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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Drittes Kapitel.

So waren die Stunden des Tages verstrichen.

Die Sonne war prachtvoll in den See gesunken: rasch stieg die Dunkelheit: der Mond stand nicht am Himmel. Frühzeitig hatte der Comes von Britannien die Abendtafel des Ausonius verlassen. Fruchtlos wollte dieser wirtliche Wirt ihm noch einen Rundtrunk aufnötigen. »Nach dem Sieg, Ausonius, so viele Becher du willst. Aber ein Seemann muß nüchtern sein. Auch gehört er aufs Wasser, nicht auf Waldhügel. Ich fühle mich hier, fern von meinen Segeln, wie ein Wal, der nicht mehr mit der Ebbe zurück kam und nun schnappend auf dem Lande liegt. Das einzig richtige Wasser ist freilich Salzwasser –« »Weil man's nicht trinken kann,« meinte Ausonius und füllte ihm die Schale nochmal. »Aber in Ermangelung des Meeres ist doch auch dieser langgestreckte See nicht übel. – Grüße mir Herculanus, deinen Neffen: vielleicht ist bis morgen seine Krankheit gebessert, so daß ich ihn in seinem Zelt aufsuchen kann. Und morgen, Saturninus, mit dem frühsten, durchsuch' ich dir die beiden Schilfseen. Wenn nicht Alamannen, wird's dort allerlei seltenes Wassergevögel zu jagen geben.« – Er ging mit seinen Anführern, sie stiegen zu Pferd und ritten, von Fackelträgern zu Fuß geführt, den Berg hinab in ihr Schiffslager. Denn etwa die Hälfte der Angekommenen schlief auf dem Ufer unter mitgeführten Zelten, die andere Hälfte auf den Schiffen.

Nannienus fragte, sowie er an Bord stieg, die Wache am Steuer, einen verlässigen bretonischen Landsmann, ob nichts zu melden sei. »Von hier nichts, Herr! Nur hinter Arbor brennt es, so scheint's, auf dem Mercuriusberg: oder sie feiern eines ihrer Opferfeste. Sieh hin!« – »Ja, das ist in einem der Gehöfte der alamannischen Colonen. Horch! – was war das?« – »Wilde Schwäne, Herr! Sie müssen zu Hunderten in den beiden Schilfwäldern nisten. Sie rufen und antworten sich sehr oft.« – »Dann sind gewiß keine Menschen drin versteckt, – dies edle Tier ist überaus scheu und klug. – Wer kommt da, dich abzulösen?« – »Ich bin's, Albinus, der Veteran aus Arbor.« – »Gut: du wachst die erste und die zweite Stunde nach Mitternacht. Wecke mich vor Tagesgrauen.«

Mitternacht hatten die Lagerrufer ausgerufen oben auf dem Idisenhang und unten bei den Schiffszelten, ohne daß die in tiefster Ruhe liegenden Schläfer irgend gestört worden wären.

Nur an dem Nordthor bellten seit lange heftig die in einem leeren Zelt hier angebundenen edeln Hunde des Tribuns, die dieser, ein eifriger Weidmann, von Vindonissa mitgeführt hatte: eine kostbare Koppel edelster britannischer Zucht, die geschult in der Arena zu Rom den wilden Auerstier zu stellen, nun in den Urwäldern gleiche Kunst und mutvolle Kraft bewähren sollten. Sie waren nicht zu beruhigen, ob der Wärter sie schlug oder streichelte. Laut drang ihr scharfes, zorniges Gebell aus dem nahe gelegenen Nordthor in den Graben vor diesem, in welchem die ganze Kohorte der Bataver die Wache bezogen hatte. Hell stiegen die Flammen und dicht die Rauchsäulen ihrer Wachtfeuer aus dem nun wieder trocknen Graben empor.

Jenseit des Grabens, nördlich gegen den Wald zu, etwa hundert Schritt vom Graben und Wall entfernt, stand Rignomer mit Brinno und noch zwei Stammgenossen auf Vorposten. »Hört ihr die Hunde?« fragte Rignomer. »Bin nicht taub!« brummte Brinno. »In einem fort, das bedeutet was!« fuhr jener geheimnisvoll fort. »Freilich. Hunger werden sie haben. Oder sie haben die Bärin der Kleinen gestellt.« – »Was Bärin! Die schläft da, wo – andre gern schlafen möchten! Nein, nein! Hunde – weißt du's nicht? – sind geistersichtig und götterhörig. – Es ist etwas nicht geheuer. Zwischen Mitternacht und Tagesgrauen reitet der Nachtjäger über die Waldwipfel. Vorhin war mir, ich hörte da ober mir, über dem fernen Hügel, ein Roß wiehern – durch die Lüfte hin!« – »Ach was! Ich habe noch kein Pferd fliegen sehen.« – »Aber Er stiegt mit dem achtfüßigen Grauschimmel durch die Wolken und über die windwogenden Wälder, wann er die Holzweiblein jagt. Horch, was war das? – Zur Rechten!« – »Ein Eulenschrei! Ganz nah!« – »Und da, – einer zur Linken.« »Hört,« rief da der Dritte, »klang da, gerade vor uns, nicht Erz auf Erz – wie Waffenklirren?« »Nein,« meinte der Vierte, »aber leisen Hufschlag hör' ich! Horcht: – mehrere Hufe! – Jetzt wieder! – Schon näher! – Feinde!« »Ja – das sind Feinde!« – sprach nun auch Rignomer, ergriff das Horn und wollte es an den Mund führen: – aber er vermochte es nicht! – Entsetzen, lähmender Schreck, schüttelndes Grauen ergriff den tapfern Mann, sein Haar sträubte sich, Hand und Stimme versagten: – starr vor markdurchrieselnder Furcht blickte er vor sich in den Waldhügel vor und über ihm, der urplötzlich lebendig zu werden schien.

