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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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17. Kapitel

Esthers Erzählung

Richard besuchte uns sehr oft während unseres Aufenthaltes in London, wenn er auch das Briefschreiben bald einstellte, und mit seiner raschen Auffassungsgabe, seiner Lebendigkeit, seinem gutherzigen Wesen, seiner Fröhlichkeit und munteren Laune war er stets ein gern gesehener Gast. Aber wenn ich ihn auch immer lieber gewann, so fühlte ich doch, je mehr ich ihn kennenlernte, wie sehr es zu beklagen war, daß man ihn nicht zu größerem Fleiß und zur Konzentration angehalten hatte. Das System, das in derselben Art auf ihn wie auf hundert andere an Charakter und Fähigkeiten vollständig verschiedene Knaben angewendet worden war, hatte ihn wohl befähigt, seine Aufgaben gar oft mit Auszeichnung abzutun, aber eben nur abzutun in einer gewissen leichtsinnigen, oberflächlichen Weise, die seine Zuversicht gerade auf die Eigenschaften, die in ihm am wenigsten erzogen und geleitet worden waren, verstärkte. Es waren gewiß hohe Eigenschaften, ohne die ein großes Ziel wirklich verdienstvoll nicht erreicht werden kann, aber wie Feuer und Wasser waren sie zwar vortreffliche Diener, aber sehr schlechte Herrn. Wenn Richard sie hätte beherrschen lernen, würden sie ihm gedient haben. So wurden sie seine Feinde.

Ich schreibe diese Urteile nieder, nicht, weil ich glaube, daß sich dies oder das so und so verhielt oder weil es mir so vorkam, sondern nur, weil ich darüber nachdachte und in allem, was ich dachte und tat, aufrichtig sein will.

Also so war meine Meinung über Richard. Ich dachte auch oft daran, wie recht mein Vormund mit seiner Ansicht gehabt hatte, daß die Unsicherheit, die aus den ewigen Verschleppungen des Kanzleigerichtsprozesses entsprang, in ihm schon in jungen Jahren eine Art Spielercharakter großgezogen hatte.

Mr. und Mrs. Bayham Badger besuchten uns eines Nachmittags, als mein Vormund gerade abwesend war, und im Lauf des Gesprächs erkundigte ich mich natürlich nach Richard.

»Oh, Mr. Carstone«, sagte Mrs. Badger, »befindet sich sehr wohl und bedeutet, versichere ich Ihnen, einen großen Zuwachs für unsern Kreis. Kapitän Swosser pflegte von mir zu sagen, daß ich für die Back der Midshipmen, wenn das Pökelfleisch zäh wie das Luv-Fock-Marssegel Vorderlick ausgefallen war, noch besser sei als Landinsicht oder Achterbrise. Er wollte damit in seiner Seemannsweise ausdrücken, welch schätzbarer Zuwachs ich für die Mannschaft war. Ich kann mit gutem Gewissen dieselbe Versicherung hinsichtlich Mr. Carstones geben. Aber ich... Werden Sie mich auch nicht für naseweis halten, wenn ich es erwähne?«

Ich sagte nein, da Mrs. Badgers Ton eine Antwort zu verlangen schien.

»Auch Miß Clare nicht?« fragte Mrs. Bayham Badger zärtlich.

Ada sagte ebenfalls nein, aber ihr Gesicht verriet, daß sie unruhig wurde.

»Ja, sehen Sie, meine Lieben«, fuhr Mrs. Badger fort... »Gestatten Sie, daß ich Sie meine Lieben nenne?«

Wir baten Mrs. Badger, keine Umstände zu machen.

»Ich nenne Sie so, weil Sie wirklich so liebenswürdig sind, wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, Ihnen das zu sagen. Wirklich so bestrickend liebenswürdig. Sie sehen, meine Lieben, daß, wenn ich auch noch jung bin – wenigstens ist Mr. Badger so galant, das immer zu behaupten –«

»Das ist durchaus keine Schmeichelei!« rief Mr. Badger aus, wie jemand, der in einer öffentlichen Versammlung widerspricht. »Nein, durchaus kein Kompliment.«

»Also gut«, lächelte Mrs. Badger. »Wir wollen einfach sagen: Noch jung...«

»Oh, zweifellos«, schaltete Mr. Badger ein.

»Obgleich ich also selbst noch jung bin, meine Lieben, habe ich doch vielfach Gelegenheit gehabt, junge Herren zu beobachten. An Bord des guten alten 'Crippler', ich versichere Ihnen, waren ihrer eine ganze Menge. Außerdem, als ich mit Kapitän Swosser im Mittelmeer war, nahm ich jede Gelegenheit war, die Midshipmen unter Kapitän Swossers Kommando kennenzulernen und mich mit ihnen anzufreunden. Sie haben nie solche junge Gentlemen unter sich reden hören, meine Lieben, und würden mich wahrscheinlich gar nicht verstehen, wenn ich darauf anspielte, was sie das 'Schwänzen' ihres Wochendienstes nannten. Aber bei mir ist das etwas anderes, denn das Salzwasser war mir eine zweite Heimat und ich ein vollständiger Seemann. Dann wieder mit Professor Dingo...«

»Ein Mann von europäischem Ruf«, murmelte Mr. Badger.

