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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

»Das hast du – alles – allein – ersonnen?« fragte der Jüngling. »Ha, mehr, Weitergreifendes als das! – Gleich dem Höllenwolf sperrt dieses Rom den Rachen auf, ganz Mittelgardh zu verschlingen! Wie? Sie wollen uns nicht einmal am Nordufer des Sees so viel Land gönnen, als unser wachsend Volk braucht, darauf zu leben? Wohl: laß doch sehen, ob den Unersättlichen zur Strafe für neue und alte Frevel die Götter nicht auch das Gebiet nehmen, das die Gewaltthätigen bisher noch behauptet hatten: – das Südufer!« Adalos Staunen wuchs. »Von jenem Arbor schwimmen morgen ihre stolzen Riesenschiffe gegen uns: die von ihnen, die dem Nachtbrand entrinnen, nicht soll sie, hoff' ich, flüchten sie heimwärts, der Horst wieder aufnehmen, von dem dies Raubgevögel ausflog.« – »Wie! Arbor?« »Lange beredet habe ich gemeinsame That auch mit unsern äußersten Ostgauen: sie weigerten nicht die Bundeshilfe, wie die Menge hier wähnt, weil sie die Scharen der Ostgauen nicht hier gesehen hat. Ohnehin,« lachte er listig, »haben die Ostleute meist Könige. – Es war nicht notwendig, alle diese Gaukönige hier zu haben, wo Ebarbolds Schicksal sich entscheiden mußte. Hei, die anderen Könige helfen einstweilen, da, wo ich sie hinschickte: auf dem Südufer! – Aber nicht sie allein! Es galt, auch die noch von Rom geknechteten Brüder unseres Stammes zu befreien. Seit lange tragen mit Knirschen die Alamannen und die anderen Siedler, – mehr Unfreie als Halbfreie! – die da drüben von den Zwingburgen niedergehalten werden, von der Linden-Insel, hinter Brigantium herum, bis über Arbor und Constantia hinaus, das jährlich schwerer lastende Joch! Längst waren sie bereit, loszuschlagen, wenn nur nicht die Seeburgen allzustark besetzt schienen: – diese Festen fürchten sie aus alter Erfahrung – und wenn ihnen von uns Hilfe kam. Wohl: am wenigsten jetzt, da der Kaiser so nahe, da ein römisch Heer drohend auf dem Nordufer steht, am wenigsten jetzt fürchten die Zwingherren einen Angriff auf ihre Festen am Südufer. Morgen werden auf den Schiffen fast alle Krieger, die sonst Arbor schützen, mit herüberfahren, an dem lustigen Beutezug teilzunehmen: nur spärliche Wachen lassen sie zurück. Aber sobald das Lager auf dem Idisenhang in Flammen steht, – ein prachtvoll Feuerzeichen, das Ziu selbst entzündet! – fallen die empörten Colonen über Arbor von der Landseite her. Tausend freie Alamannen der Ostgaue helfen dazu: – sie sind weit, weit hinter Brigantium, durch die Bergpässe geschlüpft, in kleinen Haufen, und in den Wäldern und Gehöften der Colonen versteckt seit zwei Tagen. – Zugleich sprengen unsere Leute aus den Ostsümpfen – Suomar führt sie – auf dreißig Kähnen im Dunkel der Nacht, – sieh: deshalb konnte ich die Mondgöttin nicht am Himmel brauchen! – bis vor Arbor geschwommen, die Ketten des Hafens: und wenn nicht der Christengott aus den Wolken greift, die Zwingburg zu retten, findet die Morgensonne die freien und die befreiten Alamannen auf den Wällen von Arbor! – Schon mehrmals haben wir's gewonnen, geplündert, halb verbrannt und – geräumt, so daß gar bald die Römer sich wieder hineinsetzen mochten: so thöricht sind wir nicht mehr! Gewinnen wir's diesmal, – so bleiben wir drin für immerdar! Dann ist ein Glied aus der ehernen Kette gesprengt, – und von da aus werden wir dann allmählich leichter auch die anderen Festen zur Linken und zur Rechten, von Brigantium bis Constantia, zwingen. Ich werde den Tag nicht mehr sehen, aber du, Jüngling, da das Südufer des Sees und das Land bis tief, tief hinein in die hohen Berge mit dem ewigen Schnee auf den Häuptern frei alamannisch Eigen ist: dann denk' an diese Stunde und an Hariowald, den Alten.«

