Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Blätter aus Fiesole

Otto Julius Bierbaum: Blätter aus Fiesole - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1908
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleBlätter aus Fiesole
pages71-80
created20050518
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

II.

(Zweite Dezemberhälfte 1907.)

Wohl dem, der keine »Nerven« hat!

Aber: Wer wäre heute, der keine hätte?

Es ist, wie Max Halbe treffend gesagt hat: die »Verwünschung dieser Zeit«, nervös zu sein. Von Künstlern kenne ich nur drei, die nicht nervös sind: Stuck, Gulbransson, Liliencron.

Verbindet sich Nervosität mit Geldsorgen, so ist es eine Hölle, neben der die von Dante gesehene als Idylle wirkt.

»Der Geier des Ehrgeizes richtet den Schnabel
Immer nur gegen den eigenen Nabel«

sagt (ich stehe nicht für die Worte, aber für das kühne Bild des benabelten Vogels ein) der sonderbare Ornithologe in Alt-Rahlstätt. Ist das richtig, so decken sich Ehrgeiz und Nervosität in einer wesentlichen Eigenschaft. Sichselbstzerreißenwollen ist Nervosität. Zum Glück (Glück?) macht sie aber auch feig. Erst wenn sie geradezu und völlig Verrücktheit wird, bringt sie die Courage auf zu Gift, Dolch, Strick oder Revolver.

*

Die Italiener müssen früher nervös gewesen sein als wir. Ihr Wort für Langeweile (noia) hat eine dunkle Begriffsschattierung, die sich fast mit dem deckt, was ich als Langeweile der Neurasthenie bezeichne: die krankhafte, zerrige Verdrießlichkeit, die nur um Haaresbreite von Lebensüberdruß entfernt ist. Dieses Wetter jetzt nennen sie noioso, und sie wollen damit keineswegs bloß sagen, daß ewiger Regen langweilig sei. Man muß nur Ohren haben, zu hören, wie sie das aussprechen: tempo noioso, und man fühlt, wieviel Last, Qual, Ekel sie auf das vorletzte o häufen.

Die Deutschen haben den schönen Tropus dafür: »Es ist zum Auswachsen,« was wohl so viel heißt, wie: »Es ist zum Buckligwerden.« Aber da ist schon Humor dabei, – Galgenhumor: Nervenhumor.

*

Nachdem es zwei Wochen lang lau geregnet hat und, ungeheuren weißen quabbligen Mehlwürmern vergleichbar, unausgesetzt Nebelschläuche den Mugnone hinab nach Florenz gekrochen sind, raffte ich mich endlich auf und ging in die Uffizien, wie man in ein Sanatorium geht. Ich wollte endlich etwas Schönes sehen, etwas, das nie noios werden kann, da es nicht aus der noia geboren ist, sondern aus der gioia, und ich meinte, meine alten Nothelfer Cimabue und Giotto würden mich über all diese dumme, dumpfe Trübsal wegtrösten. – Schauerliche Enttäuschung: Sie haben mich verhöhnt! Diese beiden Frommen haben mich verhöhnt wie niederträchtige Teufel. Ich stand vor ihnen wie ein Kunstgelehrter und kriegte die vergleichende Krankheit. Der Teufel des Blödsinns selber setzte sich mir auf die Schultern, bohrte mir seine zwei Zeigefinger wie Zügel zwischen die Lippen, schlug seine Hufe mir wider die Weichen und ließ mich unter lautem Herausstoßen des gräßlichen italienischen Hü-Rufes, der wie ein viehisches Rülpsen (üip!) klingt, gleich einem gepeinigten Esel durch alle Säle, Kabinette und Korridore trabrennen. Höllischer Unfug! Idiotenhaftes Benehmen! Aber ach, – ich war nicht der einzige Esel, der sich so am Geiste der Kunst versündigte. Eine ganze Schar rannte mit mir, und sie war nicht einmal vom Teufel blödsinniger Nervosität geritten, sondern von dem unausstehlichen Brillenaffen der Gelehrttuerei: Auf ihnen saß der Geist der Baedekerei und hieb sie so gewaltig mit seinem Schulmeisterbakel über den Hintern, daß sie fast noch unsinniger rannten als ich. Einige aber waren bedächtiger. Wie sie an den meisten Bildwerken vorüberstorchten, ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen, indem sie lediglich die Nummerntafeln ablasen, während sie andere, deren Nummern in ihrem roten Buche einen Stern hatten, mit abscheulicher Geschäftsmäßigkeit beschnoberten, kamen sie mir vor wie Hunde, die an zwanzig Ecksteinen vorüberrennen, um am einundzwanzigsten das Bein zu heben. Während aber Hunde, wenn sie so tun, wenigstens nicht bellen, so begannen diese Schauderhaften auch noch zu reden, indem sie schnoberten. Sie baedekerten. Die rote Reisepest der Deutschen müffelte aus ihnen.

