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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Viertes Kapitel.

Auch Bissula, auf deren brennende Augen der Schlaf sich nicht gesenkt, hatte sehr bald erkannt, was vorging: sie hörte – mit seligem Grausen – den Schlachtruf der Alamannen, die freudigen Kriegshörner ihres Volkes. »Sie sind's! Sie kommen!« hatte sie laut gejauchzt. »Ihnen entgegen!« Damit war sie aus dem Zelt gesprungen, die treue Genossin am Halsband mitführend. Jede nächste, noch so gefährliche Gelegenheit wollte sie erhaschen, aus dem Gürtel des festgeschlossenen Lagers zu entweichen.

Aber das war viel schwerer als sie vermutete. Sie hatte schon die allergrößte Mühe, nur in die Nähe des ihr angewiesenen »Seethors« zu gelangen. Die streng regelmäßige, in rechtwinkligen Vierecken durchgeführte Anlage des Lagers erschwerte dies ungemein: denn in allen Gassen, auf allen Plätzen standen jene Truppen, die nicht auf den Wällen fochten, in Reserve, dicht geschlossen, Mann an Mann: gleichviel, ob ihr zugewendet oder abgekehrt, – diese Reihen ließen sich nicht durchbrechen. –

Ihre Freundin Bruna hemmte sie, statt sie zu fördern. Das Tier war durch den Lärm von ein paar tausend schreienden Menschen, das Klirren der Waffen, die vorübersprengenden Rosse, durch die von allen vier Seiten aufsteigende Brandlohe so wild erregt, daß das Mädchen schwere Mühe hatte, die Tochter des Alamannenwaldes abzuhalten, sich in den Kampf zu mischen und die Legionare zornig anzufallen.

So hatte sie sich lange Zeit nur wenig gegen das ersehnte Thor vordrängen können. Aber jetzt ergab sich plötzlich eine Lücke in der vor ihr stehenden Kriegerreihe.

Ein Zug Panzerreiter jagte die Lagergasse von Norden herunter gegen das Thor zu: die Illyrier vor ihr öffneten die Glieder, die Reiter durchzulassen: furchtlos packte Bissula den Schweif eines Rosses und ließ sich, ohne die Bärin loszulassen, fortschleifen: so gelangte sie glücklich bis auf die Via principalis, aber hier fühlte sie sich am Arme gefaßt: sie ließ das Pferd los, das nun heftig ausschlug: zornig blickte sie sich um: Prosper, der Alte, war es.

»Halt,« gebot er. »Bissula, du bleibst bei mir. Der Patron hat's befohlen: er schickt mich zu dir. Mitten im Getümmel hat er dein gedacht! Ich soll dich bewachen, bis der Angriff abgeschlagen.« »Laß mich,« rief sie zornig und wollte sich losreißen. »Nein, du sollst nicht. Ich hafte für dich. Du folgst mir.« Nun begannen sie, heftig zu ringen: aber der Mann war stärker als das Mädchen: sie wäre nicht losgekommen.

Da richtete sich Bruna, grimmig brüllend, auf die Hinterbeine und griff mit den Pranken nach dem Feind ihrer Herrin: mit einem Schreckensruf sprang der Freigelassene, loslassend, zurück und im nächsten Augenblick schlüpfte Bissula unter den Beinen der Pferde der Panzerreiter durch, welche, die Stirn gegen Süden, jetzt allein noch sie von dem Seethor schieden.

Sie flog durch die lange schmale Mittelgasse, die Via media, in deren Zelten der Troß untergebracht war. Da sah sie Herculanus und etwas weiter unten Davus, jeden in einem in die Erde gerammten Eichenblock, sitzen, die beiden Füße in Löcher gezwängt und mit starken Querketten an die Blöcke gefesselt. Sie lief erschrocken weiter. Erst jetzt sah sie sich um nach Bruna: – diese war ihr nicht gefolgt! Jenseit der Reiter hörte sie ihr dumpfes Gebrüll erschallen; zugleich sah sie ein Rudel ungeheurer Hunde unter wütendem Gebell gegen das grimme Tier anspringen: einen aus der Meute sah sie noch von der furchtbaren Pranke zur Seite geschleudert, daß er verendend aufschrie.

