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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Nachdem er der Erregung der Menge Zeit gegönnt, sich auszutoben, gab der Alte den zwölf Fronboten einen Wink: – diese eilten in den dichten hinter der Esche rauschenden Eichenhain – dann schlug er auf den Schild und sprach: »Gerichtet nun ist nach gerechtem Recht und nach des Volkes edlem Willen. Der Richter hat sein Werk gethan: nun höre auf deinen Herzog, du Heer der Alamannen!«

Tiefe Stille ward sogleich: gespannt ruhten aller Augen auf ihm, der nun aufsprang, den Schild vom Baume hob und an den linken Arm hing, während er, den Speer in der Rechten, von der hohen Steinplatte herab, also sprach: – mächtig erhob er nun, erztönig, mit ganz anderem Klange, die Stimme, die gewaltig über das Heervolk scholl: »Viele von euch, ich weiß es, – und nicht die schlechtesten Speerleute! – haben schweigend gegrollt oder auch laut murrend gescholten, daß ich so lange gezögert, euch zum Kampf zu führen. Der Feind stand im Land und wir wichen in die Wälder: – er verbrannte die Hallen und Gehöfte: – wir sahen, thatenlos, aus sicherer Ferne Feuer und Rauch aufsteigen: – allmählich kamen auch aus den entlegenen Gauen, bundgetreu und eidgehorsam, die Heerleute: – und immer noch zögerte der Herzog! – Und indes festigte der Feind von Tag zu Tag sein Lager! – Ja, wir wußten es wohl: – jeder Morgen konnte von der Seeburg da drüben auf hochschnäbeligen Schiffen ihm fast nochmal so viel Krieger zuführen, als er schon im Lager zählte. Warum säumte der Alte immer noch? Wann schlägt er los?«

»Jawohl, warum zögern? Wann geht's zum Kampf?« wiederholten ungeduldig viele Stimmen.

»Er zögerte,« fuhr der Herzog fort und seine Stimme dröhnte – »weil er nicht einen Teil, nicht die Hälfte, weil er sie alle, alle treffen wollte, so viele als nur erreichbar! Alle die Mordbuben, die Brandbrenner, die der Knabe im Kaiserpurpur da drüben überm See wieder einmal losgelassen hat auf unser freies Volk! Morgen – getreue Männer haben's mir rascher gemeldet, als es das Römerlager selbst erfährt, – morgen in der Frühe kommen sie herübergeschwommen, die stolzen Schiffe: morgen Mittag ankern sie am Ufer zunächst dem Lager: – und morgen nach Mitternacht führt euch der alte Hariowald zum Sturm auf Lager – und Schiffe zugleich!«

Da brach die so lang zurückgehaltene Kampfeswut furchtbar los: brausende Rufe und wilder Waffenlärm drangen durch die Luft. »Schauet,« fuhr er fort, »schon tragen die Fronboten aus der Landesgötter heiligem Hain, aus geheimnisvollem Schauer der nie vom Tag durchleuchteten Waldnacht, sie herabholend von den uralten Eichen, die Feldzeichen, die sieghaften, unsrer Geschlechter und Gaue herbei.«

Ein von Ehrfurcht leise gedämpfter Ruf der Freude grüßte den Zug der zwölf Fronboten, welche nun paarweise, in feierlich gemessenen Schritten, von den Seiten der Esche hervortraten und die Feldzeichen verteilten an die aus dem Ring vorschreitenden Vertreter der einzelnen Landschaften und Sippen.

Ebarvin ergriff das Zeichen des Ebergaues: auf hohem Speer ragte über einer Querstange das dräuend hauende Eberhaupt. Adalo ergriff einen gleichen Schaft, der ein mächtiges Hirschgeweih trug. Und fast alle Ungetüme des Urwalds und heiligen Tiere der Götter waren in ähnlicher Weise verwertet: neben den riesigen Hörnern des Auerstiers und des Wisent prangten die breiten Schaufeln des Elchs: Wodans Wolf und Donars Bär und Loges Fuchs sperrten dräuend die Rachen, Zius Schwert, gerade aufwärts starrend, trug ein blutrot bemalter Schaft: ein andrer zeigte Donars Hammer zwischen zwei ehern geschmiedeten, rotzackigen Blitzen: drei Lanzen trugen je ein weißknochiges Pferdehaupt, den gekrümmten Bug noch wild umflattert von schwarzer, roter, brauner Mähne. Auf anderen Stangen sträubten der Seeadler, der Königsadler, der Lämmergeier die Flügel und drohten mit den erhobenen Fängen. Einem von Holz gezimmerten Flügeldrachen hatte man die Häute wirklicher Schlangen, der Ringel- und der Kupfernatter, übergezogen, die knisternd im Winde raschelten. Und da man, wie die Mähnen den Rossen, auch den wilden Tieren die Schur samt dem Schweif von dem Haupte herab hatte hängen lassen und da fußlange rote, gelbe, blaue Bänder um die Querstange flatterten, fehlte es nicht an der rauschenden, wehenden Bewegung, an welche wir bei »Fahnen« zu denken gewöhnt sind. Unter diesen Randstreifen war gar manches Stück eine Trophäe: ein zerhauener Fetzen aus einer eroberten Drachenstandarte, oder ein Purpurwimpel, wie sie die römischen Geschwader und Kohorten schon seit lange unter dem Kreuz, dem »Labarum«, statt der abgeschworenen, heidnischen Adler führten. –

