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Bleakhaus

Charles Dickens: Bleakhaus - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
titleBleakhaus
authorCharles Dickens
translatorGustav Meyrink
publisherDiogenes Verlag AG
addressZürich
year1984
isbn3-257-21166-X
senderreuters@abc.de
created20041025
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10. Kapitel

Der Advokatenschreiber

In den östlichen Grenzen von Chancery-Lane oder, genauer gesagt, in Court Cursitor Street betreibt Mr. Snagsby als Schreibmaterialienhändler sein Geschäft.

Im Schatten von Cook's Court – fast zu allen Zeiten ein schattiger Platz – hat Mr. Snagsby in allen Sorten juristischer Formulare gehandelt, – mit Bogen und Rollen von Pergamenten, – mit Papier in allen Formaten, groß, klein, braun, weiß, gefaltet, gerollt, gestempelt, – mit Kanzlei-Gänsekielen, Federn, Tinte, Radiergummi, Nadeln, Bleistiften, Siegellack und Oblaten, mit rotem Band und grüner Seide, Notizbüchern, Almanachen, Tagebüchern und juristischen Kalendern, mit Bindfadenbüchsen, Linealen, Tintenfässern aus Glas und Zinkguß, mit Federmessern, Scheren, Stecknadeln, kurz, mit so viel Artikeln, daß man sie gar nicht alle nennen kann, gehandelt, seitdem er ausgelernt und zu »Pfeffer« in die Firma eintrat.

Damals geriet Cook's Court sozusagen in Revolutionsstimmung, als die neue, frisch gemalte Firmatafel Pfeffer & Snagsby an Stelle der ehrwürdigen, alten, kaum mehr leserlichen Inschrift »Pfeffer« trat. Der Ruß, der Londoner Efeu, hatte Pfeffers Namen so dicht verhüllt und das ganze Haus so überwuchert, daß das zärtliche Schmarotzergewächs den Mutterstamm ganz überwältigt hatte.

Pfeffer wird in Cook's Court nicht mehr gesehen. Niemand erwartet ihn dort mehr, denn er liegt seit einem Vierteljahrhundert auf dem St. Andreaskirchhof in Holborn, wo die Wagen- und Fiakerreihe den ganzen Tag und die halbe Nacht an ihm vorüberbraust wie ein einziger großer Lindwurm.

Wenn er sich jemals fortstiehlt, während der Lindwurm schlummert, um in Cook's Court wieder die alte Luft zu atmen, bis ihn das Krähen des sanguinischen Hahnes in dem Keller der kleinen Milchwirtschaft zur Rückkehr mahnt, dessen Ansichten über das Tageslicht sehr interessant zu hören sein müßten, da ihn seine persönlichen Beobachtungen so gut wie nichts darüber gelehrt haben, – wenn Pfeffer wirklich jemals die fahle Dämmerung von Cook's Court wieder besucht, was keiner seiner Berufsgenossen mit Bestimmtheit in Abrede stellen kann, so kommt er unsichtbar, und niemand wird durch sein Kommen dümmer oder klüger.

Während seiner Lebenszeit und auch während Snagsbys Lehrkursus von sieben langen Jahren wohnte bei Pfeffer dessen Nichte, eine kleine, zänkische Nichte, ein wenig zu gewaltsam in der Taille geschnürt und mit einer Nase so scharf wie ein Herbstabend, an dem es frostig werden will.

Bei den Cookshöflingen ging das Gerücht, daß die Mutter der Nichte, als diese noch ein Kind war, von einem allzu großen Eifer beseelt, ihrer Tochter eine vollendete Figur zu verleihen, sie jeden Morgen, des festeren Haltes wegen den mütterlichen Fuß gegen die Bettpfoste gestemmt, eingeschnürt und ihr innerlich Essig und Zitronensaft flaschenweise eingeflößt habe; und die Säuren, hieß es, hätten sich der Nichte auf Nase und Charakter geschlagen. Welche der vielen Zungen der Fama die Urheberin dieses vagen Gerüchtes auch gewesen sein mag, jedenfalls erreichte es nie die Ohren des jungen Snagsby oder machte auf ihn einen besonderen Eindruck. Zum Manne geworden, hatte er um den schönen Gegenstand des Gerüchtes geworben, ihn gewonnen und so zwei Verbindungen auf einmal geschlossen.

