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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Sechstes Kapitel.

Dabei erfüllte den Alten mitten in dem Rausch des Sieges noch eine andere Freude: die über den gewaltigen Fortschritt, den seit einem Menschenalter die Gehorsamszucht seiner Alamannen gegenüber dem Heerbefehl des Herzogs gemacht hatte.

Die Überlieferungen der Väter und seine eigene Jugenderfahrung kannten gar manchen Fall, da Germanen der schon gewonnene Erfolg dadurch wieder verloren ging, daß die Sieger, gegen das Gebot ihrer Führer, in ungezügelter Beutegier anfingen, das eroberte Lager zu plündern, sich, aufgelöst, über Zelte und Troßwagen herzumachen, wetteifernd, wer den Genossen zuvorkäme, so daß die Römer, der Verfolgung und Bedrängung zum großen Teil entledigt, sich stellen, sammeln, und in geschlossenen Reihen den zerstreuten Plünderern Lager und Sieg wieder entreißen konnten.

Mit stolzer Freude sagte sich daher jetzt der Alte: »Sie haben doch was gelernt, durch mich – unter mir – ja, mir zu Liebe!« Er hatte vor Beginn des Angriffs vorgeschlagen, – denn zu befehlen hatte er nicht –: »Das Lager und alles, was es birgt, gehört dem ganzen Volksheer: – nach dem vollendeten Sieg. Wann die Morgensonne darauf niederscheint, wird gleich geteilt nach Gauen, Gesippen und Köpfen: wer vorher nur eine Schale oder eine Waffe für sich nimmt, gilt als Dieb, der sein Volk bestohlen hat, und hängt.« Und die Scharen hatten zugestimmt und treu hielten sie Wort: nicht einer ließ vom Kampf ab oder wich aus der Reihe, zu plündern, oder bückte sich auch nur, die kostbaren Gold- und Silbergeräte aufzulesen, welche die aus den Zelten des Ausonius fliehenden Sklaven hatten bergen – oder auch stehlen – wollen, aber bald weggeworfen hatten, um leichter, unbelastet, das Leben zu retten. – Gehorsam ihrem Herzog trieben daher die Eingedrungenen von allen Seiten die Fliehenden gegen die Mittelstraße des Lagers zusammen. So staute sich denn hier die wirre Flut, die sich bisher durch viele einzelne Kanäle gen Süden gewälzt, vor diesem Hindernis auf und geriet in langewährendes Stocken. Während die ersten noch in raschem Lauf auf den schmalen Seitenpfaden links und rechts an der breiten Wagenreihe sich vorbeidrückten oder, noch nicht zu sehr von den Nachmännern gedrängt, über die Karren kletterten, ward beides nur noch unter heftigstem Ringen der Fliehenden um den Vortritt möglich, seit auf die gut geschlossenen Kolonnen der beiden Führer jetzt die Hunderte der vom Herzog aufgejagten und hierher zusammengetriebenen Versprengten stießen.

Mit der Kraft der Verzweiflung drängten diese vorwärts, zumal seit sie mit Grausen erkannt, daß Wegwerfen der Waffen und Ergebung vor dem Tode nicht rettete. »Wehe, sie schlachten alles! Gebt Raum! Laßt uns durch! Sie morden die Gefangenen!« »Nein,« rief der Herzog dem nächsten Schreier zu, »sie morden nicht die Gefangenen: denn sie haben keine!« und stieß ihn nieder. So löste sich die Haltung auch der bisher noch geschlossenen Reihen.

Saturninus gelang es, rechts, westlich von der Wagenreihe, an dieser sich vorbeizudrängen: er eilte gleich weiter gegen das Thor; doch sah er – denn hell beleuchteten jetzt bereits den Schauplatz zahlreiche Zelte, in welche die Sieger die lodernden, mit Pech und Harz bestrichenen Reisigbündel geworfen hatten, – an der Ecke der letzten Querstraße zwei seiner schönen großen Hunde, mit aufgerissenen Eingeweiden, übereinander geworfen, liegen, während er die anderen in einer Querstraße wütend bellen hörte, und dazwischen durch ein dumpfes Brüllen vernahm. – Im nächsten Augenblick war er schon wieder weit vorgeschoben von den Nachdrängenden. – Er sah sich um nach Ausonius, der bisher beritten gewesen. Er gewahrte denselben, wie er, abgestiegen, sich bemühte, über die Wagen hinwegzuklettern. Das ging nur langsam: und schon drang näher und näher gerade auf diesen Haufen von Fliehenden los, von Osten her, der Schlachtruf der Verfolger.

Der Tribun befahl einigen Pionieren, auf die er stieß, sich zu Ausonius Bahn zu brechen, die Karren, die ihn hemmten, mit ihren Beilen niederzuschlagen, jenem und der linken Kolonne Platz zu schaffen. Nicht gern gehorchten die Mannschaften, nicht gern kehrten sie, schon das decumanische Thor vor Augen, um, den wütenden Drängern wieder entgegen: aber nochmal obsiegte die altrömische Kriegszucht und der gewohnte Gehorsam gegenüber dem verehrten Feldherrn: sie wandten sich also Ausonius entgegen, während der Tribun vorwärts eilte an das decumanische Thor.

