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Blätter aus Fiesole

Otto Julius Bierbaum: Blätter aus Fiesole - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
booktitleDie Yankeedoodlefahrt und andre Reisegeschichten
authorOtto Julius Bierbaum
firstpub1908
year1910
publisherGeorg Müller
addressMünchen
titleBlätter aus Fiesole
pages71-80
created20050518
sendergerd.bouillon
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Otto Julius Bierbaum

Blätter aus Fiesole

I.

(Erste Dezemberhälfte 1907.)

Nun wieder, nach drei Jahren, hier: Nachbar der Franziskaner; zwischen Mauern, deren Grund die alten Etrusker gelegt haben; unweit dem römischem Theater; gegenüber dem Hügel von Trespiano mit seinem Friedhofe, zu dem sich die toten Florentiner nachts mit Fackeln begleiten lassen. Zwischen mir und ihm der Mugnone. Noch will ich den Fluß nicht überschreiten. Noch danke ich für diesen Fackelzug, obgleich die Reise hierher einem Krankentransport sehr viel ähnlicher war, als einer Lustfahrt.

Doch war ich immer noch lebendig genug, mich auf der Talferpromenade in Bozen des helleren Lichtes dankbar und stark zu erfreuen, das die Sonne zu spenden beginnt, sobald man die Brennerhöhe hinter sich hat.

Der alte Noë (ein Schriftsteller, der sehr berühmt gewesen wäre, wenn er für Engländer und nicht für Deutsche hätte schreiben dürfen) hat versucht, zu erklären, warum die Sonne südlich des Brenners ihre Sache soviel besser macht, als nördlich dieses Bergzuges. Hartleben, der den Alten (ihm wahlverwandt in mehr als einem Betracht) persönlich gekannt hat, meinte einmal zu mir, das sei eine rationalistische Erklärung gewesen, zu deren Verständnis man in einem unerlaubten Maße nüchtern sein müsse. Daher er (und Noë selber) sie niemals ganz verstanden habe. Es sei das aber auch überflüssig, denn der eigentliche Grund dieser Erscheinung liege im Menschen und nicht bei der Sonne. Nicht, als ob es etwa vom Weine käme: sondern es käme von der Gnade des Südens, einem durchaus mystischen Phänomen, das sich jedem als Lohn mitteilte, der, einer sehr menschenfreundlichen Aufforderung Seiner Majestät folgend, den Staub des glorreichen Germaniens von den Pantoffeln geschüttelt habe.

Otto Erich hat so unrecht nicht gehabt. Nietzsches »Unschuld des Südens« meint Aehnliches.

Ich muß immer an Hartleben denken, wenn ich »Franzensfeste, das Tor des Frühlings«. passiere. (Dieses Gedicht, das mehr Schmiß als Poesie hat, ist dennoch ein gutes Gedicht. Nur wirkliche Poeten sind imstande, gute Gedichte dieser ästhetisch nicht einwandfreien Art zu finden. Weil nur wirkliche Poeten im rechten Momente auf schöne Weise banal sein können.) Auch auf der Talferpromenade dachte ich an ihn. Wir waren uns Freund und Feind zugleich, standen uns sonderbar nahe und sonderbar fremd gegenüber; ein wunderliches Verhältnis. Ich glaube, wir hätten uns später doch einmal kennen gelernt.

*

Auf der Talferpromenade, die überhaupt allzu sehr aufs Renommieren hergerichtet worden ist (Palmen, die im Winter in Baumwolle gewickelt werden), steht jetzt ein Monument aus Marmelstein: Held Dietrich, wie er den Zwergkönig Laurin unter sich gekriegt hat. Kein Wunder: wenn der eine so groß und der andere so klein ist. Da man nur dies im Augenscheine vor sich hat, wirkt die Tat, die hier verewigt werden soll, nicht eben imposant. Das (im übrigen gut komponierte) Bildwerk braucht einen Kommentar, ist also als Monument mangelhaft. Ein alter deutscher Steinmetz hätte im Zwerg die boshafte Kanaille, den hinterlistigen Zauberer gezeigt, der überdies um sich gebissen und gekratzt hätte, und man würde dann, auch ohne die Hilfe des Herrn Baedeker, gewußt haben, warum es sich verlohnte, seine Niederlage in Stein auszuhauen Von den neueren Deutschen würde es Ignaz Taschner so gemacht haben.

»Der arme Zwerg!« sagte ein italiänisches Fabrikmädchen zu einer Kollegin, »warum malträtiert ihn der große Lümmel so?«

