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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Achtzehntes Kapitel.

Der Herzog hatte ihm bereits die Papyrosrolle aus der Hand genommen und sie, auseinander breitend, auf den Zelttisch gelegt: da blitzte sein Auge hellaufleuchtend in Siegesfreude. »Was lese ich da? ›Vier Geschwader Schuppengepanzerte an der Porta decumana, das ganze Gepäck ebenfalls vor der Porta decumana aufgetürmt. Der Wall acht Fuß hoch. Der Graben fünf Fuß tief. Der schwächste Punkt die Ecke im Nordwesten‹ – und so geht es noch lange fort! – Dank Wunschgott! Das sandtest du – kein anderer – deinen Söhnen! – Seht her: ein Plan des ganzen Lagers! Genau! Alle Maße! Und hier, am Rande vermerkt, die Stärke aller Scharen – Reiter – Fußvolk – Troß! – Und ihre Verteilung im Lager! – Sieh hierher, Adalo! Sogar die große Tanne – der Erdgöttin Baum – ist hier angegeben! Was ist da verzeichnet neben dem Baum? – Was steht da, oberhalb der Opfersteine, die neben der Tanne den Rasen bedecken? Ein Zelt, leer, ohne Truppen, nur mit Vorräten gefüllt! –

In diesem Blatt halt' ich den Sieg in Händen! – Geh nun, Zercho: – dein Lohn soll nicht ausbleiben! Wie ich's versprach: – ich kaufe dich frei, was auch Suomar, dein Herr, als Wertgeld fordere! – dich frei schenken kann er nicht: – denn nicht breit ist sein Ackerland und du bist seine wertvollste Habe.« – »Oh Dank, Herr, großer, großmächtiger!« – »Dann kannst du wieder frei zu den Deinen ziehn – nach Sarmatenland! Das wirst du doch wünschen?« Aber Zercho schüttelte den struppigen Kopf.

Thränen traten ihm in die Augen: »Nein,« sprach er, »lieber Herr! Ich bleibe, wenn mir Suomar die kleine Scholle beläßt, die ich bisher bebaut: – nur die zwölfte Garbe davon hatt' ich ihm zu bringen –, und die weidengeflochtene Hütte am See: – dann bleib' ich lieber!« – »Seltsam! Zieht es dich denn nicht in die Heimat zu den Deinen?« »Heimat! Wir haben keine, wir Sarmaten, wie ihr sie habt, ihr geduldigen, pflugführenden Männer, die ihr wohnt an dem unverrückbaren, in die Erde gemauerten Herd. Unsere Heimat ist die Steppe, die weite, die freie, die mit Augen und Rossen nicht zu durchmessende! Ha! und wohl ist sie schön –« und hier leuchteten die Augen des Mannes und plötzlich kam über den sonst scheinbar stumpfen und so wortkargen eine Begeisterung, die ihm, zum Staunen der Hörer, beflügelte Worte eingab. – »Ja, wohl ist sie schöner und herrlicher als alles, was ich je geschaut in Römer- und Germanen-Land. Wann im Lenz die Sonne den letzten Schnee hinweggeküßt hat, wann die Heide lacht, wann die Steppe blüht, wann bei Tage hundert Habichte zugleich kreischen in der blauen Luft, und die wilden Hengste, die nie einen Reiter getragen, so furchtbar wiehern in der Brunft und so sturmgewaltig, alles vor sich her niederrennend, an den Zelten vorüberjagen, die zitternden Stuten verfolgend, daß dem Mutigsten das Herz erbeben könnte vor Schreck und doch auch vor Freude an der wilden, unbändigen Kraft! – Und oh! des Nachts: – wann die tausend, tausend Himmelsgeister von oben niederschauen, viel, viel mehr Stern-Götter und viel heller strahlend, als bei euch, und wann im Dunkel die Kraniche und die wilden Schwäne wie dichte Wolken, – denn Schatten werfen sie im Mondenlicht, so groß sind ihre Haufen! – aber wie weittönende, klingende Wolken hoch durch die Lüfte ziehn! Wohl ist die Steppe der Sarmaten schön und frei das Reiterleben der Jazygen, wie kein Land sonst und kein Leben ist. – Aber Zercho: – Zercho taugt nicht mehr in die Steppe! Dem Vogel gleich' ich, dem Wildvogel der Heide, den Knaben jahrelang in engem Gitterkorb gehalten, darin er die Schwingen nicht entfalten mochte. Läßt man ihn frei, ja wirft man ihn in die Luft: – er fällt herab, – er bleibt liegen: er kann nicht mehr fliegen, er hat's verlernt. – So hat mich die Pflugarbeit vieler Jahre und das Dauern auf einer Scholle gebändigt: Zercho kann nicht mehr reiten wie die Jazygen reiten: mit dem Wind um die Wette! – Zercho kann nicht mehr jede Nacht auf anderem Stück Erde schlafen und, wenn's nicht besseres zu beißen giebt, Heuschrecken fangen und Eidechsen: an Korn und Brot, an die Frucht des Ackers, des selbstgepflügten, bin ich gewöhnt – ich will sie nicht mehr missen. – Und die Meinen? Ich habe sie alle – alle sechs! – sterben sehn vor meinen Augen in einer Nacht: – in jener Nacht des Schreckens, da die eidbrüchigen Römer – diese Völkerfresser, diese Mordwölfe! – im Waffenstillstand plötzlich unsere Karren am rauschenden Tibiscus und die strohgeflochtenen, runden Hütten überfielen! Hei, leuchteten ihnen so trefflich die grell brennenden Hürden zu ihrer Würgarbeit! Mein Vater erschlagen, – meine Mutter in die Flammen des Strohzelts geschleudert, – meine zwei Schwestern – oh schrecklich! – zu Tode gequält, – meine zwei Brüder in den rot von Blut dahin gurgelnden Strom gesprengt! Und ich – ich sah das alles mit an, niedergestreckt vor der Hütte: – einen Schwerthieb im Schädel: wehrlos, regungslos. So lag ich die ganze sternenhelle Nacht und fragte die tausend Sternengötter da droben: Warum? Warum? Warum? Als aber der Tag graute, da kamen die Sklavenhändler, die den Römern folgen auf alle Schlachtfelder, wie die Raben der Lüfte und die Wölfe des Steppensumpfs, – und traten alle Jazygen, die da lagen, mit Füßen, ob sie etwa noch lebten? Und ich zuckte unter ihren Tritten, ward auf den Wagen geworfen und fortgefahren viele, viele Tage und Wochen lang. Und endlich kaufte mich Suomar, der milde Mann, und erlöste mich! Denn nie, obzwar ich ein Knecht hat er mich ›Hund‹ geheißen, wie die Händler. Und hat mich gehalten wie – wie einen Menschen! – Und da nun die Kleine heranwuchs, – da – da ward meine Heimat Suomars Hof. Und dort, in der Weidenhütte am See, – da will ich bleiben auch als Freier, – wenn ich darf! – solang ich atme. Und wenn Zercho zu sterben kommt, dann soll das rote Geistchen – denn wir müssen sie wieder frei machen, Edeling, und wir werden! – mir mit der Hand über die Augen fahren, und dann sollen sie mich begraben auf der Blöße, an den Weiden nahe dem See. Da ziehen nachts die Kraniche vorüber, hoch in der Luft, mit Rauschen und Klingen: – und ich werde es hören unterm dünnen Rasen und im Todesschlafe träumen, ich liege in dem blühenden, duftenden Steppengras daheim.«

