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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Neuntes Kapitel.

Gleich darauf schritten von der Vorderseite, der Via principalis her, Ausonius und Saturninus auf das Prätorium zu, während Herculanus heimlich von der rechten Rückseite, vom Quästorium, einbog und nun mit in das Zelt trat, wo der Wirt seinen beiden Gästen die Sitze neben sich auf dem Lectus zuteilte. – Er war noch immer eine stattliche Gestalt, dieser kaum merklich alternde Mann von zweiundfünfzig Jahren. Das edel gebildete Antlitz entbehrte nicht der latinischen Vornehmheit an Stirn, Nase und schön geschweiften Brauen.

Aber der Mund hatte so oft gelächelt – auch wohl allzuoft in Selbstgefälligkeit, – daß er verlernt hatte, sich in festem Vorsatz zusammenzuschließen: er war weich gebildet, dieser Mund, allzuweich für einen Mann. Und die hellbraunen Augen, so freundlich und wohlwollend, so zufrieden mit allen Dingen und Menschen – und nicht am wenigsten mit Ausonius! – verrieten doch am stärksten das heranschreitende Alter: sie hatten das Feuer des Blicks verloren. Müde schienen sie, aber nicht vom Leben, sondern vom Lesen. Denn Ausonius war Professor gewesen, Rhetor, Prinzenerzieher und – »Dichter!« Das bedeutete aber in jenen Tagen einen unglaublich viel lesenden Mann, der, in Ermangelung eigener erheblicher Gedanken, mit Bienenfleiß die Gedanken der Schriftsteller von vier Jahrhunderten excerpierte, auseinanderriß, und in so künstlich kleinen Splitterchen wieder wie bei einem Geduldspiel zusammensetzte, daß seine Leser – und er selbst! – sie für neu, für seine eigenen hielten und die peinliche Mosaikarbeit nur schwer in ihre überall her entliehenen Bestandteile hätten auflösen können.

Leidenschaften hatten dies glatte Antlitz nie gefurcht: die Runzeln um die Augen waren nicht von Schmerzen, nur von den Jahren gegraben. Diese freundlich gestimmte Seele, die selbst alles zum besten kehrte, fand auch alles in der Welt vortrefflich bestellt und glaubte alles Ernstes, daß es allen Leuten, die nicht schwere Verbrecher und deshalb mit Fug und Recht übel daran wären, so erfreulich gehe wie dem sehr, sehr reichen, von der Geburt an vom Glück getragenen, wohlwollenden, wohlbelesenen und wohlredenden, von seiner ganzen Umgebung verhätschelten Decius Magnus Ausonius von Burdigala (Bordeaux), der wonnereichen Villenstadt: wie Ausonius, der, nach seiner Zeitgenossen und besonders auch nach seinem eigenen Urteil, der größte Poet seines Jahrhunderts war, was freilich, auch wenn es wahr gewesen wäre, nicht viel hätte heißen wollen. –

Dieser wirklich liebenswürdige, gutmütige, nur ein wenig selbstzufriedene Mann spielte nun die Rolle, die ihm von allen am besten ließ – viel besser als die des Dichters oder des Staatsmannes! –: die Rolle des Wirtes, der, selbst behaglich, es auch seinen Gästen behaglich machen will: jene freundliche, heitere, wohlwollende Herzensweiche, die gern alle Leute fröhlich sehen möchte – freilich, ohne sich selbst dabei allzuviel Opfer anzumuten – kam da zu erfreulichstem Ausdruck.

»So! Geht nun, ihr Sklaven,« winkte er diesen, die wieder eingetreten waren. »Pflegt euch, – wie wir uns pflegen. Geh, auch du, getreuer Prosper: nimm für dich – und gieb jenen nur auch! – von dem besseren Wein, den vom Rhodanus, du weißt! Ich sah, wie schwer die Armen schleppten an den Schläuchen den steilen Hang herauf. Geht: wir bedienen uns selbst.« Und er streckte sich behaglich auf dem Lectus aus, ein weiches Daunenkissen, gefüllt mit den geschätzten Federn germanischer Gänse, unter das Haupt schiebend. »Reiche, lieber Neffe, dort die Amethystschale dem Tribun! Denn wacker soll er trinken, unser illyrischer Herkules! Nein, – nicht nach dem Mischkrug langen, Saturninus! Den ersten Becher – ungemischt: dem Genius des Kaisers Gratianus!« – »Gut, daß der Kaiser selbst dich nicht hört,« lachte der Tribun, die leergetrunkene Schale niedersetzend. »Ich bin nicht Christ, nicht Heide, ich bin Soldat, und niemand fragt nach meinem Glauben. Aber du! Gratians Lehrer! Der Kaiser ist eifrig im rechten Glauben! Und du spendest ›seinem Genius‹, als lebten wir in den Tagen Diokletians! Bist du ein Heide, Präfectus Prätorio von Gallien?«

