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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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23. Kapitel

Esthers Erzählung

Nach sechs vergnüglich verlebten Wochen kehrten wir von Mr. Boythorn wieder nach Hause zurück. Wir waren oft im Park und im Walde gewesen und selten vor der Hütte des Parkhüters vorbeigegangen, ohne ein paar Worte mit seiner Frau zu sprechen; aber Lady Dedlock bekamen wir weiter nicht zu Gesicht, außer sonntags in der Kirche. Es waren Gäste in Chesney Wold, und obgleich viele schöne Gesichter sie umgaben, übte ihr Antlitz immer noch denselben Einfluß auf mich aus wie das erste Mal. Selbst jetzt weiß ich nicht recht, war der Einfluß peinlich oder angenehm für mich. Zog er mich zu ihr hin oder stieß er mich von ihr ab! Ich glaube, meine Bewunderung war mit einer gewissen Furcht gemischt, und ich weiß, daß in ihrer Anwesenheit meine Gedanken stets wie das erste Mal zu jener längst vergangnen Zeit meines Lebens zurückwanderten.

An mehr als einem Sonntag schien es mir, ich könnte vielleicht auf Lady Dedlock ebenso wirken wie sie auf mich –, ich meine, daß ich ihren Gedankengang vielleicht ebenso störte, wie sie den meinen beeinflußte. Aber jedes Mal, wenn ich einen verstohlenen Blick auf sie warf und sie so ruhig und kühl und unnahbar dasitzen sah, fühlte ich, daß das eine törichte Einbildung war. Überhaupt merkte ich, daß mein ganzes Denken und Fühlen in bezug auf sie unvernünftig und haltlos war, und machte mir innerlich darüber manchen Vorwurf.

Ein Vorfall, der sich ereignete, bevor wir Mr. Boythorn verließen, findet wohl am besten gleich hier Erwähnung.

Ich ging mit Ada im Garten spazieren, als man mir meldete, jemand wünsche mich zu sprechen. Ich trat in das Frühstückszimmer, in das man die Person geführt hatte, und fand dort die französische Zofe, die an dem Tag des Gewitters die Schuhe ausgezogen hatte und durch das nasse Gras gegangen war.

»Mademoiselle«, fing sie an und fixierte mich mit ihren scharfen Augen ein wenig zu sehr, als daß es sich mit ihrer sonst angenehmen Erscheinung und ihrem weder frechen noch kriecherischen Benehmen gut vertragen hätte. »Ich nehme mir eine große Freiheit, indem ich hierher komme, aber Sie werden es gewiß entschuldigen, da Sie so liebenswürdig sind, Mademoiselle.«

»Sie brauchen sich durchaus nicht zu entschuldigen, wenn Sie mit mir zu sprechen wünschen«, sagte ich.

»Ja, das wünsche ich. Tausend Dank für die freundliche Erlaubnis. Ich darf also sprechen. Nicht wahr?« sagte sie rasch und natürlich.

»Gewiß.«

»Mademoiselle, Sie sind so liebenswürdig! Hören Sie mich, bitte, an. Ich habe Myladys Dienst verlassen. Wir konnten nicht miteinander auskommen. Mylady trägt den Kopf hoch. Außerordentlich hoch. Pardon! Mademoiselle, Sie haben recht!« Ihre schnelle Auffassung erriet, was ich hatte sagen wollen. »Es ziemt sich nicht für mich, hierherzukommen und Klage über Mylady zu führen. Aber ich sage nur, sie trägt den Kopf hoch, außerordentlich hoch. Weiter sage ich kein Wort. Alle Welt weiß das.«

»Bitte, fahren Sie fort!«

»Sogleich, Mademoiselle. Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Höflichkeit. Mademoiselle, ich hätte den glühenden Wunsch, bei einer jungen Dame, die gebildet ist und schön ist, einen Dienst zu bekommen. Sie sind gut, gebildet und schön wie ein Engel. Ach, wenn ich die Ehre haben könnte, in Ihre Dienste treten zu dürfen!«

»Es tut mir wirklich leid...« begann ich.

»Weisen Sie mich nicht so rasch zurück, Mademoiselle«, sagte sie und zog unwillkürlich ihre schönen schwarzen Augenbrauen zusammen. »Lassen Sie mich wenigstens hoffen – nur einen Moment! Mademoiselle, ich weiß, die Stelle bei Ihnen würde stiller sein als die, die ich verlassen habe. Aber grade das hätte ich gerne. Ich weiß, diese Stelle würde weniger angesehen sein als meine vorige. Aber das wäre gerade mein Wunsch. Ich weiß, daß ich mich an Lohn schlechter stünde. Gut. Ich bin zufrieden.«

»Ich versichere Ihnen«, sagte ich, schon von dem bloßen Gedanken, eine solche Gesellschafterin um mich zu haben, ganz verwirrt, »daß ich überhaupt keine Kammerfrau halte und...«

»Ach Mademoiselle, warum nicht? Warum nicht, wenn Sie jemand haben können, der Ihnen anhänglich ist, der Ihnen mit Freuden dienen würde, treu, eifrig und verläßlich! Mademoiselle, ich möchte bei Ihnen wirklich von Herzen gern dienen. Reden Sie jetzt nicht von Geld. Nehmen Sie mich, so, wie ich vor Ihnen stehe. Umsonst.«

Sie war so merkwürdig ernst, daß ich einen Schritt zurücktat, denn ich fürchtete mich fast vor ihr. Ohne es in ihrem Eifer zu merken, drängte sie sich mir immer noch auf und sprach mit rascher, unterdrückter Stimme, aber immer mit einer gewissen Anmut und voll Anstand.

»Mademoiselle, ich bin aus dem Süden, wo man schnell entschlossen ist und liebt oder haßt. Mylady trug den Kopf zu hoch für mich, und ich tat es auch. Es ist geschehen. Vorbei. Aus. Nehmen Sie mich als Ihre Zofe an, und ich will Ihnen gut dienen. Ich will mehr für Sie tun, als Sie sich jetzt vorstellen können. Gut! Mademoiselle, verlassen Sie sich darauf! Ich sage Ihnen, ich werde mein Allermöglichstes in allem und jedem tun! Wenn Sie meine Dienste annehmen, werden Sie es nicht bereuen. Mademoiselle, Sie werden es nicht bereuen, und ich werde Ihnen nützlich sein. Sie wissen nicht, wie nützlich.«

In ihrem Gesicht drückte sich eine drohende Energie aus, während ich ihr auseinandersetzte, daß es mir rein unmöglich sei, sie in meine Dienste zu nehmen. Ihr Anblick erinnerte mich an das Bild eines Weibes in den Straßen von Paris während der Schreckenszeit. Sie hörte mich ohne Unterbrechung an und sagte dann mit ihrem hübschen Akzent und mit ihrer sanftesten Stimme: »Nun gut, Mademoiselle, ich habe meine Antwort! Es tut mir leid. Ich muß also anderswo suchen, was ich hier nicht gefunden habe. Würden Sie mir gütigst erlauben, Ihnen die Hand zu küssen?«

Sie sah mich noch aufmerksamer an, als sie meine Hand nahm, und schien sich einen Augenblick jede Ader genau merken zu wollen. »Ich fürchte, Sie haben sich über mich gewundert an jenem Gewittertag, Mademoiselle?« sagte sie und verbeugte sich zum Abschied noch einmal.

