Dienstmann besorgen.

Dann nahmen wir eine Droschke und fuhren bis in die Nähe von Leicester-Square. Wir gingen durch einige enge Höfe und erreichten bald den Schießstand, dessen Eingang verschlossen war. Während Mr. George an einer an der Tür hängenden Klingel zog und auf das Öffnen wartete, redete ihn ein sehr respektabler alter Herr mit grauem Haar, Brille, schwarzem Spencer, Gamaschen und einem breitkrempigen Hut und einem dicken Stock mit goldnem Knopf in der Hand an:

»Ich bitte um Entschuldigung, guter Freund, ist das Georges Schießgalerie?«

»Jawohl, Sir«, antwortete Mr. George und sah hinauf zu den großen Buchstaben, mit denen die Firma auf die weiße Mauer gemalt war.

»Ah, ja«, sagte der alte Herr, der seinen Augen gefolgt war. »Danke Ihnen. Haben Sie geklingelt?«

»Mein Name ist George, Sir. Ich habe bereits geklingelt.«

»O, wirklich?« sagte der alte Herr, »Sie sind Mr. George? Dann bin ich, wie Sie sehen, ebenso rasch hier wie Sie. Sie haben nach mir geschickt.«

»Nein, Sir. Ich nicht.«

»So? Dann war es Ihr Diener. Ich bin Arzt und wurde vor fünf Minuten geholt, um zu einem Kranken in Georges Schießgalerie zu kommen.«

»Die gedämpften Trommeln«, sagte Mr. George zu Richard und mir und schüttelte ernst den Kopf. »Es ist schon richtig, Sir. Haben Sie die Güte, einzutreten.«

Die Türe wurde jetzt von einem sehr seltsam aussehenden kleinen Mann in einer grünwollenen Mütze und Schürze geöffnet, dessen Gesicht, Hände und Kleider über und über geschwärzt waren, und wir gingen durch einen öden Gang in ein großes Gebäude mit kahlen Ziegelwänden, wo Scheiben und Gewehre, Säbel und andere Dinge dieser Art herumhingen. Als wir dort angekommen waren, blieb der Arzt stehen, nahm seinen Hut ab und schien wie durch Zauberei verschwunden und durch einen andern von ihm ganz verschiednen Herrn ersetzt worden zu sein.

»Nun, sehen Sie mich mal an, George«, sagte er, drehte sich rasch gegen den Kavalleristen um und tippte ihm mit seinem langen Zeigefinger auf die Brust. »Sie kennen mich, und ich kenne Sie. Sie sind ein Mann von Welt, und ich bin ein Mann von Welt. Ich heiße Bucket, wie Sie wissen, und habe einen Vorführungsbefehl gegen Gridley. Sie haben ihn lange Zeit versteckt gehalten und es sehr schlau angefangen. Es macht Ihnen Ehre.«

Mr. George sah ihn bös an, biß sich in die Lippen und schüttelte den Kopf.

»Hören Sie, George, Sie sind ein verständiger Mann und unbescholten. Das sind Sie, darüber ist kein Zweifel. Und merken Sie wohl, ich spreche nicht zu Ihnen wie zu einem gewöhnlichen Menschen, denn Sie haben dem Vaterland gedient und wissen, daß man gehorchen muß, wenn die Pflicht ruft. Daher fällt es Ihnen auch gar nicht ein, Anstände zu machen. Wenn ich Beistand brauche, würden Sie ihn mir sogar leisten. Ja, das würden Sie tun. Phil Squod, schleichen Sie mir nicht so in der Galerie herum.« Der pulvergeschwärzte kleine Mann schob sich nämlich mit der Schulter an der Wand entlang und heftete sein Auge in höchst drohender Weise auf den Eindringling. »Ich kenne Sie, und es paßt mir nicht.«

»Phil!« rief Mr. George.

»Ja, Govneur.«

»Ruhig sein.«

Mit einem tiefen Brummen blieb der kleine Mann stehen.

