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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

»Bleibe,« sprach der Alte, als auch die Fronboten als die letzten die Dingstätte verlassen hatten, »du mußt wissen, wie, nach meinen Gedanken, nach meinem Willen diese Schlacht verlaufen soll. Denn, ruft der Hohe mich hinauf, bevor der Sieg errungen, mußt du ihn vollenden. Und deshalb mußt du nun alles erfahren, – viel mehr als die Heerleute! – was ich seit Wochen vorbereitet, wann ich in schlummerlosen Nächten sann, und was ich geheim ins Werk gesetzt in diesen Tagen. Komm – setze dich zu mir –: auf dem Stein hier breiten wir aus das Bild des Römerlagers, das wir deinem mutigen Brüderlein verdanken. – Viel, viel hat mir's genützt. – Schon gestern sagte ich dir, wie verteilt die Gaue und Geschlechter die vier Seiten und Thore des Lagers zugleich angreifen.« – »Ja: aber wo du mit deinem Haufen angreifst, verschwiegst du: – und – wo ich kämpfen soll.« – »Ich? Ich nehme den kürzesten Weg: den von unten.« – »Nein! Nein! Laß den mir! Er ist der – gefährlichste.« »Ja, ja,« lachte der Alte vor sich hin. »Und du ahnst noch gar nicht, wie gefährlich er ist. Wisse denn: der Aufstieg kann nicht, wie wir gehofft, zu allererst und unvermerkt, überraschend geschehen, sondern erst, nachdem der Feind, durch den Angriff auf den Nordwall aufgeschreckt, in vollen Waffen bereit steht.« – »Dann ist's unmöglich! Aber warum?« – »Weil, wie ich erst vorgestern Nacht erkundet, die Walen bei dem Ausschaufeln des Nordgrabens den äußersten, nördlichsten Teil des Erdgangs zugeschüttet haben. Oder er ist, wohl vermöge der Erschütterung, eingestürzt. Als ich in den Gang aus dem Walde vor dem Lager eindrang –« – »Wie? Du selbst?« – »Ja, ich selbst: – vorgestern Nacht – kam ich nur wenige Schritte weit: ich stieß auf lauter von oben hereingefallene Erde. Ich mußte zurück. Aber ich schlich mich nun, ober der Erde, so nah an den Graben, daß ich von einem Baum aus hineinschauen konnte: der ganze Graben – er ist jetzt wieder trocken – war von ihren Wachtfeuern hell erleuchtet. Da sah ich: die Erdgöttin unseres Landes hat die Augen der Fremdlinge getäuscht! Sie haben den großen Felsstein, der die Fortsetzung des Ganges aus dem Graben in ihr Lager hinein sperrt, nicht verdächtig gefunden und nicht hinweggewälzt. Er wird freilich in Jahrzehnten nicht von der Stelle gerückt: – denn immer nur zwei Männer aus der Hirschhornsippe kennen ja das von Geschlecht zu Geschlecht vererbte Geheimnis: und nur selten einmal erheischt das Bedürfnis, es zu verwerten. – So haben sie den Fels nicht als von Menschenhand dahin gewälzt erkannt und gerade auf der Rasendecke desselben eines ihrer Banner aufgepflanzt. Gar nichts ahnen sie von dem Gang! Denn sieh: – das Lagerbild zeigt es: – hart neben der Nerthustanne, über den Altarsteinen der Idisin, haben sie ein Zelt, leer, nur mit Vorräten und Waffen gefüllt, errichtet: – du siehst, hier!« – »Ja, wahrlich! Gerade über der Mündung ist das Zelt gespannt. Aber da draußen – im Nordgraben – sind zahlreiche Wachen angegeben: – thrakische Speerträger wechselnd mit Batavern!« – »Ja, das eben ist's. – Die müssen erst vertrieben sein mit Gewalt, bevor ich den Fels hinwegwälzen und empordringen kann.« – »Das wird Blut kosten! Und lange währen! Die Thraker und noch mehr die Bataver sind ihre allerbesten Scharen. Schlimm, wenn gerade die Bataver die Reihe trifft! – Sie stehen uns nicht nach an Heldenschaft!« – »Gleichviel. Sie müssen fallen, bevor der alte Dachs in den alten Bau fahren kann.« – »Und dann erst, – nachdem der Kampf alle Feinde in die Waffen gerufen – dann willst du . . . – ? Laß mich an deiner Statt!