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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Im Römerlager waren unterdessen sehr ernste Dinge geschehen. Die freundschaftliche Stimmung zwischen den beiden römischen Führern war in Spannung, die Unbefangenheit Bissulas gegenüber dem einen und dem andern war in Furcht und Mißtrauen umgeschlagen. Die beiden Freunde, einst so nah verbunden, mieden einander und beschränkten Verkehr und Gespräch auf das vom Dienst unerläßlich Geforderte. Dabei bemerkte die nun argwöhnisch beobachtende Gefangene an Ausonius grollende Bitterkeit, sonst seiner Gutmütigkeit sehr fremd, gegenüber dem Tribun.

Dieser dagegen zürnte offenbar nicht: auch bei kühler Zurückhaltung schien er den älteren Freund zu schonen, ja mit einer Art von Mitleid zu behandeln.

Die Kleine selbst aber war recht übel daran. Ihre Harmlosigkeit war zerstört. – Sie wußte nicht, wen sie ängstlicher scheuen sollte von den beiden Männern, deren Freundschaft, wenn nicht durch sie, doch um ihretwillen zerrissen schien.

Schon diese Empfindung schmerzte die Gutherzige. Dazu trat aber beängstigend die schwere Sorge um die Zukunft, die Furcht vor dem Ungewissen, der Trotz – der recht ohnmächtige und seiner Ohnmacht bewußte – gegen den Zwang, den fremde Beschlüsse der so stolz Eigenwilligen jetzt schon aufnötigten, noch empfindlicher drohten für die allernächste Zeit.

Denn mochten die beiden Römer in allem andern, was die Gefangene anging, verschieden denken: – darin schienen sie einig: Bissula sollte nicht wieder frei werden, nie wieder in die Waldhütte am See zurückkehren, in die traute Nachbarschaft. – Bei diesem Gedanken traten Thränen in die einst so mutwilligen oder stolzen Augen. Wie schmerzlich gestand sie sich's, daß ihre Thorheit, ihr Trotz ganz allein all' dies Unheil über sie heraufgeführt hatten! – Wie gut, wie klug, wie treu hatte es Adalo gemeint! Und diese Thränen, heiße, bittere Thränen der Reue, ja der Sehnsucht, – sie thaten ihr doch so wohl! Und auch jetzt, in ihrer selbstverschuldeten Not, hatte er sie nicht aufgegeben! Der erste Gruß, der von ihrem Volke zu ihr gedrungen, er war von ihm gekommen: den jungen Bruder, den er so warm liebte – und deshalb hatte ja auch sie den Knaben so gern! –, hatte er zu ihr gesendet und ihr seine Bruna geschickt, ihr altes Gespiel! –

Wohl hatte sie sich vor den Soldaten schlau verstellt und sich laut gewundert über des Tieres »Zuthunlichkeit«. Aber sobald sie im Zelt mit der Treuen allein war, hatte sie den mächtigen Kopf zärtlich in die beiden weißen Arme geschlossen, der freudig Brummenden die breite Stirn geküßt und den Nacken geklopft. Da griff sie das Halsband, – strich drüber hin, fühlte eine Vertiefung, zog sie aus dem krausen Fell ans Licht der römischen Ampel, erkannte Runen und las:

»durchs Seethor«.

Hoch und heiß klopfte ihr Herz! Also hatten die Freunde ihre Flucht bereits beraten! Sie gaben ihr die sicherste Richtung an, die Seite des Lagers, wo die Genossen sie erwarteten! Aber unmöglich konnte die Meinung sein, sie solle jetzt, ohne weiteres, durch das »Seethor«, das heißt: durch die Tag und Nacht scharf bewachte »Porta decumana«, zu dringen versuchen. Nicht jetzt! – Aber wann? Offenbar, sobald irgend etwas geschähe, das die Flucht überhaupt ermögliche: – alsdann sollte sie jene Richtung vorziehen. Aber was sollte geschehen? Ein Angriff der Alamannen? Ausonius lachte darüber. Und Saturninus sogar, der Vorsichtige, hatte gemeint: »Wenn sie nicht herein fliegen, wie die Schwalben, die sich jetzt zur Reise rüsten, kommen sie nicht in dies feste Lager.«

So zerarbeitete sie ihr Köpfchen, über alle Möglichkeiten grübelnd, die ihr die Freiheit verschaffen könnten – gegen oder mit Willen der Römer. Sollte sie nochmal Ausonius bitten? Nein! Eine seltsame Scheu hielt sie seit der letzten Unterredung von ihm zurück.