Er schwieg – seine Wange, glühte – sein häßliches Gesicht verschönte sich: nie hatte er im Leben so viele Worte auf einmal verbraucht! –

Der Herzog gab ihm die Hand und sprach: »Nein, Zercho, du bist kein Hund! – Du hast ein Herz, – fast wie ein Alamanne. Nur anders, – aber auch nicht übel.« Adalo schwieg, aber er faßte die andere Hand des Knechts und drückte sie herzhaft. Sippilo wandte sich: – er wollte seine Augen nicht sehen lassen.

Da rief der Herzog ihn an: »Du, Knabe, hast eine glückliche Hand! Dir les' ich den Wunsch der Seele aus den Augen! – Ja! Du sollst den Sieg, zu dem du durch kühne List viel, sehr viel mit geholfen, auch mit erkämpfen!«

Sippilo sprang auf den Alten zu und faßte seine beiden Hände: »Du Wunsch-Errater –, Wunsch-Erfüller! – Wodan acht' ich dich ähnlich! Vorigen Herbst hat mir Adalo noch die Schwertleite geweigert, weil ich« – hier hing er den Kopf – »weil ich damals noch den weidengeflochtenen Hermunduren-Schild in unserer Halle nicht mit dem Wurfspeer durchbohren konnte. – Bah, da war ich noch ein Kind! – Aber am Sunwendfest hab' ich den alten Römerschild sogar durchbohrt, den Suomar mir als Scheibe zu dem Fest geschenkt.« – »Ich hatte vorher sechs Löcher hineingebohrt und wieder verklebt,« raunte Zercho dem Herzog zu: »aber laß ihn nur! – Ich werd' ihn schon schützen.« Hariowald entließ die beiden.

»Wohlan,« mahnte Adalo heftig, »in diesem Blatt hältst du den Sieg in Händen: – du sagst es selbst: so schlag' endlich los.« Aber der Herzog schüttelte stumm das Haupt. »Bedenke – ›Eile‹ – war ihr letztes Wort! Heute Nacht?« – »Nein! – Was wiegt ein Mädchen gegen ein Volk!« – »Ich bitte dich! Ich flehe dich an! Du bist mein Freund, – mein Vetter!«

»Herzog der Alamannen bin ich.«

»Wohlan!« rief Adalo erbittert. »Zögere du, – ich rette sie! – Ich allein! Ein Mittel giebt es, – das niemand ahnt als du und ich: – ich will es brauchen.« Und er wollte hinaus stürmen.