Mr. und Mrs. Snagsby sind nicht nur ein Leib und eine Seele, sondern der Meinung der Nachbarn nach auch nur eine einzige Stimme.

Diese Stimme, die nur von Mrs. Snagsby zu kommen scheint, wird oft in Cook's Court vernommen. Mr. Snagsby dagegen wird seltener gehört.

Er ist ein stiller, kahlköpfiger, schüchterner Mann mit einer glänzenden Platte, die hinten in einen bürstenartigen Schopf von schwarzem Haar ausläuft. Er neigt zur Sanftmut und Wohlbeleibtheit. Wenn er in seiner Tür in Cook's Court in seinem grauen Ladenrock und den schwarzen Schreibärmeln steht und die Wolken betrachtet oder hinter einem Pult in seinem dunkeln Laden mit einem schweren Lineal in Gesellschaft seiner beiden »Stifte« Pergament beschneidet, ist er so recht das Bild eines stillen und anspruchslosen Mannes.

Unter seinen Füßen ertönt zu solchen Zeiten, wie von einem ruhelosen Geist stammend, häufig schrilles Klagen und Jammern von der bereits erwähnten Stimme, und wenn es lauter wird als gewöhnlich, äußert Mr. Snagsby zuweilen gegen seine »Stifte«: »Ich glaube, meine Alte gibt es der Guster.«

Diesen Namen, den Mr. Snagsby immer buchstäblich so ausspricht, wollen die witzigen Cookshöflinge von dem alten Wort Gust, Sturmwirbel, abgeleitet wissen und behaupten dabei, daß eigentlich Mrs. Snagsby von Rechts wegen so heißen sollte. Der Name ist jedoch das einzige Eigentum mit Ausnahme eines Lohnes von fünfzig Schillingen pro Jahr und einem sehr kleinen, spärlich mit Kleidern gefüllten Koffer eines hagern jungen Mädchens aus einem Armenhaus, das wahrscheinlich Auguste hieß. Obgleich sie während der Zeit ihres Wachstums bei einem liebenswürdigen Wohltäter der wohlbekannten Sorte im Waisenasyl von Tooting untergebracht gewesen und sich natürlich unter außerordentlich günstigen Bedingungen entwickelte, hat sie doch Anfälle, die sich die Kirchspielbehörde nicht erklären kann.

Guster, in Wirklichkeit nur drei- oder vierundzwanzig Jahre alt, aber gute zehn Jahre älter aussehend, ist in Anbetracht ihrer rätselhaften Anfälle billig zu nennen; sie fürchtet so sehr, wieder zu ihrem Schutzheiligen zurückgeschickt zu werden, daß sie ununterbrochen arbeitet, außer, wenn man sie mit dem Kopf im Eimer, dem Ausguß, einem großen Kessel, einer Schüssel oder sonst irgendeinem Gegenstand, der zur Zeit ihres Anfalls zufällig in der Nähe steht, findet.

Sie wirkt beruhigend auf die Eltern und Vormünder der »Stifte«, die herausfühlen, daß sie nicht darnach angetan ist, zärtliche Empfindungen in einer jugendlichen Brust zu erwecken; sie wirkt beruhigend auf Mrs. Snagsby, die immer ungestraft Fehler an ihr finden darf; sie ist eine Beruhigung für Mr. Snagsby, der es für eine Tat christlicher Liebe ansieht, sie in Dienst zu behalten.