Nie hatte sie den wohlredenden, klugen Mann anders als wie die Tochter den Vater verehrt: – aber neulich, bei dem Vorschlag, sie mitzunehmen, hatten seine Augen so seltsam auf ihr geruht: – so – wie noch nie zuvor. So, – ähnlich wenigstens! – wie Saturninus sie damals angeblickt hatte, als er sie vor der Waldhütte griff, – seither aber nie wieder, auch nicht, als er ihr verkündete, sie gehöre ihm und er gebe sie nicht frei. Und so kam es, daß die feinfühlige Kleine, verschüchtert durch die plötzlich entdeckte Wärme des älteren Mannes, sich sicherer, unbefangener bewegte in der Nähe des jüngeren, aber streng zurückhaltenden.

Sie mied Ausonius: sie suchte fast Saturninus, dem sie schon gleich seit Anfang und dann im ganzen Verlauf ihrer Gefangenschaft als wachsamen Beschützer zu danken gelernt hatte. Oft und oft wandelte sie nun, seit sie Brunas Runenbotschaft gelesen, gegen das »Seethor« hin – ohne Hoffnung, es je unbesetzt oder nachlässig behütet zu finden – dazu hielt der Tribun zu scharfe Zucht, zu scharfe Aufsicht! – nur um sich die Örtlichkeit, die Gassen, die Zelte genau einzuprägen, die in der Nachbarschaft des Thores einen Versteck gewähren möchten, in nächster Nähe einen günstigeren Augenblick abzuwarten. Sie hatte für diesen Zweck bald ins Auge gefaßt einen hochragenden Haufen von aufeinander getürmten Balken, Schanzkörben und Brettern, die bei der Errichtung des Lagers nicht verwendet und hier, links vom Thor, aufgeschichtet worden waren: er überragte hoch ihre Gestalt, hinter ihm war sie vom Thore und von der auf das Thor führenden Zeltgasse her nicht wahrnehmbar. Aber verweilen wollte sie nie länger hier, um nicht Verdacht zu wecken. Auch suchte sie viel lieber die entgegengesetzte, die Nordseite des Lagers auf, dort, wo die hohe Tanne der Erdgöttin neben den breiten Opfersteinen des Altars hochwipfelig und breitästig emporstieg, und wo von der Wallhöhe der Blick frei über die Wälder hin schweifte nach den fernen Höhenzügen, wo sie, hinter Nebelgewölk verschleiert, den Weihberg ragen wußte. Immer dorthin, nicht in die Ostsümpfe, nicht zu Suomar flogen ihr die Gedanken. – Um die Großmutter bangte sie manchmal: – aber Zercho hatte sie gewiß geborgen, – und zwar, nach deren Wunsch, nun, nachdem »der rote Trotzkopf« nicht mehr »nein« sagen konnte, wohl auf dem Weihberg. »Deshalb,« das schützte sie gern sich selber vor, »deshalb muß ich immer an den Weihberg denken! Ach nein! Es ist ja doch nicht wahr! Es ist nicht um der Großmutter willen! Adalo, Adalo hilf!« So hatte sie gerufen am Abend nach der Verweigerung ihrer Freilassung, hoch aus dem Geäst der Tanne, welche sie gern heimlich erkletterte, ganz einsam und ungestört zu träumen: und dabei hatte sie die beiden schönen Arme recht sehnsüchtig geöffnet und sie stehend ausgestreckt über den Lagerwall hinweg nach Nordwesten, nach den Bergen hin, von wo ein spätes Gewitter wetterleuchtete.

Auch an dem Abend, der auf die Musterung gefolgt war, – es war der Tag des Heerdings auf dem Weihberg – wandelte sie durch die Gassen des Lagers, sinnend, träumend von ihrer Befreiung: – ach, von ihrem Befreier! – Bruna, die Getreue, hatte sie an den Pfosten ihres Zeltes festgebunden. Denn wiederholt hatte es schlimme Händel gegeben, wenn sie das gute Tier mitnahm durch die Lagergassen: die bösen Troßbuben warfen es – aus sichern Verstecken – mit Steinen, daß es schwer gereizt ward. Und zumal auf des Ausonius Neffen hatte es so wütenden Haß geworfen, daß es sich drohend, brüllend, auf den Hinterbeinen erhob, wann es seiner ansichtig ward, obwohl er es ängstlich mied und niemals neckte. Nur mit äußerster Mühe, indem sie selbst das aufgerichtete Tier umklafterte, hatte sie einmal verhütet, daß es ihn zerriß. »Deine Bärin versteht Latein,« hatte da Saturninus gelächelt, der ihr zu Hilfe sprang. »Sie hat es verstanden, als Herculanus neulich schwor, sie solle ihm dereinst zu Rom im Amphitheater unter den Bissen seiner thessalischen Hunde büßen, was sie hier Übles gegen ihn im Schilde führe.« »Bruna in Rom?« hatte sie trotzig gerufen. »So wenig – wie Bissula in Burdigala!« Aber sie hatte fast geweint dabei vor Zorn und Haß – und Furcht.

 


 

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