Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070618
modified20160412
projectid4fe5e590
Schließen

Navigation:

Zwanzigstes Kapitel.

Nachdem sich das Gewoge der in den Kreis Drängenden, die lauten Stimmen, das Klirren der Waffen ein wenig beschwichtet hatte, hob der Herzog den Speer und schlug damit auf den erzbeschlagenen Schild drei feierlich gemessne Streiche. Da ward augenblicks tiefe Stille. »Das Heerding ist geöffnet!« sprach Hariowald und ließ sich langsam nieder, im Sitzen den einen Fuß über den anderen schlagend.

Er warf den dunkelblauen, langen, weitfaltigen Mantel, der auf der linken Schulter von einer Spange zusammengehalten war, nach rückwärts, lehnte den Speer wie einen langen Stab über die rechte Schulter und sprach, die linke Hand mit ausgebreiteten Fingern hebend, langsam:

»Ich, der Richter, ich frage um Recht!
Ich frage die Freien:
Ist hier Stätte und Stunde,
Zu hegen und zu halten
Gerechtes Gericht
Über edler Alamannen,
Der Söhne des Sieges,
Haus und Habe,
Vieh und Fährnis,
Eigen und Erbe,
Frieden und Freiheit,
Leib und Leben?
Weiset, ihr Wissenden,
Dem Richter das Recht.«

Da traten vor zwei betagte Männer, zogen die Schwerter, hoben sie gen Himmel und sprachen in langen Absätzen, daß Wort des einen mit Wort des andern stets zusammenklang:

»Wir weisen, das wohl wir wissen,
    Dir, Richter, das Recht:
Dies ist Stätte und Stunde
    Für gerechtes Gericht:
Auf eroberter und ererbter
    Alt-alamannischer Erde,
Bei der siegenden Sonne,
Der klimmenden, klaren,
    Schimmerndem Schein,
Unter der alten
    Esche der Ahnen,
In Wodans Weihtum,
Über Vieh und Fährnis,
    Eigen und Erbe,
Frieden und Freiheit,
    Leib und Leben
    Richten wir Recht
Und finden, wir Freien,
    Echtes Urteil.«

Beide traten zurück in den Ring. Der Herzog aber sprach: »Ehe wir ziehen zum Kampf gegen den Landfeind, – und bald, bald brechen wir auf . . .« –

Da brach brausender Jubel und Waffenlärm aus, den der Alte erst verrauschen ließ, dann fuhr er fort: »Muß das Heerding über Rechtsklagen Urteil finden und Friedrechtshandlungen bezeugen. Zuerst über Fiskulf, den Fischer, aus Rohrmoos, der Schilfrodung. Wo ist der Bereder?« Adalo trat zögernd vor. »Hier: ich, Adalo, Adalgers Sohn.« – »Tritt zur Rechten! Wo ist der Wehrer?« »Hier!« sprach ein Mann in schlichtem, unscheinbarem Gewand: ein altes Fischernetz trug er statt des Gürtels: traurig den Kopf hängend, trat er vor und schlug die Augen nieder. »Auf was geht deine Klage?« fragte der Richter. »Heerbann-Bruch!« – »Das geht an Haut und Haar und Hals. Weiset mir das Recht: mag Adalo, Adalgers Sohn, hier solchen Klagruf heben?« Einer der beiden Alten trat wieder vor und sprach:

»Das Heerding kennt Adalo, den Edeling, als freien ungescholtenen Mann: sein Odalgut liegt im Linzgau: es würde jeden Anspruch wegen falscher Klage decken: er mag klagen auch um Haut und Haar und Hals.« Auf einen Wink des Richters begann der Edeling:

»Ungern erheb' ich die Klage: wider Wunsch und Willen: doch heischt es mein Heereid. Denn da ich den Befehl übernahm über die Hundertschaften vom Westsee, mußte ich in des Herzogs Hand schwören, jeden Bruch seiner Banngebote, der da geschähe in meiner Schar, zu rügen vor dem nächsten Heerding. So muß ich bereden: denn ich scheue den schweren Schwur. – Ihr wißt alle, bei seinem Blutbann hatte der Herzog verboten, daß auf den Kähnen, in welchen die Landflüchtigen zuerst im Schilf des Westsee's verborgen lagen, bei Tag oder Nacht irgend ein Feuer entzündet werde: entdeckten die Walen, am Seeufer vorüberziehend, durch Rauch oder Flamme, daß Leben in dem weiten Schilfwald lebte, – so konnte alles dort verborgene Volk verloren sein. Nochmal wiederholte ich, da ich aufbrach, das Verbot des Herzogs allen meinen Leuten; – Fiskulf stand dabei an meiner Schildseite. Und doch hat er auf dem Hechtstein, der aus dem Röhricht ragt, Feuer angemacht, während die Feinde am Ufer hinzogen. Zwar war es Tag, aber der Rauch war sichtbar. Schon machte die nächste Kohorte halt und schickte sich an, dem Feuer nachzuspüren, das ich mit Mühe rasch genug verlöschte, ihren Verdacht einzuschläfern. Ich muß nun Fiskulf dieses Bannbruchs zeihn.« Der Kläger schwieg und that einen Schritt zurück.

Ein Murren des Unwillens lief durch die Reihen, von manchem lauten Ruf des Zorns, des Vorwurfs durchbrochen. »Schweigt alle! Stille im Ring!« rief der Herzog von seinem hohen Steinstuhl herab, den Speer erhebend, »bis ich euer Urteil heische. Scheltwort verbiet' ich: – Friede gebiet' ich! – Du, Beredeter, was setzest du gegen die Klage: Bestreitung oder Gestehung?« »Gestehung,« antwortete der Gefragte traurig. »Es ist, wie der Edeling sagte.« – »Du kanntest den Bann?« – »Ich kannte ihn.« – »Du brachest den Bann?« – »Ich brach ihn. – Ach, ich schäme mich so stark! – Aus Hunger geschah's: – aber nicht, meinen Hunger zu stillen. – Viele Nächte schon lagen wir versteckt in dem Schilfwald: – verzehrt war der Vorrat von getrockneten Fischen, den ich in dem Kahne mitgenommen hatte. Ich bezwang meinen Hunger und kaute das jung aufgeschossne Schilf: – für mich, wahrlich, hätt' ich's nicht gethan! – Aber mein Bub, der mit mir war, erst kurz ist er von dem elbischen Fieber genesen, das in dem Rohrmoos haust: – er ist erst sieben Jahr' – das Kind weinte so bitterlich vor Hunger! – Und bat und bat: ›Vater, Vater, gieb mir zu essen.‹ – Das zerschnitt mir das Herz! – Ich speerte einen starken Hecht, der nah dem Stein sich sonnte, – ich zerschnitt ihn: – ich wollte ihn dem Knaben zu essen geben, ungekocht! Aber der Ekel würgte ihn: er weinte nun nur noch still –: er bat nicht mehr! Da rieb ich Feuer aus zwei trockenen Hölzern und briet den Fisch auf der Platte des Steins und gab dem Kind zu essen. – Und ich aß auch selbst,«

»Ich mußte rügen,« sprach Adalo. »Aber ich bitte das Heerding, keine Strafe zu sprechen über den Mann. Ist doch um der That willen kein Schade geschehen! Ein Vater . . . –« »Schweig, Kläger,« unterbrach ihn der Richter. »Du hast gerügt: – er hat gestanden: du hast hier nichts mehr zu thun, als das Urteil zu vernehmen. Ich frage: was steht auf Heerbannbruch, wann der Feind im Lande haust? – Wie? Ihr schweigt? – Das ganze Volk konnte der Ungehorsam verderben! Wie? Ihr weigert mir, das Recht zu weisen?« fuhr der Alte grimmig fort. »Oder solltet ihr Graubärte nicht mehr wissen, was schon die Knaben lernen? – Gebt Bescheid, weiset mir das Recht –:« und drohend stand er auf, – »oder ich reiße den Dingschild von der Esche und klage den Göttern: die Alamannen haben ihres Volksrechts vergessen! – Was steht auf Heerverrat und Heerbannbruch?« – »Der Tod!« scholl es jetzt mit vielen Stimmen. »Ich wußte es,« sagte der Fischer schlicht. »Lebt Wohl, Landsleute! Sieg und Heil wünsche ich euch.«