Das Haus ist in Gusters Augen der Gipfel des Überflusses und Glanzes. Das kleine Staatszimmer, eine Treppe hoch, das sozusagen stets sein Haar in Papilloten gewickelt und eine Schmutzschürze vorhat, hält sie für das schönste Zimmer der Christenheit. Die Aussicht, die man aus seinen Fenstern auf der einen Seite nach Cook's Court, auf der andern in den Hof des Polizeiamtes Coavins genießt – allerdings muß man den Hals schmerzhaft biegen, um auch Cursitor Street sehen zu können –, bedeutet für sie eine Aussicht von unvergleichlicher Schönheit. Die vielen Porträts in Öl, auf denen Mr. Snagsby Mrs. Snagsby und Mrs. Snagsby Mr. Snagsby ansieht, sind in ihren Augen Meisterwerke von Raffael oder Tizian. Guster wird also für ihre vielen Entbehrungen einigermaßen entschädigt.

Mr. Snagsby überläßt alles, was nicht in die praktischen Mysterien des Geschäfts gehört, Mrs. Snagsby. Sie hat die Kasse, streitet sich mit dem Steuerviertler herum, bestimmt Zeit und Ort des sonntäglichen Gottesdienstes, führt Aufsicht über Mr. Snagsbys Zerstreuungen und duldet keinen Einwand hinsichtlich dessen, was sie mittags auf den Tisch zu setzen für gut findet. Dadurch ist sie für die benachbarten Frauen, die halbe Chancery-Lane auf beiden Seiten und selbst bis Holborn hinaus ein hoher Vergleichsmaßstab geworden; alle Ehemänner werden bei häuslichen Zwistigkeiten auf Mrs. Snagsbys Stellung ihrem Gatten gegenüber und auf dessen Benehmen in ähnlichen Fällen hingewiesen.

Gerüchte, die immer wie Fledermäuse in Cook's Court zu jedermanns Fenster ein und aus flattern, behaupten, Mrs. Snagsby sei eifersüchtig und stecke überall die Nase hinein. Und das peinige Mr. Snagsby so, daß er es manchmal zu Hause gar nicht mehr aushalten könne. Er würde es sich nicht gefallen lassen, sagt man, wenn er nur soviel Mut wie eine Maus hätte. Es ist sogar bemerkt worden, daß die Frauen, die ihn so gern ihren widerspenstigen Ehemännern als leuchtendes Beispiel hinstellen, in Wirklichkeit auf ihn herabblicken, und insbesondere eine gewisse Dame, deren Eheherr im dringenden Verdacht steht, seinen Regenschirm an ihr als Besserungsinstrument versucht zu haben.

Aber diese vagen Gerüchte haben vielleicht darin ihren Grund, daß Mr. Snagsby in seiner Art ein etwas versonnener und poetischer Mann ist. Er geht gern im Sommer in Staple-Inn spazieren und freut sich über das ländliche Aussehen der Spatzen und Blätter. Den Sonntagnachmittag verlebt er gern in Rolls Yard und äußert, wenn er guter Laune ist, daß es einmal alte Zeiten gab und er wetten möge, man würde heute noch den einen oder andern steinernen Sarg unter der Kapelle finden, wenn man nur danach graben wollte. Auch labt er seine Phantasie durch die Erinnerung an die vielen seligen Kanzler und Vizekanzler und Archivare.

Es wird ihm so ländlich zumute, wenn er den beiden »Stiften« erzählt, er habe gehört, vorzeiten einmal sei wirklich ein Bach, so klar wie Kristall, Holborn hinabgelaufen, als der Steig noch ein wirklicher Steg, der geradewegs auf die Wiesen führte, war; dabei wird ihm so ländlich zumute, daß er sich gar nicht ins Freie sehnt.

Der Tag neigt sich seinem Ende zu, das Gas wird angezündet, aber noch nicht ganz aufgedreht, denn es ist noch nicht völlig dunkel. Mr. Snagsby blickt von seiner Ladentür zu den Wolken auf und sieht eine verspätete Krähe westwärts über das bleifarbene Stück Himmel, das zu Cook's Court gehört, segeln. Die Krähe fliegt quer über Chancery-Lane und Lincoln's-Inn-Garden nach Lincoln's-Inn-Fields.