Die hier aufsteigenden Flammen, die dröhnenden Axtschläge der Angreifer, die das schlimme Krachen von splitterndem Holze begleitete, spornten ihn zur Eile: dies Thor durfte nicht von außen geöffnet werden, sollte sein letzter Rettungsversuch gelingen. Aber kaum hatte er den Platz vor dem Thor erreicht, als von der linken Kolonne, von Ausonius her, neues, verzweiflungsvolles Geschrei erscholl. Bevor die Pioniere sich bis zu dem Präfekten Bahn gebrochen hatten, ward dessen Umgebung von den Pfeilen und Wurfspeeren der Verfolger erreicht: er selbst verschwand plötzlich vor ihren Augen, zwischen zwei Troßwagen hinunter stürzend. – Lautes Wehegeschrei seiner Begleiter erscholl.

Da machten die Pioniere Kehrt und flohen in der entgegengesetzten Richtung: von links drohten die Barbaren – so flüchteten sie nach rechts in eine der Querstraßen, welche die Langstraße kreuzten.

»Flieht,« rief der erste, gerade an Herculanus vorbeilaufend, der verzweifelte, fruchtlose Anstrengungen machte, mit den von Fesseln nicht gehemmten Händen den festen Eichblock aus der Erde zu reißen oder seine Füße aus den eng gebohrten Löchern und Eisenklammern zu lösen, »Flieht! Ausonius ist gefallen!«

»Ausonius ist tot!« schrie der zweite, sein schweres Beil wegwerfend, das ihn im Laufen hinderte. Es fiel nahe vor dem Gefangenen nieder.

Hastig streckte der beide Arme danach aus, den heftigen Schmerz in den hierbei gezerrten Füßen, an den gequetschten Knöcheln nicht achtend: Triumph! Es reichte gerade! Mit den äußersten Fingerspitzen wenigstens konnte er den Stiel der Axt berühren, langsam näher rücken, nun ihn mit den Fingern packen und an sich heranreißen. Da hinkte ein Sklave des Ausonius, von einem Pfeil verwundet, langsamer heran. »Oh der gute Herr! Ausonius! Er ist gefallen! Er ist tot!«

»Tot?« rief ihn Herculanus an, »gewiß tot?«

Aber der Flüchtling hatte ihn nicht gehört oder nicht hören wollen, – er war schon weiter, hatte Davus erreicht, »Hilf mir!« jammerte dieser. »Laß mich nicht hier verbrennen – oder in der Barbaren Hand fallen!« »Elender Mörder!« war die einzige Antwort, – schon war der Flüchtling um die Ecke gebogen.

Einstweilen hatte Herculanus mit beiden Händen die scharfe Axt gepackt und, sich nach unten bückend, mit aller Kraft Streiche geführt gegen den Eichenklotz, da, wo er, drei Schuh breit, seine beiden Füße auseinander hielt, in der Mitte der beiden, von oben nach unten eingebohrten Löcher. Endlich sprang der Eichblock auseinander: dadurch waren die beiden eingebohrten Löcher zerschlagen: die beiden Ketten, welche die Füße an die beiden Hälften gebunden hatten, zerhieben zwei weitere Axthiebe: der Gefangene war frei! –

Aber nur mit Mühe und mit heftigen Schmerzen konnte er die Beine bewegen, die durch das Sitzen während so vieler Stunden steif geworden und durch den Druck um die Knöchel angeschwollen waren. Doch der Drang, zu leben, die Hoffnung auf Rettung überwand die Pein: er schritt – anfangs noch ganz langsam – auf Davus zu, der ihm mit Neid zugesehen. »Hilf auch mir heraus, – du – du allein hast mich hierher gebracht.« »Ja, Verräter, ich will dir heraus helfen,« lachte der andere grimmig. Er schlug ihm das Beil in den Schädel und lief nun rascher – bei jedem Schritte wurden seine Füße gelenker – gegen das Westende der Querstraße zu: denn näher und näher drang von Osten her der Lärm.

Hierher reichte noch der Brand des Lagers nicht: er schlüpfte in ein Zelt und verbarg sich: hatte er doch seine Landsleute fast ebenso wie die Barbaren zu scheuen: hier fand er einen kurzen Dolch, wie ihn die Thraker führten: er steckte ihn zu sich, und legte die langstielige, schwere Axt weg, die ihn bei dem versuchten Laufen gehindert hatte. –

»Ausonius tot! Vielleicht alle tot, die um jenen Vorgang wußten!« Von diesem Gedanken kam er nicht los, während er vorsichtig zwischen zwei Falten des Zeltes herauslugte, zu beobachten, ob nicht bald Römer und Barbaren ihm den Weg aus dem Lager frei gäben.

 


 

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