»Meine Damen und Herren«, fuhr Mr. Bucket fort, »Sie müssen entschuldigen, wenn Ihnen alles das etwas peinlich ist, aber ich bin der Inspektor Bucket von der Geheimpolizei und muß meine Pflicht tun. George, ich weiß, wo mein Mann ist. Ich war vorige Nacht auf dem Dach und habe ihn durchs Deckenfenster gesehen und Sie bei ihm. Er ist dort drin. Sie wissen schon. Dort drin auf einem Sofa. Ich muß jetzt meinen Mann sehen und ihm sagen, daß er sich als verhaftet zu betrachten hat. Aber Sie kennen mich und wissen, daß ich keine peinlichen Maßregeln ergreifen werde. Sie geben mir Ihr Wort, wie es ein Mann dem andern gibt, und auch als alter Soldat, daß es eine Ehrensache zwischen uns ist, und ich will Ihnen, wie ich irgend kann, entgegenkommen.«

»Ich gebe es Ihnen«, war die Antwort. »Aber es war nicht schön von Ihnen, Mr. Bucket.«

»Dummes Zeug, George! Nicht schön?« sagte Mr. Bucket, tippte dem Kavalleristen wieder auf die breite Brust und schüttelte ihm die Hand. »Sage ich vielleicht, es sei nicht schön gewesen, daß Sie meinen Mann so versteckt gehalten haben? Machen Sie mir doch ein freundliches Gesicht, alter Junge, alter Wilhelm Tell! Alter Leibgardist! Wahrhaftig, er ist ganz für sich allein ein Muster der ganzen britischen Armee, meine Herrschaften. Ich gäbe eine Fünfzigpfundnote, wenn ich seine Finger hätte.«

Nachdem sich Mr. George die Sache ein wenig überlegt hatte, schlug er vor, er wolle zuerst zu seinem Kameraden, wie er ihn nannte, hineingehen und Miß Flite mitnehmen. Mr. Bucket gab seine Zustimmung, und sie gingen nach dem andern Ende der Galerie, während wir um den mit Gewehren bedeckten Tisch herumsaßen und – standen. Mr. Bucket nahm die Gelegenheit wahr, um in leichtem Konversationston eine Unterhaltung zu beginnen, fragte mich, ob ich mich vor Gewehren fürchte wie die meisten jungen Damen, fragte Richard, ob er ein guter Schütze sei, und Phil Squod, welche wohl die beste unter den Büchsen sei, und was sie neu kosten möge, und riet ihm im Laufe des Gesprächs, sich nie von seinem Temperament fortreißen zu lassen, zumal er doch von Natur so freundlich sei wie ein junges Mädchen.

Nach einer Weile folgte er uns an das andre Ende der Galerie, und Richard und ich wollten uns eben ruhig entfernen, als Mr. George uns nachkam. Er sagte, wenn wir nichts dagegen hätten, seinen Kameraden zu sehen, so würde sich dieser gewiß sehr darüber freuen. Kaum hatte er ausgesprochen, da läutete es, und mein Vormund erschien. Auf die Möglichkeit hin, bemerkte er, einem armen Mann, der unter demselben Mißgeschick wie er selbst leide, einen kleinen Dienst erweisen zu können. Wir kehrten alle vier um und traten in den Verschlag, wo Gridley lag.

Es war ein kahler Raum, von der Galerie durch einen rohen Bretterverschlag abgeteilt. Da die Scheidewand nicht höher als acht oder zehn Fuß war und nicht bis zur Decke reichte, nahm man hoch oben die Dachbalken wahr und die Luke, durch die Mr. Bucket hineingesehen hatte. Die Sonne stand bereits tief und ging eben unter, und ihr Licht schien rot oben durchs Fenster, ohne den Boden zu erreichen. Auf einem einfachen, mit Leinwand überzogenen Sofa lag der Mann aus Shropshire, ziemlich so gekleidet, wie wir ihn zuletzt gesehen, aber so verändert, daß ich sein farbloses Gesicht anfangs gar nicht wiedererkannte.