Wann endlich wird dieses entsetzliche Magisterbrevier ausgetilgt werden aus der deutschen Kultur, der es wahrhaftig schweren Schaden lange genug zugefügt hat! Es steht mir nicht zu und liegt mir ferne, die Gelehrtheit der Leuchten deutscher Kunstwissenschaft in Zweifel zu ziehen und gering anzuschlagen, die in diesen roten Büchern ex cathedra der jeweils herrschenden Schule die letzten Wahrheiten kritischer Kunstforschung predigen, – aber was, um Gottes willen: was soll diese Professorenweisheit in der Hand von Leuten, die doch wohl nicht reisen, um Kunstgeschichte zu lernen, sondern um ihren Alltag aufzuhöhen im Lichte der Schönheit, die hier aus früherer: ästhetischer Kultur ein paar Strahlen für uns Arme übrig gelassen hat. Sie kann nur Unheil anstiften: das Unheil dünkelhafter Oberflächlichkeit, die urteilen will, ehe sie gelernt hat zu sehen, zu empfinden. Die Herrschaft Baedekers ist kein Beweis des wissenschaftlichen Geistes der Deutschen, sondern deutscher Barbarei. Die Vandalen, die ehemals antiken Götterbildern Nasen, Arme, Beine abschlugen, haben sich im Grunde weniger barbarisch aufgeführt als diese frechen Touristen, die es sich unterstehen, mit ihrer elenden Scheinbildung, die eine vollkommene ästhetische Gefühllosigkeit aufs jämmerlichste bemäntelt, über künstlerische Offenbarungen aus Zeiten zu Gerichte zu sitzen, zu deren organischen Bestandteilen die Kunst gehörte, als welche in der unseren nur eine mehr oder weniger hübsche Applikationsarbeit, ein aufgesetzter schöner Flicken ist. Die Vandalen handelten wenigstens aus einem ehrlichen Glauben; sie verschimpfierten die Schönheit aus Religion, weil sie sie als heidnisch haßten: was sie vollzogen, war der scheußliche Akt einer gewissen historischen Logik. (Die Bilderstürmer in der Reformationszeit handelten aus einem verspäteten, aber gleichen Instinkte. So auch der widerwärtige »Hund Gottes« Savonarola.) Die heutigen Maulvandalen aber, die der Kunst mit »wissenschaftlichem Apparate« zu Leibe rücken und sie zu einem Versuchsobjekte für ihren (ach so seichten) kritischen Verstand herabwürdigen, handeln aus einem durchaus irreligiösen, gottlosen Instinkte: aus der infamen Einbildung des Philisters, er könne sich alles, selbst das Göttliche, zu eigen machen, indem er es verstandesmäßig (mit dem Vokabularium) »klein kriegt«. Diese Unverschämtheit ist Barbarenart. Es gibt keinen greulicheren Barbaren, als den »gebildeten« Philister.