»Als ich meinen geliebten ersten Mann verlor und die Gattin meines geliebten zweiten wurde«, sagte Mrs. Badger, die von ihren beiden früheren Gatten sprach wie von einer Legende, »hatte ich ebenfalls Gelegenheit, die Jugend zu beobachten. Professor Dingos Vorlesungen wurden sehr stark besucht, und es war mein Stolz, als die Frau eines so ausgezeichneten Gelehrten, die selbst in der Wissenschaft all den Trost, den Studium bieten kann, suchte, den Studenten unser Haus als eine Art wissenschaftlichen Brennpunktes zu öffnen. Jeden Dienstag abends hatten wir Limonade und Biskuit für alle, die an diesen Erfrischungen teilnehmen wollten. Und Wissenschaft gab es in unbeschränkter Auswahl.«

»Höchst bemerkenswerte Versammlungen waren das, Miß Summerson«, bestätigte Mr. Badger ehrfurchtsvoll. »Unter den Auspizien eines solchen Mannes muß es viel geistige Reibung gegeben haben.«

»Und jetzt«, fuhr Mrs. Badger fort, »wo ich die Gattin meines geliebten dritten, Mr. Badgers, geworden bin, habe ich die Gewohnheit zu beobachten, die ich, solange Kapitän Swosser lebte, angenommen und unter Professor Dingo zu neuen ungeahnten Zwecken ausgestaltet habe, beibehalten. Ich kam daher nicht als Neophyt zu meiner Ansicht über Mr. Carstone. Und dennoch bin ich der Meinung, meine Lieben, daß er nicht den passenden Beruf gewählt hat.«

Adas Gesicht sah so besorgt aus, daß ich Mrs. Badger fragte, auf welche Gründe sich ihre Vermutung stütze.

»Auf Mr. Carstones Charakter und Benehmen, meine liebe Miß Summerson. Er ist von so leichtblütiger Veranlagung, daß er es wahrscheinlich nicht der Mühe wert halten würde zu sagen, wie er es selbst empfindet; aber der Beruf langweilt ihn. Er fühlt nicht das positive Interesse dafür, das das Fach erfordert. Wenn er wirklich eine bestimmte Meinung darüber hat, so ist es meiner Ansicht nach die, daß er es für langweilig hält. Das ist nicht vielversprechend. Junge Männer wie Mr. Allan Woodcourt, die sich dem Ärztestand in allen seinen verschiedenen Gebieten eines starken Interesses wegen widmen, finden darin den Lohn für sehr viel Arbeit, geringes Verdienst für jahrelanges Ausharren und viele Enttäuschungen. Aber ich bin vollständig überzeugt, daß dies bei Mr. Carstone niemals der Fall sein wird.«

»Denkt Mr. Badger ebenso?« fragte Ada schüchtern.

»Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Miß Clare«, sagte Mr. Badger, »muß ich gestehen, daß ich zu dieser Ansicht erst hinneigte, als mich Mrs. Badger darauf aufmerksam machte. Als es mir Mrs. Badger in diesem Lichte darstellte, schenkte ich der Sache natürlich große Beachtung, denn ich weiß, daß ihr Urteil, ganz abgesehen von seinen natürlichen Vorzügen, den seltenen Vorteil gehabt hat, von zwei so ausgezeichneten – ich möchte sogar sagen, berühmten – Männern der Öffentlichkeit, wie Kapitän Swosser von der Königlichen Marine und Professor Dingo waren, gebildet zu werden. Kurz, mein Urteil deckt sich vollständig mit dem Mrs. Badgers.«

»Es war eine von Kapitän Swossers Maximen«, nahm Mrs. Badger wieder das Wort, »daß – in seiner bildlichen Seemannssprache ausgedrückt –, wenn man schon Pech heiß mache, man es nicht genug heiß machen könne, und wenn man eine Planke scheuere, man sie scheuern solle, als ob der Klabautermann hinter einem stünde. Es scheint mir, als ob sich dieser Grundsatz ebenso auf den medizinischen wie auf den nautischen Beruf anwenden läßt.«

– »Auf alle Berufsarten!« bestätigte Mr. Badger. »Es war prächtig ausgedrückt von Kapitän Swosser. Wirklich bewundernswert ausgedrückt.« –

»Die Leute warfen, als wir uns nach unsrer Heirat im nördlichen Devonshire aufhielten, Professor Dingo vor, er verunstalte Häuser und andere Gebäude dadurch, daß er mit seinem kleinen geologischen Hammer Stücke davon losschlüge. Aber der Professor erwiderte, er kenne kein Gebäude außer den Tempel der Wissenschaft. Das Prinzip ist ganz dasselbe, glaube ich.«

»Ganz dasselbe«, stimmte Mr. Badger bei. »Sehr schön ausgedrückt. Der Professor gebrauchte dieselben Worte, Miß Summerson, in seiner letzten Krankheit, als er in seiner Fieberphantasie darauf bestand, seinen kleinen Hammer unter dem Kopfkissen zu behalten und an den Gesichtern der Umstehenden herumzuklopfen. Ja, die alles beherrschende Leidenschaft!«

Obgleich Mr. und Mrs. Badger uns ihre Meinung weniger umständlich hätten mitteilen können, fühlten wir doch beide die Uneigennützigkeit ihres Urteils und seine Richtigkeit. Wir beschlossen, Mr. Jarndyce, ehe wir nicht mit Richard gesprochen, nichts zu sagen, und da dieser uns am nächsten Abend besuchen sollte, wollten wir die Angelegenheit erst ernst mit ihm durchnehmen.