Aber der Herzog fragte weiter: »Welches Todes muß er sterben? Durch Weiden-Wiede? Durch Wasserwoge? Durch rot ritzendes Messer? Oder durch rot brennendes Reißig?« Da trat einer der beiden Alten wieder vor und sprach: »Er hat durch die That Ziu, den Kriegsgott, gekränkt und Wodan, den Siegsender. Ziu heischt Blut auf dem Opferstein: – Wodan will ihn wehen wissen im Winde. Wodan ist der größere Gott und Zius Vater: es weicht der niedere, es weicht dem Vater der Sohn: Wodans Recht geht vor: der Bannbrecher ist Wodan geweiht: – er wird gehängt am Weidenstrang unter dem Kinn, das Antlitz gen Mitternacht, an dürrer Eibe – ein Wolf ihm zur Rechten und ein Wolf ihm zur Linken – des friedlosen, rechtlosen Rechtsbrechers ältestes Abbild.«

»Er ist Wodan geweiht,« wiederholte der Richter feierlich: – »wenn Wodan ihn will! – Fragen wir den Gott.« Mit Staunen blickten alle, mit leiser Hoffnung der Verurteilte zu dem Alten auf, der nun fortfuhr: »Schimpflich und schandvoll ist es dem Manne, zu schaukeln zwischen den Zweigen, zwischen Himmel und Hügel! Und er war wacker bisher: – nur gegen seines Kindes Weinen war er zu weich! Nutzlos seinem Volke stirbt er, hängt er da hoch am Holze. Wohlan: fragen wir Wodan, ob er vielleicht ihm vergiebt? Wolltet doch ihr alle, wie der Kläger selbst, zuerst die That ungestraft lassen. Das ging nicht an! Dem Hohen muß sein Recht dargeboten werden: aber – vielleicht will er es nicht nehmen. Ich rate: Fiskulf soll eine That wagen, in der er, zu seines Volkes Heil, fällt, unmeidbar fällt, wenn nicht etwa Wodan selbst sich seiner erbarmt und ihn rettend davonträgt in dem weithin wallenden Mantel.« »Sprich, rede! Was darf ich thun?« rief der Mann mit leuchtenden Augen. »Alles! Alles! Gern will ich den Speertod sterben: nur nicht den Strang der Schmach!« – »Du sollst zuerst, vor allen andern, auf das stolzeste Schiff des Römerführers springen und: – du verstehst dich ja so gut darauf, die Flamme zu wecken! – Feuer werfen in seine Segel,« »Ja, ja! Das soll er! Heil dem Herzog!« riefen da Tausende. Der Fischer aber sprang hart an den Stuhl des Richters, hob beide Hände zu ihm auf und rief: »Dank dir, Herzog! Ja, du kennst Wodans wahren Willen! Das größte Schiff der Römer, – das Feldherrnschiff in Arbor: – nicht? – Wohlan: – ich weiß noch nicht, wie ich an das Schiff gelangen werde da drüben: – aber ich sterbe oder ich vollbring's.« Da sprach der Herzog: »Das ist meine Sorge. Du sollst nicht zu jenem Schiff kommen: – Wodan wird das Schiff zu dir führen: – dann thu', wie ich dir sage.« – »Gern! Gern! Oh, gebt mir meine Waffen wieder!« Auf einen Wink des Richters gaben Fronboten ihm seinen Speer und seinen Schild, die mit F gezeichnet auf der Stufe beisammen lagen, zurück und er trat nun in den Ring der Heergenossen, von denen mancher sich nicht scheute, ihm die Hand zu reichen.

 


 

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.