Ich gab zu, daß wir uns alle gewundert hätten.

»Ich habe ein Gelübde getan, Mademoiselle«, sagte sie lächelnd, »und wollte es meinem Gedächtnis einprägen, damit ich es getreulich erfülle. Und das werde ich auch. Adieu, Mademoiselle!«

So endete unsere Unterredung, und, wie ich gestehen muß, zu meiner großen Erleichterung. Sie reiste wahrscheinlich ab, denn ich bekam sie nicht mehr zu Gesicht. Und nichts störte weiter unsre stillen Sommervergnügungen, bis sechs Wochen verstrichen waren und wir nach Hause zurückkehrten.

Damals und viele Wochen nachher noch besuchte uns Richard sehr häufig. Außer, daß er jeden Samstag kam und bis Montag bei uns blieb, ritt er oft unerwartet herüber, brachte den Abend bei uns zu und ritt am nächsten Morgen früh wieder zurück. Er war so lebhaft wie immer und erzählte uns, daß er sehr fleißig sei. Aber trotzdem war ich innerlich nicht ohne Besorgnis. Es schien mir, als ob er in einer falschen Richtung tätig sei. Ich konnte nicht entdecken, daß sein Fleiß zu etwas anderm führte als zur Erweckung trügerischer Hoffnungen hinsichtlich des Prozesses, der schon die verderbliche Ursache so vieler Schmerzen und Leiden geworden war. Er sei jetzt in den Kern des Geheimnisses eingedrungen, sagte er uns, und nichts könne klarer sein, als daß das Testament, nach dem er und Ada, ich weiß nicht, wie viele tausend Pfund, erben sollten, endlich anerkannt werden müßte, wenn der Kanzleigerichtshof nur einen Funken Verstand oder Gerechtigkeit besäße, und daß dieser glückliche Abschluß nicht mehr lange auf sich warten lassen könne. Das bewies er sich durch all die ermüdenden Argumente, die er gelesen hatte, und jedes derselben stürzte ihn nur noch tiefer in seine Verblendung. Er hatte sogar angefangen, die Gerichtssitzungen regelmäßig zu besuchen. Er erzählte uns, daß er täglich Miß Flite dort sähe, daß sie sich miteinander unterhielten und er ihr kleine Gefälligkeiten erweise und sie von ganzem Herzen bemitleide, wenn er auch innerlich über sie lächeln müsse.

Er dachte keinen Augenblick daran, der arme, liebe, sanguinische Richard, damals so vielen Glückes fähig und mit einer so viel bessern Zukunft vor sich, welch verhängnisvolle Kette sich zwischen seiner frischen Jugend und ihrem welken Alter schlang, zwischen seinen hohen Hoffnungen und ihren in Käfigen hintrauernden Vögeln und ihrem ärmlichen Dachstübchen und ihrem irren Geist.

Ada liebte ihn zu sehr, um ihm in irgend etwas, was er sagte oder tat, zu mißtrauen, und mein Vormund klagte zwar häufig über Ostwind und las mehr als gewöhnlich im Brummstübchen, beobachtete aber sonst strengstes Stillschweigen über dieses Thema. Als ich daher eines Tages Caddy Jellyby auf ihre Bitte einen Besuch in London machte, kam ich auf den Einfall, mich von Richard im Landkutschenbureau abholen zu lassen, um mit ihm ein wenig über seine Angelegenheiten zu plaudern. Ich fand ihn bei meiner Ankunft dort, und wir gingen Arm in Arm fort.

»Nun, Richard«, sagte ich, sobald ich anfangen konnte, mit ihm ernst zu sprechen, »arbeiten Sie sich jetzt ein?«

»O ja, liebe Esther«, entgegnete Richard. »So ziemlich.«

»Ich meine, haben Sie ordentlich Wurzel gefaßt?«

»Wie meinen Sie das, Wurzel gefaßt?« fragte er mit seinem heitern Lachen.

»In der Jurisprudenz Wurzel gefaßt.«

»O ja. Es macht sich.«

»Das haben Sie schon vorhin gesagt, lieber Richard.«

»Und Sie halten es für keine ausreichende Antwort, wie? Nun, da haben Sie vielleicht recht. Wurzel gefaßt? Sie meinen, ob ich mit ganzem Herzen bei der Sache bin?«

»Ja.«

»Nun, nein. Das kann ich nicht gerade behaupten, weil man nicht ordentlich anfangen kann, solange sich die Angelegenheit in einem so unklaren Stadium befindet. Wenn ich sage Angelegenheit, so meine ich natürlich damit – das verbotene Thema.«

»Glauben Sie wirklich, der Prozeß könne jemals aus dem unklaren Stadium herauskommen?«

»Daran ist doch kein Zweifel.«

Wir gingen eine Weile stumm nebeneinander her; dann redete mich Richard in seiner offenherzigsten Weise an:

»Meine liebe Esther, ich verstehe Sie ganz gut und wünschte bei Gott, ich wäre ein beständigerer Mensch. Ich meine nicht beständig in bezug auf Ada, denn ich liebe sie aufs innigste – mehr und mehr von Tag zu Tag –, aber beständiger in bezug auf mich selbst. Vielleicht drücke ich mich nicht richtig aus, aber Sie werden mich schon verstehen. Wenn ich ein beständigerer Mensch wäre, hätte ich entweder bei Badger oder bei Kenge & Carboy festgehalten wie der grimme Tod und wäre jetzt solid und gesetzt geworden und hätte keine Schulden und...«

»Haben Sie Schulden, Richard?«

»Ja. Ein paar, liebe Esther. Auch habe ich mir etwas zu sehr das Billardspielen angewöhnt und ähnliches. Jetzt ist's draußen. Sie verabscheuen mich, Esther, nicht wahr?«

»Sie wissen, daß dies nicht der Fall ist«, sagte ich.