Ausonius sah sich um, ob auch kein Sklave horche. Dann lächelte er: »Wär' ich Heide, das heißt, wär' ich nicht ein bischen getauft, – dann wär' ich sicher nicht Präfectus Prätorio von Gallien: diese Würde ist aber doch wohl ein paar Tropfen gleichgültigen Wassers wert. Und durch die Haut sind sie mir nicht gedrungen. Wie könnte ein Poet der alten Götter vergessen!« »Ja, ja,« meinte der Tribun, »streicht man aus deinen Versen die gelehrten mythologischen Anspielungen, so sind dem Raben Ausonius die buntesten der eingeflickten fremden Federn ausgezupft!« »Tribun!« zürnte der Neffe –, er schrie dabei lauter als nötig gewesen wäre – »du sprichst von dem größten römischen Dichter!« »Nein, nein,« meinte der so Gepriesene ganz ernsthaft, »es giebt wohl deren zwei oder drei größere.« »Vergieb mir, Ausonius,« bat Saturninus. »Ich verstehe mich auf Schlachten, nicht auf Verse. Und es mag wohl meine Schuld sein, daß mir die deinigen nicht gefallen.« – »Du kennst ihrer zu wenige,« mahnte Herculanus. »Bin nicht dieser Meinung!« lachte der Illyrier. »Zum Lesen hab' ich nie viel Muße gehabt. Aber wenn man neben deinem Oheim reitet – ob durch Aquitaniens Oliven, ob durch der Mosella Rebenhügel, ob durch den Sumpfwald der Alamannen, – er hat ein unerschöpfliches Gedächtnis: – meilenlang kann er seine Verse hersagen.« »Ja,« bestätigte der Poet wohlgefällig, »mein Gedächtnis muß mir die Phantasie ersetzen.«

»Wäre es nicht besser,« fragte der Soldat, »du hättest Phantasie, und deine Leser behielten gern im Gedächtnis, was sie erfindet?« – »Mein Oheim kann den ganzen Vergilius auswendig!« – »Ja, das merkt man: – an seinen Versen! Der Leser weiß oft nicht mehr, wo Vergilius, wo Ovidius aufhören und wo Ausonius anhebt. Aber Ausonius recitiert am liebsten die eigenen Verse.« Dieser nickte vergnüglich. »Sieh, das ist das Beste an dir, Präfekt, daß du, obzwar ein wenig eitel, wie alle Versedreher, doch das Herz am rechten Flecke hast: ein warmes, gütevolles Herz, das einem Freunde keinen Scherz verübelt.«

»Da müßt ich zugleich dumm und böse sein.«

»Zur Belohnung will ich dir nun auch sagen, daß ich einem Gedicht von dir – oder doch einem Stück daraus – eine köstliche Nacht verdanke.« Angenehm berührt richtete sich der Dichter auf dem Lectus auf: »Welchem Gedicht?« – »Deiner Mosella.« »Ja, ja,« schmunzelte Ausonius, »die gefällt mir selbst nicht wenig.« »Göttlich ist sie!« beteuerte Herculanus. »Bin kein Theologe,« lachte Saturninus, »daß ich mich aufs Göttliche verstände. Aber das Schönste in dem Gedicht ist die Schilderung der verschiedenen Fischarten des Mosella-Flusses.« »Ja, ja,« lächelte der Verfasser vor sich hin und schlürfte behaglich einen langsamen Trunk, »Vers zweiundachtzig bis einhundertneunundvierzig: das ist sehr hübsch, zumal in der Euphonie.« – »Ach was Euphonie! – Ich las es abends. Über dem sonstigen Inhalt schlief ich ein.« »Barbar!« schalt der Dichter. – »Aber im Traum sah ich alsbald die köstlichen Fische alle vor mir: den Salm –« »Auch dich preis' ich, o Salm, mit dem rötlich schimmernden Fleische!« citierte Ausonius. – »Die Forelle.« – »Dann die Forelle, den Rücken besprengt mit den purpurnen Sternlein. – He, das nenn' ich Hexameter.« – »Die Äsche.« – »Und die flüchtige Äsch', entfliehend den Augen im Schnellsprung!« – »Ja: aber nicht so, wie du sie schilderst: lebend in der Mosel, sondern – ich esse nichts lieber als einen feinen Fisch! – auf silbernen Schüsseln sah ich sie vor mir, sämtlich gebraten, gesotten, in leckern Brühen! Und im Traume kostete ich sie alle! Und da ich erwachte, leckte ich mir die Lippe und segnete Ausonius: keinem Dichter hab' ich je solchen Genuß verdankt.« Und er lachte und trank.

 


 

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