Hier, in einem großen Haus, einem frühern Palais, wohnt Mr. Tulkinghorn. Die Zimmer sind jetzt als Kanzleien vermietet, und in diesen zusammengeschrumpften Resten vergangener Größe nisten jetzt Advokaten wie Maden in Nüssen. Aber seine geräumigen Treppen, Korridore und Vorzimmer sind immer noch vorhanden und selbst seine gemalten Plafonds, wo eine Allegorie im römischen Helm und himmlischen Linnen sich unter Balustraden und Pfeilern, Blumen, Wolken und fettbeinigen Kindern breit macht, daß einem der Kopf weh tut – was immer mehr oder weniger der Zweck der Allegorie zu sein scheint.

Hier unter seinen vielen mit fabelhaft vornehmen Namen bezettelten Kasten wohnt Mr. Tulkinghorn, wenn er nicht stummer Gast in Landhäusern ist, wo die Großen der Erde sich zu Tode langweilen. Hier sitzt er heute still an seinem Tisch.

Eine Auster von der alten Schule, die niemand aufmachen kann.

So wie er sieht auch das Zimmer in der Dämmerung des Nachmittags aus. Rostig, veraltet, sich den Blicken entziehend, solid und behäbig. Schwere altmodische Mahagonistühle mit breiten Rücken und Roßhaarpolstern, antike Tische mit dünnen Spindelbeinen und bestaubten Überzügen, in Kupfer gestochene Porträts, die Geschenke von vornehmen Titelinhabern der letzten oder vorletzten Generation, umgeben ihn. Ein dicker, dunkler, türkischer Teppich bedeckt den Fußboden, und Mr. Tulkinghorn sitzt zwischen zwei Kerzen und altmodischen silbernen Leuchtern, die das große Zimmer nur unvollkommen erhellen, am Tische.

Die Titel auf den Büchern haben sich in den Einband zurückgezogen; alles, was ein Schloß haben kann, hat eins, aber nirgends ist ein Schlüssel sichtbar. Nur wenige Papiere liegen herum. Neben sich hat Mr. Tulkinghorn ein Manuskript, aber er blickt nicht hinein. Mit dem Stöpsel eines Tintenfasses und zwei Stückchen Siegellack arbeitet er schweigend und langsam an einem Entschluß, über den er noch nicht im reinen ist. Jetzt liegt der Tintenstöpsel in der Mitte, dann das rote Stück Siegellack, dann das schwarze. Es geht nicht zusammen; Mr. Tulkinghorn muß sie alle wieder zusammenschieben und von neuem anfangen.

Hier unter dem bemalten Plafond, wo die perspektivisch verkürzte Allegorie auf den Eindringling herabstarrt, als wolle sie auf ihn losstürzen, und er ihr keinen Blick schenkt, ist zugleich die Wohnung und die Kanzlei Mr. Tulkinghorns. Er hält keine Leute. Nur einen einzigen Menschen in mittleren Jahren, der, meistens an den Ellbogen abgeschabt, hinter einem hohen Gitter in der Vorhalle sitzt und selten mit Beschäftigung überladen ist.

Mr. Tulkinghorn ist kein gewöhnlicher Advokat. Er braucht keine Angestellten. Er ist ein großes Sammelbecken von anvertrauten Geheimnissen und läßt sich nicht auf diese Weise anzapfen. Seine Klienten brauchen ihn; er ist alles in allem. Prozeßschriften, die er entworfen zu haben wünscht, werden von Spezialadvokaten im »Temple« nach geheimnisvoller Instruktion abgefaßt; seine Abschriften läßt er bei dem Schreibmaterialienhändler machen, und auf die Kosten kommt es ihm nicht an. Der Mann in mittleren Jahren hinter dem Gitter weiß kaum mehr von den Angelegenheiten des Hochadels als der erste beste Straßenkehrer in Holborn.

Der rote Siegellack, der schwarze Siegellack, der Tintenstöpsel, der zweite Tintenstöpsel, die kleine Streusandbüchse. So! Du in die Mitte, du rechts, du links! Diese Unentschiedenheit muß um jeden Preis jetzt oder nie beseitigt werden. – So! Jetzt! Mr. Tulkinghorn steht auf, rückt die Brille zurecht, setzt den Hut auf, steckt das Manuskript in die Tasche, geht hinaus und sagt dem Mann mit den abgeschabten Ellbogen:

»Ich werde gleich zurück sein.«

Sehr selten spricht er sich ausführlicher aus.

