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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Zehntes Kapitel.

Dieser hatte sich bisher vor Römern wie Germanen gleichmäßig in jenem Zelt der Quergasse verborgen gehalten, in das er geflüchtet war. Jetzt war es ringsumher so still geworden, daß er das Lager für verlassen halten durfte: gleichwohl hätte der Vorsichtige das Zelt noch nicht verlassen, wenn ihn das Feuer, mehr noch der Qualm des glimmenden Zeltleders, aus dieser Zufluchtsstätte nicht vertrieben hätte. Scheu spähend war er aus den Vorhängen geschlüpft: da war sein erster Blick gefallen auf die Verhaßte, die sein Verderben verschuldete! Mit einem kurzen, halberstickten Schrei wilder Rachefreude sprang er nun, nachdem er sich entdeckt sah, mit gezücktem Dolch gegen sie vor.

Aber die Kleine hatte guten Vorsprung: erst mußte er die wohl fünfzig Schritt lange Quergasse durchmessen, ehe er nur das Eckzelt erreichte, an dem sie soeben noch gekniet: und seine schmerzenden Füße verstatteten ihm nicht, so schnell zu folgen als sein Haß verlangte. Bissula flog einstweilen, wie ein gehetztes Reh, die Mittelgasse hinab, dem Thore zu: im Thor sah sie sich um! Ach, er mußte die Richtung ihrer Flucht erraten haben, – denn er lief ebenfalls auf das Thor zu: er sah sie das freie Feld gewinnen. Er eilte nach.

Zunächst hatte ihn lediglich der Haß unwillkürlich fortgerissen und die Rachsucht. Aber nun, nachdem er diesen Antrieben besinnungslos gefolgt war, sagte er sich mitten im Laufen:

»Ausonius ist tot: – ich bin sein Erbe. – Und tot sind vielleicht in dieser Stunde wie Davus so die wenigen andern, die von dem Vorfall wußten: – die Barbarin lebt? Hat er sie einstweilen schon zur Erbin eingesetzt? Schwerlich! Und wenn auch, – das Testament ist wohl verbrannt mit dem ganzen Lager, – und ist es sogar gerettet, – was kann es schaden, wenn nur diese Mordnacht die als Erbin Eingesetzte mit verschlingt? Wie dem sei, – sie soll – sie darf nicht leben!«

Schon hatte auch er das Thor erreicht. Das Tagesgrauen verbreitete bereits so viel fahlen Schein, daß er die fliehende Gestalt jenseit des Grabens bald entdeckte: ihr ganz weißes Gewand verriet sie, auch ihr hellrotes flatterndes Haar, wann der Wind den Flammenschein des brennenden Lagers in der Richtung ihrer Flucht aufflammen ließ. Er sprang in den Graben, schrie auf und fiel um: die Füße schmerzten allzusehr! Nur mit Mühe und mit heftiger Pein gelangte er, kletternd und sich mit den Händen emporziehend, auf den Südrand des Grabens.

Der Vorsprung der Fliehenden war größer geworden. Grimmig erkannte er das: er verdoppelte, die Schmerzen verbeißend, die widerstrebenden Füße zwingend, seine Anstrengung, sie einzuholen. Wohl war die Fliehende hart erschrocken, als sie bei dem Austritt aus dem Thor in der Ferne nun abermals vor sich wie hinter sich Lohe aufsteigen und Kampflärm ertosen hörte: von der Ankunft der Schiffe, von dem Lager am See hatte sie durch Prosper erfahren: sie begriff also, daß nun wohl der Kampf um jene Schiffe tobe. Aber ohne Besinnen folgte sie dem Trieb, der sie von Herculanus hinweg gerade hinunter an den See fortgerissen hatte: dort traf sie, wenn auch abermals die Schrecken der Schlacht, doch sicher ihre Landsleute. So lief sie geradeaus hügelabwärts, stets eifrig ausspähend, ob sie nicht schon unterwegs irgend eines Alamannen ansichtig werde.

Aber die Menschen, auf welche sie traf, waren nicht Alamannen: Römer waren's und lagen tot oder sterbend am Boden.

Einmal erschreckte sie ein plötzlich ansprengendes Pferd, das quer über ihren Weg rannte: zitternd machte sie Halt, hinter einem Busch sich bergend: aber das Roß trug keinen Reiter: zwei – vier – sechs leere Pferde jagten dem ersten nach: von Römern und Alamannen, die da hätten drohen oder schützen können, war weit und breit nichts zu sehen: längst hatten sich Flucht und Verfolgung bis an den See hinabgewälzt. Da unten freilich wogte noch lärmender Kampf.

Von dem Busche zurückblickend – sie mußte einen Augenblick Halt machen, so heftig schlug ihr Herz – sah sie eine dunkle Gestalt, in dem Morgendämmer nun, deutlich wahrnehmbar, ihr immer noch hastig nachsetzend: ja es schien ihr, als ob, hinter derselben, ein zweiter Verfolger vom Lager nachgeeilt sei oder sich vom Boden erhoben hätte!