Ein gutes Antidotum gegen Baedeker ist Ruskin. Auch er rückt der Kunst mit dem Verstande zu Leibe. Aber hinter diesem Verstand steht Religion, und dieser Verstand will die Kunst nicht klein kriegen, sondern, indem er sie zergliedert (aber: wie fein, wie behutsam, mit welcher Andacht!), will er den Reichtum des Ganzen, das Gesetz seines Lebens, will er das organisch Göttliche der Kunst intensiver fühlbar machen. Es ist ein gutes Werk des Straßburger Verlags von Eduard Heitz, daß er aus Ruskins Werken einige ganz, andere in Bruchstücken deutsch herausgegeben hat. (»Auslese aus den Werken von John Ruskin.« Bis jetzt acht kleine Bände.) Ruskins »Sechs Morgen in Florenz« haben mir in diesen Regenwochen (jetzt ist es die dritte, – o noia!) die Sonne, soweit das möglich ist, ersetzt. Was für ein angenehmer Engländer das ist (obwohl er auch »sehr unangenehm« sein kann)! Wohl eine Schulmeisternatur und demnach unter anderem auch rechthaberisch, eine Spur verdreht, mit moralischen Nutzanwendungen immer bei der Hand, ein bißchen kahl manchmal. Aber: der gute Schulmeister im alten Sinne: durchaus wohlmeinend; ganz aufgehend im Lehren, Beweisen, Warnen, Fördern; kein Wort aus dem Gehege der Zähne lassend, wofür er nicht die Hand ins Feuer zu legen bereit wäre: ein Fanatiker der Wahrhaftigkeit in jedem Sinne. Viel weniger Kunstgelehrter als forschender Kunstpraktiker. Ueber die Güte einer Malerei weiß er Bescheid, »wie der Schuster über sein Leder«. Läßt sich Gerüste vor Fresken bauen und untersucht die Malerei Zoll für Zoll aus der Nähe, so daß er nun genau anzugeben weiß, Strich für Strich, was alt und echt, was Uebermalung ist. Aber, indem er nicht nur Baum für Baum, sondern Zweig für Zweig, Blatt für Blatt sieht, übersieht er vor all dem doch den Wald nicht. Und mehr noch: er hört auch sein Schweigen, – dieses Schweigen, das den meisten Kunstgelehrten so stumm, ach so stumm ist. Dann wird er (wer würde es nicht dann!?) zum Dichter. Freilich: er bleibt in der Didaktik hängen. Aber immerhin: Didaskalos poieta, während die gelehrten Herren (ein paar wirklich Große unter ihnen, wie Burkhardt, ausgenommen) immer bloß Magister bleiben. Darum eignet er sich auf seinem eigentlichen Gebiete (dem der frühen, noch echt christlichen Kunst) zum Kunsterzieher wie kaum ein anderer.

*

Da es noch immer regnet, und der Wind immer noch nicht vom Montesenario kommen will als der ersehnte Tramontano, der zwar Kälte, aber klaren Himmel und den Nerven neue Spannkraft bringt; da meine Rosen nun, von allzu vieler Feuchte schwer, die Köpfe ganz trübselig und katarrhalisch triefend hängen lassen, die Chrysanthemen auf der Gartenmauer aber aussehen, wie schlecht frisierte liederliche Vorstadtweiber (ciana nennt der Florentiner so was, – der Schlesier sagt Miststücke); da der Blick auf Florenz hinab immer noch wie der Blick auf ein riesiges Bleidach und das Wandeln in der »Stadt der Blumen« ein Wandeln zwischen lauter Regenschirmen ist: so schmachtet meine Seele immer noch in der Grundsuppe einer fürchterlichen noia, und der Geist der Schwere, identisch mit dem Dämon des Scirocco, ist Herr über mich. Ich komme mir vor wie ein alter Pelz, in dem die Motten sind.

Muß man einen solchen alten Pelz nicht ausklopfen?