Mr. Tulkinghorn geht geradewegs dahin, woher die Krähe kam – wenn auch nicht so schnurgerade, so doch beinahe so –, nach Cook's Court Cursitor Street zu:

Snagsby
Law Stationer und Papierhändler.
Besorgung von Akten und Urkundenabschriften und Kopien
Anfertigung juristischer Schreibarbeit aller Art usw. usw. usw.

Es ist etwa fünf oder sechs Uhr nachmittags, und ein balsamischer Duft von warmem Tee brütet in Cook's Court. Er umschwebt Snagsbys Tür. Man speist hier schon um halb zwei und ißt um halb zehn zu Abend. Mr. Snagsby war im Begriff, in die unterirdischen Regionen hinabzusteigen, um Tee zu trinken, als er noch ein Mal aus der Türe blickte und die verspätete Krähe sah.

»Der Herr zu Hause?«

Guster hat die Aufsicht im Laden, denn die »Stifte« trinken in der Küche mit Mr. und Mrs. Snagsby Tee. Die zwei Schneiderstöchter, die gegenüber in den zwei Fenstern der zweiten Etage vor zwei Spiegeln ihre Locken kämmen, bringen sie also nicht, wie sie sich einbilden, um ihren Verstand, sondern erregen nur die zwecklose Bewunderung Gusters, deren Haar nicht wachsen will, nie wachsen wollte und, wie jedermann tief im Herzen fühlt, niemals wachsen wird.

»Der Herr zu Hause?« fragt Mr. Tulkinghorn.

Der Herr ist zu Hause, und Guster will ihn holen.

Sie verschwindet, froh, den Laden verlassen zu können, den sie mit einer Mischung von Scheu und Verehrung als Stapelplatz für die Folterwerkzeuge der Gesetzeskunde betrachtet, als einen Ort, den man nicht ohne Gefahr betreten darf, wenn das Gas abgedreht ist.

Mr. Snagsby erscheint: fettig, warm, teeduftend und kauend. Er würgt einen Bissen Butterbrot hinunter und sagt: »Herrschaft! Mr. Tulkinghorn!«

»Ich möchte ein Wort mit Ihnen sprechen, Snagsby!«

»Ich bitte sehr, Sir. Mein Gott, Sir, warum haben Sie Ihren jungen Mann nicht nach mir geschickt? Bitte, kommen Sie nach hinten, Sir.«

– Snagsbys Gesicht strahlt. –

Das Hinterstübchen, in dem Pergamentgeruch vorherrscht, ist Ablage, Comptoir, Kopierbureau zugleich.

Mr. Tulkinghorn setzt sich nieder auf einen Stuhl beim Schreibpult und blickt umher.

»Jarndyce kontra Jarndyce, Snagsby.«

»Zu dienen, Sir.«

Mr. Snagsby dreht das Gas auf und hüstelt hinter der Hand und überschlägt im Geiste den Gewinn. Als schüchterner Mann ist Mr. Snagsby gewohnt, auf verschiedene Art zu hüsteln, um Worte zu sparen.

»Sie kopierten neulich einige Affidavits in dieser Sache.«

»Zu dienen, Sir.«

Die festverschlossene, nie zu öffnende Auster der alten Schule greift in die falsche Rocktasche und sagt:

»Eins war darunter, dessen Handschrift eigentümlich ist und mir fast gefällt. Da ich gerade vorbeiging und dachte, ich hätte es bei mir, trat ich herein, um Sie zu fragen... Aber ich habe es nicht bei mir. Macht nichts, die Sache hat keine Eile... Ah! Da ist es!... Ich trat herein, um Sie zu fragen, wer es kopiert hat.«

»Wer das kopiert hat, Sir?« Mr. Snagsby nimmt das Heft, legt es flach aufs Pult und blättert die Seiten mit einem den Schreibmaterialienhändlern eigentümlichen Griff der linken Hand um.

