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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel.

Traurigen Herzens hatte Adalo den Weg nach dem Weihberg zurückgelegt: mit Schmerz erstattete er bei Tagesanbruch Bericht in dem Zelte des Herzogs.

»Nichts hab' ich erreicht,« schloß er, »nichts vom Lager gesehen und nicht eine Spur von – von ihr! Was thun?« »Warten,« erwiderte der Alte und strich den langen Bart, das Auge halb schließend. »Warten! Das kannst du leicht sagen!« – »Schwerer als du, der du doch noch dreimal so viele Jahre vor dir hast, als ich!« – »Aber die Kleine! – Ich sagte dir ja: nicht ihrem Freunde, dem Alten, gehört sie. Wann führst du uns zum Sturm?«

»Wann es Zeit ist.« – »Wann endlich wird es Zeit?« – »Nicht bevor der Mond vom Himmel verschwunden.« »Haben dir das,« zürnte Adalo, »die weisen Frauen in den Losrunen gelesen?«

»Nicht alte Weiber frag' ich, wann ich schlagen soll. Aber auch nicht um junge Weiber verderb' ich den Sieg. – Der Mond darf nicht scheinen, hübsch finster muß es sein. Und noch eins: die Regengüsse waren recht löblich: sie haben die Walen in ihrem Lager festgehalten, ihnen Sumpf und Wald gesperrt. Aber nun muß es wieder trockner werden, – damit es lustig brennt. Schon sandte uns der Wunschgott den Wunschwind! Geduld nur noch kurze Zeit. – Und noch was anderes muß eingetroffen sein!« – – »So laß mich wenigstens versuchen, ihr durch geheimen Boten mitzuteilen, wie sie sicher – ganz sicher! – entrinnen kann.« – »Nein, bei meinem Zorn! Bevor wir stürmen, werd' ich dir zeigen, weshalb es unmöglich ist, daß sie auf jenem Weg, an den du denkst, entkomme. Er würde sie unfehlbar mitten in die Wachen vor dem Lager führen und diesen alles aufdecken. – Aber, hast du nicht auf dem Rückweg Zercho getroffen?« – »Nein! Doch meine Gefolgen sagten mir . . . – – also hast du ihn entsendet?« – »Entsendet? – Nein! Er ging ohne meinen Befehl. Aber horch – diese Stimmen – da ist er: – – und noch ein anderer.« Zercho und Sippilo eilten in das Zelt: erstaunt sah der Edeling seinen lichtblonden Bruder in so schwarzer Verunstaltung. »Knabe, was hast du gewagt? Du warst mit? Als Späher!« zürnte er. »Wie siehst du aus?« – »Wie ein Dunkelelbe! Aber er geht leicht ab, der Kohlenruß! Sieh!« Lachend sprang er ihm an den Hals und drückte den schwarzen Krauskopf an des Bruders Wangen.

»Schilt ihn erst,« bat Zercho, »wann du alles weißt: – und wenn du dann noch schelten kannst.« »Berichtet,« befahl der Herzog. »Herr, vieles ist gut – fast alles – aber doch nicht alles! – Also: ich gelangte zwar leider gar nicht in das Lager: – aber Bruna,« grinste er dem Edeling zu, »und die wird die Kleine schon finden.« »Kann sie, die Bärin, wieder herausfliegen und uns vom Lagerbau berichten?« grollte der Herzog. »Sie nicht: aber dies Blatt vielleicht!« lachte Sippilo und zog eine Papyrosrolle aus dem Brustlatz. »Ich gelangte glücklich, ungesehen, während Zercho und Bruna die Wächter lachen und staunen machten, an den Graben, glitt hinunter und kletterte auf der andern Seite den Wall ein wenig in die Höhe. Auf die Krone wagte ich mich nicht: – dort hätte man mich erblickt. – Hei, dachte ich, bin schmal und geschmeidig wie ein Aal: – zwischen den Pfählen war durch die Regengüsse das Erdreich des Walles manchmal weggespült: da zwängt' ich mich durch. Den Kopf und den einen Arm brachte ich auch durch: aber weiter ging es nicht: meine Schultern waren doch zu breit! Und nun ward mir eine Weile recht übel zu Mut: denn vorwärts konnte ich gar nicht und rückwärts wollte ich nicht, ohne irgendwas gesehen zu haben: – auch that die Einklemmung nicht gerade wohl! – Na hört' ich plötzlich Stimmen, Schritte, und auf dem inneren Lagerweg, hart am Wall vorbei, sah ich gerade auf mich los eilen – Bissula.«

Adalo schrie auf vor Freude: selbst der Herzog blickte froh überrascht auf den kühnen Knaben.

