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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Drittes Buch

Die Freigelassene

Erstes Kapitel

Ausonius war seiner Retterin tief dankbar: – gewiß! – und er hatte sie ja überschwenglich belohnen wollen. Aber er war doch auch recht empfindlich gereizt durch diese rauhe, wilde, thörichte, ja undankbare Verschmähung. Und noch dazu vor dem Tribun, – dem jüngern Manne! Diese Erbitterung beschäftigte ihn sehr lebhaft, mitten in dem Schmerz um den verbrecherischen Neffen. Dem Verwöhnten hatten Schicksal und Menschen von Geburt an kaum je einen Wunsch versagt: sogar die Forderung poetischer Begabung hatten ihm die Musen – und zwar, wie er fest überzeugt war, in selten erreichter Fülle – gewährt, und die Zeitgenossen versagten ihm keine Anerkennung, spendeten ihm jeden Kranz, nach dem er auf irgend einem Gebiete trachtete.

Sein kaiserlicher Zögling überhäufte ihn mit den höchsten Würden und Ehren des Staates: er war einer der reichsten, gebildetsten Männer im Abendland: er war liebenswürdig, heiter, gutartig, beinahe schön zu nennen von Antlitz, noch nicht gar zu alt: – Tausende der vornehmsten Römerinnen würden sich glücklich gepriesen haben, wenn . . . – Und dieses Barbarenmädchen schlug ihn aus! Es war rein nicht zu begreifen! Und er beschloß, diese »Dummheit« nicht zu dulden. – Da sie zur gewohnten Stunde zum Frühmahl nicht erschien, schickte er Prosper nach ihr aus. Unverrichteter Dinge kam der Alte wieder: sie war nicht in ihrem Zelt und nirgends im Lager zu finden. Ausonius erschrak.

»Ah, Thorheit!« sagte er sich dann. »Unmöglich kann sie aus einem rings geschlossenen Römerlager entfliehen, das ein Saturninus bewachen läßt.« Aber er beendete doch hastig, unruhig sein Frühstück und ging aus, sie zu suchen: allein –. Denn er wollte seiner künftigen Gemahlin – das ward sie ja zweifellos! – ersparen, von Freigelassenen oder Sklaven aus irgend einem Versteck hervorgestöbert zu werden, in welches ihr thörichter, kindischer Eigenwille sie getrieben haben mochte. Zunächst eilte er unter die Tanne: umsonst: sie steckte nicht auf dem Baume: jetzt, bei hellem Tage, konnte man deutlich durch die Zweige sehen. – Er ging an ihr Zelt, trat ein: es war leer. – Aber als er wieder herausschritt, bemerkte er die breiten Fußstapfen der Bärin: er folgte der Spur: sie führte gegen Süden, an das »Seethor«, die Porta decumana. Schon war er dem Thore nahe, da begegnete er Saturninus.

»Kehre um, ich bitte dich!« sagte dieser gutmütig. »Ist sie nicht da unten?« – »Doch! Ich entdeckte sie, zufällig, vom Wall herunterschauend. Neben der Porta decumana hat sie sich, hinter Balken und Schanzzeug, verborgen, wie ein krankes Vögelein, das sich in einen Winkel verkriecht, dort einsam, das Köpfchen unter den Flügel geduckt, zu sterben. Gönne ihr Zeit! Sie wird sich – vielleicht! – drein finden.« Nur widerstrebend ließ sich Ausonius mit sanfter Gewalt am Arme fassen, umdrehen und zurückführen.

Er zürnte heftig. Und er schämte sich vor dem Tribun. Unwillig sagte er: »Ich hoffe: – bald!« »Ja,« meinte Saturninus zögernd. »Wenn nicht . . . –« – »Nun?« – »Wenn nicht ein anderer ihr im Herzen steht.«

»Das hat sie bestimmt geleugnet. Ganz zornig ward sie bei der Frage. Und Lügen ist des Trotzkopfes Fehler am wenigsten! Sie ist ja auch noch ein halbes Kind! Du siehst, wie sie sich benimmt. Nur einem Kind, einem unerzogenen, kann man solche Aufführung überhaupt hingehen lassen.«

