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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Dreißigstes Kapitel.

Kaum waren die Vorhänge niedergerauscht, als Ausonius ausrief: »Er soll nicht sterben! Meiner Melania Sohn! Er soll fliehen – in Verbannung!«

»Das wird der Kaiser entscheiden. Du aber, Freund Ausonius, preise den Himmel, der dir dies Kind gesendet. Ihr allein dankst du das Leben.« Der Präfekt zog die Kleine zu sich auf das Ruhebett: – er küßte ihre Hände, ihre Stirn, – sie ließ es geschehen. Denn sie weinte. Er wollte auch ihren Mund küssen. Aber er vermochte es nicht! Das sonst so trotzige Geschöpf war gar so kindlich, so hilflos: vor lauter Rührung über – seine Rettung.

So strich er nur mit der Hand über ihr schönes Haupt und sprach, selbst ganz gerührt: »Die Christen haben einen Glauben, über den ich oft gespöttelt: von einem Schutzengel, den Gott dem Menschen gesellt. Ich werde nie mehr darüber spötteln! – Du, Bissula, du bist mein Schutzengel!« »Engel aber dürfen nicht Sklavinnen sein,« sprach der Illyrier, mit einem Lächeln, das ihm sehr schön stand. »Ich schenke dir dies Kind, Ausonius: – sie ist nun deine Sklavin. Thu' mit ihr, wie du willst.« – »Ich lasse sie frei – in diesem Augenblick! Bissula, – du bist frei.« »Oh Dank! Dank! Dank!« jauchzte das Mädchen und sprang von dem Lager auf. »Jetzt – fort! – Gleich fort zu den Meinen! Zur Großmutter! Zu –« »Nicht so rasch, Kleine,« wandte Saturninus ein. »Auch die pflichttreue und dankbare Freigelassene – es fehlt auch noch jede Form solcher Rechtshandlung! – muß des Patronus Willen folgen. Ich bezweifle, daß er dich entfliegen läßt, du holdes Waldvöglein.« Bittend, flehend heftete sie die rührenden Augen auf Ausonius: aber dieser sah es nicht: er blickte, starr vor Staunen, auf den Tribun. »Freund – ich verstehe dich nicht! – Warum jetzt auf einmal? – Fast glaubte ich, du selbst . . .– ?« – »Schonen wir des Kindes. Nur so viel will ich sagen: – das wird sie hören können, ohne allzustark rot zu werden: und es steht ihr so gut, das plötzliche Erröten! – Man braucht nicht gerade ein Dichter zu sein, mein Ausonius, um unsere – vergieb, um deine – Kleine sehr, sehr reizend zu finden! – Ich leugn' es nicht: – da ich zuerst sie sah: – nun, sie mißfällt ja keinem Mann! Aber bald sagte ich mir, was Freundespflicht gebot, – und erwog, wie mein Leben ungeteilt dem Kriegsgott angehört. Ich befahl meinem Herzen, meinem Blut zu schweigen: sie gehören einem Soldaten: sie gehorchten sogleich!« Bissula war bei diesen Worten, der Verwarnung zum Trotz, – oder vielleicht ihr zufolge! – über und über rot geworden und weit, weit von den beiden Männern hinweg gewichen. Eben wollte sie zum Zelte hinaushuschen: aber Saturninus haschte sie, mit schonender Hand, am Haare, hielt sie lachend daran fest und sagte: »Bleibe nur, Kleine: – jetzt ist's – von mir aus – mit dem ärgsten vorbei.« »Warum aber,« forschte Ausonius weiter, »diese ganze Zeit . . . ? – Gestern noch . . .– ?« – »Weil ich deines Neffen mörderische Pläne – freilich nur gegen sie! – ahnte. Nur als ihr Herr konnte ich sie schützen! Weilte sie, wie du gewollt, in deinen, des Arglosen, Zelten: – jede Stunde der Nacht und des Tages konnte er die Ungehütete treffen. – Ich hütete sie: – für dich! – Nun ist's nicht mehr nötig. Nun folge deinem Herzen. – Ich lasse euch allein.«