»Sie sind nachsichtiger gegen mich, als ich es oft selbst bin. Liebe Esther, ich bin ein armer Hund, daß ich nicht zur Ruhe kommen kann. Aber wie kann ich es denn? Wenn Sie in einem unvollendeten Hause wohnen müßten, würden Sie darin nicht zur Ruhe kommen können, und wenn Sie verurteilt wären, alles, was Sie anfingen, halbfertig liegen lassen zu müssen, wären Sie auch nicht imstande, sich einer Sache ernstlich zu widmen. Ich bin in diesen endlosen Rechtsstreit mit all seinen wechselnden Chancen hineingeboren worden, und er hat mich aus dem Gleichgewicht zu bringen begonnen, ehe ich noch recht wußte, was ein Prozeß ist. Er hat mich seitdem nie mehr recht wieder ins Geleise kommen lassen. Hier stehe ich nun manchmal, von der Überzeugung durchdrungen, daß ich gar nicht wert bin, meine vertrauensvolle Kusine Ada zu lieben.«

Wir waren an einer menschenleeren Stelle angelangt, und er bedeckte die Augen mit seiner Hand und schluchzte.

»Richard, nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen! Sie haben eine vornehme Denkungsweise, und der Gedanke an Ada kann Sie jeden Tag ihrer würdiger machen.«

»Ich weiß das, liebe Esther«, antwortete er und drückte mir den Arm. »Ich weiß das alles. Sie dürfen sich nicht wundern, daß ich jetzt ein bißchen weich bin, aber die Geschichte hat mir lange Zeit auf der Seele gelegen, und ich wollte oft mit Ihnen darüber sprechen, aber manchmal hat mir die Gelegenheit und oft der Mut dazu gefehlt. Ich weiß, daß der Gedanke an Ada mich ändern sollte, aber er tut es nicht. Ich bin zu unbeständig. Ich liebe sie auf das innigste, und dennoch handle ich jeden Tag und jede Stunde unrecht an ihr und an mir. Aber das kann nicht ewig dauern. Wir müssen endlich zu einem Schlußtermin kommen und zu einem Urteil zu unsern Gunsten. Und dann sollen Sie und Ada sehen, was ich in Wirklichkeit sein kann.«

Es hatte mir einen Stich ins Herz gegeben, als ich ihn schluchzen hörte und die Tränen zwischen seinen Fingern durchdringen sah, aber es war mir unendlich weniger schmerzlich als die Hoffnungsfreude, mit der er die letzten Worte sprach.

»Ich habe die Akten gründlich studiert, Esther, mich monatelang in sie vertieft«, fuhr er mit seiner alten Heiterkeit wieder fort, »und Sie können sich darauf verlassen, daß wir gewinnen müssen. Was langes Warten betrifft, hat es daran nicht gefehlt, Gott weiß. Um so wahrscheinlicher, daß die Sache rasch zu Ende geht. Sie steht sogar heute auf der Tagesordnung. Es wird zuletzt alles gut werden, und dann sollen Sie sehen.«

Da ich ihn soeben Kenge & Carboy in dieselbe Kategorie mit Mr. Badger hatte stellen hören, fragte ich ihn, wann er beabsichtige, sich in Lincoln's-Inn einschreiben zu lassen.

»Das ist's ja eben! Ich denke gar nicht daran, Esther«, erwiderte er gezwungen. »Ich glaube, ich habe die Sache dick. Ich habe im Falle 'Jarndyce kontra Jarndyce' wie ein Galeerensklave gearbeitet und vorläufig meinen Durst nach Jurisprudenz gelöscht und mich überzeugt, daß ich mich nicht dafür eigne. Außerdem finde ich, daß es mich nur noch unruhiger macht, immerwährend auf dem Schauplatz der Handlung zu sein. Worauf richten sich nun naturgemäß meine Gedanken?« fuhr Richard fort, im Laufe seiner Rede wieder zuversichtlich geworden.

»Ich kann es nicht erraten.«

»Machen Sie kein so ernstes Gesicht! Es ist jedenfalls das Beste«, entgegnete Richard, »was ich tun kann, liebe Esther, das ist sicher. Ich brauche doch keinen Beruf im Leben zu haben, um versorgt zu sein. Der Prozeß muß endlich zu Ende gehen, und dann bin ich geborgen. Nein! Ich betrachte die Jurisprudenz als einen Beruf, der für mich nur vorübergehend ist und zu meiner zeitweiligen Lage, ich möchte sagen, vortrefflich paßt. Worauf richten sich nun naturgemäß meine Gedanken?«

Ich sah ihn an und schüttelte den Kopf.

»Auf was sonst«, sagte Richard im Tone tiefster Überzeugung, »als auf die Armee.«

»Auf die Armee?«

»Auf die Armee, natürlich. Ich brauche mir nur ein Patent zu verschaffen, und fertig.«

Und dann bewies er mir durch ausführliche Berechnungen in seinem Notizbuch, daß – vorausgesetzt, er habe zweihundert Pfund Schulden in sechs Monaten gemacht, noch vor seinem Eintritt in die Armee, und als Offizier in einem entsprechenden Zeitraum gar keine weitern – denn dazu sei er fest entschlossen –, daß diese veränderte Lebensweise eine Ersparnis von vierhundert Pfund jährlich oder zweitausend Pfund in fünf Jahren bewirken müsse, was schon eine recht beträchtliche Summe sei. Und dann sprach er so offen und aufrichtig von dem Opfer, das er bringen wolle, indem er sich eine Zeitlang von Ada fernhalte, und von dem Ernst, der ihn jetzt erfülle, ihre Liebe zu vergelten, sie glücklich zu machen und alle seine Fehler abzulegen und ein Mann von Energie und Festigkeit zu werden, daß mir wirklich das Herz weh tat. Ich dachte bei mir, wie würde und könnte das alles enden, wo alle seine hohen Eigenschaften so bald und so sicher von dem Gifthauch getroffen werden mußten, der alles, was er berührte, zugrunde richtete.

Ich sprach mit Richard mit dem ganzen Ernst, der mich erfüllte, und bat ihn um Adas willen, nicht seine Hoffnung auf den Kanzleigerichtsprozeß zu setzen. Allem, was ich sagte, stimmte Richard bereitwillig bei. Nur über den Gerichtshof und was damit zusammenhing ging er leicht hinweg und entwarf die glänzendsten Schilderungen von dem Beruf, dem er sich widmen wollte, wenn der böse Prozeß einmal aufgehört haben würde, seine Gedanken gefangen zu halten. Wir hatten ein langes Gespräch, aber im Wesen drehte es sich immer wieder um denselben Punkt.

Endlich erreichten wir Soho-Square, welchen Platz Caddy Jellyby als einen stillen Ort in der Nähe von Newmanstreet zum Stelldichein bestimmt hatte.

Caddy ging in dem Park in der Mitte des Platzes spazieren und eilte uns entgegen, sobald sie uns erblickte. Nach einigen fröhlichen Worten ließ uns Richard allein.

