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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Achtes Kapitel.

Seitdem waren Tage vergangen. – Ohne Widerstand zu finden, waren die Römer in das Land gezogen. Nachdem sie auf der Höhe von Meersburg Lager geschlagen und den folgenden Tag Rast gehalten, waren sie wieder aufgebrochen und, von dem See und dessen sumpfigen Ufern sich etwas landeinwärts wendend, in langsamem Zug auf den »Idisenhang« gelangt. Da sie auch diese beherrschende Stellung unverteidigt gefunden, hatten sie hier, auf dem mit der Flottenabteilung verabredeten Punkt, ein Standlager errichtet. Sobald dies ausreichend befestigt schien, um von einer kleinen zurückzulassenden Schar verteidigt werden zu können, und sobald die Waffenbrüder drüben in Arbon ihre Flotte segelfertig gerüstet hatten, sollte diese herüberfahren, landen und die gemeinsame Treibjagd auf die aufzusuchenden Barbaren beginnen.

Kaum aber hatte Nannienus von drüben, von Arbon aus, bemerkt, daß die Landschar den verabredeten Punkt erreicht und das Lager geschlagen hatte, als er auf raschem Fischerboot eine Nachricht herübersandte, die den Fortgang der Unternehmung auf unbestimmte Zeit zu hemmen drohte. Sowie der tüchtige Heerführer in der römischen Hafenstadt eingetroffen war, stellte sich ihm heraus, daß die Ausrüstung der erforderlichen Fahrzeuge viel mehr Zeit erheischen werde, als man vorausgesetzt hatte.

Die Angaben der Beamten und Offiziere in ihren Briefen an den fernen Kaiser, die ansehnliche Reste der alten römischen Bodensee-Flotte als noch erhalten gemeldet und durch neu gefertigte Schiffe verstärkt gepriesen hatten, erwiesen sich als falsch, als maßlos übertrieben: die Gewissenlosen, verdorben wie fast der ganze Beamtenstand des Reiches, hatten ihre zahlreichen Schlappen verschwiegen, in welchen die Barbaren jene Schiffe allmählich zerstört hatten, die Gelder für Herstellung neuer Kiele aber hatten sie unterschlagen und die neu herzustellenden Segel als vollendet gemeldet. So erkannte und meldete der Comes von Britannien mit bitterem Zorn, – in Ketten schickte er die pflichtvergessenen Quästoren und Nauarchen dem Kaiser nach Vindonissa zur Bestrafung – daß er, obschon er in der kleinen Werft Nacht und Tag arbeiten lasse, erst in erheblich späterer Zeit die aufgetragene Landung werde ausführen können. Der thatendurstige Saturninus war empört über die aufgezwungene Muße: aber es blieb ihm nichts übrig, als auf die Fäulnis der Beamtung, des Reiches, der ganzen Zeit zu schelten – und zu harren.

Auf dem hochragenden Gipfel der Anhöhe, der heute den Kirchhof des Dorfes Berg trägt, in dem »Prätorium« genannten Teil des Lagers, war das reichgeschmückte Zelt für den Präfectus Prätorio von Gallien aufgeschlagen. Weiche, mehrfach übereinander gelegte Teppiche bedeckten den Boden. Ein »Lectus« (Ruhebett) war an der Rückseite des Lederzeltes aufgestellt. Daneben prangte ein Tisch von Citrusholz, mit kostbaren Trinkgefäßen besetzt. Ein alter Freigelassener, ein Kochsklave und der Bechersklave waren beschäftigt, die letzte Hand anzulegen. Für drei Zecher ward Platz gemacht auf dem hufeisenförmigen Ruhebett und eine Reihe von Bechern ward aufgestellt: denn in dem Zelte des Tribunus hatte man zwar die Coena eingenommen, aber der Präfekt hatte jenen und seinen eigenen Neffen eingeladen, nach dem Mahle noch einige erlesene Weine in dem »prätorischen Zelt« zu kosten.

Während die Diener sich mit dem Tische beschäftigten, war das lockere Leder an den Stangen auf der Rückseite des Zeltes wiederholt sachte gelüftet, aber gleich wieder niedergelassen worden; niemand hatte es bemerkt.

Nun gingen die übrigen; nur der Bechersklave schien noch nicht ganz fertig: immer wieder wischte er an der Innenfläche eines stolzen Silberpokals, der, von drei anmutigen Mädchengestalten getragen, die Aufschrift trug: »Ihrem Liebling Ausonius die Grazien.« »Noch immer nicht fertig, Davus?« hatte bei dem Fortgehen der alte Freigelassene unzufrieden gefragt. »Nein, Prosper,« war die Antwort gewesen. »Du weißt: der Herr trinkt nur aus diesem Becher, des Kaisers Geschenk; und er ist so eigen damit.«

Kaum war der Sklave allein, als das Zeltleder abermals gelüftet ward: ein lauerndes Gesicht schob sich behutsam nach innen: »Endlich allein!« flüsterte der draußen. »Ich wartete auf dich, Herr.« – »Nun? Heute? Beim Nachttrunk?« – »Nein! Ich wage es noch nicht. Dein Oheim ist so gesund wie daheim in Burdigala. Laß ihn erst erkranken unter diesem barbarischen Himmel, bei den ungewohnten Anstrengungen des Lagerlebens, in Regen und Sumpf; dann geht es eher. Aber jetzt? Aus heiler Haut? Nein, nein! Habe Geduld! Warte noch!« – »Ich kann nicht mehr warten! Meine Gläubiger, die Wucherer, verfolgen mich bis aufs Blut, – bis hierher in das Lager. – Und diese Gegend, diese Nachbarschaft! Du weißt: sie ist mir gefährlicher, als jeder andere Fleck des Erdkreises. Darum, eile dich!«

»Sobald er nur ein wenig unwohl wird, – dann alsbald. Auch will ich's nur gestehn . . . –« – »Was?« – »Das Fläschchen mit dem Gift, – das du mir gegeben, – ich hab' es nicht mehr.« – »Verloren, Tölpel?« – »Nein, zerbrochen! Bei dem schweren Steigen auf den Berg neulich am See glitt ich aus, – schlug mit der Brust auf den Fels, das Fläschlein klirrte und der Saft floß aus.« – »Ha, woher nun anderes –«

»Sorge nicht, Herr! In diesen Sumpfwiesen habe ich Schierling genug wachsen sehen, unser ganzes Heer zu vergiften. Schon hab' ich zu sammeln, zu trocknen begonnen. Thu' du desgleichen und sobald –« Da hörte man laute Stimmen, klirrende Waffen nahen. Das Gesicht in der Zeltfalte verschwand und der Sklave trat aus dem Eingang in das Freie.

 


 

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