Als die Vertreter der Gaue und Geschlechter die geliebten und geehrten Bildstangen empfangen hatten und in ihre Reihen zurückgetreten waren, fuhr der Herzog fort: »Heil euch, ihr alten Zeichen des Kampfes und Zeugen der Siege! Heil euch und Gruß, ihr Göttergeweihten! Vor euch, ihr Streitvertrauten, vor euch wag' ich, zukunftschauend, ergriffen von der unsichtbar euch umschwebenden Götter Gewalt, vor euch wag' ich ein weissagendes Wort. Ihr, meine Waffengenossen, alamannische Männer, – zweifelt mir diesmal nicht am Siege. Ihr wißt: prahlen vor der That ist nicht des Alten Art: aber diesmal weissag' ich euch sichern, völligen, herrlichen, seligen Sieg! Alle unsere Götter helfen morgen zusammen! Nicht am wenigsten Loge, der Flammende! In Feuer und Glut werden Zelte versinken und Schiffe! Die Seefrau wird viele Hunderte in ihrem Netz niederziehen zum feuchten Grund. Aufthun wird die Erdgöttin, die furchtbare, ihren geheimnisvollen Schos, auf welchen die frechen Fremdlinge mit ehernen Füßen gestampft: die Rächer wird sie, ihres Landes Söhne, ausstreuen mitten in des Feindes festester Schanzburg! Denn er, der Hohe, hat die Verhaßten verblendet, daß sie sich in unserem ganzen Gau den für sie verderblichsten Lagerort gewählt! Und wenn sie nun flüchten aus den Zelten nach den Schiffen, im Schrecken der Nacht und im flackernden Schein ihrer brennenden Schanzen: – dann sollen sie am See rennen in das gleiche Verderben: in Feuer und Blut.

Und wenn die letzten der flüchtigen Schiffe mit halbverbranntem Mast und Bug, verfolgt, gehetzt von unseren raschen Kähnen, wirklich glücklich das Südufer und die Hafenburg erreichen, aus der sie so siegessicher ausgezogen: – wer weiß – ich sage nicht mehr – wer weiß, ob sie nicht dort erst ganz das ungeahnte Verhängnis umgarnt. Nein! – Schweiget noch – hört mich zu Ende –! Bevor ich nun das Heerding löse und euch entsende, alle Waffen aufs beste zu rüsten, die Spitzen und Schneiden frisch zu schleifen, und reichlich – aber nicht allzureichlich! – zu schmausen und zu trinken, dann aber bald, – hört ihr? – bald den Schlaf zu suchen – denn morgen Nacht werdet ihr nicht schlafen! – vernehmt noch eins! Noch einen Beschluß müßt ihr fassen vor dieser Schlacht! – Gedenket, ihr Männer, wie von Geschlecht zu Geschlecht diese Römer an unserem Volke gefrevelt!