»Prince hat in der Nähe Unterricht zu geben, Esther«, sagte Caddy, »und hat sich den Gartenschlüssel für uns geben lassen. Wenn du daher mit mir hier spazieren gehen willst, können wir uns einschließen, und ich kann dir in Ruhe erzählen, weshalb ich dein liebes gutes Gesicht so bald wieder zu sehen wünschte.«

»Sehr gut, liebe Caddy«, sagte ich. »Das ist ein prächtiger Einfall.«

Caddy verschloß, nachdem sie das »liebe gute Gesicht«, wie sie es nannte, liebreich geküßt hatte, das Gitter, nahm meinen Arm, und wir gingen gemütlich im Garten spazieren.

»Du mußt wissen, Esther«, begann Caddy, die immer eine Vorliebe für Vertraulichkeit hatte, »als du mir sagtest, es sei Unrecht, ohne Ma's Wissen zu heiraten oder sie über unser Verlöbnis in Unwissenheit zu lassen – wenn ich auch nicht annehme, daß sie sich viel um mich kümmert –, glaubte ich deine Äußerung Prince mitteilen zu müssen. Erstens, weil ich aus allem, was du mir sagst, profitieren möchte, und zweitens, weil ich keine Geheimnisse vor Prince habe.«

»Ich hoffe, er hat mir beigestimmt, Caddy.«

»Und wie! Ich versichere dir, er würde dir in allem und jedem beistimmen. Du hast keine Idee, welch hohe Meinung er von dir hat.«

»Wirklich?«

»Esther, jede andere als mich würde es eifersüchtig machen«, lachte Caddy und schüttelte den Kopf. »Aber ich freue mich nur darüber, denn du bist meine erste Freundin und die beste, ich jemals haben werde. Und niemand kann dich genug achten und lieben, wenn er mir gefallen will.«

»Mein Wort, Caddy«, sagte ich, »ihr habt euch wohl alle zusammen verschworen, mich eingebildet zu machen? Nun, was wolltest du sagen?«

»Wir sprachen also ausführlich darüber, und ich sagte zu Prince: 'Prince, da Miß Summerson...'«

»Ich hoffe doch nicht Miß Summerson?«

»Nein, allerdings nicht!« rief Caddy fröhlich. »Ich sagte: Esther. Ich sagte zu Prince: Da Esther entschieden dieser Meinung ist, Prince, und sie gegen mich ausgesprochen hat und stets darauf anspielt in den freundlichen Briefchen, die du dir so gern von mir vorlesen läßt, so bin ich bereit, Mama alles zu gestehen, sobald du die Zeit für geeignet hältst.

Und ich glaube, Prince, daß Esther der Meinung ist, ich stünde besser und ehrenhafter da, wenn du es zugleich deinem Papa sagtest.«

»Ja, liebe Caddy«, rief ich. »Esther ist ganz gewiß dieser Ansicht.«

»So hatte ich also recht! Siehst du! Nun also! Das beunruhigte Prince sehr. Nicht, daß er im mindesten andrer Meinung gewesen wäre, sondern weil er soviel Rücksicht auf die Gefühle seines Vaters nimmt und befürchtet, dem alten Mr. Turveydrop würde das Herz brechen oder er könnte in Ohnmacht fallen oder die Sache könnte ihn in irgendeiner andern Art überwältigen. Er fürchtete, der alte Mr. Turveydrop würde es als Pflichtvergessenheit auffassen und eine große seelische Erschütterung davontragen. Du mußt nämlich wissen, Esther, Mr. Turveydrop ist bei seinem hervorragenden Anstand ungemein sensitiv.«

»Wirklich, liebe Caddy?«

»O, außerordentlich sensitiv. Prince sagt es immer. Nur das war die Ursache, daß mein liebes Kind...« Caddy entschuldigte sich, über und über errötend, »...ich nenne gewöhnlich Prince mein liebes Kind.«

Ich lachte; und Caddy lachte und wurde rot und fuhr fort:

»Dies hat ihn veranlaßt, Esther.«

»Wen veranlaßt, meine Liebe?«

»O du Boshafte!« Caddys hübsches Gesicht wurde feuerrot. »Mein liebes Kind, also, wenn du darauf bestehst... Das hat ihm wochenlang Sorge gemacht und ihn veranlaßt, es von Tag zu Tag hinauszuschieben. Endlich sagte er zu mir: Caddy, wenn Miß Summerson, auf die mein Vater große Stücke hält, sich bewegen ließe, mit dabei zu sein, wenn ich es ihm entdecke, glaube ich, könnte ich es tun. So versprach ich ihm denn, dich zu fragen. Ich möchte außerdem«, sagte Caddy und sah mich voll Hoffnung, aber furchtsam an, »wenn es dir recht wäre, später mit dir zu Mama gehen. Das meinte ich, als ich in meinem Brief schrieb, ich wollte dich um eine große Gunst und um deinen Beistand bitten. Und wenn du glaubst, du könntest mir meinen Wunsch erfüllen, Esther, würden wir beide dir von Herzen dankbar sein.«

»Wir werden sehen, Caddy«, sagte ich und tat, als ob ich überlegte. »Ich glaube wirklich, wenn es drauf ankäme, könnte ich Schwereres als das vollbringen. Ich stehe dir und dem lieben Kind natürlich gern zur Verfügung, liebe Caddy.«

Caddy war ganz entzückt, empfand sie doch jeden kleinen Freundschaftsdienst so tief wie wohl je ein zärtliches Herz, das auf dieser Erde geschlagen hat. Und nachdem wir noch ein paar Mal im Garten auf und ab gewandelt waren, zog sie sich ein Paar funkelnagelneue Handschuhe an, wie sie sich denn überhaupt nach Möglichkeit herausgeputzt hatte, um dem Meister des Anstands keine Schande zu machen, und wir gingen geradenwegs nach Newmanstreet.

Prince gab natürlich Unterricht. Er beschäftigte sich gerade mit einer nicht sehr hoffnungsvollen Schülerin – einem bornierten kleinen Mädchen mit trotzigen Stirnfalten, einer tiefen Stimme und einer seelenlosen unzufriedenen Mama; und die Sache wurde durch die Verwirrung, in die wir Prince versetzten, keineswegs aussichtsvoller. Die Unterrichtsstunde nahm einen so unharmonischen Verlauf wie möglich, ging aber endlich zu Ende, und als das kleine Mädchen seine Schuhe gewechselt und den Feuerglanz ihres weißen Musselinkleides in vielen Shawls gelöscht hatte, nahm seine Mama es mit sich fort.

Nach ein paar vorbereitenden Worten suchten wir Mr. Turveydrop auf und fanden ihn, Hut und Handschuhe um sich gruppiert, als ein Musterbild des Anstandes auf dem Sofa in seinem Privatzimmer sitzen, dem einzigen wirklich behaglichen Raum im ganzen Hause. Er schien sich zwischen den Mahlzeiten in aller Muße angekleidet zu haben. Sein Toilettekasten, seine Bürsten und andere Utensilien, alles von elegantester Form, lagen herum.

