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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.

In schweren Gedanken der Sehnsucht und Sorge war so das sonst so heitere Kind auch an diesem Abend wieder von ihrem Zelt nach dem Seethor und von hier, verscheucht durch das Anrufen der thrakischen Posten, durch das ganze Lager bis in die Nähe der lieben Tanne gelangt, die ihr die Eiche des heimatlichen Waldhauses zu ersetzen begonnen hatte: denn auch der Baum der Erdgöttin gewährte bequemen Aufstieg, wie auf einer Treppe, auf den bis zu den Opfersteinen niederreichenden Zweigen, und im Mittelstamm einen von unten undurchspähbaren Schlupfwinkel mit behaglicher Rückenlehne und – mit dem geliebten Ausblick über die römische Zwingburg hinweg nach den fernher grüßenden Höhen. –

Die Sonne war langst gesunken. Rasch kommt das Dunkel in jener Landschaft, sobald die leuchtende Scheibe hinter den Waldufern des Westsees verschwunden. Der Mond war gar nicht sichtbar, nur einzelne Sterne. Von fernher trug der Wind verschollene Laute zu ihr aus dem Wald: – das Wiehern eines Rosses – den Klang einer Waffe – einen Ruf der Wachen vor dem Thor. Ach, jener Wachen, die auch sie hier in ihrem weiten Gefängnis bewachten, ihr die Flucht, die Wiederkehr zu den Ihren verwehrten – auf wie lange noch? – Wehmut überkam sie und das Gefühl aufsteigender Thränen. Weinend aber sollten sie die Zwingherrn gewiß nicht sehen: – sie wollte sich ausweinen – da oben! Leise huschte sie hinauf. Und nun saß sie so still in dem Versteck der Zweige, daß ein verspäteter Vogel, – eine Amsel –, ohne sie zu bemerken, wenige Äste oberhalb ihres Hauptes sich zur Nachtruhe niederließ. –

Da bemerkte sie, daß an den Mündungen von zwei einander entgegenlaufenden Lagergassen je ein Mann hinter einem Eckzelt behutsam hervortrat: sie machten sich Zeichen: vorsichtig blickten sie nochmal rückwärts und seitwärts: nun eilten beide einander entgegen und traten gerade unter die Tanne, auf deren nördlicher Seite, so daß der breite Stamm sie nach der Lagerseite hin vollständig deckte. Leise, leise bog das Mädchen das Antlitz nieder: es war ein Behelmter und ein Mann ohne Rüstung: die Züge konnte sie nicht erkennen. Nun hoben sie an zu sprechen: zwar flüsternd, aber die Lauscherin verstand doch gar manches: und sie erkannte nun die Männer – an den Stimmen. »Ich sage dir aber, es muß heute noch sein! Er hat den Schreibsklaven auf morgen früh befohlen – mit dem Siegel! Er will sein Testament ändern, ein Kodicill beifügen! Was hilft mir sein Tod, hat er vorher der Dirne das Beste in des Schos geworfen?« Der andere wandte etwas ein, was das Mädchen nicht vernahm. »Ah, – die – sie ist ja unerreichbar!« erwiderte der erste. »Die Rothaarige! sie steht im Schutz der höllischen Dämonen!« – »Wieso?« – »Nun: neulich Nacht! Todesangst schüttelt mich seither, seh' ich die braune Bestie! Der heiße Atem, der scheußliche, des Untiers, dampfte mir schon aus dem offenen Rachen in das Gesicht! Um ein Haar hätte sie mich umklammert und erdrückt! – Heut' Abend noch – jetzt gleich – beim Nachtmahl!« »Horch, was war das?« warnte erschrocken der andre. »Da oben in der Tanne! Hörtest du nichts?« – »Bah, der Abendwind in den Zweigen!« – »Nein, nein! Das war –« – »Nun, der Vogel da war's! Da fliegt er ja auf!« Laut ihren Angst- und Warnungsruf schmetternd, flog die aufgescheuchte Amsel davon: die Lauscherin hatte in ihrem Entsetzen die Hand auf das heftig pochende Herz gedrückt und durch diese leise Bewegung den ganz nahe sitzenden Vogel erschreckt. »Wohl denn, beim Tartarus! So will ich's wagen. Er klagte heute wieder vor vielen Zeugen über Fieber, über allerlei Schmerzen.« – »Hast du auch Schierling genug? Soll ich dir mein Fläschchen geben? Ich hab' es mitgebracht – hier, ich trag' es immer auf der Brust.« – »Genug für sechs Oheime!« – »Aber das Zeug muß verdächtig schmecken: scharf, bitter! – Wenn er es zu früh merkt?« – »Deshalb habe ich zur andern Hälfte Honig darein gemischt! Du aber verwahre deinen Vorrat sorglich! Vielleicht muß auch Prosper, falls er Verdacht schöpft . . –« – »Oder die Barbarin, wenn er schon das Testament –« »Gehen wir!« unterbrach der andre. »Also in den Kaiserbecher! Er trinkt aus keinem andern. – Rasch: – ich links.« – »Ich rechts!« Die Stimmen verstummten. Nach zwei Seiten verhallten die Schritte. – –

