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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 59
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typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Vierzehntes Kapitel.

Der Schnellsegler des Kaisers schickte sich an, den Kahn des Saturninus in das Schlepptau zu nehmen. Dies schien das Schonendste für den Verwundeten, den man nicht auf das hochbordige Schiff heben mochte. Mit dieser Arbeit beschäftigt, achteten die übrigen Römer in den beiden Kähnen nicht auf die Kleine, die sich nun aufrichtete. »Ausonius!« sprach sie matt, – auf ihn fiel auch jetzt ihr erster Blick. – »Wieder von dir – gefangen.« – »Gerettet von mir, – von uns Römern,« sprach er, strenger, als er, zumal mit ihr, zu reden pflegte.

Denn seltsame Wandlungen hatten sich in dem Beweglichen vollzogen. Noch war er nicht darüber klar, wie alles in seiner Brust, – wie alles zwischen ihm und ihr enden solle. »Zwar nicht meinen Namen, nicht uns hast du zu Hilfe gerufen! – Einen ganz andern Retter trugst du im Sinn! Aber gerettet haben dich nicht Alamannen, sondern wir: – wir Römer.« – »Vor deinem eigenen Neffen, – nur er verfolgte mich!« wandte sie heftig ein. Schaudernd erwiderte der Präfekt: »Ihn hat die Strafe ereilt! – Laß diesen Gedanken! – Ich habe dich gerettet: ich zuerst habe dich erkannt und habe, Freiheit und Leben wagend, – denn deine wölfischen Stammgenossen sind ja wilde Tiere und Mörder – befohlen, den Kahn zu wenden, nur um dich zu retten. – Also: Leben gegen Leben! Darin sind wir ausgeglichen. – Aber,« fuhr er ernst und feierlich und wohlmeinend fort, jedoch mit einem strengen und seltsamen, wie prüfenden Ton, – »aber wir haben doch noch nicht abgeschlossen miteinander, Kleine. Du hast mir weh, sehr weh gethan mit deinem wilden, rauhen, kindischen Nein! – Fast so weh, wie der Giftplan des – Verstorbenen! Der furchtbare Todesernst dieser Nacht hat mich erst gelehrt, wie lieb ich dich habe: immer hab' ich an dich gedacht, an dein Geschick, an deine Rettung! Mich selbst rief der Dienst: aber ich schickte dir meinen Treuesten . . . –« »Um meine Befreiung zu hindern!« – »Dich zu schützen, Undankbare! Als ich unter den Geschossen der Barbaren vom Wagen stürzte und zu sterben glaubte im nächsten Augenblick: auch da hab' ich nur dein! dein gedacht! Ich hab's erprobt in furchtbarster Probe: meine Liebe zu dir ist echt, ist keine Laune! Nur mit meinem Leben wird sie enden. – Und so – noch einmal – nicht als Lohn für deine rettende That – die hab' ich dir heimgezahlt! – nicht als Gnade oder Geschenk – wenn dich dieses Wort verletzt hat! – Noch einmal, zum letztenmal im Leben – und bedenk' es wohl, niemals geb' ich dich frei: – – noch einmal frag' ich dich: willst du meine Dienerin sein oder meine Gemahlin? Ich bitte dich, – hörst du es? – ich, Ausonius, ich bitte dich: werde mein Weib!« – »Nie! Niemals!« rief das Mädchen und sprang vom Boden auf. »Vermessene!« erwiderte der Verschmähte, gekränkt und bitter gereizt: »Du vergißt, – du bist abermals meine Gefangene – abermals in meiner Gewalt.« Ein stummer Blick Bissulas in die Wogen des hier sehr tiefen Sees war die einzige Antwort. »Aber,« fuhr Ausonius, ohne die Bedeutung dieses Blickes zu verstehen, fort: »Ich kenne ihn jetzt, den Grund dieser trotzigen, sinnlosen Weigerung! – Du hast mich getäuscht, da du sagtest, du habest keinen Geliebten.« »Ich habe keinen, der mich liebt,« sagte sie mit bitterstem Weh: Thränen füllten ihre Augen, während sie starr vor sich hinsah. »Du lügst!« rief Ausonius. »Jener Adalo!« Bissula zuckte zusammen. »Wahnsinnig muß er dich lieben!« Bissula horchte hochauf: – staunend sah sie ihn an: glühende Scham und seliger Schreck zugleich erfüllten sie. Aber er fuhr fort: »Hätte er sonst, ein freier Fürst der Alamannen, mir und Saturninus feierlich das Angebot gethan: ›Laßt ihr die Jungfrau ungeschädigt frei, so stellt sich Adalo als Gefangener‹. – Weißt du, was das heißt? Fürs Leben, als Sklave!« – »Das hat er – er – gethan? Für mich?« Und stürmischer Jubel brach aus ihren Augen, aus ihrer Seele. Ausonius sah schweigend in ihr Antlitz. Dann sprach er: »Wie er dich liebt, – zeigt dieses Angebot. – Wie du ihn liebst – verrät dein glückstrahlend Auge! – Aber,« fuhr er prüfend, langsam fort, – »wisse – er trennt uns nicht mehr! – Du kannst die Meine werden, ohne ihm die Treue zu brechen. Denn . . . –« er faßte ihre Hand – – »Was ist? Was ist mit ihm? Rede!« – »Er ist tot.« – »Ah!« schrie Bissula auf. Und ehe Ausonius sie hindern konnte, hatte sie sich losgerissen aus seiner Hand, war auf das Ruderbrett des Kahns gesprungen und mit stummem Weh die Hände über dem Haupt zusammenschlagend, warf sie sich nach vorn.