So ließ ich ihn denn, als er gekommen war, eine Weile mit Ada allein und fand sie dann, wie ich vorausgesehen, mit allem, was er sagte, einverstanden.

»Nun, was machen Ihre Fortschritte, Richard?« fragte ich. Ich saß wie gewöhnlich an seiner Seite, denn er behandelte mich ganz wie eine Schwester.

»Oh, es geht so ziemlich«, antwortete er.

»Besser kann es doch nicht sein, Esther, nicht wahr!« rief mein Liebling triumphierend.

Ich versuchte sie mit meinem weisesten Gesicht anzusehen, aber natürlich gelang es mir nicht.

»So ziemlich?« wiederholte ich.

»Ja, so ziemlich. Es ist ein wenig Hundetrab und schlafmützenhaft, aber schließlich grade so gut wie irgend etwas anderes.«

»Aber, lieber Richard!« wendete ich ein.

»Nun, und?«

»Grade so gut wie irgend etwas anderes!?«

»Ist denn etwas Schlimmes dabei, Mütterchen?« sagte Ada und sah mich an ihm vorbei zuversichtlich an. »Wenn es so gut wie irgend etwas anderes ist, so ist es immerhin doch gut, oder nicht?«

»Ja, ja. Das meine ich«, entgegnete Richard sorglos und schüttelte sich das Haar aus der Stirn. »Schließlich ist es ja nur eine Art Prüfungszeit, bis unser Prozeß... Ach, richtig, ich vergaß, ich soll ja nicht von dem Prozeß sprechen. Es ist ja ein verbotenes Thema! Also, es ist alles ganz in Ordnung. Reden wir vielleicht von etwas anderem.«

Ada hätte es auch gern getan, überzeugt, daß die Sache zufriedenstellend erledigt sei, aber ich hielt es denn doch nicht für angezeigt, auf diesem Punkte stehen zu bleiben, und fing daher wieder an:

»Aber Richard und du, liebe Ada, ihr müßt doch bedenken, wie wichtig das für euch beide ist. Es ist doch Ehrensache Ihrem Vetter gegenüber, Richard, daß Sie die Sache mit rückhaltlosem Ernst auffassen. Ich dächte, wir sollten das wirklich gründlich durchsprechen, Ada. Es könnte sonst bald vielleicht zu spät sein.«

»Gewiß müssen wir es durchsprechen«, sagte Ada. »Aber ich glaube, Richard hat recht.«

– Was nützte es mir, eine weise Miene aufzusetzen, wo sie so hübsch und reizend war und ihn so lieb hatte! –

»Mr. und Mrs. Badger waren gestern hier, Richard«, sagte ich, »und schienen der Ansicht zuzuneigen, Sie fänden an der Chirurgie keinen besondern Geschmack.«

»So, sagten sie das? Oh! Das ändert die Sache allerdings. Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie es glaubten, und hätte ihnen nicht gern eine Enttäuschung oder eine Unannehmlichkeit bereitet. Die Sache ist freilich so. Der Beruf interessiert mich nicht besonders. Aber das macht weiter nichts. Er ist so gut wie jeder andre.«

»Da hörst du es, Ada«, sagte ich.

»Tatsache ist«, fuhr Richard halb nachdenklich, halb scherzend fort, »er liegt mir nicht besonders. Er gefällt mir nicht sehr. Und ich muß zuviel von Mrs. Bayham Badgers erstem und zweitem Gatten hören.«

»Das ist doch nur natürlich!« rief Ada erfreut aus. »Ganz dasselbe sagten wir gestern auch, Esther.«

»Dann ist er so einförmig«, fuhr Richard fort. »Das Heute gleicht dem Gestern, und das Morgen ist wie das Heute.«

»Aber ich fürchte«, sagte ich, »das läßt sich überall einwenden – sogar gegen das Leben selbst, außer unter ganz abnormen Verhältnissen.«

»Meinen Sie wirklich?« fragte Richard, immer noch nachdenklich. »Vielleicht! Hm! Übrigens, da sehen Sie selbst«, setzte er hinzu und wurde plötzlich wieder heiter. »Wir gehen im Kreise herum auf das los, was ich eben sagte. Es ist ebensogut wie irgend etwas anderes. Reden wir doch nicht mehr davon.«

Selbst Ada, und wenn sie schon unschuldig und vertrauensvoll gewesen an jenem denkwürdigen Novembernebeltag, wieviel mehr war das jetzt der Fall, wo ich ihr unschuldiges und vertrauendes Herz kannte, selbst Ada schüttelte jetzt den Kopf und machte ein ernstes Gesicht. Ich hielt es daher für eine günstige Gelegenheit, Richard anzudeuten, daß, wenn er auch manchmal leichtsinnig gegen sich selbst sei, er doch gewiß nicht leichtsinnig gegen Ada handeln wolle und daß es von seiner Seite eine Art Liebespflicht sein müsse, den Schritt, der auf ihr ganzes Leben Einfluß haben würde, nicht so leicht zu nehmen. Das stimmte ihn fast ernst.