Und da wollen die Italianissimi, daß alles Land bis zum Brenner italienisch sein soll und Bozen (nein: Bolzano) die Hauptstadt des Alto Adige! Wenn doch die braunen ragazze nicht einmal in der Rosengartensage Bescheid wissen. Doch ist es keine scherzhafte Angelegenheit, daß die Signori allen Ernstes ihren Ruf: Haec est Italia diis sacra jetzt schon auf der Höhe des Brennerpasses ausstoßen, der ianua barbarorum, wie sie ihn freundlich heißen. Das ist doch wohl ein bißchen unbescheiden. Auch wenn man sich zu den Guten Europäern rechnet und vom Geruche deutscher Jägerwäsche nicht ohne weiteres in patriotische Wallungen versetzt wird, dürfte man es mit einigem Rechte impertinent finden, daß uns unser schönes Südtirol einfach weggeographiert werden soll, weil mit der großen Wasserscheide der Zentralalpen als Grenze das Regno mächtiger konsolidiert dastünde in Europa. Quod non! Italien beginnt positiv nicht am Brenner, wenn es sich auch auf der Landkarte bequem und mit einem Anschein von geographischer Logik so konstruieren läßt. Selbst Napoleon war nicht imstande, diese allzu primitive Konstruktion aufrecht zu erhalten. Blutscheide ist wichtiger als Wasserscheide. Erst mit dem Trentino beginnt »Italien«. Die paar Zypressen und Edelkastanien, die sich ein bißchen weiter nördlich hinauf gewagt haben, müßt ihr uns schon lassen, oh ihr Nachkommen der edlen Römer (und nicht weniger edler Germanen): auch schon deshalb, weil wir sie besser zu schätzen wissen als ihr. Italien beginnt, wo der Wald aufhört. Viel Gutes, das wir nicht haben, fängt dafür an, z. B. der Oelbaum, die Reiskulturen und eure schöne Sprache (obwohl sie im Trentino toskanischen Ohren keineswegs lieblich klingt). Ich denke: wir lassen es dabei: soweit die deutsche Zunge klingt (und dazu gehört das obere Etschgebiet), ist deutsches Land. Laßt das Si mit dem Ja ehrlich und in Frieden kämpfen, richtiger gesagt: das Schi mit dem Jo. Euer Gerede von der lateinischen Rasse, die ein Recht auf alles Land bis zum Brenner habe, ist ein Unsinn, weil es diese Rasse gar nicht gibt. Das echteste römische Blut in Tirol (die Ladiner) hält überdies zu den Deutschen, die dort aber auch ihrerseits so wenig reine Germanen sind, wie ihr reine Romanen seid. Es sind Tiroler, Signori: ein Mischvolk, das aber, indem es, dank dem Vorwiegen deutschen Blutes, deutsche Mundart annahm, auch deutschen Geistes geworden ist. Diese Tiroler haben eine harte Zunge, aber auch einen harten Kopf. Der Wall, den diese harten Köpfe bilden, ist die Grenze zwischen euch und uns. Daran wird eure konstruktive Geographie zuschanden werden, Illustrissimi, verlaßt euch darauf.

*

Daß ich auf diese Dinge gekommen bin, daran trägt der ewige Regen schuld und der infame Scirocco, den sie hier auch vento vallombrosiano nennen, weil er von Vallombroso herüberkommt. Er hat aber nichts von der herrlich herben Frische der Wälder da oben (die ein kostbares Vermächtnis der so heftig verabscheuten Großherzöge aus dem Erzhause Habsburg sind), sondern ist widerlich weich, – eine pomadige Luft, die melancholisch, unlustig, ja selbst böse macht. Ich glaube, daß die Etrusker nicht bloß aus Gründen der Sicherheit alle ihre Städte auf Bergeshöhen angelegt haben, sondern auch wegen der frischen Luft in der Höhe. Geht man jetzt in Florenz herum, wo es bald lau nebelt, bald lau regnet, so ist es wie ein Hin- und Herkriechen in einem Flaumfedersack. Kein Wunder, daß die Inseratenseiten der hiesigen Zeitungen in der Hauptsache Mittel gegen Neurasthenie anzeigen. Auch meine Nerven schnurren ärgerlich wie schlapp gespannte Darmsaiten einer alten Baßgeige. Und ich tremoliere, Apolln und allen neun Musen zum Trotz:

Unglücklich bin ich! Unglücklich bin ich!
Hol mich der Teufel: unglücklich bin ich!
Ich bin so unglücklich, daß es mir beinah Spaß macht,
So unglücklich zu sein, so über alle Maßen unglücklich:
Unglücklich!
Unglücklich!
Ah, welche Wonne, so un-glück-lich zu sein.

Nichts gefällt mir, – alles tut mir weh.
Nichts gelingt mir, – alles geht mir schief.
Was? diese laue Heringslauge nennt sich Tee?
Ogottogottogottogott: fiel je
Ein Mensch so tief?

In meinem Garten stehn Besen, keine Bäume;
Alle meine Blumen sind welk und alt;
Meine Frau ist unerträglich; sie quält mich;
Alle ihre Worte sind spitz und kalt.
Der Himmel ist ein alter Aufwaschlappen, grau;
Draus träufelt schmutziges Spülichtwasser; an:
Gottverdammich! Dieser Kies!
Jeder Sztein ßticht mich wie ein Szpieß.
Aber das alles ist noch gar nichts: Auf mein Herz
Reimt sich Schmerz.

Jetzt heul ich entweder wie ein Hund,
Oder ich lach mich wie ein Teufel gesund.

*

Es mag ein Mißbrauch von Reim und Rhythmus sein, diesen schauerlichen Zuständen auf den Flügeln so schauerlicher Verse zu entfliehen, aber es ist ein Mittel, das ich zuweilen probat gefunden habe.

Nur hält es, wie alle Stimulantien, nicht lange an und hat, wie jedes Interim, den Schelm hinter ihm: eine Art moralischen Katzenjammers.

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