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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Viertes Kapitel.

Auf der Bank, im warmen Strahl der Sonne, saß, in dunkle Gewände gehüllt, fast reglos, eine Gestalt: eine Greisin. Aus dem Saum des über das Haupt gezogenen braunen Mantels traten dünne Streifen schönen, weißen Haares vor; nur wenig und ganz gleichmäßig rührte sie die Hände. Als der Schritt des Jünglings auf dem sandigen Aufstieg des Bühles scholl, beugte sie sich, einhaltend in der Arbeit, vor, und lauschte; dann nickte sie leise und flüsterte: »Deshalb huschte sie hinweg!« Nun fuhr sie wieder fort in ihrem Werk. »Heil dir, Waldrun!« sprach der Jüngling, vor ihr Halt machend. »Erschrick nicht – ich bin's –«

»Adalo, der Edeling,« fiel die Greisin ein. – »Du erschreckst nur die Argen.« – »Du erkennst mich?« – »Wem die Götter die Augen verlöscht haben, dem machen sie sehend – die Seele. Hallt dein leichtgeschwungener Schritt auch nur selten mehr um mich her, – ich kenne ihn gut. Oft hör' ich dich, wie du, ausweichend in weitem Bogen, um unsern Hof eilest. – Bei Tage kommt nur noch Bruna, das gute Tier, deine zahme Bärin, herübergetrottet vom Edelhof zu uns. Denn auch deinem lichtlockigen Brüderlein hast du wohl den Besuch verboten. Das Tier aber ist treueren Herzens als die Menschen: – oft und oft sucht es meine Kleine auf und Zercho, den Knecht. Und wenn es einen Kranz von den meiner Kleinen liebsten Blumen um das Halsband geschlungen uns zuträgt und ihn brummend abstreift in ihren Schos: – wir wissen's wohl, nur Sippilo, der Knabe, nicht du, hast ihn gesendet! – Bei Tage meidest du uns! – Aber« – sie beugte sich nun vor und sprach ganz leise: der Jüngling sah sich staunend um: waren sie doch allein: – »aber bei Nacht schleichst du manchmal nahe heran.«

Der Jüngling errötete über und über: er wollte ablenken. »Und ohne zu sehen kannst du spinnen?« – »Spinnt doch die jüngste der drei großen Schwestern – blind geboren – des ganzen Menschenvolkes Zukunft. Und ich bin erst blind geworden. Und was ich spinne, ist mir fingervertraut wie gedankengewohnt.« – »Was spinnest du?« – »Mein Sterbegewand. – Aber nicht nach Waldruns Sterbegedanken zu forschen, mein' ich, kam der Edeling, Adalgers Sohn, hierher. Suchst du meinen Sohn? Suomar ist noch nicht zurück vom Ding.« – »Ich such' ihn nicht: – er sendet mich. Das Gauding – heut' Nacht auf dem Wodansberg – hat beschlossen, die Gehöfte und das Bauland zu räumen.« Und zornige, drohende Kampfesfreude verschonte das edle, langgezogene Antlitz, als er beifügte: »Der Römer naht!«

»Er wird nicht lange weilen,« sprach die Alte ruhig fortspinnend. »Schon oft sah ich ihn stark anbrausen: – und bald wieder schwach vergehn.« – »Euch Frauen, die Unwehrhaften, die Unfreien und die Herden sollen zwei Schutzwerke aufnehmen, weit vom See: eins auf dem Wodans-Weihberg im Niedergang, das andere in den Ostsümpfen. Zwei Heerhaufen bilden wir: einen für Sonnenniedergang, den anderen für Aufgang. Dein Sohn ist dem Osthaufen zugeteilt. Er ist gleich vom Ding hinweg in die Ostsümpfe geschickt worden: sie sollen die Furten dort durchstechen und am Gauhag die Verhacke verstärken, so den Walen das Eindringen zu wehren.«

