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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.

Da schmiegte sich das Mädchen noch näher an Waldrun: aber diese sprang erschrocken auf: mit rascher Bewegung suchte ihre Hand das Herz der Enkelin. »Wie pocht es da!« flüsterte sie. Und nun erhob sie, wie abwehrend, die Linke hoch wider den Jüngling, mit der Rechten das hold erglühende Mädchenantlitz bergend unter ihrem faltigen Mantel. »Laß ab, du Arger,« sprach sie mahnend. »Argwohn ergreift jetzt mich selbst. Wenig würdig ist, daß du wagst, vor uns beiden schirmlosen Frauen das Wort der Werbung zu sprechen, das Mädchen verwirrend und, neugierig, eitel, versuchend, wie diese Werbung wirke! Nicht also will es der ehrbare Brauch unseres Volkes! War es dir ernst mit dem Freien – Suomar zuvor, den Muntwalt, mußtest du angehen: er vergiebt meiner Enkelin Hand, nicht diese selbst. Mit dem Muntwalt verträgt, wer Ernst und Ehe meint, das Mägdlein beschwatzt, wer Kurzweil und Lust begehrt! Geh: – ich zweifle an dir!«

Beteuernd legte der Gescholtene die Hand auf die Brust: aber bevor er sprechen konnte, war das Mädchen aus dem bergenden Mantel der Großmutter hervorgehuscht: ihre Wangen glühten: die roten Haare hoben sich: fast meinte man, sie knistern zu hören: ihre zornigen Augen blitzten: sie sprang gegen den Jüngling und stieß ihn mit beiden Händen vor die Brust: aber er wankte nicht.

»Ja, geh!« rief sie. »Ich zweifle nicht! Sogar Waldrun, die Gute, die dir stets das Wort geredet, ward irr an dir! Und sie kann es doch nicht sehen, dein übermütig strahlendes Antlitz, das verhaltene Siegeslächeln auf diesen stolzen Lippen, den Hochmut dieser leuchtenden Augen! – Da – sieh – wie jetzt die Güte, die angenommene, aus deinen Zügen weicht! – Wie du dich aufbäumst! – Hoch das Haupt zurückwirfst! Ja, das ist der Edeling, der Rasche, der Starke, der Schöne! der da meint, jeden Einfall, jede Laune müsse ihm, seinem Liebling, der Wunschgott erfüllen. Du und die arme Kleine, die rote Bissula an deinen Herd führen! – Übrigens: Bissula heiß' ich nur für meine Freunde: – für Fremde heiß' ich Albfledis. Recht hat Waldrun: die Blinde hat es gesehen: meintest du's ernst, – mit dem Muntwalt mußtest du vertragen.« Sie trat von ihm zurück und ergriff der Großmutter Arm: »Komm! Laß uns in das Haus gehn!«

Aber hochaufgerichtet vertrat den Frauen Adalo den Weg: Trauer und Zorn rangen um die Herrschaft in dem Ausdruck seiner schönen Züge. »Ich hatte es ernst gemeint, so ernst! Freia weiß es! Bald sollte Frigga davon wissen! Mit Suomar sprach ich nicht, weil ich nicht, wie die meisten, das Mädchen ungefragt, nur durch des Muntwalts Machtspruch, gewinnen wollte: denn nicht nur ihre Hand und ihren Leib, – ihr Herz, ihre Liebe wollt' ich mir erringen. Suomars war ich wohl sicher.« – »Hörst du den Hochmut, Großmutter?« – »Ohne Hochmut! Was kann dein Ohm gegen mich einwenden? Nichts! Und wir haben immer freundliche Nachbarschaft gehalten: er hätte mich nicht abgewiesen! Aber ich wollte dich nicht vergabt von einem andern: – dich Trotzgemute! Ich wollte, die Jugendgespielin sollte selbst sich mir geben. Ja, ich gesteh' es: ich hoffte, sie sei mir noch von der Kindheit Tagen her ein wenig – ein ganz klein wenig gut geblieben!« – »Übermütiger!« – »Und jetzt hat mir die Stunde, die Gefahr die Zunge gelöst. Der Römer naht! Wer weiß, was er über uns bringt. Du aber hast mich fortgestoßen mit unverdientem Argwohn, hast meine treu gemeinte Hilfe verschmäht. Aber freilich« – und hier furchte er in schmerzlichem Zorne drohend die Stirn – »dir thun vielleicht die Feinde nichts zu leide!«