»Mütterchen Hubbard, das ist es ja eben. Ich habe auch schon oft darüber nachgedacht und mich über mich selbst geärgert, daß ich es so ernst nehmen wollte und, ich weiß nicht warum, nie recht konnte. Ich weiß nicht, wie es zugeht, ich scheine immer Abwechslung zu brauchen. Selbst Sie können sich keinen Begriff machen, wie sehr ich Ada liebe, aber in allen andern Dingen fällt mir Beständigkeit so schwer. Es ist so aufreibend und frißt soviel Zeit«, sagte Richard mit verdrießlicher Miene.

»Das kommt wahrscheinlich daher, daß Sie keinen Gefallen an dem Beruf haben.«

»Der arme Junge!« sagte Ada. »Ich kann mich wahrhaftig nicht darüber wundern.«

Nein. Es half nicht das mindeste, daß ich versuchte, weise dreinzuschauen. Ich machte noch einen Versuch, aber wie konnte es mir gelingen, solange Ada ihre Hände auf seiner Schulter faltete und er ihr in die zärtlichen blauen Augen schaute.

»Du siehst, mein Schatz«, sagte Richard und ließ ihre goldnen Locken durch seine Finger gleiten, »ich habe mich vielleicht ein wenig übereilt und meine Neigungen nicht gehörig erkannt. Ich konnte es vorher wirklich nicht wissen. Die Frage ist nur, ob es dafür steht, alles ungeschehen zu machen. Das kommt mir vor, wie einen großen Lärm wegen einer Kleinigkeit zu machen.«

»Lieber Richard«, sagte ich, »wie können Sie das eine Kleinigkeit nennen?«

»Ich meine es nicht in dem Sinne. Ich meine nur, es ist insofern nichts Besonderes, weil ich möglicherweise sowieso niemals darauf angewiesen sein werde.«

Sowohl Ada wie ich hoben hervor, daß es nicht nur der Mühe wert wäre, die Angelegenheit ungeschehen zu machen, sondern daß das geradezu eine Notwendigkeit sei. Dann fragte ich Richard, ob er schon an einen andern passenden Beruf gedacht habe.

»Da treffen Sie den rechten Punkt, Mütterchen«, sagte Richard. »Ich habe daran gedacht. Ich glaube, die Jurisprudenz läge mir besser.«

»Die Jurisprudenz?!« wiederholte Ada in einem Ton, als ob sie sich schon vor dem bloßen Namen fürchtete.

»Wenn ich zu Kenge in die Kanzlei käme und dort eingeschrieben würde, so hätte ich Gelegenheit, den – hm – den verbotenen Gegenstand ins Auge zu fassen, zu studieren, ihn gründlich kennenzulernen und mich zu vergewissern, daß er ordnungsgemäß geführt und nicht vernachlässigt wird. Ich wäre imstande, Adas und meine Interessen, die sich ja decken, zu verfolgen, und würde mich mit Blackstone und all den andern Schmökern mit der größten Leidenschaft herumbalgen.«

Ich war durchaus nicht fest überzeugt, daß dies der Fall sein werde, und sah, wie betrübt Ada darüber war, daß er es nicht lassen konnte, Irrlichtern nachzujagen. Indessen hielt ich es immerhin noch für das beste, ihn in allem, was eine anhaltende Beschäftigung nach sich ziehen konnte, zu ermutigen, und riet ihm nur, genau mit sich zu Rate zu gehen, ob er sich nun wirklich ganz und gar entschlossen habe.

»Meine liebe Minerva, Sie selbst können nicht beständiger sein, als ich es bin. Ich habe mich geirrt – wir alle sind Irrtümern unterworfen –, aber ein Mal und nicht wieder, und ich will ein Jurist werden, wie er nicht alle Tage vorkommt. Das heißt«, sagte Richard und verfiel wieder in seine Zweifel, »wenn es überhaupt der Mühe wert ist, soviel Aufhebens von einer so geringfügigen Sache zu machen.«

Das veranlaßte uns, noch einmal mit großem Ernst zu wiederholen, was wir bereits gesagt hatten, und wir kamen zu demselben Schlusse wie vorhin. Wir rieten Richard so angelegentlich, ohne die Sache nur einen Augenblick aufzuschieben, frei und offen mit Mr. Jarndyce zu reden, daß er, von Natur jeder Heimlichkeit sowieso abhold, ihn sogleich aufsuchte, uns mitnahm und ihm alles eingestand.