»Vater: Miß Summerson – Miß Jellyby.«

»Entzückend! Bezaubernd!« rief Mr. Turveydrop und erhob sich mit seiner hochschultrigen Verbeugung. »Darf ich bitten!...« Er schob uns Stühle hin. »Bitte, Platz zu nehmen!« Er küßte die Fingerspitzen seiner linken Hand. »Ich bin außer mir vor Entzücken!« Er verdrehte und schloß die Augen. »Meine kleine Einsiedelei wird zu einem Paradies!« Wieder gruppierte er sich auf dem Sofa wie der ersten Gentleman nach dem König.

»Abermals finden Sie uns, Miß Summerson«, säuselte er, »beschäftigt mit unsern kleinen Künsten: Politur, Politur! Abermals spornt uns das schöne Geschlecht an und belohnt uns durch seine liebenswürdige Gegenwart. Es bedeutet schon sehr viel in diesen Zeiten – und wie sehr sind wir seit den Tagen Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten, meines Gönners, wenn ich so sagen darf, entartet –, zu sehen, daß der Anstand nicht ganz von Handwerkern mit Füßen getreten wird und daß noch das Lächeln der Schönheit auf ihn herabglänzt, gnädiges Fräulein.«

Ich konnte keine passende Antwort finden, und er nahm noch eine Prise.

»Lieber Sohn«, wendete er sich zu Prince, »du hast heute nachmittag vier Stunden zu geben. Ich würde dir raten, schnell ein paar Sandwichs zu essen.«

»Ich danke dir, Vater«, antwortete Prince, »ich werde pünktlich sein. Lieber Vater, darf ich dich bitten, dich auf das gefaßt zu machen, was ich dir zu sagen habe?«

»Gütiger Himmel!« rief das Anstandsmusterbild aus, blaß und erschrocken, als Prince und Caddy Hand in Hand vor ihm niederknieten. »Was bedeutet das? Ist das Verrücktheit? Oder was sonst?«

»Vater«, begann Prince mit großer Unterwürfigkeit, »ich liebe diese junge Dame, und wir sind verlobt.«

»Verlobt!« rief Mr. Turveydrop, lehnte sich in das Sofa zurück und verhüllte sich das Gesicht mit der Hand. »Ein Pfeil in mein Hirn geschleudert von meinem eignen Kinde!«

»Wir sind schon seit einiger Zeit verlobt, Vater«, stammelte Prince. »Und Miß Summerson, die davon hörte, riet uns, dir die Sache mitzuteilen, und war so außerordentlich liebenswürdig, uns heute hierher zu begleiten. Miß Jellyby ist eine junge Dame, die dich im höchsten Grade schätzt, Vater!«

Mr. Turveydrop ließ ein Stöhnen hören.

»Nicht, Vater, nicht«, flehte der Sohn. »Miß Jellyby schätzt dich außerordentlich hoch, und unser heißester Wunsch ist, dir jede mögliche Bequemlichkeit zu schaffen.«

Mr. Turveydrop seufzte laut.

»Nicht, bitte nicht, Vater«, flehte Prince wieder.

»Mein Junge«, ächzte Mr. Turveydrop, »es ist gut, daß deiner seligen Mutter dieser Schlag erspart blieb. Stoß zu und schone mich nicht. Triff mich ins Herz, mein Sohn, triff mich ins Herz!«

»Ich bitte dich, Vater, sprich nicht so!« jammerte Prince unter Tränen. »Es zerreißt mir das Herz. Ich versichere dir, Vater, unser heißester Wunsch ist, dir jede Bequemlichkeit zu schaffen. Caroline und ich kennen unsre Pflicht. Was für mich Pflicht ist, ist es auch für Caroline, wie wir oft miteinander besprochen haben. Und mit deiner Bewilligung und Zustimmung, Vater, wollen wir alles tun, um dir das Leben so angenehm wie möglich zu machen.«

»Triff mich ins Herz«, murmelte Mr. Turveydrop. »Triff mich ins Herz!«

– Aber er schien auch zu horchen, wie mir vorkam. –

»Lieber Vater, wir wissen recht gut, daß du an mancherlei kleine Bequemlichkeiten gewöhnt bist und Anspruch darauf hast, und es wird unsre größte Sorge und unser Stolz sein, in erster Linie dafür zu sorgen. Wenn du uns mit deiner Einwilligung und Zustimmung glücklich machen willst, Vater, wollen wir gar nicht eher heiraten, als bis es dir paßt, und wenn wir einmal verheiratet sind, werden wir natürlich an dich in erster Reihe denken. Du mußt hier immer das Oberhaupt bleiben, Vater, und wir fühlen, wie widernatürlich es wäre, wenn wir anders dächten oder wenn es uns nicht gelingen sollte, dir in jeder Hinsicht das Leben angenehm zu gestalten.«

Mr. Turveydrop kämpfte einen schweren innerlichen Kampf durch und saß jetzt wieder im Sofa aufrecht, die dicken Backen über die steife Halsbinde hängend; ein vollendetes Muster väterlichen Anstandes.

»Mein Sohn«, sagte er, »meine Kinder! Ich kann euern Bitten nicht widerstehen. Seid glücklich!«

Sein gütiges Wohlwollen, mit dem er seine künftige Schwiegertochter emporhob, seinem Sohn die Hand reichte und Caddy küßte, wirkte geradezu verwirrend auf mich.

»Meine Kinder!« – Mr. Turveydrop schlang väterlich den linken Arm um Caddy, die neben ihm saß, und stemmte die rechte Hand graziös in die Hüfte. – »Mein Sohn und meine Tochter! Euer Glück wird mir beständig am Herzen liegen. Ich will über euch wachen. Ihr sollt immer bei mir wohnen«, – damit meinte er natürlich, er wolle stets bei ihnen wohnen – »dieses Haus ist von jetzt an das eure so gut wie das meine. Betrachtet es als euer eignes Heim. Möget ihr lange leben, es mit mir zu teilen.«

Die Macht seiner Allüren war so groß, daß Caddy und Prince ganz von Dankbarkeit überwältigt waren, als ob er ihnen ein unermeßliches Opfer gebracht hätte, während er sich doch in Wirklichkeit nur für den Rest seines Lebens bei ihnen einquartierte.

»Was mich betrifft, meine Kinder, so naht für mich des Lebens gelber Herbst, und unmöglich ist es, zu sagen, wie lange die letzten schwachen Spuren ritterlichen Anstandes diesem Zeitalter der Weberei und Spinnerei erhalten bleiben. Aber solange das noch der Fall ist, will ich meine Pflicht gegen die Gesellschaft erfüllen und mich wie gewöhnlich in der Stadt zeigen. Ich habe nur wenige und einfache Bedürfnisse. Mein kleines Appartement, meine paar Toilettebedürfnisse, ein frugales Frühstück und ein einfaches Diner genügen. Ich überlasse es eurer Kindesliebe, für diese Bedürfnisse zu sorgen, und komme für alle übrigen auf.«

Prince und Caddy waren abermals von seiner Hochherzigkeit überwältigt.