Aber ein starker Arm fing sie auf: – es war Rignomer. »Halt, heißherzig Kind!« rief er, wohlmeinend. Jedoch wütend rang die Kleine gegen ihn an, – sie wollte hinab in den tiefen See: – bedenklich schwankte der schmale Kahn.

»Beruhige dich,« sprach da Ausonius, ernst und traurig. »Er lebt!« »Oh wie grausam konntest du spielen!« klagte das Mädchen, das der Bataver nun sanft auf die Ruderbank gleiten ließ: sie schluchzte in hellen Thränen, – aber es waren Thränen der Freude. »Kein Spiel, – nur eine Probe war's! Also – mit Schmerzen seh' ich's – also wirklich so herzgrundtief liebst du den blonden Knaben? – Auch wenn er gefallen, wolltest du lieber ihm in den Tod folgen, denn mir als Gemahlin – in Glanz und in Glück? – Oh Bissula: das ist hart!« – »Vater – Väterlein – zürne nicht! Ich kann nicht anders. – Ist es aber auch gewiß – er lebt?« – »Ja – du kannst nicht anders! Das ist es! Ich seh' es jetzt! – Getrost. – Er lebt! Ich sah ihn, fortgetragen von den Seinen. Saturninus und er tauschten Stoß und Hieb.« »Ja! Und,« warf der Tribun gutmütig ein – »sei ruhig, Kleine: – sein Hieb war wahrlich nicht schlechter als mein Stoß: – ich lebe noch: so wird er auch noch leben.« »Oh Ausonius!« flehte Bissula, bittend beide Hände erhebend. Doch er ließ sie nicht ausreden. Er strich sich mit der Hand nur einmal über die Augen. »Es ist vorbei! – Diese Stunde hat mich zum Greise gemacht!« sagte er unhörbar zu sich selbst. Dann fragte er: »Wo willst du ausgesetzt sein, – vor Suomars Waldhütte?« – »Dank, heißen Dank! Aber nicht dort, sondern links von hier: da unter den Weiden, – wo auf der Höhe ein Edelhof ragt.« »Der seine!« rief Ausonius. »Den du ihm erhalten hast!« ergänzte Saturninus. »Alles sehr schön und edel, beinahe rührend!« fuhr der Tribun fort, der ganz hart bleiben wollte, aber doch der Kleinen, in deren Augen nun Freudeglanz und feuchte Tropfen zugleich wie Maienregen lagen, freundlich über die Hand strich. »Allein den Präfectus Prätorio von Gallien lass ich nicht mehr an jenes Ufer voller Mordwölfe zurückkehren. – Nein, – keinenfalls! – Auch keinen römischen Krieger wag' ich mehr. Wer schafft sie ans Land?« – »Ich mich selbst – allein!« rief die Eifrige. »Daß dich auf dem Wege nach dem Edelhof wieder ein römischer Mordwolf verfolgt: die sind ärger!« rief da die Stimme eines Unsichtbaren auf germanisch. »Nein, großer Tribun,« schloß der Satz auf lateinisch, »ich werde das Kind zu seinen Freunden bringen.«

Und Rignomer trat nun wieder hinter dem Segel hervor, das ihn verdeckt hatte, – ganz verändert sah er aus: den Römerhelm hatte er schon längst abgelegt: nun hatte er auch den Panzer abgeschnallt und einen braunen alamannischen Mantel umgeworfen, den er im Kahn gefunden: statt der römischen Waffen trug er auf der Schulter eine lange eisengespitzte Stange, mit der man die Kähne schob und fortstieß, so lange man Grund fand. –

»Du?« fragte Saturninus. – »Auch du bist des Todes, greifen sie dich, – einen Krieger in römischem Dienst!« – »Verzeihung, das bin ich nicht mehr. Schon um Mitternacht lief meine Dienstzeit – das letzte der langen sieben Jahre, aus: was ich von da ab noch gethan –« »Es war danach,« grollte Saturninus. »Geschah freiwillig. Ich erneue den Dienstantrag nicht! Nein! Nein! Genug – mehr als genug – hab' ich davon! Der Kaiser schuldet mir noch den Sold für den letzten Monat: – ich lass' ihn fahren! Ich gehe heim zu meiner Mutter an die Yssala. Aber vorher bring' ich dies verlaufene Kind nach Hause,« Damit faßte er ihre Hand: »Spring' über! – Kleine: sieh, der andere Kahn ist leer: sie sind alle auf das Eilschiff hinaufgeklettert – spring' über! – Fröhlich! Es geht nach Hause!« »Es sei!« – sprach Ausonius ohne Groll, aber ernst: »Leb' wohl, Bissula! Wir scheiden: – auf niemals wiedersehn!« Er wandte sich ab.