»Rick«, sagte mein Vormund, nachdem er ihn aufmerksam angehört hatte, »wir können in Ehren zurücktreten und wollen es tun. Aber wir müssen uns hüten, unsrer Kusine wegen, Rick, daß wir nicht noch mehr solcher Irrtümer begehen. Was das Jus betrifft, wollen wir uns lieber vorerst zu einer gewissen Probezeit entschließen. Sehen wir uns erst den Graben an, ehe wir springen, und lassen wir uns Zeit.«

Richards Energie war so ungeduldiger und überstürzter Art, daß er am liebsten sofort auf Mr. Kenges Kanzlei gegangen wäre und sich bei ihm hätte einschreiben lassen. Er machte jedoch gute Miene zu den Vorsichtsmaßregeln, von deren Notwendigkeit wir ihn überzeugten, und saß unter uns in heiterster Laune und plauderte, als ob sein Lebensziel von Kindheit an der Beruf gewesen wäre, dem er sich jetzt widmen wollte. Mein Vormund war sehr freundlich und herzlich mit ihm, wenn auch ein wenig ernst. So ernst, daß Ada, als Richard Abschied genommen hatte und wir schlafen gehen wollten, zu ihm sagte:

»Vetter John, ich hoffe doch nicht, daß du jetzt schlechter von Richard denkst?«

»Nein, liebe Ada.«

»Es ist doch so natürlich, daß sich Richard in einem so schwierigen Fall geirrt hat. Es ist das doch nichts Ungewöhnliches.«

»Nein, nein, meine Liebe. Mach kein betrübtes Gesicht.«

»Oh, ich bin durchaus nicht betrübt, Vetter John«, sagte Ada, lächelte heiter und legte die Hand auf seine Schulter, »aber ich würde es sein, wenn du schlecht von Richard dächtest.«

»Liebe Ada«, sagte Mr. Jarndyce, »ich würde es nur tun, wenn du jemals durch seine Schuld unglücklich würdest oder auch nur littest. Und selbst dann würde ich mir selbst mehr zürnen als dem armen Richard, weil ich euch ja zusammengebracht habe. Aber still, alles das hat ja nichts auf sich. Er hat Zeit genug und freie Bahn vor sich. Ich schlechter von ihm denken? Ich gewiß nicht, meine liebe Kusine. Und du denkst auch nicht schlechter von ihm, ich wette.«

»Nein, gewiß nicht, Vetter John, ich könnte überhaupt nie etwas Böses von Richard denken, und wenn es die ganze Welt täte. Ich könnte und würde dann sogar noch besser von ihm denken.«

Ruhig und ehrlich sagte sie das, jetzt beide Hände auf seine Schulter gelegt, und sah ihm dabei ins Gesicht, gläubig und offen.

Mein Vormund betrachtete sie nachdenklich.

»Ich glaube, es muß irgendwo geschrieben stehen, daß die Tugenden der Mütter an den Kindern heimgesucht werden sollen wie die Sünden der Väter. Gute Nacht, mein Rosenknöspchen. Gute Nacht, Mütterchen. Gute Ruh! Angenehme Träume!«

Das war das erste Mal, daß ich einen Schatten den wohlwollenden Ausdruck seiner Augen trüben sah, als er Ada nachblickte. Ich erinnerte mich noch recht gut des Blickes, mit dem er sie und Richard betrachtet hatte, als sie beim Schein des Kaminfeuers gesungen, und es war nur sehr wenig Zeit vergangen, seit wir sie aus dem sonnenerleuchteten Zimmer in den Schatten hatten treten sehen, aber sein Ausdruck war ein andrer jetzt, und selbst sein stummer vertrauensvoller Blick auf mich war nicht ganz so hoffnungsfreudig und sicher wie früher.

Ada lobte an diesem Abend Richard mehr als je zuvor. Sie ging mit einem kleinen Armband, das er ihr geschenkt hatte, zu Bett. Ich glaube, sie träumte von ihm, als ich sie auf die Wange küßte, während sie schlummerte, und ihr ruhiges und glückliches Gesicht ansah.

Ich selbst hatte an jenem Abend so wenig Lust zu schlafen, daß ich aufblieb und arbeitete. An und für sich wäre dieser Umstand nicht des Erwähnens wert, aber ich war nicht schläfrig und etwas trübe gestimmt. Warum, weiß ich nicht.

Jedenfalls war ich entschlossen, so schrecklich fleißig zu sein, daß mir keine Minute Zeit für trübe Laune übrig bleiben sollte. Ich sagte mir: »Esther! Du bist verstimmt. Du!« Und es war wirklich hohe Zeit, mir das vorzuhalten, denn ich sah mich, ja, ich sah mich wirklich im Spiegel nahe daran zu weinen. »Als ob du irgendeine Ursache hättest, dich unglücklich zu fühlen, du undankbares Herz«, hielt ich mir vor.