»Wir haben es außer Hause schreiben lassen, Sir. Wir ließen damals gerade ziemlich viel außer Hause schreiben. Ich brauche aber bloß in meinem Buch nachzusehen, wer es kopiert hat.«

Mr. Snagsby nimmt sein Buch aus dem Schrank, würgt noch ein Mal an dem Bissen Butterbrot, der unterwegs stecken geblieben zu sein scheint, beäugt das Affidavit von der Seite und fährt mit dem rechten Zeigefinger die Seite im Buch hinunter.

»Jewby... Packer... Jarndyce. Jarndyce! Da ist es, Sir. Richtig! Ich hätte es gleich wissen können. Das ist von einem Schreiber, der nicht weit von hier auf der andern Seite der Gasse wohnt.«

Mr. Tulkinghorn hat den eingetragenen Namen längst vor dem Law Stationer erblickt und gelesen, während dieser noch mit dem Finger die Seite entlang fuhr.

»Wie heißt er? Nemo?« fragt Mr. Tulkinghorn.

»Nemo, Sir. Hier ist es. Folio Nr. 42. – Übergeben Mittwoch abends um acht Uhr, abgeliefert Donnerstag früh halb zehn Uhr.«

»Nemo?« wiederholt Mr. Tulkinghorn. »Nemo heißt auf lateinisch Niemand.«

»Dann muß es auf englisch Jemand heißen.« Mr. Snagsby hüstelt unterwürfig. »Jemand heißt so. Hier steht es. Sie sehen, Sir! Folio 42. Übergeben Mittwoch abends acht Uhr, abgeliefert Donnerstag früh halb zehn.«

Mr. Snagsby erspäht, daß Mrs. Snagsbys Kopf zur Tür hereinguckt, um zu sehen, was dieses Wegbleiben vom Tee bedeuten soll. Mr. Snagsby richtet ein erklärendes Husten an Mrs. Snagsby, das soviel sagen soll wie: Lieber Schatz, ein Kunde!

»Halb zehn, Sir«, wiederholt Mr. Snagsby. »Unsre Advokatenschreiber, die auf Stück arbeiten, sind sonderbare Leute; und Nemo ist vielleicht nicht sein wahrer Name, aber er ist unter dem Namen bekannt. Ich erinnere mich jetzt, Sir, daß er ihn selbst in einem geschriebenen Anschlag in den verschiedenen Gerichtskanzleien unten so angibt. Sie kennen diese Art Anschläge, Sir – 'Bitte um Beschäftigung' usw.«

Mr. Tulkinghorn blickt durch das kleine Fenster in den Hof von Coavins, dem Polizeiamt, wo Lichter Coavins Fenster erhellen. Coavins Kaffeezimmer führt nach hinten hinaus, und die Schatten mehrerer schuldenbedrängter Gentlemen bewegen sich hinter den Gardinen.

– Mr. Snagsby benützt die Gelegenheit, um ein wenig den Kopf zu wenden, sich über die Achsel nach seiner kleinen Gattin umzusehen und mit den Lippen Zeichen zu geben: Tul-king-horn – reich – gro-ßer –Einfluß. –

»Haben Sie den Mann schon früher beschäftigt?« fragt Mr. Tulkinghorn.

»Gewiß, ja, Sir, zu dienen. In Arbeiten von Ihnen.«

»Ich dachte an wichtigere Dinge und habe vergessen, wo er wohnt.«

»Über der Gasse drüben, Sir! Er wohnt eigentlich« – wieder würgt Mr. Snagsby, als ob er den Bissen Butterbrot nicht herunter bekommen könnte – »er wohnt eigentlich bei einem Lumpenhändler.«

»Könnten Sie mir das Haus auf dem Rückweg zeigen?«

»Mit größtem Vergnügen, Sir!«

Mr. Snagsby wirft die Schreibärmel und den grauen Kittel ab, zieht seinen schwarzen Rock an und nimmt den Hut vom Haken. »Ah, da ist meine kleine Frau«, sagt er laut. »Meine Liebe, sei so gut und schicke einen der Burschen in den Laden heraus, während ich mit Mr. Tulkinghorn über die Straße gehe. – Mrs. Snagsby, Sir! – Ich bleibe höchstens zwei Minuten aus, meine Liebe.«

Mrs. Snagsby verbeugt sich vor dem Advokaten, zieht sich hinter den Ladentisch zurück, betrachtet die beiden durch die Fenstervorhänge, geht leise in das Hinterstübchen und sieht in dem Buche nach, das immer noch aufgeschlagen daliegt. Sie ist selbstverständlich neugierig.