Aber der andere zuckte die Achseln. »Warten wir's ab. Ich gönne sie lieber dir als einem – Barbaren. Aber denk' an das Anerbieten jenes Adalus! – Das kann doch nur . . . –« – »Gewiß! Aber das beweist doch nicht, daß sie ihn liebt.« Ärgerlich wehrte er sich hartnäckig gegen eine Annahme, die seine Wünsche dauernd vereiteln konnte. Und um so hitziger verwarf er den Gedanken des Warners, je zudringlicher diese Besorgnis in ihm selbst, wenn niedergekämpft, leise immer wieder aufstieg. »Übrigens,« – fragte er den Tribun, ablenkend, »was willst du thun mit den Verhafteten? Laß beide entfliehen!« –

»Unmöglich! Meine Pflicht!« – »Mein Neffe darf nicht sterben!« »Es wäre zwar das beste,« grollte der Illyrier, »für ihn selbst und – seine ›Gegen-Menschen‹: denn ›Mit-Menschen‹ hat dieser Selbstling nicht! Aber ich habe es gefürchtet von deiner Weichheit! Nun: tröste dich! Da ich dem Sklaven das Leben gesichert, dem bloßen Werkzeug, kann der Kaiser den Anstifter auch nur in die Bergwerke schicken. – Aber du achtest ja gar nicht auf meine Worte. Wo sind deine Gedanken?« Ausonius war plötzlich stehen geblieben: er stieß den Stab, den er trug, heftig auf die Erde und rief:

»Höre! Wenn ich nun doch – gleich – zu ihr ginge? Ihr – ausführlich! – zuredete? Sie hat gestern Nacht, in der Aufregung, wohl gar nicht alles gehört, – begriffen! – Denke nur: Konsul!«

Aber der andere lächelte und zog den Widerstrebenden mit fort: »Laß sie, Ausonius. Du verschüchterst sie immer mehr. Vielleicht ist ihr ein alamannischer Fischerjunge lieber als ein römischer Konsul.« – »Undenkbar!« – »Doch, doch! Sehr denkbar! – Ich will dir nur gestehen: sie hat mich flehentlich gebeten . . . –« – »Ei, Ei! – Wann?« – »Jetzt eben, da ich vom Walle zu ihr niederstieg und für dich sprechen wollte! – Sie bat mich, sie zu schützen – vor deiner weiteren Werbung . . . –« »Ha, die Undankbare!« rief Ausonius, sehr zornig.

Dies Anrufen des Tribuns gegen ihn kränkte ihn am bittersten; er hatte die Empfindung: die Jugend findet sich zusammen – von selbst – gegen das Alter! »Hüte dich,« warnte der Illyrier ernsthaft, »selbst sehr undankbar zu werden!« Aber das verfing nicht in diesem Augenblick bei der tief getroffenen Eitelkeit. »Da du nun doch mal, – wie soll ich sagen? – ihr Vormund oder ihr Verteidiger geworden bist gegen mich« . . . – »Ich habe diese Stellung nicht gesucht.« – »Aber auch nicht abgelehnt! So sage denn deiner Schutzbefohlenen meinen ernsten, meinen strengen Willen: sie folgt mir jedenfalls morgen auf einem der Schiffe des Nannienus zum Kaiser nach Vindonissa, dann nach Burdigala. Ich thue nach deinem Rat – ich gehe nicht mit euch in die Wälder: – der Schmerz, der Ärger, – gar mancherlei Aufregung machen mich krank: – ich fühl's. Ich muß vor allem vom Kaiser die Dispensation einholen, als Senator meine Freigelassene zu heiraten: das liegt mir jetzt zumeist am Herzen. Das ist die Hauptsache! – Und bitte, mach' ihr klar, – ganz klar! – daß sie irgend ein Recht aus meinem gestern – übereilt – hingeworfenen Wort von der Freilassung durchaus nicht erworben hat. Sehr richtig hast du selbst gestern gleich bemerkt: dies Wort machte sie nicht frei: es fehlt an jeder vom Rechte vorgeschriebenen Form. Dies Wort ist nur ein Versprechen. Wenn ich will, ist sie auch jetzt noch meine Sklavin, – aber nicht mehr deine, sag' ihr das! In Burdigala dann, nachdem sie römisches Leben gekostet, mag sie wählen, was sie lieber ist: des Konsuls Gemahlin, oder seine Sklavin und einer Bärin Gespielin! Ich kann sie zur Ehe nicht zwingen, – jedoch das sag' ihr, – in ihr Barbarenland lass' ich sie nie zurückkehren.«