Wenn ich hätte einschlafen können, würde ich es jetzt auf der Stelle getan haben. Aber da ich fühlte, es würde mir nicht glücken, nahm ich aus meinem Arbeitskörbchen eine kleine Stickerei, die ich in Bleakhaus angefangen hatte, und machte mich mit großem Eifer darüber her. Man mußte bei dieser Arbeit alle Stiche abzählen, und ich beschloß, nicht eher damit aufzuhören, als bis mir die Augen zufielen.

Ich war bald ganz in meine Arbeit vertieft, hatte aber in einem Arbeitstäschchen in dem jetzigen Brummstübchen unten eine Spule Seide gelassen, die ich jetzt brauchte, wenn ich weiterarbeiten wollte. Ich nahm daher ein Licht und ging leise hinunter. Zu meiner großen Überraschung sah ich meinen Vormund immer noch dort sitzen und in die verglimmende Asche blicken.

Er war ganz in Gedanken versunken. Sein Buch lag unbeachtet neben ihm, sein graumeliertes Haar war verwirrt, als ob er mit den Fingern darin gewühlt hätte, und sein Gesicht sorgenvoll. Fast darüber erschrocken, ihn so unerwartet: hier zu sehen, blieb ich einen Augenblick stehen und wollte eben wieder stumm umkehren, als er sich mit der Hand zerstreut durch die Haare fuhr und mich dabei bemerkte.

»Esther!«

Ich sagte ihm, was ich hier noch suchte.

»So spät willst du noch arbeiten, liebes Kind?«

»Nur weil ich nicht einschlafen kann und mich müde machen möchte. Aber auch du, lieber Vormund, bist ja noch so spät wach und siehst angegriffen aus. Ich will doch nicht hoffen, daß du aus Sorgen nicht schlafen kannst?«

»Ich habe keine Sorge, Mütterchen, die du so leicht begreifen könntest.«

Er sagte dies in einem für mich so überraschend betrübten Ton, daß ich mir seine Worte innerlich wiederholte, als ob ich sie dadurch besser verstehen könnte: »Keine, die ich so leicht begreifen könnte?«

»Bleib einen Augenblick, Esther«, sagte er. »Ich habe eben an dich gedacht.«

»Ich hoffe, du hattest doch nicht meinetwegen Sorge, Vormund.«

Er bewegte seine Hand leicht abwehrend, und sein Gesicht nahm im Augenblick seinen gewohnten Ausdruck wieder an. Die Veränderung war so auffallend und verriet soviel Selbstbeherrschung, daß ich mir abermals innerlich die Worte wiederholte: »Keine, die ich so leicht begreifen könnte.«

»Mütterchen, ich dachte – das heißt, ich habe, seit ich hier sitze, an nichts anderes gedacht –, daß du eigentlich alles, was ich von deiner Geschichte weiß, erfahren solltest. Es ist sehr wenig. Fast nichts.«

»Lieber Vormund«, wandte ich ein, »als du das erste Mal die Sache zur Sprache brachtest...«

»Aber seitdem«, unterbrach er mich ernst, denn er erriet, was ich sagen wollte, »seitdem bin ich mir darüber klar geworden, daß es etwas sehr Verschiedenes ist, ob du mich etwas fragen willst oder ob ich dir etwas mitzuteilen habe, Esther. Es ist vielleicht sogar meine Pflicht, dir das Wenige, was ich weiß, zu enthüllen.«

»Wenn du glaubst, Vormund.«

»Ich glaube, es ist meine Pflicht«, sagte er sehr sanft und gütig und sehr bestimmt. »Liebe Esther, ich glaube, es ist so. Wenn in den Augen irgendeines überhaupt vollwertigen Menschen an deiner Position wirklich ein Mangel haften kann, so gehört es sich vor allem, daß du selbst ihn dir in deinen eignen Augen nicht vergrößerst, indem du die Sache in unbestimmten vagen Formen siehst.«

Ich setzte mich hin und sagte nach einer kleinen Anstrengung, so ruhig zu bleiben, wie es sich für mich gebührte:

»Eine meiner frühesten Erinnerungen, Vormund, sind die Worte: 'Deine Mutter, Esther, ist deine Schande, und du warst ihre. Die Zeit wird kommen – früh genug –, wo du dies besser verstehen und fühlen wirst, wie nur ein Weib es fühlen kann.'«

Ich hatte mein Gesicht mit den Händen bedeckt, während ich diese Worte wiederholte. Ich nahm sie jetzt in einer bessern Erkenntnis wieder weg und sagte ihm, daß ich nur ihm das Glück verdanke, es von meiner Kindheit an bis zu dieser Stunde nie gefühlt zu haben.

Er erhob abwehrend die Hand. Ich wußte wohl, daß man ihm nicht danken durfte, und schwieg.