»Wie meinst du das?« forschte die Alte: aus ihrem Ton sprach Besorgnis vor neuem Stoff zum Hader unter den jungen Leuten. Bissula aber warf, ohne zu fragen, einen blitzenden Blick auf ihn. »Du hast ja,« fuhr er mit verhaltnem Grimme fort, »seit Jahren Freunde unter den Verhaßten: – wenigstens einen Freund. Vielleicht kehrt er mit den uns bedrohenden Kohorten hierher zurück, der weise, klugredende und – vor allem! – so reiche Senator! Mit dem freilich und seinen Geschenken an Schmuck, an Edelobst und fremden Blumen kann sich nicht messen ein alamannischer Edeling, ein ›Barbar!‹ – Und daß ich deines Volkes bin, jener aber von unsern Erbfeinden: – was gilt das dir? Du brauchst, ja du willst vielleicht weder Sumpf noch Weihberg zum Schutz gegen deinen – Freund!«

»Schweig, Edeling! Sie war damals dreizehn Jahre. Ihr Vater, ja fast ihr Großvater konnte der wackere Römer sein.« – »Aber er war so klug! Er wußte die Worte so zierlich zu setzen, daß ich sie meist gar nicht verstand. Und Albofledis hörte sie so gern, die Sprache der – Feinde!« – »Wenigstens,« fiel das Mädchen nun ein, die Worte hastig hervorstoßend, »hat Ausonius niemals die Sprache übermütigen Spottes zu dem Kinde geredet! Und ich sage dir, da du mich reiztest: ja, käme der Würdige, Mildherzige jemals wieder und wollte er mich wieder, wie damals, mit sich nehmen, als sein Kind, in sein schönes Land, in sein reiches Säulenhaus, – höre es: eher folgte ich ihm, die Tochter dem Vater, als daß ich dir lauschte und deiner höhnenden Werbung.« – »Halt, Albofled,« sprach der Jüngling, hoch sich aufrichtend. »Genug! Meine Werbung? Sie ist aus, für immerdar! Nie wiederhol' ich sie – ich schwör's bei diesem Speere! Du hast mich verschmäht –, hast mir den Römer offen vorgezogen –: höre mein Wort vor deiner Ahnfrau und vor der allsehenden Frau Sonne: nie wieder wirbt Adalo um dich! Und ob mich der heiße Durst des Herzens nach dir verzehre, – eher sterb' ich, als daß ich nochmal bittend dir nahe.« – »Wehe,« klagte die Blinde, »wehe um meinen liebsten Wunsch! Soll er nimmer sich erfüllen?« – »Sollte sich dieser Wunsch erfüllen, Mutter Waldrun, dann müßte zuvor Albofledis zu mir in meine Halle kommen und mich bitten: sieh, Adalo, hier bin ich! Nimm mich zum Weibe!« »Ha, freches Frevelwort!« rief Bissula, außer sich vor Zorn und Schmerz. Sie wollte einen der großen Steinblöcke emporreißen, die vor der Eiche gefügt lagen, und ihn auf den Verhaßten schleudern. Aber ihre kleinen Händchen rissen sich fruchtlos blutig an dem scharfen Gezack: unbewegt blieb der schwere Block: in Thränen ohnmächtigen Zorns ausbrechend sank sie über dem Stein zu Boden. Lauschend, angstvoll beugte sich die Alte zu ihr herab. Adalo aber hatte von all'dem nichts mehr gesehen und gehört. Zorngemut und stolz hatte er bei seinem letzten Wort den Frauen den Rücken gekehrt: den Speer auf der Schulter sprang er hastig den Bühl hinab, so rasch, daß die gelben Locken wild um sein schönes Haupt flogen.

 


 

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