Aufs neue rannte sie vorwärts: sie hoffte zuversichtlich, ihre Landsleute am See zu erreichen, bevor sie eingeholt wäre: denn das Kind des Waldes war im Laufen geübt und ihr Vorsprung nicht unerheblich. Aber nach wenigen Schritten befiel sie neues Entsetzen. Sie hörte – diesmal gerade hinter sich – abermals die Hufschläge eines Pferdes: sie hatte zuerst gehofft, es sei wieder reiterlos: aber es folgte ihr schnurgerade und nun hörte sie allerlei Zurufe in der Sprache der Feinde, die das Roß zur Eile treiben sollten. Ein furchtbarer Gedanke durchschoß sie: um jeden Preis mußte sie umschauen, um zu prüfen, ob – ja, es war, wie sie gefürchtet! Herculanus hatte einen der ledigen Gäule, die seinen Weg kreuzten, ergriffen, sich darauf geworfen und verfolgte nun die mit Anspannung ihrer letzten Kräfte Fliehende – zu Pferd.

Sie hörte deutlich die schweren Füße in die sumpfigen Pfützen des Wiesenbodens einschlagen: – hörte, ach, lauter und lauter, also näher und näher! – den wilden Zuruf des Reiters und den Vierschlag der von Eile beflügelten Hufe. Kleiner, immer kleiner ward nun sehr rasch der Zwischenraum, der sie trennte. Todesangst überkam sie: sie gedachte, wie der Grausame in der Waldhütte schon sie hatte erstechen wollen wie ein Opfertier. In dieser Todesnot drängte sich ein Name, nur einer auf ihre Lippen: »Adalo!« schrie sie, »Adalo! Hilf, rette mich, rette Bissula!« Vergebens! Kein Mensch weit und breit: – keine Antwort.

Auch an der Uferstrecke, auf die sie zueilte, ward nicht gekämpft: nur tief im See schwammen brennende Römerschiffe und verfolgende kleine Kähne der Alamannen. Und ganz nahe schon war das verderbliche Roß! Schon hörte sie das Schnauben des mit Fersenstößen und Zügelschlag und Zuruf zu rasender Eile getriebenen Tieres.

Da – oh Rettung! – gewahrte sie im grauen Morgenlicht, ganz nahe dem Ufer, zwischen Schilf versteckt, zwei alamannische Kähne nebeneinander! Zweifellos waren das keine Römerschiffe: keine dreieckigen Segel, kein hoher Bug, – sie glaubte sogar an der Spitze des einen Kahnes Adalos Hausmarke, das sechzehnendige Hirschgeweih, zu erkennen. – Ja, ja – da ragte es: – es war sein Nachen für den Felchenfang: einige Männer führten die Ruder. – Mehrere Male rief sie laut: »Hilfe, Alamannen, Hilfe für Bissula!« – Oh Wonne! Man hatte sie gehört. Die Männer ruderten aus Leibeskräften, beide Nachen flogen gegen das Ufer hin gerade ihr entgegen! Und nun – neue Freude! – hörte sie hinter sich einen lauten Schrei und einen dumpfen, schweren Fall mit platschendem Geräusch: sie mußte umsehn!

Ja, da war das Pferd, überhetzt von dem mitleidlosen Reiter, gestürzt: – es lag auf der Seite und schlug mit den Beinen um sich. Aber ach! Zu früh hatte sie frohlockt! Unversehrt war der Reiter aufgesprungen und rannte nun – nur wenige Schritte war er noch entfernt – mit erhobenem Dolch auf sie zu. Hinter dem Pferd schien der zweite Verfolger aufzutauchen. Und das rettende Boot war noch mehrere Schiffslängen fern im See! Ohne Besinnen sprang das Mädchen in das Wasser, watete, so lange es Grund fand, stieß sich dann mit kräftigem Ruck vom Boden ab, breitete die weißen, kraftvollen und kraftgeübten Arme aus und schwamm auf das nächste Bot zu. Kein Mädchen am Nordufer übertraf Bissula im Schwimmen: aber schwer hemmte sie das lange, das faltige Gewand: es wickelte sich sofort, sowie es ganz durchnäßt war, um ihre Füße und hinderte sie gewaltig, dem Vorstoß der Arme mit den Beinen zu folgen. Und: – Entsetzen! – Geplätscher hinter ihr verkündete, daß ihr der Verfolger – oder gar zwei: denn zweimal hatte sie einen Sprung oder schweren Fall zu vernehmen geglaubt – bis in den See hinein gefolgt war! Diese Furcht lähmte ihre letzten Kräfte: auch die Arme versagten ihr nun: sie sank mit dem Gesicht tief ins Wasser. Noch einmal hob sie sich daraus empor: da fühlte sie von hinten von dem Verfolger ihr langes Kleid gepackt und landwärts gezerrt: doch augenblicks ließ die Faust wieder los: ein gellender Todesschrei schlug an ihr Ohr: gleich darauf folgte ein dumpfes, zorniges Gebrüll: sie wandte den Kopf und sah Herculanus versinken in den Armen einer gewaltigen schwarzbraunen Gestalt. »Bruna!« rief sie noch. Dann drohten ihr die Sinne zu vergehen. Die Ohren brausten ihr so wunderlich, Wasser, allzuviel Wasser war ihr in Nase, Mund und Ohren gedrungen. Sie sank.

Da faßten sie vier starke Arme an den Schultern und den – zum letztenmal – hoch aus dem Wasser gereckten Händen. Mit gewaltiger, aber schonender Kraft fühlte sie sich in den Kahn gehoben. Sie schlug die Augen auf: Ausonius und Saturninus standen vor ihr. Sie schrie laut auf im Schmerz der bittersten Enttäuschung – und schloß, ohnmächtig, die Lider.

 


 

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