»Mein Sohn, was die kleinen Einzelheiten betrifft, die dir mangeln, Einzelheiten in Allüren, die den Menschen angeboren sind und sich wohl ausbilden, aber nie erschaffen lassen, kannst du stets auf mich bauen. Ich habe seit den Tagen seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten getreulich auf meinem Posten ausgeharrt und werde ihn auch jetzt nicht verlassen. Nein, mein Sohn! Wenn du jemals deines Vaters bescheidne Stellung mit einem Gefühl des Stolzes betrachtet hast, so kannst du dich auch jetzt darauf verlassen, daß er nie etwas tun wird, was sie beflecken könnte. Was dich selbst betrifft, Prince, so ist dein Charakter anders geartet. Wir können nicht alle gleich sein, noch wäre das auch wünschenswert, und du mußt arbeiten, fleißig sein, Geld verdienen und deinen Kundenkreis so sehr vergrößern wie nur möglich.«

»Darauf kannst du dich verlassen, lieber Vater. Ich will es mit ganzem Herzen tun«, beteuerte Prince.

»Ich zweifle nicht daran. Deine Eigenschaften sind nicht glänzend, lieber Sohn, aber solid und nützlich. Und euch beiden, liebe Kinder, möchte ich nur im Geiste meiner seligen Gattin, auf deren Lebenspfad ich das Glück hatte, glaube ich, wenigstens einige Lichtstrahlen zu werfen, euch möchte ich zurufen: Sorget für das Etablissement, sorgt für meine einfachen Bedürfnisse, und Gott sei mit euch!«

Mr. Turveydrop wurde aus Anlaß des feierlichen Augenblicks dann wieder so galant, daß ich Caddy sagte, wir müßten wirklich auf der Stelle nach Thavies-Inn gehen, wenn wir überhaupt heute noch hinkommen wollten. So entfernten wir uns denn nach einem sehr zärtlichen Abschied Caddys von ihrem Bräutigam, und sie war auf dem Nachhauseweg so glücklich und so voll des Lobes über den alten Mr. Turveydrop, daß ich um keinen Preis ein Wort des Tadels über ihn über die Lippen gebracht hätte.

In den Fenstern des Hauses in Thavies-Inn hingen Vermietungsanzeigen, und es sah schmutziger, düsterer und unheimlicher aus als je. Der Name des armen Mr. Jellyby hatte erst vor ein paar Tagen in der Konkursliste gestanden, und er hatte sich im Speisezimmer mit zwei Herren und einem Haufen von blauen Dokumentenbeuteln, Rechnungsbüchern und Papieren eingeschlossen und machte die verzweifeltsten Anstrengungen, Einsicht in seine Angelegenheiten zu gewinnen. Sie schienen sich ganz und gar seinem Verständnis zu entziehen, denn als Caddy mich irrtümlich in das Speisezimmer führte und wir ihn dort, die Brille auf der Nase, hoffnungslos in einer Ecke neben dem großen Eßtisch von zwei Herrn blockiert fanden, schien er alles aufgegeben zu haben und sprach- und gefühllos geworden zu sein.

Als wir die Treppe hinauf zu Mrs. Jellybys Zimmer gingen – die Kinder kreischten unisono in der Küche, und kein Dienstbote ließ sich sehen –, trafen wir sie mit einer umfangreichen Korrespondenz beschäftigt. Sie öffnete, las und sortierte Briefe, und ganze Haufen zerrissener Kuverts bedeckten den Boden. Sie war so davon in Anspruch genommen, daß sie mich anfangs nicht gleich erkannte, obgleich sie mich mit ihrem sonderbaren in die Ferne gerichteten Blick ihrer hellen Augen lange ansah.

»Ah, Miß Summerson«, sagte sie endlich. »Ich dachte gerade an etwas anderes. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl. Es freut mich, Sie zu sehen. Mr. Jarndyce und Miß Clare befinden sich doch ebenfalls wohl?«

Ich bejahte und erkundigte mich nach Mr. Jellybys Befinden.

»Nun, es geht ihm nicht allzu gut«, gab Mrs. Jellyby mit Seelenruhe zur Antwort. »Er hat Unglück im Geschäft gehabt und ist etwas niedergeschlagen. Glücklicherweise bin ich selbst so beschäftigt, daß ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken. Wir haben gegenwärtig ungefähr hundertsiebzig Familien, Miß Summerson, jede ungefähr fünf Köpfe stark, die entweder gerade im Begriffe sind, nach dem linken Nigerufer abzureisen, oder bereits abgereist sind.«

Ich mußte an die arme Familie in unsrer unmittelbarsten Nähe denken, die weder am linken Nigerufer war noch dorthin reisen konnte, und begriff nicht, wie Mrs. Jellyby so ruhig sein konnte.

»Sie haben Caddy mitgebracht, wie ich sehe«, bemerkte sie mit einem Blick auf ihre Tochter. »Sie ist eine wahre Seltenheit bei uns geworden. Sie hat mich wirklich gänzlich im Stich gelassen und tatsächlich genötigt, einen Jungen anzustellen.«

»Ich weiß, Ma...« begann Caddy.

»Du weißt doch, Caddy«, unterbrach sie die Mutter mild, »daß ich einen Jungen angestellt habe und daß er jetzt nur zu Tisch gegangen ist. Was für einen Zweck hat es da, zu widersprechen!«

»Ich wollte doch gar nicht widersprechen, Ma. Ich wollte nur sagen, daß du doch nicht verlangen kannst, ich solle mein ganzes Leben lang der Packesel bleiben.«

»Ich sollte doch denken, meine Liebe«, sagte Mrs. Jellyby und fuhr dabei fort, ihre Briefe zu öffnen und sie mit lächelndem Gesicht zu überfliegen und zu sortieren, »du hättest in deiner Mutter ein Vorbild von Geschäftseifer vor dir. Übrigens: Ein bloßer Packesel? Wenn du die geringste Sympathie für die Bestimmung des Menschengeschlechts hättest, würdest du hoch über einem solchen Gedanken stehen. Aber die fehlt dir eben. Ich habe es dir oft gesagt, Caddy, du hast keine solche Sympathie.«

»Nein, für Afrika nicht, Ma, gewiß nicht.«

»Natürlich nicht. Sehen Sie, Miß Summerson, wenn ich nicht glücklicherweise so beschäftigt wäre«, Mrs. Jellyby sah mich einen Augenblick sanft an und überlegte dabei, wohin sie einen eben erbrochenen Brief legen solle, »würde mich das wieder sehr schmerzen und enttäuschen. Aber ich habe in der Angelegenheit mit Borriobula-Gha so den Kopf voll und muß mich so darauf konzentrieren, daß ich nicht darunter leide.«