Da warf sich das Kind an seine Brust und küßte ihm unter strömenden Thränen die edle Stirn: – so schön war sein Antlitz nie gewesen: »Ausonius! Leb' wohl!« Gleich darauf sprang sie in den zweiten Kahn, in welchem Rignomer bereits stand und sie auffing. Noch einmal wandte sie sich gegen den andern Nachen, der nun, mit einem Tau an dem Hinterbug des Eilschiffes befestigt, diesem zu folgen begann, wie es, von vielen Rudern bewegt, gen Südwesten zu brausen anhob.

»Vater Ausonius: – Dank!« rief sie.

Aber er hörte es nicht.

Er hatte das graue Haupt fest an die Maststange gepreßt, abgewandt von der davongleitenden jungen Freundin: er weinte bitterlich. –

Rasch flog das Eilschiff, den Kahn nachschleppend, davon.


Kraftvoll holte der Bataver am Ruder aus: – schnell näherte sich der leichte Nachen dem Ufer. Das Mädchen sah nicht mehr dem verschwindenden Römerschiffe nach. Mit klopfendem Herzen sprang sie vor, an die Spitze des Kahns. An diesem ragte von dem Schiffsschnabel Adalos stolze Hausmarke: das sechzehnendige Geweih – sie konnte sich nicht enthalten, es zärtlich mit der Hand zu streicheln. –

Aber gleich darauf wandte sie sich, lachte hell auf, schlug freudig in die Hände, daß es patschte, und rief: »Nun, Rignomer, sollst du mal sehen, was Ruderziehen heißt. – Das geht mir viel zu langsam!«

Sie hob zwei Ruder von dem Boden des Kahns, steckte sie geschickt in die Weidenwieden, ergriff sie mit beiden Händen und ruderte nun stehend, das Gesicht dem Lande zugewendet, mit einer Kraft und einer geübten Regelmäßigkeit, daß Rignomer staunend ausrief: »Bei Freias Augen, Mädel, du könntest jeden Tag Bootsjung' auf der Yssala werden! – Das kannst du auch? – Schade, daß du nicht mit mir zu meiner Mutter gehst!« Sausend schoß der Kahn ans Land, in den Ufersumpf. Mit hohem Satz, bevor Rignomer ihr helfen konnte, war sie draußen.

Scharf auf den Edelhof hatte der sichere Steuermann gehalten: so sahen sie nun den stattlichen Holzbau gerade über sich auf der Anhöhe ragen. »Ah, Dank sei Donar,« jubelte die Kleine. »Er hat sein Lieblingstier gerettet: – wie die Bärin mich.« – »Was? Was suchst du im Schlamm?« – »Schau – Bärenspuren – ganz frische! Sie ist nicht ertrunken! Sieh, da von rechts her, am Ufer entlang ist sie gelaufen, auf dem alten Pfad, wo Sippilo und ich immer zum Fischen gingen.«

»Wer ist Sippilo?« fragte der Bataver. »Noch ein Adalo?« – »Ach was! Ein Kind! – Und sieh nur: von hier ab geht die Spur gerade auf zum Edelhof! – Komm doch! – Nicht gehen! Springen! Hügelan hupfen!« »Nein, Kleine,« sagte der Begleiter ernsthaft. »Hupfe du, – ich hupfe nicht mit. – Den Weg scheinst du ja zu kennen: recht gut zu kennen! – Weit und breit ist kein Mordmensch zu sehen. – Du kommst auch ohne mich wohlbehalten in den Hof. – Aha, da ragt auch ein mächtig Hirschgeweih vom First. – Also deshalb deine Freude über das Schiffszeichen! – Nun, leb' wohl, Kleine! – Das Wiedersehen, das heißt das deinige mit Adalo und all' den andern Hirschen: – das schenk' ich mir!« – »Sie würden dir danken für soviel, das du mir gethan!« – »Dank' für den Dank! Hab's nicht für die gethan.« – »Wohin?« »Nach Hause. Nach Nord und West. Nein! Sorge nicht um mich. Ich komme schon durch. Hier auf der Brust, Kleine, trag' ich den Sold und den Beutewert von fast sieben Jahren! Und auf der Schulter diese Stoßstange, – mit beiden zusammen kommt man weit. – Leb' wohl! – Und,« – flüsterte er ihr leise ins Ohr, – »folg' meinem Wort: verdirb es niemals mit dem, der sich euren Herzog nennt, – denn das ist: – Er!«

Damit strich er ihr mit plumper Zärtlichkeit über das Haar und das hold gerundete Haupt, und sprang nach Westen hin den See entlang. Noch einmal blieb er stehen, nach ihr umzuschauen: – er wollte ihr nochmal winken.

Aber sie sah ihn nicht.

Sie lief – mit glühenden Wangen – hügelaufwärts.

 


 

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