»Mehrere Schritte hinter ihr drein keuchte ein dicker, gar arg dicker Mann watschelnden Ganges. Sie sah mich nicht – denn sie schaute gerade vor sich hin – und gar nicht lustig, wie sonst, – recht tief trübselig sah sie aus! – Ich wagte es darauf, der laut Schnaufende werde mich nicht hören. Doch nicht mit Menschenstimme traute ich mich zu rufen: den schmetternden Doppelschlag des Buchfinken schlug ich: – oft und oft hatten die Kleine und ich uns geübt, wer ihn täuschender nachahmen könne: aber ich konnte es besser und lockte die Männchen in blinder Eifersucht in mein Laubversteck! – Sie stutzte, sah auf die Lücke im Mahlwerk, wo der Vogel – noch so spät im Jahre! – sang, sah mich und erkannte mich gleich: denn sie erblickte wohl nur mein Auge, nicht mein entstellendes, rußiges Haar. Sie bückte sich, wie nach dem Finken zu spähen und flüsterte: ›Rettet rasch!‹«

Da schoß ein Strahl heller Freude über Adalos schönes Antlitz: »Sie liebt ihn nicht! Sie will zurück!« jubelte es in ihm.

Sippilo bemerkte es wohl und erriet den Grund solcher Freude. Sehr ernst blickend fuhr er fort: »Aber ach, sie fügte bei: ›Schreckliche, höchste Gefahr droht mir!‹« – Adalo stöhnte und griff nach der nächsten Zeltstange, sich zu halten: denn er wankte.

»Weiter,« gebot der Herzog. »Ja, weiter konnte sie nicht sprechen. Denn der Dicke war nun dicht hinter ihr: ich sah, daß ihm aus dem Mantelbausch vorn etwas langes, gelbweißes hervorragte. ›Unleidlich!‹ fuhr sie, hastig sich wendend, heftig ihn an. ›Bist du mein Schatte, Sklave? Was folgst du mir auf der Ferse? Laß mich!‹ – ›Befehl des Tribuns, meines Herrn.‹ ›So?‹ rief sie, halb mutwillig, halb zornig. ›Dann sollst du – auf Befehl des Tribuns, deines Herrn, – tüchtig laufen und schwitzen! Holst du das Reh des Seewalds ein?‹ Und sofort begann sie, rasch, wie die Schmerle den Waldbach hinabschießt, vorwärts zu laufen.

Keuchend, fluchend folgte ihr der Dicke. Am Ende des Wallweges wandte sie sich, huschte behende an dem Atemlosen vorbei und lief nun wieder auf mich zu: sie wollte mir wohl noch was sagen: aber ich verstand nur das eine Wort: ›Eilt!‹

Da war sie fort. Denn ihr Begleiter kam nun, ihr nachlaufend, in meine Nähe.

Als er, gerade vor mir, den Mantel höher hob, der ihm die Beine behinderte, fiel ihm das gelbweiße Ding aus den Brustfalten – er schnaufte weiter: – er rollte gerade an die beiden Pfähle meiner Lücke. Rasch riß ich es an mich. Ich wollte warten, ob die Kleine nicht noch einmal vorbei käme: aber ich sah, wie mehrere prachtvoll gerüstete Walen sie anhielten und im Gespräch mit sich fort ins innere Lager führten. – Da riß ich mich nach rückwärts aus der Pfahlzwänge: – es that nicht sanft! – ein bischen Haut und Haar blieb wohl dort hängen zum Andenken an Sippilo! – glitt den Wall wieder hinab, kletterte den nördlichen Grabenrand wieder hinauf, duckte mich in die Büsche, kroch auf meine frühere Lagerstätte und kam gerade recht, da Zercho den Wachen die Bärin aufgehängt hatte und aufbrach.«

 


 

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