Mächtig erregt sprang der Greis auf: – sein weißes Haar, sein wallender Silberbart flogen prächtig im Winde. »Mein Herzog,« – rief der Jüngling begeistert, – »das ist gewaltig! – Sprich, wenn wir morgen diesen großen Sieg nach deinen Gedanken gewonnen, – willst du dann nicht statt Graf König heißen unseres Linzgaus und des Ebergaus, wenn dessen König fällt?« »Nein,« antwortete der Alte ruhig, »es wäre nicht weise! Ich hab' es längst erwogen. Ein anderes, wähn' ich, ist Wodans Wille mit unserem Volk! – Ebarbold hat keine Gesippen: nach seinem Tod werden sie, schlage ich aus, – gar keinen König mehr küren. Und das ist gut. Denn nahe ist die Zeit herangerückt, – obzwar noch nicht ganz gekommen, – da ein Volkskönig, ein Einziger, alle Gaue der Alamannen unter sich versammelt: der Weg wird freier, leichter für diesen Allkönig zurückzulegen, je weniger Gaukönige, je mehr bloße Grafen über den Gauen stehen. Wir beide, wir wollen dem künftigen Volkskönig die Bahn ebnen, nicht sperren. Nein, nein! Und die Leute im Ebergau sollen auch nicht sprechen: ›Ebarbold mußte fallen, weil Hariowald König heißen wollte.‹ Jener Volkskönig kommt! Dann wird freilich das Volk kaum mehr wissen von mir und von dir! Nur ein Sänger etwa wird zuweilen harfen in des Ein-Königs Halle von Hariowald dem Alten, und von Adalo dem Jungen, wie sie in einer Nacht dreimal zugleich die Walen schlugen! – Wir aber, Adalo, wir beide, schauen dann aufs freie Land der Alamannen nieder, das von den Alpen reicht bis übern Wasgenwald! Von Wodans Tischbank schauen wir herab.

Und wohl erwart' ich's, trete ich dereinst über Walhalls Schwelle, daß der Hohe aufsteht von seinem Hochsitz und mir entgegenschreitet, das Trinkhorn in der Hand. Denn viele Männer wahrlich, – weit mehrere durch meinen stets Krieg schürenden Rat als durch meinen Speer, – hab' ich ihm in fünfzig Jahren hinaufgesandt durch den Bluttod, zu füllen seinen Saal, zu mehren sein Heer. Ja, mein Adalo, wir schauen dann hinunter auf unseres Volkes Herrlichkeit und lachen einander zu: ›wir zwei haben auch daran mit gebaut in jener Nacht auf dem Idisenhang.‹

So – Adalo – so lob' ich dich: deine Wange glüht: – dein Auge blitzt! Das ist der rechte, das ist Wodans Geist, der nun über dich kommt. Und der allein, dieser Kampfmut, schafft dir auch deines Herzens heißesten Wunsch: – nicht die dumpfe Verzweiflung der letzten Tage, in der du, Unseliger! – jenen geheimen Antrag an die beiden Feldherrn geschickt! – Still! – Freilich wußte ich's! – Es war nicht schwer, zu raten, was in dem Briefe stand, was du botest, nachdem sie bereits alles, was du sonst zu geben hast, verschmäht hatten. Ich wußte aber auch ganz gewiß, daß sie dich abweisen! – Darum allein ließ ich deinen Boten, – du wähntest unentdeckt! – durch die Verhacke. Gern säh' auch ich sie frei, das wilde, rote Waldröslein vom Seebühl, in unseres Volkes Eichkranz die rote Blume: – aber deine Bissula steckt – mit dem Sieg! – im Römerlager dort: – Willst du sie haben, haue sie dir heraus, zugleich mit dem Sieg und deines Volkes Heil! Nein, danke mir nicht! – Rede nicht! – Gehe nun! – Ich muß jetzt einsam sein!«

 


 

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