Aber rasch, drohend vertrat ihm der Alte den Weg. »Halt, Knabe! Nicht von der Stelle! Willst du um zwei blaue Augen deinem Volk den sichern Sieg verderben?« – »Ich verderbe ihn nicht! Ich tauche nur heut' Nacht im Römerlager auf – ich allein –! Ich trage sie hinaus auf diesen Armen oder ich lasse das Leben dort!« – »Und lebst du oder stirbst du, – das Geheimnis wird entdeckt: – für unsern Angriff der sicherste Weg zum Siege!« – »Ihr werdet siegen – mit oder ohne Adalo – auch auf andern Wegen! Ich rette die Geliebte, eh's zu spät.«

Und er wollte sich an dem Herzog vorbei drängen und hinweg. Aber mit eisernem Griff faßte ihn der Alte an beiden Schultern und zwang ihn, zu stehn: »Und ich, ich klage dich an vor dem Volksding – wie jenen volksverräterischen König: – ich lasse dich, Heerbannbrecher, hängen zwischen zwei Wölfen am Ast der verfluchten dürren Eibe!« »Thu', was du willst, nachdem ich sie gerettet oder mit ihr starb,« rief der Jüngling außer sich und riß sich los. Jedoch mit ungeahnter Kraft schleuderte ihn der Greis in das Zelt zurück, daß er taumelte.

»Binden lass' ich dich an Händen und Füßen, wie einen Rasenden! Du bist rasend. Freia hat dich verzaubert. Hör' es, Adalger, hoch in Walhall: Adalo, dein Sohn, achtet nicht mehr auf Heldenpflicht und Mannesehre. Mit Weidensträngen, mit Stricken muß man ihn binden, daß er nicht zum Neiding werde und um ein Weib sein Volk verderbe.«

Erschüttert, überwältigt, gebrochen ließ sich Adalo auf die Erde sinken. Er griff mit beiden Händen in sein langlockig Haar und klagte: »Bissula! – Verloren! – Verloren!« Der Herzog warf unvermerkt einen prüfenden, doch auch teilnahmvollen Blick auf den Jüngling: er sah, daß er ihn überzeugt, bezwungen habe. Ernst, sinnend schritt er hinaus, ihn mit seinem Weh allein zu lassen.


Im Laufe des Tages trug ein Gefolge Adalos in das Römerlager heimlich einen Brief seines Herrn, gerichtet an Saturninus und Ausonius.

Der Edeling hatte seinen Boten, eine Musterung der äußersten Wachposten vorschützend, mit sich von der Kuppe des Weihberges durch alle sieben Stockwerke der Ringwälle bis an den letzten Verhack am Fuße des Berges geleitet und war mit ihm in den Wald geritten, der sich zwischen den weiteren Verhauen und dem Idisenhang hin dehnte. Hier harrte er der Antwort des Rückkehrenden. Bleich, entstellt von lange ringendem Seelenkampf war des Jünglings edles Antlitz. – Als er den Hufschlag des zurückeilenden Rosses von ferne vernahm, – es war Abend darüber geworden und in Purpur glühten die Berghäupter jenseit des See's – lief er ihm, atemlos, entgegen: »Nun,« rief er, »wo ist der Antwortbrief?« »Sie gaben mir keinen Brief. Beide Römer-Feldherrn – denn ich ließ sie beide zusammenrufen, wie du befahlst, – lasen dein Schreiben vor meinen Augen mit großem, großem Staunen. Sie redeten untereinander – mit lauten Ausrufen – in Wörtern, die ich nicht verstand –: nicht römischen Wörtern! – Dann wandten sich beide zu mir und sprachen, zuerst der ältere, der früher schon im Lande war: ›Sag' deinem Herrn, die Antwort sei: ›Niemals‹. Und der jüngere fügte bei: ›Auch nicht um diesen Preis!‹« –

Da stürzte Adalo plötzlich zusammen: wie eine junge Edeltanne, deren letzten Halt oberhalb der letzten Wurzel das Beil durchschnitten hat. – Er war vornüber auf das Angesicht gefallen.

Der treue Gefolge sprang ab, setzte sich zu ihm in das hohe Gras und schob das Haupt des Bewußtlosen auf beide Kniee. Lang lag er so, in Ohnmacht, von Schmerz betäubt. Die Sterne standen schon am Himmel, – die Fledermäuse huschten durch den Tann, – als Adalo, schwer seufzend, den Weihberg hinanstieg.

»Das war das Äußerste,« sprach er zu sich. »Jetzt bleibt nur noch der Tod: – der Tod im Kampf, nicht um sie, ach, nur um ihre Leiche zu retten: denn, widerfährt ihr Schmach – wird sie's nicht überleben.«

 


 

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