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Bissula

Felix Dahn: Bissula - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleBissula
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Sechzehntes Kapitel.

In der nun folgenden Nacht hatte Saturninus wieder einen kleinen Streifzug nach Norden, und, so weit man sich ohne verlässige Führer in die Sümpfe wagen durfte, nach Osten, unternommen. Aber ohne Erfolg mußte er gegen Mittag in das Lager zurückkehren.

»Im Nordwesten stecken sie offenbar,« hatte er unmutig im Nachhausereiten zu Decius, seinem besten Unterfeldherrn, gesagt. »Aber gerade dorthin will sich gar keiner der Wegweiser wagen. Und mit Gewalt in jene Waldberge dringen, das können wir erst, wann Nannienus eingetroffen. Hätten wir doch seine Scharen auf dem Landweg mitgenommen! Es hat, so scheint es mir fast, gar keinen Wert, Schiffe zu bauen und den See zu sperren!« »Ja,« bestätigte Decius. »Die Barbaren müssen all' ihre Kähne verbrannt oder mit sich ins Land getragen haben: man sieht nicht einen!«

Gleich nach des Feldherrn Rückkehr meldete sich in dessen Zelt ein Bataver zu einem Gespräch ohne Zeugen. »Was willst du, tapferer Rignomer?« – »Mich zur Strafe melden. Ich habe zu viel Wein getrunken.« – »Wann?« – »Gestern Nacht.« – »Wie? Auf der Lagerwache!« – »Nein, nach der Ablösung.« – »Der Händler wird gegeißelt! Wer hat ihn dir verkauft?« – »Niemand, Das war's ja eben! Gekauften hätt' ich nicht so viel getrunken. Aber geschenkten! Geschenkten Massiker! Wer kann dem widerstehen!«

»Kein Germane, scheint es. Und du meldest dich zur Strafe? Freiwillig? Sehr unwahrscheinlich! Du bist wohl schon entdeckt und willst zuvorkommen?« – »Nein: niemand hat mich entdeckt. Als ich abgelöst ward, war ich schon wieder hechtnüchtern: – vor Schreck!« – »Warum also?« – »Herr,« – er sprach es zögernd, – »es ist wegen der Idise.« – »Wer ist das?« – »Nun, die rotgelockte Wald-Nympha!« »Was ist mit ihr?« forschte, jetzt aufmerksam, eifrig der Illyrier. »Herr, ich will ihr sehr wohl! – Wie – wie wir alle.« – »Wie wir alle?

»Ja, ja,« lächelte der Germane, auch du – Feldherr! – Ich hab' es schon gemerkt! – Nun, ich melde mich zur Strafe und berichte den ganzen Vorfall, weil – weil es sich, fürcht' ich, um der Kleinen Leben handelte.«

Erschrocken befahl Saturninus: »Erzähle! Der Reihe nach! Wer schenkte dir den Wein?« – »Davus, des Präfekten Sklave.« – »Ah! – und was geschah dann?« – »Dann geschah, daß ich zuviel trank. Und daß ich, als ich die Wache vor der Kleinen Zelt bezog, bald auf dem weichen Rasen einschlief. Mich weckte furchtbar Gebrüll. Die Bärin eines Gauklers, eines Sarmaten, die ich gestern Abend mit ins Lager und zu der Kleinen gebracht habe, die thut nämlich ganz, als ob sie ein Mensch, nämlich ein männlicher Mensch, kurz, als ob sie ein Mannsbild wäre: sie läuft der roten Elbin überall nach.«

»Verdächtig! – Erkannte die Kleine das Tier? Rief sie's etwa bei Namen.« – »Nein. Aber sie freute sich stark, wie sie die Bärin sah: – sie wurde rot und bleich: – so stark, daß ich fragte, wie du so eben: – ›Bissula, kennt ihr euch untereinander? Wie kommt's, daß die Bestie sich nur mit dir unterhalten will? – Horch, – Wie sie dich freundlich anbrummt: warum nicht uns?‹ ›Ha wohl,‹ lachte die Kleine: ›sie wird aus unserem Lande sein und sie weiß, daß nur ich ihr Alamannisch verstehe! – Du glaubst das nicht? Ei, so frag' doch die!‹ lachte sie und schüttelte die krausen Locken, ›vielleicht verrät die dir's.‹ Kurz, das Untier wich nicht mehr von ihrer Seite und war ihr auch beim Schlafengehen in das Zelt gefolgt. – Also, ich erwachte von der Bärin Gebrüll, fuhr auf, und sah im Schein des Lagerfeuers gerade noch einen Mann in voller Flucht um die nächste Zeltgassenecke verschwinden. Ich sprang in das Zelt: das Mädchen hatte nichts gesehen: – es hatte bereits geschlafen und beruhigte mit Mühe das wütige Tier, das, in der rechten Vorderpranke aus einem Dolchstich blutend, im Rachen zornig ein Stück braunes Tuch zerbiß: endlich schmeichelte es ihr die Kleine, ihre Wunde waschend, ab. Hier ist es!« Er reichte es dem Feldherrn. Aufmerksam musterte es dieser. »Das ist ja – aber halt! Sprich du erst, Rignomer: für was hältst du das?« – »Es ist ein Fetzen von einem Mantelsaum.«