Wie sie wieder und wieder Treu' und Verträge gebrochen! Wie sie uns nicht gönnen das arme Land, das wir dem Sumpf, dem Urwald abgerungen! Wie sie, gegen die Verträge, ihre Zwingburgen immer wieder in unsere Marken vorgeschoben! Wie sie Tausende von unsern Ahnen nackt, waffenlos, kämpfen ließen mit wilden Tieren im blutgeröteten Sand ihrer Festspiele dort in der Tiberstadt, sich weidend, hoch auf sicheren Gerüsten, an den Todesqualen der Unsrigen unter den Tatzen, in den Zähnen brüllender Untiere! Wie sie zu Tausenden mit Gewalt unsere Jünglinge in ihre Kohorten steckten und verbluten ließen, oft jenseit des salzigen Meersees! Ha, wißt ihr's noch, ihr Alamannen des Schwarzwaldes, wie sie euren König Widigab zum Gastmahl luden des Kaisers und ihn beim Becher meuchlings erstachen? Habt ihr's vergessen, ihr Alamannen des Ebergaues, die ihr euch untergeben hattet unter dem Beding, nach eurem eignen Recht zu leben, wie sie um geringster Ursach' willen eure freien Männer geißeln ließen durch ihre Liktoren? Gedenkt ihr's noch, ihr Alamannen vom Brisagau, wie sie friedlichen Durchzug von euch verlangt hatten und wie sie dann, nahe dem heiligen Hain der Göttin Ostara gelagert, Erlaubnis erbaten, den achtzigjährigen Priester und seine Urenkelin, die sechzehnjährige Maid, im Haine aufzusuchen: – ein Feldherr und einer ihrer verschorenen Priester war's und hundert Krieger, – wie sie erkundeten, was wohl euer größtes Heiligtum sei? Und wie die Jungfrau arglos die heilige Erzschale darwies, welche die holde Göttin dereinst euch auf dem Regenbogen niedergelassen, – wie sie plötzlich beide ergriffen, wie vor den Augen des waffenlosen Volkes der Christenpriester die heilige Schale ekel besudelte, – wie der Feldherr den greisen Priester erschlug und die junge Priesterin fortschleppte, zu Gewalt und Schmach, – und wie die Krieger Feuer warfen in den heiligen Hain? Wißt ihr's noch, ihr Leute vom Alpgau, wie mitten im Frieden ein Centurio eures Gaugrafen junges Weib verunehrt hat an ihrem eigenen Herde, daß sie selbst sich erhing an ihrem Gürtel, über ihrem Ehebett? Habt ihr vergessen, wie oft sie unsere Mädchen, ja und auch die Knaben! – wie Herdentiere aneinandergekoppelt an ihrem langen Wirbelhaar, fortgetrieben zum Dienst ihrer scheußlichen Laster, vor denen die reinen Götter von Asgardh schamrot und zornrot wenden die Stirnen? Ihr habt es nicht vergessen! Ich hör' es! Ich seh' es! Wohlan: so thut wie ich rate: keine Gefangenen! Tötet sie alle! – Nicht Einen verschont: – verschmäht jedes Lösegeld. – Das ganze Heer: Führer, Krieger und Troß, sei Wodan und Ziu geweiht. – Ihr wollt – ich sehe es! So sprecht mir nach und schwört:

»Dir, Wodan, geweiht
Und dem zornigen Ziu
    Sei was da lebt in dem Lager
Und auf schaukelnden Schiffen:
Bald badet in Blut ihr,
    Gewaltige Götter,
Vom Knöchel zum Knie!«

Und in wilder Bewegung die Waffen schwingend, wiederholten die Tausende den furchtbaren Eidspruch:

»Dir, Wodan, geweiht
Und dem zorngen Ziu
    Sei was da lebt im Lager
Und auf schaukelnden Schiffen:
Bald badet in Blut ihr,
    Gewaltige Götter,
Vom Knöchel zum Knie!«

»Gleich entschar' ich das Heer – nur noch Eines vernehmt: – eures Herzogs Gelöbnis. Gefangen haben die vielen tausend Gepanzerten, die in die friedlichen Gaue brachen, ein einzig Geschöpf: ein wehrloses Weib, ein munteres Mägdlein. Viele, so mein' ich, kennen sie . . .« – »Bissula! Die Kleine! Die Holde! Die Rotelbin, Suoberts Kind!« So riefen viele Stimmen. »Ja Bissula, Suoberts Tochter. Wohlan: – wer sie befreit, – wer sie nach der Schlacht aus dem Römerlager mir zuführt, – dem geb' ich den ganzen Herzogsteil an der Lagerbeute.« Da traf ihn ein dankbarer, aber trauriger Blick Adalos: der wagte nicht mehr zu hoffen. –

»Gelöst ist der Ring, zu Ende das Heerding,« fuhr der Alte fort, stürzte die aufrecht gegen den Stamm gelehnte Steinplatte um und stieg von den Stufen herab. Sofort strömten, unter Heilrufen für den Herzog, die Scharen nach allen Seiten auseinander, den Berghang hinab, jetzt gegliedert und verteilt nach den Heerzeichen, die den Geschlechtern und Gauen vorangetragen wurden.

Auch Adalo wollte gehen: aber der Herzog winkte ihm, zu bleiben, nahm ihm das Feldzeichen mit dem Hirsch aus der Hand, und übergab es Sippilo, der es mit großem Stolz den Berg hinabtrug.

 


 

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