Da Caddy mir einen bittenden Blick zuwarf und Mrs. Jellyby gerade durch meinen Hut und meinen Kopf hindurch weit nach Afrika hineinblickte, hielt ich es für eine günstige Gelegenheit, auf den Zweck meines Besuchs zu sprechen zu kommen und Mrs. Jellybys Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

»Vielleicht werden Sie sich fragen«, begann ich, »was mich hierher geführt und veranlaßt hat, Sie zu stören.«

»Es freut mich stets, Sie zu sehen, Miß Summerson«, versicherte mir Mrs. Jellyby und nahm ihre Beschäftigung mit gewinnendem Lächeln wieder auf, »obgleich ich wünschte, Sie interessierten sich ein wenig mehr für das Borriobulaprojekt.« Sie schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Ich bin also mit Caddy hergekommen«, fing ich wieder an, »weil sie der gewiß richtigen Meinung ist, sie dürfe kein Geheimnis vor ihrer Mutter haben, und sich einbildet, sie würde mehr Mut haben, wenn ich ihr behilflich wäre.«

»Caddy«, sagte Mrs. Jellyby, hielt einen Augenblick in ihrer Beschäftigung inne und setzte sie dann kopfschüttelnd, aber in heiterer Ruhe fort. »Du willst mir gewiß irgendeinen Unsinn mitteilen?«

Caddy knüpfte ihr Hutband auf, nahm den Hut ab, ließ ihn an dem Bande auf den Fußboden herunterbaumeln, schluchzte laut und sagte:

»Ma, ich bin verlobt!«

»O du törichtes Kind«, erwiderte Mrs. Jellyby mit zerstreuter Miene und überflog dabei ein Telegramm. »Was für eine Gans du doch bist!«

»Ich bin verlobt, Ma«, schluchzte Caddy, »mit dem jungen Mr. Turveydrop von der Tanzakademie, und der alte Mr. Turveydrop – er ist ein hervorragender Gentleman, ich versichere dir – hat seine Einwilligung gegeben, und ich bitte und flehe dich an, gib mir auch die deine, Ma. Denn sonst könnte ich nie glücklich sein. Wirklich nie, nie«, schluchzte Caddy, die alle ihre früheren Leiden ganz und gar vergaß und sich nur ihrem guten Herzen überließ.

»Da sehen Sie wieder, Miß Summerson«, bemerkte Mrs. Jellyby voller Seelenruhe, »welches Glück, daß ich so beschäftigt bin und meine Gedanken auf eine einzige Sache konzentrieren muß. Da verlobt sich Caddy mit dem Sohn eines Tanzmeisters, verkehrt mit Leuten, die nicht mehr Sympathien für die Geschicke des Menschengeschlechts haben als sie selbst! Und noch dazu, wo Mr. Gusher, einer der ersten Philantropen unsrer Zeit, mir angedeutet hat, daß er ernstlich geneigt sei, sich für sie zu interessieren.«

»Ma, ich habe Mr. Gusher von jeher gehaßt und verabscheut«, schluchzte Caddy.

»Caddy, Caddy!« Mrs. Jellyby öffnete mit der größten Gemütsruhe wieder einen Brief. »Ich zweifle daran nicht. Wie könnte es auch anders sein, da dir die Neigungen, von denen er überfließt, gänzlich abgehen. Ich wiederhole, Miß Summerson, diese kleinlichen Einzelheiten würden mich tief bekümmern, wenn meine öffentlichen Pflichten nicht mein Lieblingskind wären und mich in umfassendster Weise in Anspruch nähmen. Aber kann ich die Folgen eines törichten Streichs von Seiten Caddys, von der ich übrigens nichts andres erwarten durfte, wie einen Nebel zwischen mich und den großen afrikanischen Kontinent treten lassen? Nein, nein!« wiederholte Mrs. Jellyby mit ruhiger klarer Stimme und lächelte liebenswürdig, Briefe aufbrechend und sortierend. »Nein, wahrhaftig nicht!«

Ich war so wenig gefaßt auf eine so außerordentlich kaltblütige Aufnahme der Angelegenheit, obgleich ich es mir hätte denken können, daß ich keine Worte fand. Caddy schien es ebenso zu gehen. Mrs. Jellyby fuhr fort, Briefe zu öffnen und zu sortieren, und wiederholte in freundlichem Ton und mit dem ruhigsten Lächeln von der Welt von Zeit zu Zeit: »Nein, wahrhaftig nicht!«

»Ich hoffe, Ma«, schluchzte endlich die arme Caddy, »du bist nicht böse auf mich?«

»Ach Caddy, du bist wirklich abgeschmackt, daß du noch so fragen kannst, wo du doch eben von mir gehört hast, wie sehr ich anderweitig beschäftigt bin.«

»Und ich hoffe, Ma, du gibst uns deine Zustimmung und deinen Segen.«

»Du hast sehr töricht gehandelt, Kind, daß du einen solchen Schritt tatest, und bist aus der Art geschlagen, sonst hättest du dich dem allgemein menschlichen Interesse gewidmet. Aber der Schritt ist einmal geschehen, und ich habe einen Knaben aufgenommen und will kein Wort weiter darüber verlieren. Ich bitte dich, Caddy«, sagte Mrs. Jellyby, denn Caddy küßte sie, »störe mich nicht bei meiner Arbeit und laß mich diesen Stoß Briefe erledigen, ehe die Nachmittagspost kommt.«

Ich konnte nichts Besseres tun als mich verabschieden, blieb aber noch einen Augenblick stehen, und Caddy sagte:

»Du wirst doch nichts dagegen haben, daß ich ihn dir vorstelle, Ma?«

»O Gott, o Gott, Caddy!« rief Mrs. Jellyby, die bereits wieder im Geiste in weiter Ferne weilte. »Fängst du schon wieder an? – Wen willst du vorstellen?«

»Ihn, Ma.«

»Caddy, Caddy!« sagte Mrs. Jellyby, solcher Nebensächlichkeiten sichtlich müde, »dann mußt du ihn an einem Abend mitbringen, an dem keine Sitzung des Haupt-, des Neben- oder des Abzweigungsvereins angesetzt ist. Du mußt den Besuch nach den Ansprüchen einrichten, die man an meine Zeit stellt. Meine liebe Miß Summerson, es war sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mit hierhergekommen sind, diesem albernen Gänschen herauszuhelfen. Leben Sie wohl! Wenn ich Ihnen sage, daß ich heute morgen achtundfünfzig Briefe von Fabrikarbeiterfamilien empfangen habe, die alle wünschen, die Einzelheiten der Eingeborenen- und Kaffeekulturfrage kennenzulernen, so muß ich Sie gewiß nicht erst um Verzeihung bitten, daß ich so wenig Zeit habe.«