»Es sind jetzt neun Jahre her«, begann er nach einer kleinen Weile Nachdenkens, »da erhielt ich von einer in Zurückgezogenheit lebenden Dame einen Brief, der von einer finstern Leidenschaft und Kraft erfüllt war, die ihn von allen Briefen, die ich jemals gelesen, unterschied. Vielleicht war es ein unbewußter Zug der Absenderin, mir ihr Vertrauen zu schenken, vielleicht ein unbewußter Zug von mir, ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Der Brief erzählte von einem Kind, einem Waisenmädchen, damals zwölf Jahre alt, mit ähnlich grausamen Worten wie denen, an die du dich noch erinnerst. Die Schreiberin habe, hieß es darin, das Kind von seiner Geburt an im geheimen auferzogen, alle Spuren seiner Herkunft verwischt, und wenn die Schreiberin vor Mündigwerden des Kindes stürbe, so stünde es freudlos, namenlos und ungekannt in der Welt. Der Brief forderte mich auf, mit mir zu Rate zu gehen, ob ich vollenden wollte, was sie begonnen hatte.«

Ich hörte schweigend zu und sah ihn gespannt an.

»Deine Jugenderinnerungen, liebes Kind, werden dir am besten sagen, in welch düsterm Licht die Schreiberin alles sah und ausdrückte, in ihrem finstern Puritanismus, der ihren Geist umwölkte, mit der grausamen Anschauung, daß ein Kind eine Schuld büßen müsse, die es nicht begangen. Ich faßte ein Interesse für das Kind und sein freudloses Leben und beantwortete den Brief.«

Ich ergriff seine Hand und küßte sie.

»In dem Brief stand, ich solle nie den Versuch machen, die Schreiberin, die seit langer Zeit allen Verkehr mit der Welt abgebrochen habe, zu Gesicht zu bekommen, aber sie schlüge mir vor, ich möchte ihr einen vertrauenswürdigen Vertreter nennen, mit dem sie dann verhandeln wollte. Ich bestimmte Mr. Kenge. Die Dame sagte ihm aus freien Stücken, ihr Name sei ein angenommener und sie die Tante des Kindes, wenn in solchen Fällen von Blutsverwandtschaft überhaupt die Rede sein könnte. Sie werde niemals – Mr. Kenge war von der Festigkeit ihres Entschlusses durchaus überzeugt – mehr enthüllen... So, liebes Kind, jetzt habe ich dir alles gesagt.«

Ich hielt seine Hand eine kleine Weile in der meinen.

»Ich sah mein Mündel öfter als sie mich«, fuhr er in einem heitereren und leichteren Ton fort, »und erfuhr immer, sie sei glücklich, häuslich und von allen geliebt. Sie vergilt mir zwanzigtausendfach, und zwanzig Mal mehr noch, jede Stunde im Tag die Kleinigkeit, die ich für sie getan habe.«

»Und noch öfter«, sagte ich, »segnet sie den Vormund, der ihr ein Vater ist.«

Bei dem Worte Vater sah ich den frühern sorgenvollen Ausdruck wieder auf seinem Gesichte erscheinen. Er beherrschte sich wie vorhin, und einen Augenblick später sah er drein wie gewöhnlich. Sein Mienenspiel wechselte bei meinen Worten so schnell, daß es mir vorkam, als hätte ich ihm damit weh getan. Abermals wiederholte ich mir verwundert: »Keine, die ich so leicht begreifen könnte... Keine, die ich so leicht begreifen könnte.« Ja, es war wahr. Ich begriff es nicht. Lange, lange Zeit nicht.

»Und nun ein väterliches gute Nacht, liebes Kind«, sagte er und küßte mich auf die Stirn, »und flink zu Bett. Das sind viel zu späte Stunden zum Arbeiten und Nachdenken. Du tust das sowieso den ganzen Tag für uns, kleine Hausfrau.«

Ich arbeitete weder, noch grübelte ich in dieser Nacht mehr. Ich schüttete mein volles Herz vor Gott aus und dankte ihm inbrünstig, daß er mich nicht verlassen, und schlummerte ein.

Den Tag darauf hatten wir Besuch. Mr. Allan Woodcourt. Er kam, um von uns Abschied zu nehmen. Er wollte als Schiffsarzt nach China und Ostindien gehen, wie er uns schon vor einiger Zeit erzählt hatte. Er hatte vor, sehr lange Zeit abwesend zu sein.

Ich glaube – das heißt, ich weiß es –, daß er nicht reich war. Alle Ersparnisse seiner verwitweten Mutter waren darauf verwendet worden, ihn zu seinem Beruf auszubilden. Für einen jungen Arzt mit wenig Beziehungen in London war es kein einträglicher Beruf, und obgleich er sich Tag und Nacht für eine Menge armer Leute abmühte und Wunder an Zartheit und Geschicklichkeit bei ihnen verrichtete, verdiente er doch sehr wenig Geld. Er war sieben Jahre älter als ich. Nicht, daß ich es zu erwähnen brauchte, denn es scheint kaum hierher zu gehören.

Ich glaube – das heißt, er sagte uns –, daß er drei oder vier Jahre praktiziert habe und die Reise nicht machen würde, wenn er sich noch drei oder vier Jahre hätte durchschlagen können. Aber er besäße kein Vermögen und wäre daher gezwungen, ins Ausland zu gehen.

Er hatte uns schon einige Male besucht. Es tat uns leid, daß er jetzt Abschied nahm, denn er war ein hervorragender Arzt in den Augen aller derer, die ihn kannten, und einige der bedeutendsten Gelehrten hatten eine hohe Meinung von ihm.