Aber sie konnte nicht mehr warten, – noch weniger umkehren! – Sie eilte weiter. Denn schon sah sie vor sich das ersehnte Ziel: das decumanische Thor! Oh, und schon donnerten unablässige Axthiebe von außen an die dröhnenden Eichenplanken und die ehernen Beschläge. Das waren die Ihrigen, die Retter, die Befreier! Aber das feste Thor hielt wacker aus: und von der Wallkrone hagelten die Geschosse nieder auf die ungedeckten Stürmer. Sie drängte sich so nah als sie konnte an das Thor. Nur eine Reihe Soldaten trennte sie von demselben.

Da hörte sie von draußen eine helltönende Stimme: Entzücken durchrieselte sie: – sie kannte diesen Ton! – »Feuer an das Thor! Alle Fackeln hierher!« Da, jeder Vorsicht vergessend, sprang sie durch die Reihe der Krieger, zwei von ihnen auseinander schiebend, legte den Kopf an das Thor und rief aus aller Kraft: »Adalo! Hilf! Adalo!« »Bissula!« scholl es von draußen und ein furchtbarer Axthieb schmetterte – der erste, der durchdrang! – in den rechten Flügel des Doppelthores einen klaffenden Spalt, daß die Späne krachend nach innen flogen. Zugleich hörte sie von oben, vom Wall her, zwei Stimmen zugleich ihren Namen rufen. Sie blickte empor und sah Zercho und Sippilo, die, vor allen anderen, den Wall rechts vom Thor erklettert hatten. »Hierher, Kleine!« rief der Sarmate, ein Fischerseil nach innen hinabgleiten lassend, während er das andere Ende um die den Wall überragende Sturmleiter schlang. »Wo bist du, Bissula?« rief Sippilo, weit vorgebeugt und mit einer Fackel hinableuchtend. »Ach! Sie ist nicht zu sehen!« Das Mädchen, links vom Thore stehend, vermochte nicht, durch die Soldaten nach rechts hindurchzudringen: sie mußte noch mit ansehen, wie auf der Wallkrone ein starker Thraker mit einem schweren Schanzpfahl, den er der Quere nach, mit beiden Händen gepackt, trug, gegen die beiden allzu Kühnen – sie standen immer noch allein da oben! – vorsprang und beide mit einem Stoß nach rückwärts vor den Wall hinauswarf. »Hallo, Sippilo,« rief draußen Adalo, »was war das?« »Ein Purzelbaum!« antwortete der Knabe lachend und sprang wieder auf. »Aber du – Zercho! – Weh! – du fällst ja wieder um?« – »Leider! Der Fuß –: er ist wohl gebrochen!« »Faßt ihn, – zwei Leute,« befahl Adalo, »und tragt ihn aus den Geschossen!« – »Wohin?« – »In meine Halle, – sie steht ja noch!« Einen Schrei hatte noch die Kleine ausgestoßen, als sie beide Freunde rücklings stürzen sah: aber im nächsten Augenblick vergingen ihr die Sinne.

Ein Soldat, den sie wiederholt hatte zur Seite schieben wollen, wandte sich zornig: – er wollte dem lästigen Kameraden, den er in dem Dränger vermutete, einen Schlag versetzen: da erkannte er das Mädchen. Der Zorn verging ihm sofort. »Zurück, Kleine!« rief er. »Hier wirst du des Todes!« Und in wohlmeinender Absicht wollte er sie nach links zur Seite schleudern: aber der Ungefüge wandte zu viel Kraft auf oder das Gewicht der Zierlichen war allzugering, – sie flog mit solcher Gewalt mit dem Kopf gegen einen Balken ihres alten Versteckwinkels, daß sie betäubt, bewußtlos liegen blieb, wo sie gefallen war.

»Bissula!« rief Adalo nochmal durch den klaffenden Spalt des Thores.

Aber er erhielt keine Antwort.

 


 

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