»Sie werden die Lokalität wunderlich finden, Sir«, sagt Mr. Snagsby, während er ehrerbietig auf dem Fahrweg geht und den schmalen Fußsteig dem Advokaten überläßt. »Und auch der Mann selber ist recht sonderbar. Aber es ist im allgemeinen eine wilde Horde. Der Vorzug des Mannes ist, daß er keinen Schlaf braucht. Er geht an eine Arbeit, die man ihm gibt, sofort und bringt sie zu Ende in einem Zug, wenn es auch noch so lang dauert.«

Es ist ganz dunkel geworden, und die Gaslampen leuchten in voller Kraft. Durch einen Strom von Advokatenschreibern, die mit Briefen zur Post gehen, von Advokaten und Substituten, die zum Essen nach Hause eilen, von Klägern und Verklagten und Prozessierenden aller Art und durch das allgemeine Gewühl, in dessen Weg die forensische Weisheit von Generationen bei der Verrichtung der gewöhnlichsten Geschäfte eine Million von Hindernissen geworfen hat, und durch das stammverwandte Mysterium des Straßenschmutzes, von dem niemand weiß, woraus er sich bildet und wie und wo er sich um uns ansammelt – wir wissen bloß, daß er weggeschaufelt werden muß, wenn er sich zu sehr angehäuft hat –, waten und arbeiten sich der Advokat und der Schreibmaterialienhändler und kommen endlich zu einem Hadernladen, wo außer Lumpen noch Abfall aller Art angesammelt ist.

Der Laden liegt im Schatten der Mauer von Lincoln's Inn und gehört, wie die Firmatafel allen, die es interessiert, verkündet, einem gewissen Krook.

»Hier wohnt er, Sir«, erklärt der Schreibmaterialienhändler.«

»So, so, hier wohnt er«, sagt der Advokat gleichgültig. »Danke bestens.«

»Wollen Sie nicht hinein, Sir?«

»Ach nein; ich gehe wieder in die Kanzlei. Guten Abend. Danke schön!«

Mr. Snagsby zieht den Hut und kehrt zu seiner kleinen Frau und seinem Tee zurück.

Aber Mr. Tulkinghorn geht durchaus nicht in die Kanzlei. Er geht wohl eine kleine Strecke weiter, kehrt aber dann um und tritt in Mr. Krooks Laden. Es ist finster genug darin. Ein trüb brennendes Licht steht im Fenster, und ein alter Mann und eine Katze sitzen hinten beim Ofen. Der alte Mann steht auf und kommt mit einem zweiten trüb brennenden Licht in der Hand dem Besuch entgegen.

»Bitte, ist die Mietspartei, die hier wohnt, zu Hause?«

»Die männliche oder die weibliche, Sir?« fragt Mr. Krook.

»Der Schreiber, der Akten kopiert.«

– Mr. Krook mustert seinen Mann. Er kennt ihn vom Sehen. Er hat eine unklare Empfindung von seinen Beziehungen zum Adel. –

»Wünschen Sie ihn zu sprechen, Sir?«

»Ja.«

»Ich sehe ihn selber nur selten«, sagt Mr. Krook mit einem Zähnefletschen. »Soll ich ihn herunterrufen? 's ist freilich wenig Aussicht, daß er kommt, Sir.«

»Dann will ich hinaufgehen«, sagt Mr. Tulkinghorn.

»Zweiter Stock, Sir! Nehmen Sie die Kerze. Hier hinauf!«

Mr. Krook und neben ihm die Katze stehen unten an der Treppe und blicken Mr. Tulkinghorn nach.