Er hatte in seinem Versteck immer noch geschrieben und Stunde für Stunde über dem Gegenstand seines Kummers gebrütet. Ein Tisch und einige Regale waren mit Manuskripten, mit alten Federn und einem bunten Haufen ähnlicher Dinge bedeckt. In rührender und zugleich grauenerregender Freundschaft saßen er und die kleine Verrückte nebeneinander, sozusagen allein in ihrer Welt. Sie saß auf einem Stuhle und hielt seine Hand in der ihren, und keiner von uns trat näher an sie heran. Mit dem Verschwinden seines alten Gesichtsausdrucks, seiner Kraft, seines Zornes, seines Widerstandes gegen das Unrecht, das ihn zuletzt doch zu Boden geworfen hatte, war auch seine Stimme schwach geworden. Er war nur mehr der Schatten des Mannes aus Shropshire, den wir früher gekannt.

Er nickte Richard und mir müde zu und sagte zu meinem Vormund:

»Mr. Jarndyce, es ist sehr freundlich von Ihnen, mich besuchen zu kommen. Man wird mich nicht mehr oft besuchen kommen, glaube ich. Es macht mir Freude, Ihnen die Hand drücken zu können, Sir. Sie sind ein braver Mann, über Ungerechtigkeit erhaben, und Gott weiß, wie hoch ich Sie schätze.«

Sie schüttelten sich ernst die Hand, und mein Vormund sagte ihm einige Worte des Trostes.

»Es mag Ihnen vielleicht seltsam erscheinen, Sir, aber ich würde mich in meinem jetzigen Zustand hier nicht gerne von Ihnen haben sehen lassen, wenn wir uns nicht schon früher kennen gelernt hätten. Aber Sie wissen, daß ich gekämpft habe. Sie wissen, daß ich mich als einzelner gegen sie alle gestemmt habe. Sie wissen, daß ich ihnen bis zuletzt ins Gesicht gesagt habe, was sie sind und was sie mir angetan haben, drum mache ich mir nichts daraus, daß Sie mich jetzt als Wrack hier sehen.«

»Sie haben Ihren Mut oft genug bewiesen«, tröstete ihn mein Vormund.

»Ja, Sir, das habe ich«, Mr. Gridley lächelte schwach. »Ich sagte Ihnen, wie es kommen würde, wenn ich damit aufhörte, und schauen Sie her. Sehen Sie uns beide an.« Er zog Miß Flites Hand durch seinen Arm und brachte sie sich dadurch etwas näher.

»Das ist das Ende. Von allen meinen alten Bekannten, von allen meinen alten Hoffnungen und Bestrebungen, von der ganzen lebendigen und toten Welt ist diese arme Seele meine einzige natürliche Gefährtin, zu der ich passe. Zwischen uns besteht ein Band seit vielen leidensvollen Jahren, und es ist das einzige Band auf Erden, das das Kanzleigericht noch nicht zerrissen hat.«

»Nehmen Sie meinen Segen, Gridley!« sagte Miß Flite unter Tränen. »Nehmen Sie meinen Segen!«

»Ich brüstete mich damit, sie würden mir nie das Herz brechen können, Mr. Jarndyce. Ich war entschlossen, es sollte ihnen nicht gelingen. Ich glaubte, ich würde ihnen solange vorwerfen können, welch dummes Gaukelspiel sie trieben, bis ich an einer Krankheit des Körpers stürbe. Aber ich bin abgenutzt. Wie lang die Zerbröcklung gedauert hat, weiß ich nicht. Es war mir, als ob ich in einer einzigen Stunde zusammenbräche. Ich hoffe, sie werden es nie erfahren. Ich hoffe, Sie werden sie, alle die Sie hier sind, glauben machen, daß ich ihnen noch auf dem Totenbette getrotzt habe wie die langen Jahre hindurch.«

Hier kam ihm Mr. Bucket, der in einem Winkel in der Tür saß, gutmütig tröstend zu Hilfe.

»Ach, lassen Sie doch«, sagte er aus seiner Ecke heraus. »Reden Sie doch nicht so, Mr. Gridley. Sie sind ein wenig niedergedrückt. Das sind wir alle manchmal. Ich bin's auch. Kopf hoch! Sie werden sich noch oft genug mit der ganzen Kohorte herumzanken, und ich werde noch ein paar Dutzend Vorführungsbefehle gegen Sie bekommen, wenn ich Glück habe.«

Gridley schüttelte den Kopf.