Als er sich jetzt von uns verabschieden kam, brachte er zum ersten Mal seine Mutter mit. Sie war eine hübsche alte Dame mit glänzenden schwarzen Augen und schien sehr stolz zu sein. Sie stammte aus Wales und hatte vor langer, langer Zeit einen außerordentlich hervorragenden Vorfahren gehabt, mit Namen Morganap-Kerrig, aus einem Ort, der wie Gimlet klang, der unglaublich berühmt gewesen und dessen Verwandte sämtlich eine Art königliche Familie gebildet hätten. Er mußte sein ganzes Leben damit zugebracht haben, in den Gebirgen herumzuziehen und Gefechte zu liefern. Ein Barde, mit Namen Crumlinwallinwer, hatte ihn in einem Lied, das, soweit ich verstehen konnte, Mewlinnwillinwodd hieß, besungen.

Mrs. Woodcourt erzählte uns viel von dem Ruhm ihres großen Ahnen und sagte dann, daß, wohin ihr Sohn Allan auch immer kommen sollte, er sich stets seiner Abstammung erinnern und unter keiner Bedingung eine Verbindung unter seinem Rang schließen werde. Sie wisse, es gäbe viele schöne englische Damen in Indien, die nur aus Heiratsspekulation hinreisten, und daß sich auch einige mit Vermögen unter ihnen finden ließen, aber weder Schönheit noch Reichtum könnten dem Abkömmling eines solchen Geschlechts genügen ohne Geburt, die immer die erste Bedingung sein müßte. Sie sprach so viel von Geburt, daß ich mir für einen Augenblick fast einbildete, und mit Schmerz – aber welch törichte Einbildung, das anzunehmen –, sie könnte am Ende nach meiner Abkunft fragen.

Mr. Woodcourt schien ihre Gesprächigkeit ein wenig unangenehm zu sein, aber er war zu rücksichtsvoll, um es merken zu lassen, und wußte mit viel Taktgefühl das Gespräch so zu drehen, daß er meinem Vormund für seine Gastfreundschaft und für die vielen glücklichen Stunden danken konnte – er nannte sie sehr glückliche Stunden –, die er bei uns verlebt hatte.

Die Erinnerung daran, sagte er, würde ihn überall hinbegleiten, wohin er auch komme, und er werde sie stets im Herzen bewahren. Wir gaben ihm nach der Reihe die Hand – wenigstens sie taten es – und ich auch. Und er küßte Ada die Hand – und mir auch, und so verließ er uns, um seine lange, lange Reise anzutreten.

Ich war den ganzen Tag über sehr beschäftigt und schrieb Unterweisungen für die Dienstboten nach Bleakhaus und Briefe für meinen Vormund, staubte seine Bücher und Papiere ab und hatte mit meinen Wirtschaftsschlüsseln viel im Hause herumzuklimpern. Die Dämmerung kam, und ich war immer noch beschäftigt, sang und arbeitete am Fenster, als niemand anders als Caddy, die ich am wenigsten erwartet hätte, eintrat.

»Ei, liebe Caddy«, sagte ich, »was für schöne Blumen!«

Sie hatte ein allerliebstes Blumensträußchen in der Hand.

»Sie sind wirklich sehr hübsch, Esther. Die schönsten, die ich je gesehen habe.«

»Von Prince, liebe Caddy?« flüsterte ich lächelnd.

Caddy schüttelte den Kopf und hielt mir den Strauß zum Riechen hin.

»Nein. Nicht von Prince.«

»Was? Du hast zwei Anbeter!?«

»So? Sehen die Blumen danach aus?« fragte Caddy.

»Sehen Sie danach aus?« wiederholte ich und kniff sie in die Wange.

Caddy lachte nur dazu und sagte, sie sei bloß auf eine halbe Stunde gekommen, dann werde Prince auf sie an der Ecke warten. Sie plauderte mit mir und Ada am Fenster, reichte mir von Zeit zu Zeit ihre Blumen hin oder probierte, wie sie sich in meinem Haar ausnähmen. Beim Abschied zog sie mich in meine Stube und steckte mir den Strauß an.

»Für mich?« fragte ich überrascht.

»Für dich«, sagte Caddy und küßte mich. »Sie wurden von jemand zurückgelassen.«

»Zurückgelassen?«

»Bei der armen Miß Flite. Jemand, der immer sehr gut zu ihr war, eilte vor einer Stunde weg, um abzureisen, und ließ diese Blumen zurück. Nein, nein, nein! Leg sie nicht weg! Laß die hübschen kleinen Dinger hier ruhen«, sagte Caddy und steckte die Blumen sorgfältig zurecht. »Ich war selbst anwesend und würde mich nicht wundern, wenn sie jemand absichtlich zurückgelassen hätte.«

»Sehen sie danach aus?« fragte Ada, die lachend hinter mich trat und mich lustig mit ihren Armen umschlang. »O ja, sie sehen danach aus, Mütterchen. Sie sehen sogar sehr, sehr danach aus, wahrhaftig, liebe Esther.«

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