Saturninus wollte den sehr Erhitzten begütigen, aber schmetternde Tubatöne riefen nun beide Führer auf die Wälle. Die römischen Trompeten begrüßten mit freudigen Klängen die Schiffe des Nannienus, die nun, mit aller Leinwand vor dem Südostwind fliegend, rasch nah und näher kamen. –

Es war ein stolzer Anblick.

Nachdem der wackere Comes von Britannien, selbst ein segelkundiger Bretone, die sträfliche Verwahrlosung der Schiffe und die Unterschleife der schuldigen Beamten zu Arbor entdeckt, hatte er Nacht wie Tag unermüdlich gearbeitet und arbeiten lassen, seinem Freund und langjährigen Kriegsgefährten Saturninus doch noch die Schiffe und Verstärkungen zuführen zu können, auf denen dessen ganzer, die Umzingelung und Vernichtung oder doch bedingungslose Unterwerfung der Alamannen abzielender Plan aufgebaut war.

Und so hatte er denn wirklich im Laufe von wenigen Tagen und Nächten die vorgefundenen vernachlässigten Vollschiffe wieder in wogentüchtigen Stand gesetzt und dazu aus alten Handelskähnen und Fischerboten größten Umfangs eine Zahl von neuen Fahrzeugen zurecht gezimmert, die zwar entfernt nicht der stolzen Flotte des venetischen oder brigantinischen Sees zu vergleichen war, wie sie vor anderthalb Jahrhunderten Wasser und Ufer hier beherrscht hatte, aber doch bei dem für jetzt geplanten Absuchen der Barbarenverstecke längs allen drei Landseiten und dem Abfangen ihrer etwa über den See hin versuchten Flucht aus dem Kesseltreiben des Tribuns ausreichende Dienste leisten konnte. Seine zwanzig hochbordigen Kriegsschiffe mußten, wenn nicht vor Anker liegend, sondern in voller Fahrt kämpfend, durch die bloße Wucht ihres von Rudern und Segeln getriebenen Anpralls ganze Schwärme der kleinen Barbarenkähne zum Sinken bringen, wenn solche dagegen anzufahren wagten. Und jedem solchen Vollschiff hatte er je zwei bis drei kleinere, flachbordige und wenig tiefe Boote beigegeben, Vorräte und Truppen zu landen, den Verkehr der tiefgehenden Biremen, die vor Anker gehen mußten, mit dem oft sehr seichten, in Sumpf verlaufenden Ufer zu vermitteln. So waren es wohl über sechzig Segel, die im vollen Glanz der strahlendsten Septembersonne, nun gerade gegenüber dem Idisenhang teils vor Anker gingen, teils in ununterbrochener Kette eine Art Schiffbrücke von dem Ankerplatz bis an das Ufer bildeten.

Die mannigfaltigen Gestalten der Segel: – denn zu den dreieckigen, latinischen der Römer hatte man im Drang der Eile auch allerlei barbarische, altkeltische, wie sie seit Urzeiten hier auf dem See heimisch waren, und alamannische gesellt, – und ihre bunten Farben, zumeist blendend weiß, aber auch viele dunkelgelb, im Sonnenglanz schimmernd, vom frischen Winde gebauscht und gebläht, das wogende, wimmelnde Leben der aus den Schiffen ans Land und vom Ufer in die Schiffe drängenden Soldaten, die Begrüßungen alter Genossen, die freudige Anerkennung für das in Arbor Geleistete, die drohenden Ausrufe gegen die Barbaren, mit denen nun gründlich aufgeräumt werden sollte: – das alles gab ein Schauspiel voll Glanz, Leben, Bewegung und kriegerischen Lärms.

 


 

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