Caddy war sehr betrübt, als wir die Treppe hinabgingen, und fing an meiner Brust wieder zu schluchzen an. Scheltworte wären ihr lieber gewesen als eine so gleichgültige Behandlung, sagte sie und vertraute mir an, sie sei so arm an Ausstattung, daß sie noch gar nicht wüßte, wie sie jemals würde anständig getraut werden können. Ich konnte mich über all das natürlich nicht wundern, und es gelang mir, sie nach und nach zu trösten, indem ich von den vielen Dingen sprach, die sie für ihren armen Vater und für Peepy tun könnte, wenn sie erst einmal eine eigne Wirtschaft habe würde. Dann gingen wir hinunter in die feuchte dunkle Küche, wo Peepy mit seinen kleinen Brüdern und Schwestern auf dem Steinboden herumkrabbelte. Wir spielten so lustig mit ihnen, daß ich, um nicht ganz in Stücke gerissen zu werden, wieder zum Märchenerzählen meine Zuflucht nehmen mußte.

Von Zeit zu Zeit hörte ich im Zimmer über uns laute Stimmen und heftiges Herumwerfen von Stühlen. Dies Geräusch ließ mich vermuten, daß der arme Mr. Jellyby jedes Mal vom Speisetisch aufsprang und zum Fenster rannte, mit der Absicht, sich hinauszustürzen, so oft er einen neuen Versuch machte, Einsicht in seine Angelegenheiten zu gewinnen.

Als ich nach des Tages Geschäften abends ruhig nach Hause fuhr, mußte ich viel über Caddys Verlobung nachdenken und fühlte mich in der Hoffnung bestärkt, daß sie trotz des alten Mr. Turveydrop glücklich sein werde. Wenn auch nur geringe Aussicht war, daß sie und ihr Gatte jemals das Musterbild des Anstands durchschauen würden, so brachte ihnen das weiter keinen Schaden, und kein Mensch auf der Welt hätte ihnen wohl mehr Weisheit gewünscht. Ich jedenfalls nicht. Ich schämte mich fast, daß ich nicht selbst an ihn glauben konnte.

Und ich blickte zum Himmel empor und dachte an die Wanderer in fernen Ländern und an die Sterne, die sie sahen, und hoffte, immer so gesegnet und glücklich zu sein, mich in meiner bescheidenen Weise irgend jemandem nützlich machen zu können.

Als ich nach Hause kam, freuten sich alle so sehr, mich wiederzusehen, daß ich mich am liebsten hingesetzt und vor Freude geweint hätte. Nur wäre das wohl nicht die beste Art gewesen, mich angenehm zu machen. Jedermann im Hause, vom Geringsten bis zum Höchsten, zeigte mir ein so freundliches Bewillkommnungsgesicht und sprach so heiter zu mir und freute sich so sehr, etwas für mich tun zu können, daß ich wirklich glaube, es hat noch nie auf der Welt ein glücklicheres unbedeutendes Geschöpf gegeben, als ich war.

Wir kamen an diesem Abend so ins Plaudern hinein, als Ada und mein Vormund mich verleiteten, ihnen die ganze Geschichte von Caddy zu erzählen, daß ich lange Zeit allein erzählte und immer nur erzählte. Endlich ging ich in mein Zimmer hinauf, ganz rot bei dem Gedanken, wie ich gepredigt hatte. Und gleich darauf klopfte es leise an meine Türe. Ich sagte: »Herein!« und auf der Schwelle erschien ein hübsches kleines Mädchen in saubern Trauerkleidern und knickste.

»Wenn Sie gestatten, Miß«, sagte die Kleine leise, »ich bin Charley.«

»Ja wirklich, Charley«, rief ich, beugte mich erstaunt zu ihr nieder und gab ihr einen Kuß. »Wie es mich freut, dich zu sehen, Charley!«

»Wenn Sie gestatten, Miß, ich bin Ihre Zofe.«

»Charley?«

»Wenn Sie gestatten, Miß, ich bin ein Geschenk für Sie. Mr. Jarndyce läßt Sie vielmals grüßen.«

Ich setzte mich, die Hand auf Charleys Schulter, und blickte sie an.

»Und, ach, Miß«, sagte Charley, während Tränen ihr über die Grübchen in den Wangen liefen, »Tom ist in der Schule, wenn Sie gestatten, und lernt so gut! Und die kleine Emma ist bei Mrs. Blinder, Miß, und in so guter Obhut! Und Tom wäre schon viel eher in die Schule gekommen und Emma zu Mrs. Blinder und ich schon viel eher hierher, Miß, aber Mr. Jarndyce dachte, Tom und Emma und ich sollten uns erst ein wenig mit der Trennung vertraut machen, weil wir so klein wären. Aber bitte, weinen Sie nicht, Miß.«

»Ich kann nicht anders, Charley.«

»Ach, Miß, ich kann auch nicht anders. Und wenn Sie erlauben, Miß, Mr. Jarndyce läßt herzlich grüßen und glaubt, es würde Ihnen Freude machen, mir dann und wann etwas beizubringen. Und wenn Sie erlauben, Tom und Emma und ich sollen uns ein Mal im Monat sehen. Und ich bin so glücklich und dankbar, Miß«, rief Charley mit überströmendem Herzen, »und ich werde mich bemühen, eine gute Dienerin zu sein.«

»O liebe Charley, vergiß nie, wer das alles getan hat.«

»Nein, Miß, ich werde es nie vergessen. Und Tom auch nicht. Und Emma auch nicht. Ihnen haben wir alles zu verdanken, Miß.«

»Ich habe nicht einmal davon gewußt. Mr. Jarndyce war es, Charley.«

»Ja, Miß, aber es geschah alles Ihnen zuliebe, und damit Sie meine Herrin werden sollten. Wenn Sie erlauben, Miß, Mr. Jarndyce schickt mich Ihnen mit seinen herzlichsten Grüßen, und es sei alles nur Ihnen zuliebe geschehen. Ich und Tom dürften das nie vergessen.«

Charley trocknete sich die Augen und trat ihr Amt an, wobei sie sich in ihrer matronenhaften zierlichen Weise im Zimmer umherbewegte und alles zusammenlegte, was ihr in die Hände fiel. Gleich darauf kam sie wieder zu mir geschlichen und sagte:

»Ach bitte, Miß, weinen Sie nicht.«

Und ich sagte wieder: »Ich kann nicht anders, Charley.«

Und Charley sagte wieder: »Ach, Miß, ich kann auch nicht anders.« Und so weinte ich doch, aber vor lauter Freude, und sie auch.

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