»Was für ein Mantel?« – »Ein römischer: ein Sagum,« – »Wer trägt braune Mäntel, – wer allein?« – »Die thrakischen Speerträger und die Panzerreiter.« – »Richtig. – Schweige von allem, – zu jedermann – und geh.« – »Und meine Strafe?«

»Erlassen. Trink aber von geschenktem Wein fortab erst recht vorsichtig.« – »Das werd' ich, mein Feldherr.« – – »Bei der Musterung, die ich jetzt ansage, thust du – vorsichtig und klug – wie ich dir befehlen werde. – Und höre: noch eins! Du hast was gut zu machen an der Kleinen: siehst du's ein?« – »Leider.« – »Willst du?« – »Mit Freuden,« – »So gieb acht! Sie hat sich bei mir beklagt, daß ich sie auch bei Tag auf Schritt und Tritt bewachen lasse. Thrax, mein dicker Schreibsklave, dem ich's zuletzt geheim übertrug, hat sich wohl recht ungeschickt benommen: – sie hat's längst gemerkt! Ich versprach ihr, sie von ihm zu befreien. Aber unbewacht darf sie nicht bleiben.« – »Gewiß nicht.« – »Nach diesem Überfall weniger, denn je. Du, Rignomer, – ich enthebe dich einstweilen von jedem andern Dienst – du folgst fortab der Kleinen: – aber unbemerkt.« – »Dank, Feldherr. Ich will sühnen, was ich gefehlt. Sie soll weder entweichen, noch zu Schaden kommen. Und merken soll sie's garnicht, daß sie bewacht und gehütet wird.« – –

Gleich darauf schmetterten die Tubaträger durch die Gassen des Lagers die Zeichen zu einer allgemeinen Musterung der Truppen, in Marschausrüstung, mit den Mänteln. Das Fußvolk sollte auf dem geräumigen Platz zu beiden Seiten des »Prätoriums« auf dem »Forum« und dem »Quästorium«, dann in den beiden das Lager quer von Ost nach West durchziehenden Querstraßen: der Via principalis und der Via quintana, Aufstellung nehmen, die Reiter aber unmittelbar vor ihren Zeltreihen, nahe dem Seethor, der Porta decumana, im Süden.

Der Tribun stieg zu Pferd und ritt die Fronten ab. Als er mit den Batavern zu Ende war, gebot er einem Zug derselben, ihm zu folgen und sich hinter den Reitern aufzustellen. Rignomer gab er dabei einen Wink.

Der Tribun ritt zuerst die Front der Schuppenreiter im Schritt ab: dann ließ er sie schwenken und vor sich paradieren.

»Du siehst bleich,« rief er dem Führer zu, »o Herculanus. Übernächtig! Hast du dem Bacchus geopfert nach dem Abendschmaus?« – »Ein wenig.« Saturninus schloß nun die Musterung. Er bog um die Ecke der Via media, die von Nord nach Süd das Lager durchschnitt, winkte Rignomer, stieg ab und übergab ihm das Pferd. »Wem fehlte das Mantelstück?« – »Keinem. Aber einer hatte am Saum ein ganz neues Stück angenäht: – nicht passend in der Farbe: – noch nicht von der Sonne gebleicht: – und gerade so groß – wie jenes Stück.« – »Ein Anführer?« – »Ja.« – »Er war's! – Es war – Herculanus.« – »Aber, Herr, du sahst die Reiter doch nur von vorn . . . –« – »Ich weiß es doch. – Sei wachsam! – Hüte die Kleine.«

 


 

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