Hinter jedem Baum, aus jedem Busche sprang ein Krieger hervor: – aber nicht diese hundert Alamannen schreckten den kampferprobten Bataver: sondern ein anderer Anblick.

Von zwei glutroten Pechfackeln, die zwei Reiter zur Rechten und zur Linken in den Händen kreiselnd schwangen, bald in grellem Aufflackern, bald nur wieder halb beleuchtet, – sprengte auf grauweißem Roß eine gewaltige, übermenschlich hohe Gestalt von oben her auf ihn ein. –Weißes Haar und ein wogender Bart umflatterten ein grimmiges, aber majestätisches Antlitz, über dem ein nie gesehenes Vogeluntier, belebt, die weißen Schwingen drohend gegen den Söldner zu schlagen schien: – so sauste er heran – schweigend – weit vorgestreckt einen furchtbaren Speer, die Schultern wie von einer Wolke umflogen von dunklem, lang nachflutendem Mantel: jetzt, ganz nahe schon, stieß der Reiter den Schrei aus: »Wodan! Wodan hat euch alle!«

Da warf der Germane Schild und Speer von sich und mit dem Schreckensruf: »Wodan über uns! Wodan führt sie! Alles ist verloren!« rannte er, was er konnte, zurück gegen den Graben. Zwei seiner Wachgenossen folgten, besinnungslos, seinem Beispiel, und alle drei sprangen in den Graben mit dem lauten Geschrei! »Alles verloren! Wodan über uns! Flieht!« Rignomer galt als der Tapferste unter seinen Stammgenossen. – Daher riß auch jene Bataver, welche zu weit entfernt waren, seine Worte zu verstehen, schon sein Beispiel mit fort: sahen sie doch ihren Anführer waffenlos, haltlos, unter allen Zeichen höchsten Entsetzens, aus dem Graben gegen das Nordthor laufen, dies aufreißen und im Lager verschwinden. »Flieht! flieht! Alles verloren!« Das hatten die meisten verstanden: und mit den gleichen Rufen kletterten sie nun den Wall hinauf oder ergossen sich in das aufgerissene Thor.

Nur Brinno war nicht geflohen aus der Vorwache: er war bei Rignomers Geschrei, ebenfalls sehr erschreckt, hinter den nächsten Baum gesprungen; hier aber, scharf nach dem furchtbaren Reiter spähend, faßte er sich gleich wieder: »Unsinnige!« rief er seinen fliehenden Stammgenossen nach. »Sein Gaul hat ja nur vier, nicht acht Füße! Das ist er nicht!« Und beherzt trat er vor, mit gefälltem Speer. Aber im Augenblick war er niedergeworfen von des Herzogs Roß, und bald darauf setzten etwa dreißig Reiter in sausendem Sprung in den Graben, der nicht mehr verteidigt ward. Nach rechts und nach links jagten die Reiter den längs der Grabensohle Fliehenden nach: der Platz um das Thor herum war fast leer, sauber gefegt im Nu.

Der Herzog war gegen das Thor selbst angesprengt: aber wie er davor anlangte, flog es von innen zu, einzelne Flüchtige zurückschleudernd und aussperrend, die noch hatten eindringen wollen.

Da sprang der Herzog ab: augenblicklich stand sein kluges Tier unbeweglich. Er winkte seinen Reitern und einer kleinen Schar, die inzwischen zu Fuß den Graben erreicht hatte, ihm rasch nach links vom Thor gegen eine mächtige Steinplatte hin zu folgen, während eine große Menge anderer Fußkämpfer nun den Graben ebenfalls erreichte und, auf mitgetragenen Leitern, die – merkwürdigerweise! – ganz genau gemessen so hoch waren, als der Wall von der Grabensohle aus, oder auch einer auf des andern Rücken steigend, den Wall zu erklettern trachteten oder das Thor mit Axtschlägen bearbeiteten.

Aber jetzt stießen sie hier auf mannhaften Widerstand. Von den Wällen herunter flogen Pfeile, Speere, Balken, Steine auf sie nieder: das Gefecht stand: es war nicht gelungen, in das von den Flüchtigen aufgerissene Thor mit einzudringen. Saturninus war es gewesen, der es mit eigener starker Hand zugeworfen und den mächtigen Eisenriegel vorgeschoben hatte: geweckt durch das wütende Gebell seiner Hunde, hatte er, die Wachsamkeit der Posten prüfend, einen nächtlichen Rundgang durch das Lager gemacht, und er leitete nun vom Wall herab hier die Verteidigung: mit eigener Hand stieß er die erste angesetzte Sturmleiter um. Jedoch gleichzeitig tobte nun bereits der Kampf auf den drei anderen Seiten des festen Lagers.

 


 

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