»Ja, was soll denn nun noch werden?« fragte Bissula weinerlich und hielt den Tribun – sie wußte nicht, warum – am Arme fest. »Ich bin so müde!« klagte sie. – »Laßt mich jetzt doch schlafen gehen! – Und morgen: – fort! Zu den Meinen!«

»Ja, edler Freund,« sprach Ausonius mit einer gewissen Feierlichkeit, sich langsam erhebend von dem Lectus, »bleibe! Ich will es selbst so! Du sollst der erste Zeuge sein: mein Entschluß ist gefaßt: unabänderlich! Bissula –: mein Leben dank' ich dir: dafür giebt es nur einen Lohn: dies Leben, mein Leben selbst.« Erschrocken fuhr das Mädchen zurück: sie verstand ihn nicht! – »Eine Sklavin, – das stand außerhalb der Möglichkeit. Auch meine eigene Freigelassene – es ist gegen das Gesetz für einen senatorischen Mann! – aber ich erhalte die Dispensation vom Kaiser, ohne Zweifel, – und über die Witze der Kollegen setze ich mich hinweg.« – »Was willst du denn mit mir?« fragte die Kleine ängstlich. »Außer dem Kaiser,« fuhr er bedachtsam fort, »steht kein Mann im Westreich über mir: – nur etwa zwei sind gleichen Ranges mit mir: – ich bin Präfectus Prätorio von Gallien! Und noch mehr: – was noch niemand weiß – auch du nicht, mein Saturninus: – der Kaiser hat mir für das nächste Jahr eine allerhöchste Ehre im Römerstaate zugedacht! – Dies kommende Jahr wird seinen Namen tragen – von mir.« »Konsul wirst du?« rief der Tribun ehrfurchtsvoll. »Was ist denn das? Was ist's?« fragte die arme, nun ganz Verschüchterte, der diese Feierlichkeit und die vielen römischen Würdennamen immer mehr unheimlich wurden. Aber wohlgefällig nickend fuhr Ausonius fort: »Und als Dichter lebt keiner meinesgleichen! – Bissula: – das alles sollst du mit mir teilen! – Morgen fährst du mit mir nach Vindonissa zum Kaiser! – Ja, ja – schüttle nicht das Trotzköpflein! – du folgst mir für das ganze Leben – denn ich, Ausonius, Ausonius von Burdigala: – ich erhebe dich zu meiner Gattin!« – Er hatte sich nun hoch aufgerichtet und breitete beide Arme gegen sie aus.

Mit glühenden Wangen, mit laut klopfendem Herzen, mit vor Scham und Scheu – und Zorn! – blitzenden Augen hatte sie, allmählich errötend, die letzten Worte gehört und entsetzt auf den Näherdringenden geschaut. Jetzt stieß sie einen lautgellenden Schrei aus: »Nein! Nein! Niemals!« Sie riß sich von Saturninus, der sie halten wollte, los und sprang aus dem Zelt. Draußen rannte sie, hochaufatmend, so rasch die Füßlein sie trugen, durch das nächtlich schweigende Lager, erreichte ihr Zelt, band Bruna los, zog sie zu sich herein, drückte sie zur Erde, warf sich neben sie auf den Boden und vergrub, in strömende Thränen ausbrechend, das Gesicht in dem weichen, dichten Fell. – Das treue und kluge Tier merkte wohl, daß etwas nicht in Ordnung war. Die Bärin leckte ihr die Finger: ein ganz leises, leises, zärtliches Brummen vollführte sie dazu, wie eine Mutter ihr krankes Kind beschwichtet. Das eintönige, immer gleichmäßige Gedröhne wirkte einschläfernd, wie ein gesummtes Wiegenlied. Und so, im Schutz der Bärin, manchmal noch heftig aufschluchzend, schlief sie allmählich ein.

 


 

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