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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Neunzehntes Kapitel.

So eifrig aber Saturninus nach den von Arbor her erwarteten Segeln ausspähte: – viel früher als er sollte ein anderer ihre bevorstehende Abfahrt erfahren.

Das war Hariowald, der Herzog.

Auf einem umwaldeten Hügel, der Ziushöhe, dem Geerebühl, östlich vom Weihberg, ziemlich gerade gegenüber von Arbor, wachte Nacht und Tag ein Häuflein von alamannischen Späheposten und einer von ihnen blickte, stündlich abgelöst, unablässig über den See auf den »Mercuriusberg«, die nächste Anhöhe südlich hinter Arbor auf dem Südufer.

Das Gebiet um jene Hafenfestung, völlig unter römischer Herrschaft, war bewohnt durch Colonen von mancherlei Abstammung: darunter auch viele Alamannen, die Gefangenschaft oder freiwillige Ergebung und Überwanderung auf das besser angebaute, reichere Südufer geführt hatte.

Am Mittag des Tages von Adalos heimlicher Botschaft stieg von dem römischen »Mercuriushügel« des Südufers ein kaum wahrnehmbares Rauchwölklein auf: sofort erhob sich auf dem Geerebühl des Nordufers ein mächtig qualmendes, grauschwarzes Dampfgewölk. Deutlich war dies von der Ostkuppe des Weihbergs wahrzunehmen – denn den Mercuriushügel selbst über dem See konnte man vom Weihberg aus nicht sehen – und sofort stürzte eine der hier unablässig den Geerebühl beobachtenden Wachen in das Zelt des Herzogs. »Rauch steigt auf vom Ziusberg! Riesenhoher Rauch!« Da trat Hariowald aus seinem Zelt in voller Waffenrüstung: – er hatte sie in der letzten Woche Nacht und Tag kaum abgelegt, nur seinen Schlachthelm hatte er noch auf das hohe Haupt gesetzt.

Dieser Helm war wundersam zu schauen: wer ihn plötzlich vor sich leuchten sah, der mochte wohl erschrecken. Ein seltner Gast am Bodensee war dazumal wie heute die Schnee-Eule. Kaum in einem Jahrzehnt einmal ward dieser Fremdling aus dem hohen Norden auf seinem Wanderzug durch Zufall soweit südwestlich bis in die Nähe der Alpen verschlagen. Im vorigen Frühwinter hatte Adalo ein riesig Exemplar des herrlichen Raubvogels im Seewald von hoher Föhre mit dem Pfeil herabgeholt und den gewaltigen Vogel mit dem schneeweiß glänzenden, von rostbraunen Wellenringen nur an der Brust leise durchzogenen Gefieder seinem greisen, weißhaarigen Vetter als herrlichen Helmschmuck geschenkt. Über der ehernen Sturmhaube hob nun die Eule die mächtigen, mehr als drei Fuß klafternden und doch noch nicht ganz ausgespreizten Schwingen. Und zwar nicht, wie man meist Adler- oder Schwanenflügel anbrachte, die Endspitzen der Federn nach des Helmes Rücken schauend, sondern umgekehrt, nach vorwärts gesträubt, so durch den dräuenden Anblick blendend und ängstigend – ein wahrer »Schreckenshelm« –, wie ihn Wodan trägt, wann er an der Spitze der Einheriar dahinbraust in die Schlacht. Diesen Helm auf dem Haupt und vollgerüstet trat nun der Herzog aus seinem Zelt und winkte einem der Fronboten, die hier stets seines Gebotes warteten. Der ergriff das lange, gekrümmte Horn des Auerstiers, das an einem Zeltpfosten bereit hing und stieß dreimal darein. Ein weithin dröhnender Ruf erscholl.

Alsbald eilten die übrigen Fronboten, weiße Eschenstäbe in den Händen, mit kleineren Hörnern, die sie an Riemen über der Schulter trugen, nach allen Richtungen von der Kuppe des Weihbergs nieder, durch alle Stockwerke der Ringwälle hinab, bis an die äußersten Verhacke hin den Ruf des Herzogs tragend.

Da strömten von allen Seiten die Heermänner in ihren Waffen herbei und stiegen eilfertig die Berghänge hinan: nur die unerläßlichen Wachen blieben zum Schutz der Sumpffurten, der Verhacke, der schmalen Zugänge der Ringwälle zurück. Alles drang bergaufwärts und brauste, sowie die Kuppe erstiegen war, zusammen gegen eine mächtige Esche, die von dem Scheitel der höchsten Bergspitze ihren Wipfel in die Wolken hob. Hart an ihrem Stamm war eine Art von Richterstuhl gefügt aus großen Felsplatten: eine längliche lehnte im Rücken gegen den Baum, eine ebensolange, wagerecht über zwei in die Erde gerammte Kniesteine gelegt, bildete den Sitz. Mehrere Steinstufen führten zu dem Hochsitz empor; auf diesen lagen mannigfaltige und verschieden gezeichnete Waffenstücke: ein sehr schlichter Schild und Speer mit der Rune fe, entsprechend dem lateinischen F. Dann ein kostbarer »Eberhelm«, ein reich geschmückter Erzschild, mit einer Eberschur überzogen und, wie der Helm, zwei Eberhauer dräuend vorstreckend, ein Schwert in kostbarer Scheide von fein geglättetem Lindenholz, reich mit Erz beschlagen, eine scharfe Streitaxt und ein Speer, beide am Schaft mit vergoldeten Nägeln geziert zugleich und gefestigt: diese Waffen trugen als Hausmarke zwei eingeritzte Eberhauer. Endlich ein kleiner, ganz leichter Rundschild, ein kurzer Speer und an einem Wehrgehäng von weißem Leder, das durch Mennig gerötet, ein zierliches Schwert: jede der drei Waffen wies ein Hirschgeweih als Hausmarke.

Noch hatte sich der Herzog nicht niedergelassen. Vielmehr stand er aufrecht auf der wagrechten Platte und musterte, den Speer in der Rechten, das von allen Seiten herauf- und heranflutende Heervolk. Ein gewaltiger, länglicher, fast mannshoher Schild, rot, mit eingeritzten, schwarzen Runen, hing an einem Zweig der Esche ihm über dem Haupt.

Die ganze Hochfläche der Kuppe rings um den Baum war umfriedet und umhegt von »Schnüren und Stäben«: das heißt von Haselstäben und Speeren, die – letztere die ehernen Spitzen nach oben gekehrt – in Abständen von je sieben Fuß in die Erde gestoßen und untereinander verbunden waren durch fast handbreite, um die Mitte der Stäbe geknotete Linnenbänder, deren rote Farbe den Blutbann des Volksgesrichts verkündete.

 


 

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