»Hi-hi!« sagt er, als Mr. Tulkinghorn fast verschwunden ist. Der Advokat blickt über das Geländer hinab. Die Katze reißt weit den Rachen auf und faucht ihn an.

»Ruhig, Lady Jane! Anständig sein gegen Besuche, Mylady!«

»Sie wissen doch, was die Leute von meinem Mieter glauben?« flüstert Krook und tritt ein paar Stufen die Treppe hinauf.

»Was glauben sie denn?«

»Sie sagen, er habe sich dem Teufel verkauft; aber Sie und ich wissen das besser – der kauft nicht. Ich will Ihnen aber einen Rat geben. Mein Mieter ist so übellaunisch und gallig, daß ich glaube, er würde sofort in den Handel einwilligen. Bringen Sie ihn nicht auf, Sir!«

Mr. Tulkinghorn nickt und geht weiter.

– Er kommt an eine dunkle Tür im zweiten Stock, klopft, bekommt keine Antwort, macht die Tür auf und löscht dabei zufällig die Kerze aus. –

Die Luft im Zimmer ist fast so schlecht, daß sie das Licht ausgelöscht haben würde, wenn er es nicht getan hätte. Es ist ein kleines Zimmer, fast schwarz von Ruß, Fett und Schmutz. In dem verrosteten Gerippe des Kaminherdes, das in der Mitte eingekniffen ist, als hätte es die Armut mit ihrer Faust gepackt, brennt kümmerlich ein rotes Koksfeuer. In der Ecke beim Kamin stehen ein hölzerner Tisch und ein zerbrochenes Schreibpult; alles von Tinte beregnet. In einer andern Ecke liegt ein zerfetzter alter Mantelsack auf einem Stuhl und dient als Schrank oder Garderobe; ein größerer wäre überflüssig, denn er ist mager und eingefallen wie die Wangen eines Verhungerten.

Der Fußboden ist kahl. Nur eine einzige alte Matte, zu einzelnen Fransen zertreten, modert vor dem Herde. Kein Vorhang schließt die Dunkelheit der Nacht aus, aber die wettergebleichten Läden sind geschlossen, und durch die zwei großen Löcher darin könnte der Hunger hineinsehen auf das Gespenst eines Mannes auf dem Bett.

Auf der niedrigen Lagerstätte, dem Feuer gegenüber, in einem wirren Haufen schmutzigen Lappenwerkes, dünner Steppdecken und grober Sackleinwand sieht der Advokat, der zögernd in der Türe stehen bleibt, einen Mann liegen.

Er liegt dort in Hemd und Hosen mit bloßen Füßen. In der gespensterhaften Dämmerung eines Lichts, das niedergebrannt ist, bis der Docht in seiner ganzen Länge sich übergelegt hat und einen Turm von glimmendem Ruß über die Flamme hinausragen läßt, sieht sein Gesicht gelb aus. Das wirre Haar vermischt sich mit dem Bart um Backen und Mund, der verwildert und vernachlässigt ist wie alles ringsum. So übelriechend und schmutzig das Zimmer, so stickig die Luft ist, wird man sich doch nicht leicht darüber klar, was für ein Geruch die Sinne am unangenehmsten berührt; aber durch den allgemeinen krankhaften, Übelkeit erregenden Geruch von kaltem Tabaksqualm dringt der bittere, fade Geschmack von Opium dem Advokaten in den Mund.

»Heda, Freund!« Er ruft und schlägt den eisernen Leuchter an die Tür.

Er glaubt, er habe den »Freund« aufgeweckt. Der Mann liegt da, ein wenig abgewendet und mit offenen Augen.

»Heda, Freund!« ruft er wieder. »Heda! Heda!«

Wie Mr. Tulkinghorn wiederholt an die Türe schlägt, geht das Licht im Zimmer, das schon lange nur kümmerlich gebrannt hat, vollends aus, und er steht im Dunkeln, und die hohlen Augen in den Fensterläden starren auf das Bett.

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