« – »Gehorche! – Du wirst genug Arbeit finden am Südthor, am Seethor! – Haben wir das Lager erstürmt, wird sich die ganze Flut der noch Lebenden nach den Schiffen durchs Südthor ergießen. Sie dürfen nicht in geschlossener Ordnung an den See gelangen, den dort tobenden Kampf am Ende gegen uns wenden. Du wirfst dich am Südthor den Ausbrechenden entgegen und treibst sie ins brennende Lager zurück oder sprengst sie doch ganz auseinander: – hörst du? Nicht als Verstärker des Widerstands der Schiffe, – als Vermehrer des Entsetzens nur dürfen sie aus dem Lager ankommen am See. Das ist deine Aufgabe: – Saturninus, bleibt er am Leben, wird sie dir schwer genug machen.« – »Also am Südthor!« – »Ja: – und dorthin hab' ich bestellt, falls sie irgend es zu erreichen vermag: – Bissula!« – »Dank!« »Danke mir nicht! Denn dir verbiet' ich, für das Mädchen zu kämpfen: – du kämpfest mir nur für den Sieg. Aber sorge nicht: Wenn sie noch lebt, wird sie gerettet. Zercho und Sippilo hab' ich von jeder andern Kampfespflicht gelöst und ihnen nur das eine aufgegeben: die Kleine zu finden und zu bergen. Dich aber – brauch' ich zu höherem Werk. Nur einen scheu' ich,« sprach er leiser, »in dem ganzen Heer: – Saturninus! Das ist so einer, wie ihre alten Führer waren, aus der Zeit ihrer besseren Kraft: – aus jenen Tagen, von denen Großvater und Vater mir mit Grauen erzählt, da es fast nicht möglich war für allerhöchstes Heldentum, ein Römerheer zu schlagen! Wer weiß, ob Ebarbold ihn fällt! Den König müssen wir zuerst an ihn lassen – er hat die Vorhand: – aber, falls von den beiden der Römer übrig bleibt und ich ihn nicht vor dir erreiche und töte nach des Königs Fall – ich werde mir alle Mühe geben! – sorgst du mir, Adalgers Sohn, daß Saturninus nicht sein Heer geschlossen hinunterführt an den See: halt' ihn auf, solang du stehen kannst in deinen Schuhen.« – »Solang ich kann! – Aber ich staunte, wie du dem Fischer die Aufgabe stelltest. – Kommen auch die Römerschiffe herüber: – wie kannst du wissen, ob er sie vom Land her – sie ankern ja, sie ziehen sie nicht ans Ufer – erreichen mag? Wie soll Fiskulf vom gestürmten Römerlager her –?« »Der stürmt nicht mit,« lachte der Alte fröhlich in seinen Bart, den er vergnüglich strich. »Kommt auch nicht vom Lande her an das Feldherrnschiff: – er kommt seewärts!« – »Schwimmend?« – »Nein, fahrend! Wisse, was noch keiner weiß: denn geschwätzig ist die Menge. – Außer den fernsten Alamannengauen hab' ich geheim die Hermunduren gewonnen, die das Wasser des Mains trinken, uns Zuzug zu leisten für diesen Krieg. – Du wähntest, die Kähne in den beiden Schilfwäldern im Osten und im Westen vom Idisenhang seien jetzt nur von Wehrunfähigen gefüllt, nachdem ich die Männer meist hierher gezogen? Nein, Freund! Die Kähne, – fast dreihundert, – in den beiden Schilfwäldern, sie sind nicht leer an Männern! Die Weiber und Kinder wurden heut' Nacht ans Ufer gebracht: über zweitausend Alamannen und Hermunduren springen hinein! – Von links und von rechts, von Aufgang und von Niedergang zugleich schweben sie in der Stille, in dem Dunkel der Nacht gegen die hochgeschnäbelten Schiffe: und sobald die erste Fackel auf dem Idisenhang hochgeschwungen ins Römerlager fliegt, – fallen unsere Kähne vom offenen See und von links und rechts die Römerschiffe an. Ha, du meinst, wie Nußschalen sind unsere Einbäume gegen jene Riesen? Wohl: aber hast du nie gesehen, daß viele kleine mutige Schwalben den Sperber in die Flucht schlagen? Wohl sind sie winzig, unsere Schelche: – aber zweihundert und mehr gegen sechzig! Und lustig sollen Harz und Pech der Seewaldstannen brennen, entflammt in tausend dürren Reisigbündeln, in Segellinnen und Takelwerk der Trieren.«

 


 

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