Ich hab's getan, und schonungslos. Aber lustig wird man bei dem Geschäfte auch nicht. Was hilft es mir, daß ich jetzt felsenfest von meiner Miserabilität überzeugt bin? Daß ich weiß: dieser da, hier, der an dem Schreibtische da, ist ein schlechtes Subjekt: träge, wohllebig, schwankend, gottlos, frevelhaft, jähzornig, willensschwach, stolz, rachsüchtig, eitel, ungebärdig, ehrsüchtig, leichtsinnig, verschwenderisch, zügellos? Was hilft das, da ich schon jetzt auch weiß, daß es ebenso unrichtig wie wahr ist, d. h. daß jede dieser Eigenschaften als Gegenwage ihren Gegensatz in demselben Subjekte hat? Dieser Träge ist (und allzuoft) ein Arbeiter, der die Feder erst dann aus der Hand legt, wenn ihn der Schreibkrampf dazu zwingt; dieser Genüßling und Freund bequemer Subsellien (et rerum caeterarum nach dem Geschmacke Friedrichs von Gentz und anderer Leute von stark angezweifelter Gesinnungstüchtigkeit) kann beliebig lange auf jede Behaglichkeit verzichten, wenn es darauf ankommt; sein Schwanken wird zuweilen just am äußersten Punkte der Schwingung zu einem trotzigen Verharren; gottlos, wie er ist, kann er sehr andächtig vor allen Gattern knien, in deren Anhauch er, der Frevelhafte, fromm wird und demütig, wie nur irgendein lyrischer Mönch, sei es Beato Angelico oder Angelus Silesius; sein schwacher Wille straffte sich in Leidenschaft oder Not oder Begeisterung immer federkräftig genug; sein Stolz hat sich noch stets gebeugt vor wirklicher Größe; den Rachsüchtigen entwaffnet eine Gebärde; der Eitle weiß über nichts so belustigt zu lachen, wie über seine Eitelkeit; wie häßlich es einen Mann kleidet, ungebärdig zu sein, gleich einem schlecht erzogenen Knaben, weiß dieser Ungezogene so gut, daß er sich keine Ungebärde straflos hingehen läßt; und gibt sich redlich Mühe, seine Ehrfurcht nach Zielen zu lenken, so hoch er sie nur zu sehen vermag; und büßt seinen Leichtsinn, wenn auch nicht reuig, so doch recht bitter und oft in Stunden schwersten Blutes, blutigsten Ernstes; und wird aus einem Verschwender manchmal gar ein Geizkragen; und seine Ziellosigkeit steht still im Augenblick, wenn sich's ernstlich geziemt, Selbstzucht zu üben auch bis zur Entsagung, – sei es in der Kutte, sei es im Harnisch.

Alles in allem: Auch der Scirocco vermag mich nicht völlig davon zu überzeugen, daß dieser alte Pelz ausrangiert zu werden verdient. Aber das ist gewiß: wenn ich mich einmal umbringe, so wird es bei Süd-Ost geschehen.

Doch wird es nicht geschehen, glaube ich. Denn es gibt Ablenkungen von schwarzen Gedanken, die ich als durchaus probat erfunden habe. Z. B.: einen starken Spazierstock überm Knie zerbrechen. Das tut weh und wohl und bringt zur Besinnung. Oder: Goethe lesen. Wenn man bedenkt, daß selbst der verzweifeln und wüten konnte . . . Oder: laufen, laufen, laufen, bis man weit weg von allen Menschen ist und ungestört laut aufschreien kann, sich und die Welt verfluchen und dann, lauter noch: lachen, lachen, lachen. Oder (nach dem Rezepte des heiligen Franziskus): sich prügeln lassen, windelweich sich prügeln und beschimpfen lassen. (Wer aber tut einem diesen Gefallen, wenn man nicht einen anderen – Heiligen dazu zur Hand hat?) Oder: alte Musik hören. (Mozart bringt immer zur Vernunft. Man schämt sich, unglücklich zu sein, wenn man Mozart hört.) Oder: mit Hunden, Katzen oder Kindern spielen. (Hunde und Katzen in der Wirkung sicherer.) Oder: an seine Feinde denken. Dies ist ein unfehlbares Mittel. Gewissermaßen rein logischer Natur: Man müßte sich feige vorkommen, wollte man ihnen den Platz räumen, und man würde damit auch bestätigen, daß die Gesellschaft recht hatte (wenigstens für Momente). Auch sagt man sich wohl: Was? Diese Braven sollen's weiter treiben dürfen, und du willst verzichten? Du willst dich um die Möglichkeit des Genusses bringen, sie vor dir abtreten zu sehen? Bist du wirklich schon so ganz marode, daß du dir nicht die Kraft zutrauen kannst, sie noch eine hübsche Weile weiter zu ärgern, indem du ruhig und munter bei deiner Art bleibst, die ihnen, grazie a Dio, grundzuwider ist? Und da man sich schließlich auch vom dicksten Scirorro nicht alle Illusionen rauben läßt, denkt man am Ende auch daran, daß es immerhin möglich ist, den einen oder anderen, der aus Unverstand oder Irrtum mit in das übeltönende Horn der Verleumdung, Verkleinerung, Verzerrung stößt, einmal davon zu überzeugen, daß seine Katzenmusik am falschen Platze war.