Entsetzt, fast gelähmt von Schrecken, glitt das Mädchen den Stamm herunter. Auf der Erde angelangt, wankte sie: – sie hielt sich an dem Stamm an. Einen Augenblick fragte sie sich, ob sie eingeschlafen sei und geträumt habe? Denn sie konnte die That nicht fassen, nicht glauben! Der eigene Neffe – diesen gütevollen Mann! Und doch – es war so. Und Eile that not. Die Stunde des Nachtmahls war bereits angebrochen. Und er trank dabei immer gleich zuerst aus dem Kaiserbecher – mit den drei schönen Frauengestalten – auf das Heil des Kaisers Gratianus. Und jene beiden hatten Vorsprung. Und es war eine ziemliche Strecke von dieser äußersten Nordwestecke des Lagers bis zu dem »Prätorium« im Süden. Sie wandte sich und lief, so rasch sie konnte, erreichte aber nur die nächste Gassenecke: da schrie sie laut auf.

Denn ein eiserner Griff hielt sie am Arme fest.

»Hilfe!« schrie sie verzweifelt. »Hilfe! Für Ausonius!« »Was schreist du, Kleine, wie ein sterbend Häslein?« antwortete eine tiefe Stimme. »Wohin so pfeilgeschwind?« – »Laß mich! Wer du auch seiest! Es gilt des Präfekten Leben! Wer bist du?« – »Rignomer bin ich. Ich folgte dir, unbemerkt, bis du auf den Baum stiegst. Hättest auch jetzt nichts von mir gesehen, wärst du nicht plötzlich wie von den Elben geritten davon gerast. Wohin?« – »Zum Präfekten! Sie wollen ihn morden!« – »Ach was nicht gar? Wer?« – »Frage nicht! Komm mit! Eile! Ach, vielleicht ist's schon zu spät.« Der Bataver gab dieser unverkennbaren Verzweiflung nach. – Ohne ihren Arm loszulassen, sprang er neben ihr her. »Wo ist der Tribun?« fragte sie im Laufen. »Beim Präfekten: mit einer Nachricht von Arbor.« – »Dank den Göttern! Nur der kann helfen!« Und weiter rannten sie durch die nun völlig finsteren Lagergassen, an deren Ecken nur in weiten Abständen manchmal Feuer glimmten. Da stürzte das Mädchen. Der Germane riß sie auf: »Ein Zeltstrick! Du mußt mehr in der Mitte laufen. Aber du hinkst! Hat's weh gethan?« – »Ein wenig. Vorwärts!« Aber sie wankte: – die Füße versagten. »Nun ist's doch recht gut, daß ich dich auffing,« meinte der Starke, und schwang sie, wie ein Kind, auf seinen Arm. Und sie, die sonst jeder Berührung grimmig wehrte, ließ es willig geschehen. »Schlinge die Arme um meinen Nacken, Kleine. So, nur herzhaft! Es währt nicht lang,« (»leider!« dachte er: aber er hütete sich, es zu sagen) »– gleich sind wir da.« Und rüstig eilte er vorwärts mit seiner leichten und holden Last.

 


 

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