»Schütteln Sie nicht den Kopf. Nicken Sie. Das möchte ich von Ihnen sehen. O du mein Himmel, was haben wir alles zusammen erlebt! Habe ich Sie nicht immer und immer wieder in der Fleet gesehen wegen Beleidigung von Amtspersonen? Bin ich nicht zwanzig Nachmittage im Gerichtshof gewesen, bloß um zu sehen, wie Sie wie eine Bulldogge den Kanzler angingen? Wissen Sie nicht mehr, wie Sie zuerst die Advokaten zu bedrohen anfingen und jede Woche ein paar Mal ein Friedensbruch gegen Sie bezeugt wurde? Fragen Sie die kleine alte Dame da. Sie war immer dabei. Kopf hoch, Mr. Gridley! Kopf hoch, Mann!«

»Was wollen Sie mit ihm machen?« fragte George mit leiser Stimme.

»Ich weiß es noch nicht«, antwortete Bucket ebenfalls flüsternd. Dann fuhr er mit seinem Zureden wieder laut fort:

»Abgenutzt, Mr. Gridley, nachdem Sie mich wochenlang an der Nase herumgeführt und gezwungen haben, wie eine Katze auf das Dach zu klettern und als Arzt verkleidet mich hereinzuschleichen? So sieht jemand, der fertig ist, nicht aus. Ich glaube das nicht. Ich will Ihnen sagen, was Sie brauchen. Sie brauchen Aufregung, verstehen Sie, um sich aufrecht zu erhalten. Das ist's, was Sie brauchen. Sie sind daran gewöhnt und können ohne das nicht leben. Mir würde es gerade so gehen. Sehen Sie, hier ist der Vorführungsbefehl, erwirkt von Mr. Tulkinghorn in Lincoln's-Inn-Fields und seitdem auf ein halb Dutzend Grafschaften ausgedehnt. Was meinen Sie dazu, wenn Sie mit mir kämen und sich mit dem Friedensrichter tüchtig herumzankten? Es würde Sie aufmuntern und Ihnen zu einem neuen Kampf mit dem Kanzler frische Kräfte geben. Fertig sein! Ich muß mich wirklich wundern, einen Mann von Ihrer Energie so etwas sagen zu hören. Das dürfen Sie doch gar nicht. Ohne Sie ist die Komödie im Kanzleigerichtshof nicht halb so fidel. George, reichen Sie Mr. Gridley die Hand und versuchen Sie, ob es ihm nicht besser täte, wenn er aufsteht.«

»Er ist zu schwach.«

»Wirklich?« fragte Bucket besorgt. »Ich möchte ihn irgendwie aufmuntern. Ich sehe nicht gern einen alten Bekannten so zusammenbrechen. Es würde ihn mehr als alles andere stärken, wenn ich ihn ein bißchen wütend auf mich machen könnte. Er soll nur über mich herfallen, soviel er mag. Ich werde es ihm wahrhaftig nicht nachtragen.«

Das Dach hallte von einem Schrei Miß Flites wider. Jetzt klingt er noch in meinen Ohren.

»Nein, nein, Gridley«, schrie sie, als der Kranke schwer und lautlos vor ihr zurücksank. »Nicht ohne meinen Segen nach so vielen Jahren!«

Die Sonne war untergegangen und das Licht allmählich von dem Dach verschwunden, und Schatten krochen die Wände empor. Für mich fiel der Schatten dieser zwei Personen, die eine lebendig, die andere tot, trüber auf Richards Abreise als die Finsternis der dunkelsten Nacht. Und durch Richards Abschiedsworte klangen mir die Worte in den Ohren:

»Von allen meinen alten Bekannten, von allen meinen alten Hoffnungen und Bestrebungen, von der ganzen lebendigen und toten Welt ist diese arme Seele meine einzige natürliche Gefährtin, zu der ich passe. Zwischen uns besteht ein Band seit vielen leidensvollen Jahren, und es ist das einzige Band auf Erden, das das Kanzleigericht noch nicht zerrissen hat.«

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