Indessen gehört zur Benutzung all dieser Mittel freilich das eine: daß man noch kräftig genug ist, sie anzuwenden. Und vor allem: man muß noch richtig verzweifeln können. Man muß noch die Kraft haben, das Gefühl momentaner Insuffizienz mit äußerster Bitterkeit bis in die Hefe durchzufühlen: an sich so grimmig zu leiden, daß schließlich das Bewußtsein dieses Leidenkönnens zum Beweise für das bloß Momentane jener Insuffizienz wird. Dann helfen die Mittel bestimmt. Denn sie bestätigen deine Kraft; sei es primitiv und roh, wie der zerbrochene Spazierstock, sei es mehr spirituell, wie die Fähigkeit, auf Goethe, Mozart zu reagieren, oder schließlich als Instinktkomplex, wie die Reaktion auf das rote Tuch der Feinde. Es kommt dann nur noch darauf an, ob einer Stier oder Truthahn ist . . .

*

Der Dezember meines Mißvergnügens ist vorüber. Der Tramontano hat alle Wolken und Nebel verjagt. Der Himmel ist wieder toskanisch: wie aus der hellen, feinblauen Florentiner Seide gewoben, die etwas starr (wie der Charakter des Toskaners), aber höchst edel und vornehm ist. Die Chrysanthemen sind kaput, aber die gelben und roten Rosen tun, als habe es ihnen nie in die Krone gesegnet. Und, o willkommenes Wunder: in einem besonders sonnigen Winkel an der Mauer des Franziskanergartens hat sich, wie ein Schwatzkränzchen hübscher junger Mädchen, eine Gesellschaft von Narzissen zusammengefunden, die mit den dunkelroten Beeren und den graugrünen Blättern der Stechmaus (pugnitopo: Mäusedorn) zusammen ein sehr hübsches Bukett ergeben. Auch anderes Bunte wird nun sichtbar: die zartrosarote Angelika (Engelwurz); die dunkelrote Frucht des Erdbeerbaums (corbezzola: Meerkirsche); Kamelien; Nelken, – auch schon ein paar (mir ganz neue) gelbe Anemonen. Wer denkt da noch an Autovivisektion und Mittel gegen Selbstmordgedanken?

Man setzt sich auf eine Straßenmauer und läßt sich von der Sonne Verse ins Notizbuch scheinen:

Angelika, die röselrote, hängt
Auf dunklem Efeu ruhend über die Terrasse
Verlangend nieder zu dem Rosenbusch
Mit seinen gelben Blüten, die im Winde
Leis auf und nieder gehn, wie zärtliche Gedanken
Im Herzen eines Mädchens, das halb träumt,
Halb wacht. – Schwarz, wie ein Trotz aus alter Zeit,
Wächst die Badia aus dem Silbergrau
Des sanften Oelbaumhügels. Hinter mir
Babbelt ein Bettler seinen leeren Spruch
Vom Paradiese, Jesus, Seligkeit
Und hält den alten Hut mir zitternd hin:
Ein altes Kind, rotnasig: lächerlich
Und rührend. Zehn Centesimi erhöhn
Ihm seine Lebensfreude sichtbarlich. –
Die Sonne brennt. Fräulein Angelika
Sehnt sich noch immer nach den roten Rosen.
Zwei Lodenröcke sächseln mir vorbei.

Hier ist gut ausruhn. Hier vergißt sich schnell,
Was, ach, im Norden überlästig wird
Und klettenklammrig lange kleben bleibt:
Der Geist der Schwere. Satanas, der Sorgen
Schieläugiger König, mit dem Peitschenstiel
In haariger Faust, entweicht, den Schwanz verklemmt,
Und wird in San Domenico zum Vetturino,
Der dich: »Signor, vuole? Due Lire
Fin al Firenze!«
bloß ein bißchen langweilt.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.