»So sollen wir wohl gegen Aufgang eilen, in die Sümpfe? Dort sind wir ihm näher.« Zögernd begann Adalo. – Gluten stiegen ihm abermals in das Antlitz und einen scharfen Blick warf er auf die Thüre des nahen Hauses, bevor er anhob: – »So war sein erster Einfall – und so verteilt die Fliehenden im ganzen des Volkes Beschluß. – Aber – ein andrer – ein Freund, – riet ihm, euch lieber nicht in den Sümpfen zu bergen, sondern – auf dem Weihberg.« – »Du ziehst zu dem Westhaufen – auf den Weihberg?« Adalo schwieg. »Du rietest ihm so, Adalo!« – »Ich leugn' es nicht. – Sieh, ich meine es gut mit euch. Besser geborgen als in dem Sumpfland seid ihr auf Wodans ragendem Waldberg. Voll Unbehagen lebt sich's in dem Fieber brütenden Moor: – oft befällt dich ja dieses Siechtum – und nicht so sicher. Der Osthaufe weilt nicht in eurem Verstecke: Suomar selbst kann euch nicht schützen, nur euer Versteck euch verdecken. Auf dem Weihberg aber, hoch in den Steinringen, schützt euch die Nähe der Waltenden, der Landesgötter selbst. Und behaglicher, freudiger lebt sich's dort unter Waldhütten und Laubzelten! Und« – so schloß er zurückhaltend, bescheiden – »ich selbst bin dort, euch zu schirmen. Folgt mir – schon morgen kann es zu spät sein – folgt mir sogleich!« Da fielen aus dem dichten Geäst des hohen Baumes ein paar Eicheln prasselnd auf die Steinplatte, prallten ab und sprangen zur Erde. Adalo sah empor. »Wohl ein Eichhorn?« meinte er. »Ja. – Ein rotes!« fügte die Alte kopfnickend bei. »Es treibt oft sein mutwillig Spiel da oben. – Sind oft recht zornmütig.« – »Das sind sie,« lachte Adalo. »Eines, das ich griff, hat mir einmal den Finger fast durchgebissen. Da!« – Die Frau befühlte den hingestreckten Zeigefinger seiner Rechten. Sie ließ ihn nicht gleich los, tastete daran und sprach dann: »Dahinter liegt noch eine andre Narbe! – Die biß dir vor Jahren – weißt du noch? – im Heißzorn mein böses Enkelkind. Wie war es doch?«

»Beim Sunnwendfest war es. Der Weststurm blies wütend, wie Wodans Atem. Sie vermaß sich, allein, in eurem morschen Schelch, – dem alten Einbaum! – mit Seitenwind den rasenden See zu kreuzen. Die andern höhnten: – ich bat. Umsonst. Sie sprang in den Nachen und stieß ab: sie war verloren, kam sie über den Schilfhaken hinaus in den Weitsee. Ich lief nach, watete, schwamm und fing sie aus dem Kahn, gerade wie er umschlug. Ich trug sie ans Ufer. Sie wandte und wehrte sich, fauchend wie eine Fischotter, und biß mir zum Dank in den Finger.« »Da erfand aber,« sprach die Alte verweisend, »ein böser Singemund den Spruch:

»Arg kratzt die Eichkatz, –
Bittrer beißt Bissula.«

Der Spruch ging um im Gau, ja in allen Gauen am See. Wohin meine Enkelin kam, zum Beerenlesen im Sommer, zum Flachsbrechen, zum Stoppelreigen, zur Sichelhenk, zur Drischelleg:– überall scholl ihr entgegen der höhnische Spruch im Rundgesang. Das war nicht wohlgethan! – Nicht klug!« fügte sie leiser bei. – »Mutter Waldrun – nun ja: – es war nicht wohlgethan – aber nicht böse gemeint.« – »Ja, ja, Wodan hat dir das Lied auf die übermütige Lippe gelegt und das beflügelte Wort, den Witzspruch. – Du kannst es nicht lassen! – Siehst du ein ladendes Ziel, – der Pfeil der Neckrede saust dir vom Munde!« – »Aber unvergiftet, sonder Widerhaken! Ein stumpfer, kleiner Bolz, mit dem man das herzige Rotkehlchen trifft, Donars elbischen Liebling, nicht, es zu wunden, nein, ungesehrt es zu fangen und in das Gehöft zu tragen, an unsern Herd, auf daß es uns lieblich singe Jahr für Jahr.« – »Hüte dich! Heißzornig, leichträchend und langrächend ist, was rote Farbe trägt.«

»Jawohl,« lachte der Jüngling. »Wie geht ein andrer Spruch?«

»Reizt dich das Rothaar?
Rette dich, rat' ich!
Scheue die Schöne!
Falsch ist sie und fauchend,
Wie Feuer und Fuchs!«

Kaum war der letzte Stabreim gesprochen, als sich hoch oben aus dem Wipfelgeäst des gewaltig ragenden Baumes seltsame Töne vernehmen ließen. Zu höchst oben ein Fauchen und Kollern, aber tiefer unten ein anderes Geräusch, wie wenn etwas an dem Stamme sich rutschend herabließe. Die ersten Laute kamen zweifellos von einem Eichhörnlein, das, aufgeschreckt durch irgend eine Störung, blasend und zischend vor Angst oder Zorn, in weitem Bogen und doch in sicherem Sprung von dem obersten Gipfel des Baumes auf die ziemlich fern stehende Nachbareiche hoch durch die Luft sich schwang.

 


 

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